"Iss Eier, geh joggen, hab ganz viel Sex!"

Sex? Peinlich bis normal. Aussehen? Unterdurchschnittlich bis okay. Leben in New York? Nicht vorhanden bis verregnet: Mit der Serie „Girls“ wurde die 26-jährige Amerikanerin Lena Dunham zur Stimme einer neuen Generation. Sie ist der zeitgemäße Gegenentwurf zu „Sex and the City“ – und so erfolgreich, dass ein Verlag dem Girls-Girl gerade 3,5 Mio. Dollar als Vorschuss zahlte.

MIRANDA JULY: Auf meinem Schoß sitzt ein Baby, ich brauche noch eine Minute.

LENA DUNHAM: Oh, alles klar. Hi, Hopper!

JULY: „Hi, Lena!“ Er fängt gerade an zu reden!

DUNHAM: Wirklich? Was für Geräusche macht er denn?

JULY: Ah-blah-blah-blah-blah.

DUNHAM: Toll! Ich habe ihn gerade gehört!

JULY: Das war aber nur ein Lachen.

DUNHAM: Für mich klang das wie das Kichern eines Erwachsenen.

JULY: Ganz genau.

DUNHAM: Süß. Entschuldige bitte, dass ich mich verspätet habe. Mein Akupunkteur hat sich eine halbe Stunde verspätet – und er hat es irgendwie geschafft, mich davon zu überzeugen, dass mir etwas Furchtbares droht, wenn ich eine Sitzung verpasse.

JULY: Wahrscheinlich hat er recht.

DUNHAM: Außerdem sitzt hier Jack (Antonoff, Lena Dunhams Freund, Gitarrist der Band Fun), den du kürzlich auf dem Sunset Boulevard gesehen hast.

JULY: Wirklich?

DUNHAM: Ja, ich habe ihm davon erzählt, und er meinte: „Ach, ich habe diese Frau in einem Auto vorbeifahren sehen und dachte, es sei Miranda.“ Er war sich jedoch sicher, er habe sich das alles nur eingebildet.

JULY: Nein, ich habe ihn erkannt. Obwohl ich ihn nur von Google kenne. Er trug allerdings kreischend bunte Sachen. Das hat mich ein wenig verwirrt.

DUNHAM: Wahrscheinlich auch diese Neon-Turnschuhe. Eigentlich wollte er sie nur einmal tragen, jetzt gehören sie zum Standardrepertoire. Als ich Jack mit zu meinem Akupunkteur nahm, meinte der: „Jack hat zu viel Energie.“ Ich scheine zu wenig zu haben.

JULY: Du solltest einfach einen Teil davon aus ihm raussaugen.

DUNHAM: Genau mein Plan.

JULY: Nicht durch seinen Penis, so war das nicht gemeint (lacht).

DUNHAM: Da fällt mir gerade ein: Falls es etwas gibt, das in diesem Gespräch auftaucht und nicht gedruckt werden soll, rufen wir einfach: „Off the record.“ Und wenn es wieder offiziell wird, rufen wir: „Okay, back on record.“

JULY: Okay. Aber dann musst du auch daran denken, wieder „back on record“ zu sagen. Sonst gibt es kein Interview.

DUNHAM: Stimmt. Dann kann nichts gedruckt werden nach „off the record“.

JULY: Von jetzt bis in alle Ewigkeit (lacht). Seit wir unser Dinner hatten, muss ich ständig an dich denken.

DUNHAM: Es war so nett! Und auch sehr belebend. Ich sollte meinem Akupunkteur sagen, dass ein Essen mit dir Wunder wirkt.

