"Ich bin einfach sehr schüchtern"

Keine anderen Lippen haben die deutsche Interview so geprägt wie die von Lana Del Rey. Auf 
unserer ersten Ausgabe überhaupt erklärten wir die Amerikanerin (und uns damit auch) zur neuen Nummer eins. Und nun, zu ihrem Album Honeymoon, verbeugen wir uns erneut vor der Sphinx des amerikanischen Traums.

© Jork Weismann

1985 als Elizabeth Woolridge Grant in New York geboren, wächst Lana Del Rey in Lake Placid auf und wird in ihren späteren Teenagerjahren in Connecticut aufs Internat geschickt, was ihrer jugendlichen Neigung zum Alkoholmissbrauch Einhalt gebieten soll. Mit 18 zieht sie in die New Yorker Bronx, um an der Fordham-Universität Metaphysik zu studieren. Sie interessiert sich für die unerforschten Bereiche zwischen Wissenschaft und Gott und versucht herauszufinden, wie sich dem Göttlichen mittels Technologie näherkommen lässt. Etwa zeitgleich schenkt ein Onkel ihr eine Akustik-Gitarre und erklärt ihr mit einigen Handgriffen, wie man darauf spielt.

Unverzüglich macht sie sich daran, Songs zu komponieren. Mit 19 hat sie genug zusammen, um, nur von ihrer akustischen Gitarre begleitet, das zauberhafte Album Sirens aufzunehmen. Es bleibt zunächst unveröffentlicht, bis es aus unbekannter Quelle 2012 im Internet auftaucht. Handelte es sich bei Sirens um das Werk einer vollständig unbekannten Künstlerin, das auf dem Weg nach Woodstock bei der Rast am Lagerfeuer aus dem Rucksack gefallen ist, man hätte es als verloren geglaubtes Meisterwerk gepriesen. Doch da es von Lana Del Rey stammt, ist es nur ein weiteres Teil eines Puzzles, das im Zuge der Komplettierung zusehends rätselhafter wird.

Nach Sirens zieht sie nach New Jersey in einen Trailerpark und unterschreibt einen Plattenvertrag bei dem kleinen New Yorker Label 5 Points Records, für das sie als Lizzy Grant ein weiteres Album aufnimmt. Es soll 2008 unter dem Titel Lana Del Ray a.k.a. Lizzy Grant erscheinen, taucht aber erst zwei Jahre später bei iTunes auf. Zu dem Zeitpunkt hat sich Lizzy Grant allerdings bereits in Lana Del Rey – aus dem Ray wurde Rey – verwandelt und lässt das Lizzy Grant-Album von ihrem neuen Management wieder vom Markt nehmen.

“Kiss me hard before you go...”
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Kurz darauf veröffentlicht sie das Video zu Video Games im Internet. Die Amerikaflagge flattert im Wind, Menschen springen in den Pool, eine Rose erblüht, Skater fahren durchs Bild. Lana Del Rey singt an einer Wand lehnend mit dicker Lippe den Text. Die Boardwalk Empire-Schauspielerin Paz de la Huerta fällt volltrunken einer Schar Paparazzi vor die Füße. Die Sonne scheint, der Glamour strahlt, die Liebe zerfällt, die Harfe erklingt, der Welterfolg kommt, und binnen weniger Wochen ist Lana Del Rey plötzlich ein Star. Pünktlich zum Erscheinen ihres ersten offiziellen Albums Born To Die ist sie im Februar 2012 auf dem Cover der ersten deutschen Interview, weswegen wir uns ihrem Schaffen natürlich besonders verbunden fühlen.

Doch mit dem Ruhm wächst auch die Neugier, und je mehr Spuren man von Lana Del Rey und ihren diversen Identitäten entdeckt, desto lauter wird die Klage, dass es sich bei ihr gar nicht um eine eigenständige, rundum authentische Künstlerin handeln kann, sondern um ein zynisches Produkt, das kühl berechnende Plattenfirmenstrategen sich am Schreibtisch erdacht haben müssen. Doch wenn Plattenfirmenstrategen derart zuverlässig arbeiteten, würde es auf dem Musikmarkt dann nicht deutlich interessanter aussehen? Und würde man sich nicht eine Marionette suchen, der es gelingt, vor Publikum ein wenig souveräner wirken?

Ihr Gastspiel in der US-Sendung Saturday Night Live zählt zweifellos zu den misslungensten Auftritten der Fernsehgeschichte und löst eine Welle hämischer Reaktionen aus. Die Schauspielerin Juliette Lewis twittert Gemeinheiten, ist aber inzwischen eine gute Freundin, Dan Auerbach von den Black Keys macht sich über sie lustig, produziert dann aber ihr zweites Album Ultraviolence, James Franco hält sie für einen Witz, ist inzwischen aber damit beschäftigt, ein Buch über sie zu schreiben. Als er um ein Interview bittet, lehnt sie ab und sagt: „Schreibe einfach um mich herum. Es wird besser, wenn du nicht meine eigenen Worte nimmst. Es wird sogar noch besser, wenn es dir dabei nicht gelingt, mich komplett zu verstehen, es allerdings versuchst.“

