Naturtalent:
Alexandra Marzella

Die 25-jährige Künstlerin über die Magie des Nacktseins, die Schönheit des Achselhaars und warum es ein Zeichen der Stärke ist, als Feministin einen Sugardaddy zu haben.

Alexandra Marzella | Foto: Caspar Sejersen

Interview Frau Marzella, wann haben Sie sich das letzte Mal die Schamhaare rasiert?

Alexandra Marzella Vor ungefähr zwei Jahren. Seitdem wachsen sie vor sich hin, bis sie zu dem wurden, was sie heute sind: ein kleines Monster. Meine Devise lautet: „Free the body hair!“

Interview Frauen heute schämen sich für ihre Körperbehaarung. Bei Ihnen selbst sprießen die Haare an Achseln und Beinen.

Marzella Ja, ich möchte Menschen nicht mehr danach beurteilen, wie sie aussehen. Ob sie in eine Norm passen oder nicht. Im Gegenteil. Ich möchte diese Normen in­frage stellen. Immer wenn etwas nicht unserem Spiegelbild entspricht, besteht die Gefahr, es zu entwerten. Steht ein Weißer einem Farbigen gegenüber, wird einer immer feststellen, dass er anders aussieht. Genauso wenn einem jemand mit einer Behinderung begegnet oder eben eine junge Frau mit Beinbehaarung.

Interview Wie reagieren Männer auf Ihren Busch?

Marzella Irritiert. Und ich kann einfach nicht glauben, dass es so leicht ist, sie aus der Fassung zu bringen. Mit etwas, das natürlich ist und für sie ja selbst nicht gilt. Aber das Lustige ist, genauso unsicher werden Männer, wenn das Gegenteil der Fall ist. Als ich mir meine Augenbrauen gebleicht habe, sind die Leute ausgeflippt. Ich habe sogar eine Freundin, mit der Schluss gemacht wurde, weil sie keine Augenbrauen hatte. Der Typ konnte einfach nicht damit umgehen, wie anders sie aussah.

Interview Sie zeigen sich sehr gern nackt. Warum bloß?

Marzella Ich bin in einem kleinen Vorort aufgewachsen. Es war ein typisches Vorstadtleben, mit weißem Gartenzaun und Hund. Auf Außenstehende muss das ganz normal gewirkt haben. Meine Eltern aber waren sehr kreativ und unvoreingenommen. Ich konnte immer meinen Ideen nachgehen. Als Teenager habe ich ihnen gesagt, dass ich Stripperin werden möchte. Mein Sexualtrieb war überhaupt sehr früh ausgeprägt. Ich habe in der Tat als Säugling angefangen, mich selbst zu befriedigen. Wenn nicht sogar schon in der Gebärmutter.

Interview Bitte?

Marzella Ja, das gibt es. Föten können bereits in der Gebärmutter masturbieren. Soweit sich meine Mutter erinnern kann, habe ich mich wohl schon immer angefasst.

Interview Wie funktioniert das?

Marzella Ich saß natürlich nicht da und habe mich als Kind selbst gefickt. Vielmehr habe ich mich gerieben, um mich zu stimulieren. Das habe ich nicht als sexuellen Akt empfunden. Ich saß eben kurz auf meiner Hand, danach habe ich zum Beispiel aus Spielsachen ein gewaltiges Haus gebaut. Es ging mehr um eine kreative Stimulation als um den Gedanken, Sex zu ­haben. Ich wollte meine Fantasie ausleben, in verschiedene Welten abtauchen und eben auf unterschiedlichste Weise mit mir spielen.

Interview Am Ende sind Sie aber keine Stripperin geworden, sondern Künstlerin. Warum?

Marzella Ab einem gewissen Punkt habe ich meine Voraussetzungen ausgenutzt. Damit meine ich einen recht schönen Körper zu haben, den ich mit anderen teilen wollte, bevor es zu spät ist. Durch meine Bilder habe ich herausgefunden, dass im öffentlichen Raum oder überhaupt vor anderen Menschen nackt zu sein für alle nützlich und wohltuend sein kann. Wenn Sie sich meine Bilder ansehen, findet man bei mir keine Pin-up-Ästhetik. Mir geht es eher um die damit einhergehende Verletzlichkeit, darum, ganz roh zu sein.

Interview In einem Interview sagten Sie mal, dass die Abwesenheit von Nacktheit viele Probleme in der Gesellschaft verursacht. Was meinen Sie damit?

Marzella Ich glaube, dass Nacktheit vielen den Druck nehmen würde, einem gewissen Schönheitsideal zu entsprechen. Waren Sie schon mal in einem Raum, in dem alle nackt sind? Am Anfang ist es komisch, aber mit der Zeit verschwindet das Gefühl der Verletzlichkeit nahezu. Das Nacktsein spielt keine Rolle mehr, dann kann man sich plötzlich auf das konzen­trieren, was echt ist: Gefühle, körperliche Fähigkeiten, Geisteszustand. Auf einmal entstehen Gespräche und eine Vibration im Raum. Ich finde, nackt zu sein hat eine außerordentliche Kraft.