JULY: Ich habe seither oft darüber nachgedacht, dass die Menschen gar nicht wissen, wie du wirklich bist. Ich wusste das nach Tiny Furniture ja auch nicht. Ich kann mich jedoch noch gut an den ersten Abend erinnern, als du zu Mike und mir nach Hause kamst. Wir hatten noch nie eine Person mit so gutem Be- nehmen zu Gast, niemanden, der so warmherzig und angenehm ist. Als Mike später ein Screening mit dir sah, kam er heim und meinte: „Lena war exakt so, wie wir sie erlebt haben.“ Selbst im Gespräch mit den Agenten, den Presseleuten. Das hat mich umgehauen. Auch als du ein Taxi gerufen hast, nach dem Essen vergangene Woche. Du riefst bei der Zentrale von Uber Taxi an, und als du sagtest: „How are you?“, dachte ich nur: Mit wem telefoniert Lena gerade? Spricht sie mit ihrem besten Freund?

DUNHAM: Ich möchte Uber Taxi gerne loben, auch wenn mich deren neue App sehr verwirrt.

JULY: Ich merkte in dem Moment, in dem du mit der Taxizentrale sprachst, dass du tatsächlich jeden Menschen gleich behandelst. Wahrscheinlich gleitest du deshalb mit einer solchen Leichtigkeit durch die Welt. Hast du eine Ahnung, was ich meine?

DUNHAM: Irgendwie schon, zumal die Menschen wegen meiner Serie Girls ohnehin immer denken, sie kennen mich. Selbst vor dem ersten tatsächlichen Treffen. So läuft das jetzt schon seit einem Jahr: Viele Menschen, denen ich begegne, Menschen, die ich noch nie getroffen habe, verhalten sich, als seien sie alte Bekannte. Das kann ganz schön merkwürdig sein. Deshalb habe ich mir eine Strategie zurechtgelegt: Ich bin einfach genauso freundschaftlich zu ihnen. Das ist viel angenehmer, als es komisch zu finden. Die Schattenseite dieser Variante ist allerdings, dass manche dann sofort denken, wir hätten eine total tiefe Freundschaft. Da das nicht der Fall ist und ich mich auch um meine eigenen Angelegenheiten kümmern muss, fühle ich mich dann schlecht, wenn ich sie enttäuschen muss. Gleichzeitig habe ich Angst, dass meine echten Freundschaften darunter leiden, weil meine wirklichen Freunde denken könnten: Ach, jetzt ist sie auch mit dieser Person so eng, vielleicht …

JULY: … ist Lena mit allen so.

DUNHAM: Ja, genau. Ich bin ohnehin jemand, der gerne „I love you“ sagt und schnell Liebesbekundungen macht. Auch wenn es mir danach manchmal Sorgen bereitet. Jack hörte mal, wie ich einen anderen Typen „Babykäfer“ oder sonst irgendetwas Komisches nannte, aber das war mein Spitznamen für ihn. Ich fürchtete sofort: „Was, wenn er jetzt denkt, ich sei ein unaufrichtiges Stück Scheiße?“ So etwas macht mir dann Angst. Einfach, weil ich will, dass alle wissen, wie sehr ich sie liebe.

JULY: Wie alt warst du eigentlich, als du Tiny Furniture gemacht hast?

DUNHAM: Als wir den Film drehten, war ich 23, bei der Premiere dann 24.

JULY: Die Arbeiten, die ich mit 23 gemacht habe, waren lauter so Beinahe-Prostitutions-Sachen, die ich anfertigte, um meine Eltern zu schocken. Und das ist „on the record“, falls es jemanden interessiert.

DUNHAM: I love it!

JULY: Was? Dass ich gesagt habe, es sei „on the record?“ Das ist definitiv „off the record“ (Dunham lacht). Deine Eltern sind ja auch Künstler (Carroll Dunham und Laurie Simmons). Meine Eltern sind Schriftsteller. Wir hatten also ähnlich großartige Vorbilder, was Arbeitsweisen und Lebensmodelle angeht. Dennoch denke ich, dass Künstler, die sich so in den Mittelpunkt ihrer Werke stellen, früher oft Angst hatten, übersehen zu werden. Es war einfach schwer, in so einem Umfeld wahrgenommen zu werden. Zumindest bei mir ist das der Fall, glaube ich.

