"Toni Erdmann"-Regisseurin
Maren Ade im Interview

Maren Ade © Pascal Le Segretain / Staff via Getty Images

Für ihren dritten Film erntete Maren Ade in Cannes im Rennen um die Goldene Palme großen Beifall – das gelang bisher nur wenigen Deutschen vor ihr. Jetzt läuft das Vater-Tochter-Drama Toni Erdmann in den deutschen Kinos. Wir trafen die Regisseurin in Berlin und haben mit ihr über den gerade noch rechtzeitig fertig gestellten Film, den Umgang mit der großen medialen Aufmerksamkeit und Frauen im Filmgeschäft gesprochen.

INTERVIEW: Frau Ade, konnten Sie sich nach Cannes schon erholen?

MAREN ADE: Ja, so langsam. Ich habe den Film ja erst vier Tage vor dem Festival fertig gemacht und bis dahin non-stop gearbeitet. Danach bin ich erstmal mit den Kindern in den Urlaub gefahren.

INTERVIEW: Haben Sie die große mediale Aufmerksamkeit um ihren Film und ihre Person vor Ort überhaupt vernommen?

ADE: Ich habe viele Reaktionen von Journalisten bekommen, die ich getroffen habe, die sehr begeistert waren. Ansonsten hetzt man dort die ganze Zeit von Ort zu Ort. Weil der Film sich gut verkauft hat, habe ich den ganzen Tag nur Interviews gegeben. Und da ich kein Medienprofi bin, war ich deshalb ständig auf der Hut, nur keinen Scheiß zu machen – sich bloß nicht zu irgendeinem Quatsch überreden lassen (lacht). Gelesen habe ich in Cannes direkt aber kaum etwas. Einmal habe ich mich ganz kurz gegoogelt, da bin ich so erschrocken, dass ich es sofort wieder gelassen habe.

INTERVIEW: Legen Sie generell Wert auf Kritiken?

ADE: Auf jeden Fall. Eine gut geschriebene Kritik lese ich immer gern. Es ist toll, wenn man sich erkannt fühlt. Ich finde es wichtig und interessant, zu erfahren, wie die Dinge aufgefasst werden. Wie weitgreifend das aber alles war, dämmerte mir erst zu Hause durch die Reaktionen von Bekannten oder Freunden, die alles verfolgt haben. Ich hatte manchmal das Bedürfnis, mich zu versichern, dass alles noch beim Alten ist und ich nur zwei Wochen weg war. Normalerweise bin ich immer sehr misstrauisch bei solchen Hypes.

INTERVIEW: Wie fühlt sich der Erfolg für Sie an?

ADE: In Cannes habe ich immer gescherzt, dass wir uns auf jeden Fall noch einmal in Ruhe den Film im Schneideraum anschauen müssen, ob da nicht was falsch gelaufen ist (lacht). Ich bin es nicht gewohnt, dass ein Film von mir so vielen Leuten gefällt.

INTERVIEW: Wie haben Sie die Atmosphäre in Cannes erlebt?

ADE: Ich war vorher ja schon einmal dort. Es ist eine krasse Mischung, es gibt da drei Welten: Der Wettbewerb mit seinem künstlerischen Inhalt, den Roten Teppich mit einer seltsamen Eigendynamik und faszinierenden Anziehungskraft und dann gibt es natürlich noch den Markt, der ein bisschen wie eine Unterwelt funktioniert. Dort befinden sich die Stände mit den Weltvertrieben und Verkäufern, wo jede Art von Film vertickt wird.

INTERVIEW: Haben Sie ihren Film selbst in den Wettbewerb eingereicht?

ADE: Das hat der Weltvertrieb übernommen.

INTERVIEW: Ich gehe mal davon aus, das ist mit ihrem Einverständnis geschehen?

ADE: Na klar. Ich musste mich schon im Januar entscheiden, ob ich das versuchen möchte und mich dann extrem beeilen – also sehr viel arbeiten, ohne zu wissen, ob es klappt. Es gab immer einen Zeitplan, auf dem am Ende Cannes stand.