@ Jork Weismann

Jedes ihrer Lieder tut bei genauerer Betrachtung weh, ach, die Welt, das Leben und die Liebe, die Leere und die Vergänglichkeit, die Schönheit, das Geld und die Ahnung, dass nichts von dem, was man tut, von irgendeiner Bedeutung ist. Doch wenn schon alles wehtut, wäre es dann nicht schöner, man würde den Schmerz erleben wie einen Film, den man sich anschaut, wie eine Rolle, die man spielt? Alle ihre Songs sind Miniaturdramen mit großen Gefühlen, vollgestellt mit typisch amerikanischen Klischees. Die Jungs benehmen sich wie Jungs, die Mädchen wie Mädchen, und wenn einer Stiefel trägt, dann klebt daran der Staub der Straße. Es gibt Waffen und Schnaps und Drogen und Autos, und jeder spielt in einer Band. Alles ist sehr cool und sieht so fantastisch aus, dass zumindest anhand der Fotos keiner merkt, wie scheiße es einem geht. So war es bereits auf dem ersten Album Born To Die, so blieb es auf Ultraviolence, so ist es auf Honeymoon nicht anders. Nur hat sich das Sounddesign dieses Mal ein wenig verändert, weniger Surfgitarren und schepperndes Schlagzeug, dafür mehr Beats bei gleichbleibender Melancholie und unveränderter Rätselhaftigkeit.

Als Gesprächspartner bat sich Lana Del Rey den nicht minder rätselhaften und ähnlich interviewscheuen Abel Tesfaye aka The Weekend aus, der einer der wenigen Musiker ist, mit dem Lana gerne zusammenarbeitet. Für sein Ende August erschienenes Album haben die beiden das Lied Prisoner aufgenommen.

© Jork Weismann

Abel TESFAYE: Lana!

Lana DEL REY: Abel!

TESFAYE: Wo erreiche ich dich?

DEL REY: Ich sitze auf einem kleinen, pittoresken Platz in Paris, dessen Namen ich mir nie merken kann (lacht).

TESFAYE: Habe ich dir schon gesagt, wie glücklich es mich macht, dass wir endlich zusammenarbeiten konnten?

DEL REY: Die Freude war ganz meinerseits. Ich liebe unseren Song für dein neues Album.

TESFAYE: Mir war der Song sehr wichtig, da ich dich für eine der besten Künstlerinnen unserer Zeit halte. Ich bewundere, dass du dich nie verbiegst und deine Vision so stark ist.

DEL REY: Oh, danke. Das ist natürlich ein tolles Kompliment, vor allem wenn es von jemandem wie dir kommt.

TESFAYE: Fällt es dir schwer, immer deine Vision im Blick zu halten?

DEL REY: Nicht wirklich, nein. Ich mache einfach nur die Dinge, die sich richtig anfühlen. So entscheide ich, mit wem ich arbeite, für wen ich arbeite und was für Material ich veröffentliche. Ich überlege mir vor jedem Projekt, wie es in meine Ästhetik passen könnte – und halte mich auch daran.

TESFAYE: Aber man sieht dennoch eine Entwicklung.

DEL REY: Auch mein Geschmack ändert sich. Trotzdem weiß ich genau, was ich mag, wie etwas klingen oder aussehen muss.

TESFAYE: Arbeitest du deshalb so selten mit anderen Künstlern zusammen?

DEL REY: Ich bin einfach sehr schüchtern, weswegen es mir schwerfällt, auf Leute zuzugehen. Bei dir war das anders: Ich liebe deine Stimme und deine Gabe, für jeden Song eine überraschende melodische Wendung zu finden.

TESFAYE: Du arbeitest aber schon mit unterschiedlichen Produzenten.

DEL REY: Ja, aber auch das nur eingeschränkt. Als ich meinen Produzenten Rick vor vier Jahren getroffen habe, wusste ich in dem Moment, dass wir sehr lange zusammenarbeiten würden. Es fühlt sich einfach richtig an. Wobei ich mir für mein nächstes Album mir vorgenommen habe, mich ein wenig zu öffnen und mit mehr Leuten zusammenzuarbeiten.

TESFAYE: Du bist in New York aufgewachsen – und doch scheinst du geradezu magisch von der Westküste angezogen zu sein. Deine Musik ist wie eine in Erinnerung schwelgende Liebeserklärung an Kalifornien. Woher rührt diese Liebe für die andere Küste?

DEL REY: Ich habe mich schon sehr früh in die Landschaft Kaliforniens verliebt. Es gibt kaum vergleichbare Natur auf der Welt: Die kleinen Dörfer und Städtchen, die sich zwischen Küste und Berge schmiegen, sind einzigartig. Und so romantisch. Dazu kommt, dass ich Hollywood vergöttere. Als ich New York verließ, lebte ich für vier Jahre in London. Danach kam einfach nur Los Angeles als Ziel infrage.

TESFAYE: Magst du die Menschen dort?

DEL REY: Ich liebe die Leute in Kalifornien!

TESFAYE: Warum?