DUNHAM: Ich weiß ganz genau, was du meinst. In meiner Familie, abgesehen von massiver Unterstützung und Liebe, wird man als Person, die etwas zur Welt beisteuert, erst dann wahrgenommen, wenn man etwas Kreatives schafft. Schauspielerei beispiels- weise ist für meine Eltern nur dann wirklich interessant, wenn man dabei etwas erschafft. Wäre ich also eine geradlinige Schauspielerin geworden, hätte sie diese Entscheidung sicher verwirrt – dabei schätzen und lieben sie die Arbeit und Filme von Schauspielerinnen wie Cate Blanchett oder Meryl Streep. Bei meinen Eltern ist das so, einfach weil sie glauben, dass es dafür nicht genügend Selbstkontrolle und Ausdruck des eigenen Willens und Schaffens bedarf. Mir ist erst kürzlich bewusst geworden, wie viel Spaß mir die Schauspielerei eigentlich macht. Früher dachte ich immer, ich würde es nur so lange machen, bis ich jemand Geeigneteren finde, der mich ersetzt. Mir selbst einzugestehen, dass mir das Spielen gefällt, dass es mir wichtig ist, fühlte sich falsch an, als hätte ich ein fürchterliches Ego. Zumal ich früher schon immer von diesen zwei unterschiedlichen Gefühlsrichtungen getrieben wurde: Zu Hause wurde ich respektiert und fühlte mich verstanden – während in der Schule nichts klappte. Die anderen Kids begriffen einfach nicht, wer ich eigentlich bin. Das wiederum regte mich erst total auf, dann langweilte es mich, gleichzeitig fand ich die anderen unausstehlich. Es war letztendlich meine Schuld. Ich musste sogar die Schule wechseln, weil ich einfach keine Freunde hatte, und kann mich sehr gut daran erinnern, wie meine Eltern meinten: „Sie wird zum Opfer gemacht. Deshalb wechselt sie jetzt die Schule.“ Ich dachte jedoch: Ich wechsle die Schule, weil ich mich wie ein Arsch verhalten habe (July lacht). Um auf deine Frage zurückzukommen: Ich wurde von meinen Eltern nicht übersehen, sondern stand viel zu sehr im Mittelpunkt.

JULY: Im Gegensatz zur Schule.

DUNHAM: Ja, beispielsweise wenn es um die Theateraufführungen dort ging. Ich bereitete mich wie eine Irre vor, las alle Bücher, lernte Sätze, lag fantasierend in der Badewanne und bekam am Ende die Rolle eines Springballs, eines dicken Mannes oder die eines Wachbeamten.

JULY: Wobei ich mir beim Springball den Daniel- Day-Lewis-Ansatz sehr gut vorstellen kann.

DUNHAM: Klar, deshalb habe ich die Rolle auch mit großem Ernst gespielt, was allerdings nie funktionierte. Und dann meine Eltern… Die liefen ein- fach raus, wenn ihnen das Stück nicht gefiel. Was nichts mit meiner Rolle zu tun hatte. Sie sagten dann: „Wir haben deine Stelle abgewartet, aber das Stück war einfach nicht gut, die Hauptrollen schlecht be- setzt, deshalb sind wir früher abgehauen.“

JULY: Genau wie mein Vater auch! Er behauptet, alles andere sei nicht ehrlich.

Lena Dunham: “Ich bin jemand, der schnell "I love you" sagt und Liebesbekundungen macht. Auch wenn mir das danach Sorgen bereitet”
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DUNHAM: Als ich meinen ersten Kurzfilm fertig hatte, meinte mein Dad: „Es ist großartig, dass du es versucht hast, und ich denke, das Medium könnte dir liegen. Aber du solltest den Film wirklich niemandem zeigen.“ Dabei ist der Film genau das, was mich zu der Person hat werden lassen, die ich heute bin. Wenn ich den Film nicht bei einem Festival eingereicht und darüber Leute kennengelernt hätte, die ihn mögen, würde ich heute vermutlich nichts mit Film und Fernsehen zu tun haben. Das war damals übrigens ein großer Schritt für mich: Mein Vater mag den Film nicht, aber ich reiche ihn trotzdem ein.

