MATTHEW HERBERT

Der englische Elektro-Produzent Matthew Herbert liefert mit seiner Brexit Big Band den Soundtrack zum Austritt Großbritanniens aus der EU. Wir haben ihn im Rahmen des Wassermusik-Festivals in Berlin zum Interview getroffen.

SARAH-DENISE NEVEN: Mr. Herbert, wie klingt der Brexit?

MATTHEW HERBERT: Eigentlich wollte ich etwas kreieren, das sich nach dem Schwimmen in einem Waldsee im Herbst anhört. Du lässt dich einfach treiben und alles fühlt sich unendlich an. Aber so ist es bis jetzt nicht geworden. Vielleicht habe ich den Wald in Brand gesetzt oder da schwimmt ein Hai im See oder der See ist ein Säurebad oder so. Es ist mittlerweile jedenfalls nicht mehr möglich, keine Wut zu spüren.

SDN: Sie haben die Brexit Big Band als Reaktion auf den bevorstehenden Austritt Großbritanniens aus der EU gegründet.

MH: Ich musste einfach etwas tun. Ich habe gemerkt, dass unsere Regierung keinen Plan hatte. Dass das Land einen Schritt zurückgemacht hat, hin zu dieser rechten Dystopie. Wir können die Politiker nicht unsere Geschichte erzählen lassen. Deswegen erzähle ich jetzt eine andere, meine eigene.

SDN: Und die wäre?

MH: Die besten Dinge meines Lebens sind immer passiert, wenn ich England verlassen habe. Neue Leute getroffen haben, neues Essen probiert habe, neue Architektur gesehen habe, neue Bücher gelesen habe, neue Filme geschaut habe. Und ich habe sehr viel Zeit in Europa verbracht, so viele Dinge von den Menschen hier gelernt.

SDN: Wie geht man vor, wenn man aus Politik Musik macht?

MH: Mein Plan involviert 1000 Musiker und Sänger in ganz Europa. In Berlin treten wir mit deutschen Sängern und deutschen Musikern auf. Vor drei Wochen waren wir in Madrid und haben mit einer spanischen Big Band gespielt. Wenn wir nach Italien gehen, sind es eine italienische Big Band und italienische Sänger.

SDN: Was wollen Sie den Menschen damit vermitteln?

MH: Es geht mir um Zusammenarbeit und Mitgefühl. Und um all die Dinge, über die wir reden sollten, an die wir uns erinnern sollten. An unsere Geschichte, unsere Vergangenheit und daran, nett zu sein. Es ist lächerlich, das im Jahr 2018 sagen zu müssen, aber Freundlichkeit scheint gerade sehr out zu sein.

“Obwohl wir Musik nicht sehen können, verändert sie alles. ”
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SDN: Warum sind Big Bands das richtige Medium, um Ihre Message zu transportieren?

MH: Weil es bei Big Bands um das Teilen von Macht geht. Einerseits hasse ich es, weil ich mir bei jedem Konzert denke: „Nein, so habe ich das nicht gemeint! Ich mag das nicht, wir sollten das anders machen!“ Aber so läuft Demokratie eben nicht. Ich bin auf meiner Bühne in der Minderheit, das ist sehr aufregend.

SDN: Das Album, das voraussichtlich am 29. März 2019 erscheint, dem Tag, an dem Großbritannien aus der EU austritt, schließt das Projekt ab. Wird man der Musik darauf auch zuhören können, während man mit einem Glas Wein auf dem Sofa sitzt? Oder ist das Album wie ein Gedicht über den Brexit, das man interpretieren muss?

MH: Das Album muss unbedingt auch als Musik als solche funktionieren. Aber es wird emotional. Einerseits gibt es dieses Lied „You’re Welcome Here“, ein sechsminütiges Musikstück, bei dem die Menschen sich willkommen und sicher und geliebt fühlen sollen. Andererseits ist da auch dieses Lied, in dem es um Grenzen und Mauern geht, bei dem ich will, dass die Menschen Wut spüren. Aber es muss sich noch nach Musik anfühlen. Ja, das muss es unbedingt.

SDN: Was ist Musik für Sie?

MH: Ich weiß es nicht genau. Vielleicht ist sie Zeit. Und sie ist die einzige Kunstform, die unsichtbar ist. Musik ist das Einzige, was wir Menschen machen können, das unsichtbar ist. Und obwohl wir sie nicht sehen können, verändert sie alles. Das fühlt sich fast an wie eine Verbindung zu Gott. Ich meine nicht den christlichen Gott, sondern das, was auch immer Gott ist.

Mehr über Matthew Herberts Brexit Big Band erfahren Sie hier. Das Wassermusik-Festival mit dem Motto „Goodbye UK – And Thank You For The Music“ im Haus der Kulturen der Welt in Berlin geht noch bis zum 18. August. Kommende Highlights sind:

Konzert: Orlando Julius & The Heliocentrics, 3. August, 19 Uhr
Filmvorführung: Rage, 3. August, 22 Uhr
Filmvorführung: Matangi/Maya/M.I.A., 4. August, 22 Uhr
Konzert: Scritti Politti, 18. August, 20:30 Uhr
Filmvorführung: Control, 18. August, 22 Uhr

 

Von: Sarah-Denise Neven

 

 

31.07.2018 | Kategorien Berlin, Interviews, Musik | Tags , , , ,