DEL REY: Weil sie einerseits politisch informiert sind und auf ihre Gesundheit achten, gleichzeitig jedoch großen Wert auf ihre wilde, ungezähmte Seite legen. Diesen Gegensatz finde ich cool: verantwortungsbewusst und wild zugleich, yeah!

TESFAYE: Ich habe es sehr genossen, deine Familie kennenzulernen. Dein Vater ist so cool, er ist so ein besonderer Mensch!

DEL REY: Danke!

TESFAYE: Und deine Schwester Chuck erst … Wie war es denn, mit ihr aufzuwachsen? Habt ihr gespürt, dass ihr mal so eng zusammenarbeiten würdet?

DEL REY: Überhaupt nicht, wir hatten nicht die leiseste Ahnung. Ich hätte nie gedacht, dass ich Sängerin werden würde, und sie hatte keine Vorstellung davon, Fotografin zu werden. Allerdings kann ich mich ziemlich gut daran erinnern, wie beeindruckt ich von ihren ersten Bildern war. Ich war damals 17, hatte gerade mit dem College begonnen, sie 15. Schon in den ersten Bildern konnte man dieses große Talent sehen, die Bilder waren perfekt belichtet, absolut symmetrisch. Porträts von Frauen liegen ihr besonders. Sie hat eine eigene Bildsprache, die ich toll finde.

TESFAYE: Deine Musik ist ja auch sehr cineastisch: Ich muss immer an Filme wie Polanskis Chinatown denken, wenn ich deine Alben auflege.

DEL REY: Das ist ein schönes Kompliment. Ich liebe die ganzen großartigen L.A.-Filme wie Chinatown oder auch Sunset Boulevard.

TESFAYE: Würde es dich reizen, selber mal Regie zu führen?

DEL REY: Ich würde in jedem Fall immer Realität mit Surrealem mischen und verschiedene Kameras für verschiedene Szene benutzen, um eine spezielle Stimmung zu erzeugen, darauf stehe ich total. Bei Traumsequenzen arbeite ich beispielsweise am liebsten mit einer Phantom-Kamera, und wenn es eher hausbacken aussehen soll, bevorzuge ich alte VHS-Kameras.

TESFAYE: Könntest du dir vorstellen, ein Video oder einen Kurzfilm für mich zu drehen?

DEL REY: Liebend gerne!

Lana Del Rey: “Ich mag Kontraste und Gegensätze, Dinge, die ich will, aber nicht bekomme, Positiv und Negativ, Inneres und Äußeres”
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TESFAYE: Dein neues Album trägt ja den Titel Honeymoon. Wieso dieser Titel?

DEL REY: Ich mag einfach schöne, wohlklingende Worte. Und ich liebe das Wort Honeymoon – und alles, was es symbolisiert. Die Idee eines romantischen Rendezvous, das für ewige Liebe steht, finde ich zauberhaft.

TESFAYE: In was für einer Stimmung warst du, als du den Titel gefunden hast?

DEL REY: Ziemlich genau im Gegenteil von Honeymoon. Vergangenes Jahr herrschte in meinem Inneren vor allem Verwirrung. Ich mag jedoch Kontraste und Gegensätze, Dinge, die ich will, aber nicht bekomme, Positiv und Negativ, Inneres und Äußeres, solche Kombinationen verwende ich oft für Textzeilen oder Titel.

TESFAYE: Summertime Sadness.

DEL REY: Genau (lacht).

TESFAYE: Wie, würdest du sagen, klingt Honeymoon?

DEL REY: Als ich drei Monate nach Ultraviolence anfing, am neuen Album zu arbeiten, klang es erst einmal wie ein Jazz-Album. Dann, im Winter, nachdem drei Viertel der Platte standen, spielten wir mit grimmigeren Trap-Beats rum und probierten aus, wie sie zu den Tracks passen würden.

TESFAYE: Okay.

DEL REY: Deshalb fühlt sich das Album jetzt irgendwie retro-futuristisch an.

TESFAYE: Würdest du sagen, dass dieses Album ähnlich nach L.A. klingt wie das vorherige?

DEL REY: Auf eine Art schon. Das fing direkt nach meinem Umzug nach Kalifornien an: Auf einmal drängte sich die Westküste mitten in meinen kreativen Prozess. Hier ist einfach der beste Ort zu leben. Und wenn man mal schaut, wer gerade alles herzieht, merkt man: Auch andere spüren diese magische Anziehungskraft, die von Kalifornien ausgeht. Selbst die letzten Nörgler in New York, die immer auf L.A. rumgehackt haben, packen irgendwann die Taschen und wechseln die Küste.

TESFAYE: Wirst du hier sein, wenn das Album rauskommt, oder auf Reisen?

DEL REY: In London, denn dort bin ich auf eine Art immer noch sehr verwurzelt. Und Anfang nächsten Jahres geht es dann auf Tour. Aber dazwischen verbringe ich so viel Zeit wie möglich in L.A.; ich könnte gar nicht anders.

Interview von Abel Tesfaye | Fotos © Jork Weismann | Haare @ Andy Lecompte | Make-up @ Pamela Cochrane