JULY: Eine Frage, die mich sehr beschäftigt hat, nachdem ich deinen ersten Film gesehen hatte, war: Wieso schämt sich dieses Mädchen, das diesen Film gemacht hat, nicht dafür, wie speziell sie doch aufgewachsen ist? Versteh mich bitte nicht falsch: Die Art, wie du aufgewachsen bist, bietet ebenso viel oder ebenso wenig einen Grund, sich zu schämen, wie jede andere Form des Aufwachsens. Dennoch denke ich, dass es eigentlich total normal ist, sich davon zu distanzieren, damit abzurechnen. Du hast dieses Anliegen jedoch erstaunlich schnell hinter dir gelassen.

DUNHAM: Eine interessante Frage. Und ich weiß nicht, ob Geschwindigkeit da von Vorteil, ob sie gut oder schlecht ist. Gleichzeitig finde ich es komisch, wenn man von einem Typen liest, der in der Playboy Mansion oder sonst wo Wildes aufgewachsen ist und der sagt: „Ich kenne nichts anderes und dachte immer, so sei das Leben eben.“ So fühlte ich mich nie. Ich wusste, dass unser Leben speziell ist, dass meine Künstlereltern etwas Besonderes sind. Mit einem speziellen Lebensentwurf, der sich nun mal in einem großen Loft abspielte … wobei das Loft nicht so groß war, ich war nur sehr klein. Ich fand all das gut, wusste, wie besonders es ist, und musste nicht dagegen aufbegehren. Wobei ich andere Fälle kenne: Meine beiden besten Freunde aus Kindheitstagen haben ebenfalls Künstlereltern. Und die fanden es schrecklich. Die eine wollte selbst Künstlerin werden, studierte Kunst, arbeitete fleißig – doch die Leute interessierten sich nur für sie wegen ihrer verrückten Kindheit. Sie fühlte sich plötzlich wie ein Spektakel. Das konnte ich bis vor Kurzem nie wirklich verstehen. Erst seit ich vorsichtig darüber nachgedacht habe, wie es wohl wäre, meine Tochter zu sein, dämmert es mir langsam.

JULY: Du hast darüber nachgedacht, wie es wäre, deine Tochter zu sein?

DUNHAM: Ja. Als ich dich mit Hopper gesehen habe. Du bist so cool als Mutter. Du versuchst es nicht, du bist es. Es ist ganz normal für dich.

JULY: Mutter zu sein ist wahrscheinlich das Normalste, was ich je gemacht habe.

DUNHAM: Du scheinst auch eine gute Balance gefunden zu haben. Ich weiß noch, wie du Hopper erklärt hast: „Das ist eine Orange, und sie ist orange. Sie ist auf diese Weise einzigartig.“ Ich könnte mir vor- stellen, so einen Satz auch in deinen Texten zu lesen.

JULY: Wenn du nicht da gewesen wärst, hätte ich den Satz vielleicht nicht gesagt, da er an Hopper total verschwendet ist. Hopper versteht das noch nicht.

DUNHAM: Er spricht eben noch kein Englisch.

JULY: Dennoch vergleiche ich meinen zehn Monate alten Sohn gerne mit dir. Einfach, weil du ein gutes Beispiel für ein wohlgeratenes Künstlerkind bist.

DUNHAM: Wobei ich von den Tagebüchern meiner Mutter besessen bin. Darin beschreibt sie die unfassbar romantische Liebesbeziehung zu meinem Vater, die ich auch in Tiny Furniture verarbeite.

JULY: Romantisch ist ein gutes Stichwort: Du hast dich vor nicht allzu langer Zeit unsterblich verliebt und mir davon erzählt. Würdest du auch seinen gan- zen Namen öffentlich nennen?

DUNHAM: Klar, er heißt Jack Antonoff. Ich weiß sehr wohl von der Regel, dass man Privates und Öffentliches trennen und niemals den Namen seines Boyfriends verraten sollte. Aber ich verstehe dieses ungeschriebene Gesetz der Starlets unter 33 ohnehin nicht. Warum darf man nicht dazu stehen, wenn man jemand Großartiges liebt? Das muss man doch in die Welt rausschreien! Vielleicht nicht mit Nacktfotos im Netz oder dämlichen Weihnachts-Tweets, aber sonst? Auf eine gewisse Art halte ich ihn für meine größte Errungenschaft. Warum sollte ich es nicht jedem erzählen? Vor allem nicht denen, die danach fragen?