Alexandra Marzella: “Männer reagieren irritiert auf meinen Busch. Und ich kann einfach nicht glauben, dass es so leicht ist, sie aus der Fassung zu bringen”
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Interview Sie machen Performance-Kunst, treten in Musikvideos auf und laden Nacktbilder von sich auf Instagram hoch. Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit sagen?

Marzella Ich bin mit Sicherheit nicht nur eine feministische Künstlerin, die sich gern auszieht. Mich öfter nackt zu zeigen hat zwar etwas in Gang gesetzt. Aber die Nacktheit ist nur ein Symbol. Sie steht für den Wunsch, so angenommen zu werden, wie man ist. Von einem selbst, aber auch von der Gesellschaft. Mir geht es um ein gesundes Selbstwertgefühl, Schwesternschaft, ein Gefühl von Gemeinschaft im Allgemeinen. Was Leute von meiner Arbeit mitnehmen sollen? Ich wünsche mir, dass sie etwas über sich selbst lernen und mit dem Wesentlichen in Berührung kommen. Das, was uns ausmacht. Und das Wichtigste, sich nicht dafür zu schämen.

Interview Sie brechen auch sonst gern mit Konventionen. Man kann über Sie lesen, dass Sie einen Sugardaddy haben und sich selbst als Sexarbeiterin bezeichnen.

Marzella Für mich ist es nichts Neues, wenn ältere Männer mit jüngeren Frauen Zeit verbringen möchten. Ich hatte noch nie Sex gegen Geld mit ihm, aber er bezahlt mich, dass ich mit ihm Zeit verbringe. Er ist nicht der typische Sugardaddy, vielmehr ein guter Freund, den ich ab und zu sehe. Wir gehen sehr liebevoll mitei­nander um.

Interview Sie lassen sich also aushalten, bezeichnen sich aber gleichzeitig als Feministin. Ist das nicht ein Widerspruch?

Marzella Klar, aber das ganze Leben ist voller Widersprüche.

Interview Einige Feministinnen würden jetzt den Kopf schütteln.

Marzella Jeder, der sagt, Sexarbeit sei nicht feministisch, der sollte seine Hausaufgaben machen. Ich finde, wenn man die Wahl hat, kann Sexarbeit sehr ermächtigend sein. Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen einer Sexarbeiterin und einer Verkäuferin. Ob man nun Geld für Zuneigung oder ein Produkt hinlegt, bei beidem handelt es sich um Ware.



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Interview Andere nicht zu beurteilen klingt gesund, aber wie gelingt Ihnen das?

Marzella Es bedarf einer Art Neuprogrammierung. Starrt man einen nackten Körper nur lange genug an, realisiert man, wie verstörend schön er ist. Ich lasse meine Haare wachsen, nicht weil ich es cool finde. Es geht darum, das Anderssein anzunehmen. Bei dem einen oder anderen wird es länger dauern, sich neu zu programmieren. Aber wissen Sie was, das ist die Herausforderung, der sich jeder Einzelne von uns stellen muss.

Interview Haben Sie sich schon immer so wohl in Ihrem eigenen Körper gefühlt?

Marzella Dass ich meinen eigenen Körper so früh erkundet habe, hat vielleicht dabei geholfen, ihn so zu akzeptieren, wie er ist. Aber ich kenne trotzdem all die Unsicherheiten, die andere Frauen in meinem Alter haben. Die letzten zehn Jahre hatte ich mit starker Akne zu kämpfen. Mit 15 brauchte ich eine Nasen-OP. Ich hatte sie mir so oft gebrochen, bis sie völlig verwachsen war. Diese Unsicherheiten sind immer da, aber es ist eine Frage, wie man mit ihnen umgeht. Ob man sie füttert mit Energie, ihnen Raum gibt.

Interview Sie entsprechen dem gängigen Schönheitsideal, sind jung, hübsch und schlank. Ist es unter diesen Umständen nicht ein bisschen einfach, sich als feministische Künstlerin zu präsentieren, die zwar Mut zur Hässlichkeit beweist, dabei aber immer noch gut aussieht?

Marzella Natürlich, mein Aussehen ist sicher ein Vorteil. Aber ich habe mich ja nicht selbst erschaffen und zeige mich in der Regel so, wie ich geboren wurde. Ich verstehe, dass manche sich davon angegriffen fühlen. Andere sind von meinem Körper vielleicht erregt, fühlen sich in­spiriert oder sind eifersüchtig. Genau von dieser Dynamik aber lebt meine Arbeit. Mir schicken junge Mädchen auf Snapchat oft Nacktbilder von sich. Für mich ist das nicht im entferntesten Sinne schockierend. Junge Mädchen schauen doch immer auf zu den älteren. Außerdem glaube ich, man bekommt immer das zurück, was man gibt.

von Inga Krieger

12.09.2016 | Kategorien Interviews, Kunst | Tags , , ,

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