INTERVIEW: Was hätten Sie gemacht, wenn er nicht angenommen worden wäre?

ADE: Das wäre blöd gewesen. Ich habe gesagt, wenn sie ihn nicht nehmen, schauen wir ihn wenigstens alle zusammen in einem Hotel dort an. Damit es zumindest irgendwie stimmt, was in dem Plan steht.

INTERVIEW: Wo und wie haben Sie dann genau erfahren, dass ihr Film es in den Wettbewerb geschafft hat?

ADE: Wir wussten zuvor schon, dass wir im Certain Regard laufen werden. Der Abend vor der Pressekonferenz ist quasi die letzte Chance, noch in den Wettbewerb eingeladen zu werden. Um 22 Uhr rief meine Produzentin an und teilte mir mit, dass sie jetzt ins Bett gehen würde. Wir haben also nicht mehr dran geglaubt und waren auch zufrieden mit der Nebenreihe. Ich sagte noch aus Scherz zu ihr: „Wenn die dein Kleid sehen, werden sie es schon noch bereuen.“ (lacht)

INTERVIEW: Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt…

ADE: Genau! Eine Dreiviertelstunde später rief sie nochmal an und sagte mir, ich solle sofort in meine E-Mails schauen. Da stand dann drin, dass der Film im Wettbewerb läuft. Das war echt krass, eine seltsame Mischung aus Schreck und totaler Freude. Ich konnte die ganze Nacht nicht mehr schlafen und bin wie eine Verrückte in der Wohnung rumgetigert, auch weil ich den Film noch nicht fertig hatte.

INTERVIEW: Ihr Film war der erste deutsche Film nach acht Jahren, der es in den Wettbewerb geschafft hat. Im Vorfeld wurde viel darüber spekuliert, dass deutsche Produktionen in Frankreich nicht gemocht werden. Was glauben Sie?

ADE: Ich glaube nicht, dass es eine besondere Ablehnung gegenüber dem deutschen Film gibt. Nur weil ein Film abgelehnt wird, heißt das nicht, dass es ein schlechter Film ist. Und es ist ja auch nicht wie beim Gand Prix, es gibt kein Recht auf einen deutschen Beitrag.

INTERVIEW: Was ist an ihrem Film typisch Deutsch?

ADE: Das ist schwer zu sagen. Für mich ist es natürlich ein deutscher Film. Die Vater-Tochter-Beziehung hat vielleicht etwas typisch Deutsches. Gerade der Vater als „Alt-68er“, der zu einer sehr politisierten Generation gehört, die sich mit ihrem Wertesystem stark von der Vorgängergeneration abgrenzen wollte, ist meiner Meinung nach etwas sehr Deutsches. Auch weil er eben kein Hippie ist, sondern doch zu einer bürgerlichen Schicht gehört. Ines, als taffe Karrierefrau, hat aber auch deutsche Züge. Ich habe bei den Recherchen herausgefunden, dass gerade die deutsche Frau in der Wirtschaftswelt oft unter dem Druck steht, mit den Männern gleichzuziehen, zum Beispiel was Äußerlichkeiten betrifft. Bei den Rumäninnen habe ich das total anders empfunden – da gibt es wirklich ganz viele Frauen auf Führungsebene. Es hat mich überrascht, dass der Frauenanteil viel höher ist als in Deutschland.

INTERVIEW: Wie haben Sie den Stoff für Toni Erdmann entwickelt? Von der Idee bis zum ersten Drehtag…

ADE: Bis zum ersten Drehtag passiert echt viel. Abgesehen vom Schreiben versuche ich vorher schon, so viel wie möglich ins Buch einfließen zu lassen. Ich bin nach Rumänien gefahren und habe dort das Projekt recherchiert, Locations ausgesucht und so weiter. Ich war in diesen Nachtclubs unterwegs, habe Frauen getroffen, die in der Wirtschaft arbeiten und bin auf Ölfelder gefahren. In der Zwischenzeit hatte ich schon Sandra und Peter für die Hauptrollen besetzt, um dann weiter zu schreiben und das Drehbuch besser auf sie anzupassen. Auch während des Drehs habe ich noch Szenen verändert. Das ist ein langwieriger Prozess.