JULY: Eigentlich hatte ich mir eine Frage aufgeschrieben, doch dann habe ich sie wieder verworfen, weil ich sie schlecht und komisch fand. Es ging darum, ob es ein Frauending sei, sich für seine Arbeit schlecht zu fühlen. Es gibt diese Herangehensweise, die wir beide bis zu einem gewissen Grad teilen, es ist fast schon eine Art Berufung, Dinge schlecht zu finden. Gleichzeitig schleudern wir es raus in die Welt, und vielleicht verändert es sich ja dadurch, dass es geteilt wird, man kann es in einem anderen Licht sehen.

DUNHAM: Genauso fühle ich mich auch. Oft geht es darum, es erst einmal überhaupt zuzugeben. Oder am Beispiel eines Typen erzählt, mit dem ich geschlafen habe. Da denke ich immer: Du wirst meinen Film sehen, und dann kapierst du, dass ich schlauer bin als du, dass ich all das vorhergesehen habe und du nichts gecheckt hast. Ich weiß nicht, ob du eine solche Art der Vorsehung kennst?

JULY: Du machst jedenfalls genau damit einen großartigen Job bei Girls. Jeder liebt die Szene, in der Adam Drivers Figur den Spieß umdreht und plötzlich sagt: „Du fragst mich nie etwas.“ In diesem intimen Moment weiß man, dass du selbst da warst, dass die Regisseurin Lena einfach so viel mehr weiß als ihre Figur Hannah und du nicht predigst oder einen Selbsthass auslebst, sondern den Moment selbst erlebt hast.

DUNHAM: Es freut mich, dass du das so siehst. Ich höre nicht auf jede Meinung, die ich zur Serie bekomme, aber es gibt durchaus Leute, die es nicht tolerieren können, dass die Figuren so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, die den Sinn dessen nicht erkennen.

JULY: Ich stelle mir die Arbeit an einer Fernsehserie immer als eine Art Kulturdialog in Echtzeit vor. Aber man kann natürlich nicht auf jeden neuen Einfluss und jede Stimmung achten, muss aber offen und wach bleiben. Über manche Dinge kann man sehr lange nachdenken, bevor sie in die Arbeit einfließen, auf anderes muss man spontan reagieren und kann es nicht immer erst einmal sacken lassen und einordnen. Das finde ich so spannend an Girls: Viele Dinge sind durchdacht, andere Momente passieren einfach, werden in die Mischung geworfen, unverdaut und roh.

DUNHAM: Deshalb ist die Arbeit an Fernsehformaten so besonders. Man muss oft einfach nur fertig werden, egal wie eigentlich der Stand ist. Es ist ein wenig so wie am College: Man muss den Essay abgeben, ob man eine These hat oder nicht. Einfach weil morgen Weihnachtsferien sind.

JULY: Für uns Zuschauer ist es so viel spannender, dass du deine Energie nicht in detailverliebte und zeitfressende Filme mit Überlänge steckst. Ich weiß, dass du Pläne hast, Filme zu drehen – viele Filme –, aber jetzt, in diesem Moment, ist es toll, dass wir nicht allzu lange warten müssen, um zu sehen, was du als Nächstes planst.

DUNHAM: Frustriert es dich denn, wenn die Arbeit an einem Film sich zäh hinzieht?

JULY: Klar, es macht mich total fertig. Das ist mit ein Grund, warum ich in unterschiedlichen Medien arbeite. So kann ich mich diesen quälend langsamen Prozessen zumindest ein wenig entziehen.

DUNHAM: Manche Leute behaupten, es habe etwas Schizophrenes, die künstlerische Energie in unterschiedlichen Disziplinen auszuleben. Ich denke aber, es entsteht einfach eine neue Auffassung davon, was es bedeutet, Künstler zu sein. Ein Künstler, der für einen bestimmten Standpunkt steht, nicht für die Perfektion eines bestimmten Materials oder Mediums.

