"Ich sehe Songs"

Schon mal von Synästhesie gehört? Pharrell Williams, Kanye West, Lady Gaga und Frank Ocean – sie alle haben es. Es handelt sich dabei um ein neurologisches Phänomen, bei dem Sinneseindrücke überlappen und einen die Welt völlig anders wahrnehmen lassen. Im Fall von Melissa McCracken heißt das: Sie sieht Musik und malt sie.

Synästhesie ist kein neues Phänomen – aber nie zuvor haben so viele Künstler darüber gesprochen und verraten, dass sie betroffen sind. Zuletzt Pharrell Williams, Kanye West, Lady Gaga und Frank Ocean. Was genau genommen eine neurologische Störung ist, wirkt sich also durchaus positiv auf Schaffensdrang und Kreativität aus. Die Amerikanerin Melissa McCracken hat ebenfalls Synästhesie, sie lebt zur Zeit in Hamburg  und als wir von ihrer „Fähigkeit“ erfahren haben, wollten wir natürlich alles darüber wissen. Praktischerweise malt McCracken auch Bilder von den Eindrücken, die ihre Sinne erzeugen. Klingt alles etwas verwirrend? Sie hat es uns endlich ganz genau erklärt.

Wann hast Du zum ersten Mal festgestellt, dass Du Musik und z. B. auch Zahlen völlig anders wahrnimmst als andere Menschen?

So lange ich mich erinnern kann, sehe ich die Welt so. Aber ich war schon ungefähr 15 als ich meinen Bruder fragte, welche Farbe denn sein Anfangsbuchstabe C habe, und er wirkte ein wenig verwirrt, aber er hat das dann nicht weiter vertieft. Ein, zwei Jahre später, so mit 17, habe ich einen Klingelton für mein neues marineblaues Sasmung Telefon ausgesucht. Ich erzählte einem Freund, dass ich mich für Michael Jacksons „Cheater“ entschieden habe, weil der Song orange sei und das so hübsch dazu aussieht als Komplementärfarbe. Das war der Punkt, wo ich erstmals wirklich seltsame Reaktionen bekam. Ich hatte einfach immer angenommen, jeder sähe das so. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass man in Musik oder Büchern keine Farben sieht.

Wer hat dir denn dann geholfen, das zu benennen? Oder gibt es dafür Tests?

Ja, es gibt ein paar Tests online, die ich gemacht habe. Aber das ist alles nichts allzu Offizielles. Nachdem ich in meiner Familie und bei Freunden rumgefragt hatte, ob sie Musik sehen können, und etliche Neins zu hören bekam, fing ich an meine Erfahrungen zu googeln und bin dann auf das Phänomen gestoßen.



David Bowie’s Life On Mars:

Life on Mars, David Bowie, 2014 30 cm x 30 xm Acrylic on canvas

Wieviele Menschen gibt es, die Synästhesie haben?

Ich habe mal gelesen, dass etwa 1 mal bei 2000 Menschen vorkommt. Aber es gibt sehr viele unterschiedliche Formen. Ich habe Graphem Synästhesie (Farben zu Zahlen und Buchstaben), Geräusch-Farb Synästhesie und spatial sequence Synästhesie, das bedeutet, das Zahlen oder Tage einen festen Platz um meinen Körper herum einnehmen. Ich war mal in einer Uni Vorlesung mit etwa 100 Studenten und mein Psychologie Professor fragte, ob irgendwelche Synästhetiker im Raum seien. Ich war die einzige, die sich meldete. Und wie er mir sagte, hatte er davor nur einmal einen Studenten mit der Kondition in den 90ern.

Triffst du dich mit Leuten, die das auch kennen?

Ich habe nur einmal eine Frau getroffen, die es auch hatte. Sie hat die Geschmack zu Geräusch Synästhesie und Geräusch zu Formen. Sie sagte mir, dass sie sich immer Snacks aussuche, die eine bestimmte Freguenz hätten. Ich habe gehört, dass Pharrell Williams es auch hat, genau wie John Mayer und Stevie Wonder, aber unglücklicherweise hatte ich noch keine Chance, sie zu treffen.

Sind die Farben und Bilder bei Dir immer da oder musst Du Dich irgendwie konzentrieren, um das wahrzunehmen?

Es ist immer da, aber manchmal ist es etwas klarer. Also wenn ich sehr gute, klare Kopfhörer aufhabe, hilft das definitiv, aber der Song selbst spielt ebenfalls eine große Rolle. Manchmal wenn ich live Musik höre oder ein Musikvideo sehe, dann ist da bereits so viel visuelle Stimulation, dass meine Farben etwas weinger lebendig sind, aber sie sind immer da.

Wann hast Du angefangen, das was Du siehst zu malen?

Den ersten Song habe ich in meinem ersten Jahr am College gemalt. Der beste Freund meines anderen, älteren Bruders, zeigte mir einen Song, den er über Anna Karenina geschrieben hatte. Der Song selbst hat mir optisch extrem gut gefallen mit ganz viele warmem Orange und Pink. Ich mochte die Idee eines Songs, der sich durch verschiedene Medien darstellt, von der Gechichte zum Song zum Bild.

Liegt das eigentlich in der Familie?

Mein älterer Bruder und meine Mutter haben räumliche Synästhesie, sie sehen die Tage der Woche um sich herum schweben. Aber was Farb-Synästhesie betrifft, hat das sonst keiner bei uns.

Gibt es auch Momente, in denen Sie genervt sind, von so viel ständigem Input?

Niemals. Es war immer da und ich habe es nie als störend empfunden. Es ist einfach Teil davon, wie sich mir die Welt darstellt. Wenn überhaupt, macht es das Leben eher einfacher. Mathe fiel mir sehr leicht, weil ich Farben mit Formeln assoziieren konnte. Ich schrieb eine Gleichung auf und dachte, Moment, da ist kein Grün, und ich wusste, ich muss was ändern.

Das ist ja super praktisch. Werden aus den besten Songs auch deine besten Bilder?

Aber natürlich. Die Songs, die ich liebe, sind in der Regel die, die mich am meisten anregen. Wenn mir ein wirklich besonderer Sound in den Kopf kommt, dann strömt in meine Gedanken eine bestimmte Farbe, manchmal ganz überraschend, was es zu einer wirklich coolen Erfahrung macht. Ich überlege immer, ob ich manche Songs so mag, weil sie so hübsch aussehen oder ob sie so anziehend sind, weil ich den Sound so mag.

Mehr Infos über Melissa McCracken und ihre Arbeiten finden Sie hier.



Little Wing von Jimi Hendrix:

Little Wing, Jimi Hednrix, 2014 Oil on Canvas 30 x 30 cm


Lucky von Radiohead:

Lucky, Radiohead, 2014 Oil on paper 50 cm x 70 cm


Gravity von John Mayer:

Gravity, John Mayer, 2014 30 cm x 30 cm Oil on canvas

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