INTERVIEW: Wieso haben Sie sich gerade auf die Beziehungskonstellation Vater/Tochter konzentriert?

ADE: Die Grundkonstellation stand schon relativ früh fest. Vater-Tochter, diese für mich klassische Konstellation, hat mich interessiert. Familie ist ja manchmal ein sehr eingefahrenes, statisches Konstrukt, in dem jeder eine feste Rolle zugeschrieben bekommt. Mich hat die Ausbruchsfantasie, die der Vater mit Toni Erdmann wagt, gereizt. Manchmal kann man sich als Fremde besser kennenlernen. Genau das versucht der Vater ja letztendlich auch nochmal.

INTERVIEW: Indem er zu Toni Erdmann wird.

ADE: Genau. Das ist seine Art, einen Neuanfang zu wagen.

INTERVIEW: Woher kam die Idee, die Figur Toni Erdmann zu erfinden?

ADE: Die Idee, dass der Vater die ganze Zeit rumscherzt, mit diesem Gebiss spielt und sich später komplett verwandelt, gab es schon länger. Aber während der Recherche bin ich auf Andy Kaufman gestoßen, einen großen Entertainer der 70er Jahre. Er besaß die seltene Fähigkeit, sich völlig auf eine Rolle einzulassen und in ihr zu verweilen. Er hat unter anderem die Figur Tony Clifton erfunden – ein komplett übertriebener Barsänger, der sich permanent schlecht benommen hat. Ich habe mich im Zuge der Vorbereitungen speziell mit Komikern beschäftigt, mir angeschaut, was die so machen, wenn sie sich komplett auf einen Charakter einlassen. Und ich fand die Idee faszinierend, zu sehen, was passiert, wenn ein Laie so etwas ausprobiert.

Maren Ade: “Ich will etwas von meinen Filmen mitnehmen – Nacktpartys zum Beispiel, die ich sonst nicht feiern würde”
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INTERVIEW: Finden Sie es eigentlich auch so auffällig, dass Kinder sich oft in eine völlig andere Richtung entwickeln, als ihre Eltern? So ist es in ihrem Film ja auch ein wenig.

ADE: Ja, das stimmt. Das ist wahrscheinlich eine Form der Abgrenzung. Aber manchmal wollen sie auch genau das Gleiche machen – auch schlimm irgendwie. Ich wurde in letzter Zeit natürlich häufiger gefragt, warum Ines, die Tochter, die Witze ihres Vaters denn so gar nicht lustig findet. Das ist ja total klar: Sie kennt seine Sprüche in- und auswendig. Das sind nervige Rituale. Er braucht deshalb echt lange, bis er ihr als Toni Erdmann ein Lachen entlocken kann.

INTERVIEW: Der Humor, den Toni Erdmann an den Tag legt, ist im Grunde genommen oft ziemlich traurig, oder?

ADE: Ja, weil die beiden eine total zerfahrene Beziehung haben. Der Humor entsteht häufig aus der Verzweiflung heraus, obwohl ja eigentlich nichts Gravierendes vorgefallen ist. Es herrscht aber trotzdem eine seltsame Distanz zwischen den beiden – sie wollen keine Nähe zulassen, nichts voreinander preisgeben. Eltern sind auch etwas total Privates und das macht angreifbar. Gerade wenn man jemand anderes sein möchte, ist es unangenehm, wenn da einer zuschaut, der einen so gut kennt.

INTERVIEW: Wie viel Gesellschaftskritik steckt in ihrem Film?

