Ende mit Spaghettisauce:
Adam Driver

Für Martin Scorseses Film „Silence“ hat Adam Driver bis zur totalen Erschöpfung gehungert. Warum ihm das gefiel, erklärt er hier dem Regisseur Noah Baumbach, für den er in „Frances Ha“ und „Gefühlt Mitte Zwanzig“ spielte.

Bevor Adam Driver als Jedi-Ritter in den Krieg der Sterne zog, war er Soldat. Mit 17 trat Driver, aufgewachsen in einer Kleinstadt in Indiana, den Marines bei, der härtesten Division der US-Armee. Doch weil er sich bei einem Fahrradunfall das Brustbein brach, schrammte er knapp am anstehenden Irak-Einsatz vorbei. Driver war am Boden zerstört. Er wandte sich seiner zweiten Karriereoption zu: der Schauspielerei. In New York studierte er an der renommierten Juilliard School. Seitdem ist eine Vorliebe für extreme Auftritte sein Markenzeichen. In Girls spielte er Lena Dunhams emotional mindestens instabilen On-/off-Freund so arschlochmäßig und verletzlich zugleich, dass man ihn abwechselnd in den Arm nehmen und ihm eine reinhauen wollte. Danach ging alles Schlag auf Schlag: Er drehte Inside Llewyn Davis mit den Coen-Brüdern, Midnight Special mit Jeff Nichols, Paterson mit Jim Jarmusch (eine der weniger extremen Rollen: Driver spielte einen Busfahrer). Spätestens seit Star Wars kennt ihn jeder. Für Martin Scorseses Silence, eine Geschichte über portugiesische Jesuiten-Mönche, die sich im 17. Jahrhundert durch das martialische Kaiserreich Japan kämpfen, testete er gerade anorektische Extreme. Wieso ihm das Hungern eigentlich ganz gut gefallen hat, erzählt er hier seinem Freund Noah Baumbach, für den er in den beiden New-York-Neurotiker-Komödien Frances Ha und Gefühlt Mitte Zwanzig vor der Kamera stand.

Noah Baumbach: Lass uns darüber sprechen, wie wir uns kennengelernt haben. Erzähl doch mal deine Seite der Geschichte, und ich erzähle meine.

Adam Driver: Nun, ich kannte deine Filme und kam zu einem Vorsprechen für Frances Ha, was allerdings nicht als solches bezeichnet wurde. Ich glaube, ich wusste nicht einmal, woran ihr überhaupt arbeitet. Ich schaute vorbei und habe für dich gelesen, das war’s.

NB: Es waren noch nicht einmal richtige Szenen, oder?

AD: Ich glaube nicht. Ich hatte jedenfalls keine Ahnung, worum es ging.

NB: Da war ich noch mittendrin, die Geschichte mit Greta (Gerwig) zu entwickeln. Aber ich hatte Gutes über dich gehört. Ich erinnere mich, dass ich mich mit Lena (Dunham) unterhielt, als sie gerade dabei war, Schauspieler für Girls zu casten, und sie erzählte, wie gut du wärest. Ich glaube, da war die erste Staffel noch nicht einmal raus, jedenfalls hatte ich dich noch nirgendwo gesehen. Ich war total begeistert von deinem Vorsprechen. Außerdem erinnere ich mich noch gut an deinen ersten Tag am Set von Frances Ha, als wir auf einer Party filmten.

AD: Da kamt ihr gerade von einem Dreh in der U-Bahn. Ich hatte auf der anderen Straßenseite gewartet, weil ich zu früh dran war. Ich weiß noch, dass ich eine ganze Crew erwartet hatte, mit Lastwagen und Ausstattung, aber dann tauchtet nur ihr vier auf und kamt die Straße heruntergelaufen. (lacht) Das war mein erster Tag.

NB: Ich habe mich auch richtig schlecht gefühlt, als ich dich sah, weil es sich anfühlte, als würden wir gar keinen richtigen Film produzieren. Ich hatte ja die tolle Idee gehabt, dass der Typ, in dessen Wohnung wir drehten, einfach eine echte Party feiern könnte, auf der wir dann drehen würden. Theoretisch klang das gut. Er ist dann aber irgendwann ausgerastet und hat uns rausgeschmissen (lacht).

AD: Ach, echt?

NB: Ja. Aber wir hatten schon genug im Kasten.

AD: Ich hatte ja keine Ahnung! Ich dachte, alle wären für den Film dort. (beide lachen) Nun macht es total Sinn, dass keiner verstand, wovon ich redete, als ich anfing, irgendwelche Drinks zu bestellen.