JULY: Wenn Journalisten mit mir darüber reden wollen, warum ich in unterschiedlichen Medien arbeite, denke ich immer: Oh, wie altmodisch! Aber irgendwie auch okay.

DUNHAM: Ich kann mich noch daran erinnern, wie J.Lo ein Album veröffentlichen wollte, und das als Schauspielerin. Ein Unding! Alle reagierten so: „Die kriegt wohl nicht genug.“ Aber Geschichten schreiben, Drehbücher schreiben und Performances schreiben ist ja nicht dasselbe, wie einen Nachtclub zu betreiben und gleichzeitig einen Oscar einzufordern. Du weißt schon: Miranda, Nachtclub-Königin und …

JULY: … Model!

DUNHAM: Für Socken!

JULY: Ja, für Hansel aus Basel. Meine Karriere als Model, als Sockenmodel. Immerhin habe ich angeboten, für dich ein paar kostenlose Socken aufzutreiben, als ich gesehen habe, dass du auch Socken von Hansel trägst. Ich hoffe, du erinnerst dich daran.

DUNHAM: Ernsthaft, ich wollte dir deswegen schon eine E-Mail schreiben.

JULY: Es ist komisch, über Geld zu sprechen, aber als ich von deinem Buchvertrag las, sagte ich zu Mike: „Hm, Lena kann sich jetzt wahrscheinlich ihre eigenen Socken kaufen“ (beide lachen). Du warst einfach zu beschäftigt, Millionen zu verdienen, anstatt ein paar kostenlose Socken abzuholen.

DUNHAM: Ich schätze aber das Gefühl, das kostenlose Dinge in mir auslösen, selbst wenn ich sie nicht so nötig habe wie Socken. Diese Dinge fühlen sich dann wirklich an, als gehörten sie mir.

JULY: Deswegen klauen Menschen im Kaufhaus.

Lena Dunham: “Früher dachte ich immer, ich würde die Schauspielerei nur so lange machen, bis ich jemand Geeigneteren finde, der mich ersetzt”
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DUNHAM: Warst du als Kind ein versierter Dieb?

JULY: Ich habe als Erwachsener mehr gestohlen.

DUNHAM: Ich war nie tapfer genug, obwohl Klauen ein Riesentrend während der Highschool war. Dafür habe ich jedes Mal totale Angst, wenn ich einen Laden verlasse, dass irgendein touretteartiger Trieb in mir plötzlich erwacht und ohne mein Wissen einfach so wahllos Dinge in meine Tasche stopft. Ich werde schon panisch, wenn ich mit einer Flasche Wasser im Rucksack in einen Laden komme, in dem dasselbe Wasser verkauft wird. Dann murmele ich los: „Damit bin ich schon reingekommen, damit bin ich schon reingekommen, damit bin ich schon reingekommen.“

JULY: Ich gehöre definitiv zu den Menschen, die mit kleinen Diebstählen die Leere ihrer Seele zu füllen versuchen. Aber ich interessiere mich auch für Geld, nicht dafür, es per se zu haben, aber an sich. Deswegen würde ich dich gerne noch ein bisschen mehr über deinen Buch-Deal (angeblich über 3,5 Millionen Dollar) ausfragen. Als die ersten Details durchsickerten, redeten viele meiner Bekannten darüber, dass es erstaunlich sei, wie viel Geld ein Verlag bereit ist, an ein Mädchen zu zahlen, das ihre Kunst aus ihren Gefühlen speist. Viele Künstlerinnen haben sich gedacht: Wow, das verändert die Spielregeln. Und langfristig ist das auch toll für mich!