ADE: Das habe ich mir nicht gezielt vorgenommen. Aber ich versuche schon immer, dass meine Filme komplex werden. Ich habe die Businesswelt näher beleuchtet und den unterschwelligen Sexismus thematisiert – das gehört für mich dazu, wenn ich ein realistisches Abbild schaffen möchte. Die Themen waren einfach da und wollten quasi bedient werden. Ich habe sie aber nur gestreift, der Fokus des Films liegt woanders.

INTERVIEW: Wann hat sich bei Ihnen der Wunsch entwickelt, dass Sie Regisseurin werden wollen?

ADE: Ich bin schon als Teenager gern ins Kino gegangen. Ich wusste schon vor dem Abi, dass ich irgendetwas mit Film machen will. Nach der Schule bin ich dann direkt nach München und habe dort ein Produktionspraktikum gemacht. Meine Eltern haben mich zum Glück immer in dem Wunsch bestärkt. Danach habe ich Produktion studiert, weil ich dachte, dass ich dort eher genommen werde als für Regie. Innerhalb der Filmhochschule konnte ich aber zum Glück später noch mal wechseln.

INTERVIEW: Wie war das damals als Frau an der Filmhochschule? Sie haben sich bestimmt in einer Männerdomäne bewegt, oder?

ADE: Eigentlich nicht. In unserem Jahrgang gab es vierzig Prozent Frauen, würde ich sagen – auf keinen Fall weniger. Da wurde sehr drauf geachtet. Ich habe das Gefühl, es verzettelt sich erst nach der Uni.

INTERVIEW: Es gibt also zu wenige Frauen, die nach der Ausbildung auch als Regisseurinnen arbeiten?

ADE: Es gibt ja relativ häufig Diskussionen darüber, wo Frauen verloren gehen. Klar, Pausen in der Vita sind nicht besonders förderlich. Das ist allerdings in vielen Jobs so. Es ist immer kompliziert beides unter einen Hut zu bekommen.

INTERVIEW: Für wen drehen Sie ihre Filme?

ADE: Während der Arbeit an einem Film, denke ich nie an das Publikum. Ich stelle mir meist nur so zehn, zwanzig Freunde vor, deren Meinung mir wichtig ist. Ein bisschen mache ich den Film dann für sie. Wenn ich so lange an einem Film arbeite, will ich selbst auch etwas davon mitnehmen – Nacktpartys zum Beispiel, die ich sonst nicht feiern würde (lacht).

INTERVIEW: Wie fühlt  es sich denn an, wenn man jahrelang an einem Film gearbeitet hat und dann guckt das jemand einfach so in ein paar Stunden weg?

ADE: Das ist schon ein Abschiedsschmerz dabei. Der Film, der deinen Alltag und deine Gedanken strukturiert hat, ist plötzlich weg. Er gehört jetzt den anderen und die dürfen nun damit machen was sie wollen. Aber wenn ein Film gut ankommt, dann ist das natürlich in erster Linie schön.

INTERVIEW: Und wenn nicht?

ADE: Bei vielen Filmen ist es ein harter Kampf, sie überhaupt zu machen. Es spielen so viele äußere Faktoren eine Rolle, damit alles reibungslos funktioniert. Du musst ständig auf Zack sein. Das ist wie, wenn eine Ballmaschine neunzig Bälle auf dich wirft, und wenn du nicht mindestens siebzig davon fängst, wird die ganze Szene nichts.

INTERVIEW: Welchen Film hätten Sie gern selbst gemacht und worin hätte er sich unterschieden?

ADE: Oh Gott, auch noch die Filme der anderen machen! Nein, freiwillig würde ich sowieso nie einen Film machen.

INTERVIEW: Wie?

ADE: Ich mache das nur, wenn ich wirklich das Bedürfnis habe, zu schreiben und etwas zu erzählen. Aber ich drehe nicht gern. Das ist mir viel zu anstrengend. Ich wäre gern mal bei einem Cassavetis-Film dabei gewesen, etwa bei A Woman under the influence. Da hätte ich dann aber lieber die Kabel gerollt.

Maren Ades Toni Erdmann läuft aktuell in den Kinos.

Von: Insa Grüning

 

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