NB: „Könnte ich ein Perrier bekommen?“

AD: Mein anderer Lieblingsmoment aus dieser Nacht war, als Sam (Levy) versuchte, etwas auszuleuchten. In der Nähe stand ein Assistent in einem weißen T-Shirt. Also fragtest du ihn, ob er sein T-Shirt langziehen kann, um das Licht zurückzuwerfen. Und ich dachte mir: „Yeah, so wird das gemacht. Das ist großartig.“ (beide lachen)

Adam Driver: “Man ist so hungrig und so müde, dass man nichts anderes tun kann als das, was man gerade tut”
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NB: Inzwischen hast du mit Steven Spielberg gearbeitet und mit Martin Scorsese Silence gedreht! Es tut mir leid, wenn ich etwas generell werde, aber bei manchen Regisseuren drängen sich einfach Fragen auf wie: „Wie ist es, mit Martin Scorsese zu arbeiten?“ Das ist die Frage, die man stellen muss!

AD: Scorsese ist einer dieser Regisseure, der vor langer Zeit mit einer Handvoll Freunden das Filmen begann. Sie wissen, wie man mit Schauspielern sprechen muss, und haben ein Gefühl dafür, welche Arbeit jeder Einzelne am Set macht. Sie sind es gewohnt, gemeinsam in einem Raum zu sitzen und eine Lösung zu finden. Eigentlich kommt man ja bei jemandem wie ihm mit dem Impuls ans Set: „Sag mir, was ich tun soll, und ich tue es.“ Aber das will er nicht. Er engagiert dich, weil er deine Ideen mag und er will, dass du Verantwortung für sie übernimmst. Es ist wirklich inspirierend, mit jemandem zu arbeiten, der ganz oben steht und dich immer noch nach deiner Meinung fragt.

NB: Darum sind die Menschen so begeistert von Robert De Niro in Hexenkessel und Taxi Driver. Man spürt, dass die Schauspieler in Scorseses Filmen eine Autorenschaft für das tragen, was sie tun. Aber die Dreharbeiten zu Silence waren besonders hart, was das Körperliche anging, oder?

AD: Ja. Wir sollten sehr viel Gewicht verlieren. Ich hatte keine Ahnung, wie viel es am Ende sein würde. Zu Beginn des Films sind die Figuren schon zwei Jahre lang gereist, von Portugal nach Macau, sie haben Afrika umsegelt. Es gibt Krankheiten und Nahrungsmangel. Sie sind schon völlig ausgemergelt, noch vor ihrer letzten Etappe nach Japan, mit der der Film beginnt. Von da an werden wir noch dünner. Scorsese wollte das körperlich sehen. Ich glaube, ich habe den visuellen Teil des Erzählens noch nie so extrem betrieben. Es war interessant. Man ist so hungrig und müde, dass man nichts anderes tun kann als das, was man gerade tut. Man hat gerade genug Energie, um das auszudrücken. Was mir gefällt. Andererseits gibt es manchmal Szenen, die einfach nicht funktionieren, aber es fehlt einem die Energie herauszufinden, woran das liegt.

NB: Erinnerst du dich, welcher der erste Scorsese-Film war, der etwas in dir bewirkt hat?

AD:Taxi Driver, glaube ich. Die Filme, die ich noch nicht kannte, habe ich mir angeschaut, als wir dann miteinander arbeiteten. Italianamerican zum Beispiel, die Dokumentation, die er über seine Familie drehte und die wirklich gut ist. Er filmte seine Eltern in ihrem Zuhause, das sehr klein ist, und sie unterhalten sich über ihr Leben und die Menschen, die in ihr Leben kamen und wieder gingen – da gibt es wieder den Gemeinschaftsaspekt, der oft in seine Arbeit hineinspielt. Seine Mutter war ja in vielen seiner Filme. Am Ende gibt es diesen tollen Abspann: Der letzte Credit ist ein Rezept für Spaghettisauce.

NB: Das wollte er schon richtig lange machen, oder?

AD 28 Jahre lang! Wobei es da auch unterschiedliche Versionen gibt, die dazu kursieren: Jemand sagte mir, das hätte er schon seit Hexenkessel geplant. Oder er wollte es schon seit zehn Jahren machen oder doch schon, seit er geboren wurde. (lacht) Ich muss ihn fragen. Aber dass es eine Einstellung gibt, die er sich schon jahrelang ausgemalt hat, ist doch toll.

von Noah Baumbach | Fotos: Steven Klein | Styling: Karl Templer | Das Interview ist in der Ausgabe März 2017 erschienen

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