DUNHAM: Es freut mich, so etwas zu hören. Die meisten Reaktionen, die ich sonst bekomme, sind entweder totale Ignoranz oder Internetkommentare, in denen Leute lästern und sich fragen, wer so viel Geld für so etwas ausgibt. Anfangs fand ich es furchtbar, dass die Details des Vertrages überhaupt publik wurden – was ja eigentlich total meinem Grundsatz widerspricht, nichts zu verheimlichen. Da alles irgendwie in meine Arbeit einfließt, fände ich es auch total bescheuert, eine Show abzuziehen und so zu tun, als wäre alles wie immer, als habe sich in meinem Leben überhaupt nichts verändert.

JULY: Zumal ich denke, dass Frauen, die offen und ehrlich über sich, ihre Probleme und ihre Freundschaften sprechen, die Dinge zur Sprache bringen, die nie gesagt werden durften, ohnehin Gefahr laufen, ständig belächelt zu werden. Allein weil diese Dinge historisch betrachtet als noch unwichtiger als unwichtig gelten. Aber dein Verlag ist schlau: Er betrachtet die kulturelle Relevanz, den gesellschaftlichen Diskurs, die Einschaltquoten und denkt sich: Hey! Die Menschen sind hungrig danach! Nach Offenem und Wahrhaftem.

DUNHAM: Dennoch benehmen sich einige Leute so, als sei ich Paris Hilton oder sonst wer – obwohl ich sagen muss, dass all diese Mädels, die ein Millionengeschäft aufgebaut haben, weil sie schöne Haare und eine ziemlich spezielle Attitüde haben, auch kein Unfall waren. In meinem Fall wunderten sich die Leute einfach und dachten: Was für ein kleines, dickliches Arschloch ist denn da ins Glück gestolpert? Das tat weh und weckte nicht gerade wenige Ängste – da ich mich tatsächlich manchmal genauso fühle.

JULY: Aber du bekommst das Geld nicht, weil du gemein oder krass oder käuflich bist. Es haben schon andere Junge viel Geld bekommen – aber eben nicht dafür. Du schlägst damit ein neues Kapitel auf und schreitest für Mädchen wie Tavi (Gevinson, eine 16-jährige amerikanische Modebloggerin) mutig voran. Alle werden es wegen dir einfacher haben.

DUNHAM: Toll, oder?

JULY: Mir ist auch noch etwas sehr positiv aufgefallen: Es gibt ein neues Level an Freundlichkeit zwischen uns Frauen. Ich kenne ja ein paar ziemlich interessante Frauen. Aber wir haben es den jungen Frauen zu verdanken, dass diese neue Freundlichkeit Einzug gehalten hat. Das ist ein Schritt weiter als Riot Grrrl. Da gab es immer diesen Grrr-Anteil. Man musste immer auf die Barrikaden gehen.

DUNHAM: Das stimmt total. Zudem bestimmte Ablehnung einen großen Teil der Riot-Grrrl-Kultur. Es ging immer darum, wer dazugehört – und wer nicht.

JULY: Deswegen brauchen wir dringend Frauen wie dich. Du hast die Welt so vieler positiv verändert. Sogar auf den Kopf gestellt. Du hast einen Wandel hervorgerufen. Manche mögen dies als störend empfunden haben – selbst jene, die sich nichts mehr wünschen. Und ich weiß, dass es auch nicht immer einfach ist, das neue Gesicht, die neue Kraft zu sein.

DUNHAM: Na, du weißt ja, dass ich schon ziemlich darunter leide, kaum einen Pulsschlag zu haben.

JULY: Ich kann dir nur raten: Iss Eier, geh joggen, hab viel Sex. Oder so ähnlich.

DUNHAM: Iss Eier, geh joggen, hab viel Sex – großartig, genau das werde ich tun. Du hattest in einer E-Mail von einem Paradigmenwechsel gesprochen, dazu wollte ich dir noch eine Geschichte erzählen: Als ich mit meinem Dad bei einer Woman-of-the Year-Auszeichnung war, fürchtete er, sich schrecklich zu langweilen. Aber das Gegenteil war der Fall. Er fand es großartig. Danach meinte er nur: „Watch out, boys. The girls are comin’ for your toys.“



von Miranda July | Fotos: Gregory Harris | Styling: Elin Svahn

 

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03.07.2017 | Kategorien Interviews, Serie | Tags , , , ,