In der
Kluft schreiben

Der Münchner Thomas Meinecke ist Groß-Chronist des Pop und der feministischen Theorie. In seinem neuen Buch „Selbst“ behandelt er die Frage, was passiert, wenn Frauen sich selbst zum Objekt machen, und warum Sex immer weniger mit Körpern zu tun hat. Ein Gespräch über italienische Playboy-Softies und die Skills von DJ Nina Kraviz.

Interview Herr Meinecke, Sie kommen gerade aus Neapel, wo Sie wie im Jahr zuvor Ihren Urlaub verbrachten. Was zieht Sie immer wieder in die Stadt?

Thomas Meinecke Die Schönheit eines 2000 Jahre alten Chaos‘. Antike Gebäude werden einfach mit Neuem überschrieben. Da hat man etwa eine Werkstatt für Motorroller unter einem griechischen Torbogen, und in den ist einfach ein Metallrollo reingefräst. Außerdem wird der Bogen von vorbeifahrenden Lastwagen immer mehr abgeschabt, weil es dort so eng ist. Es entstehen historische Schichten von der griechischen Zeit bis heute. Das ist überall sichtbar, ich finde das sehr inspirierend.

Interview In Ihren Büchern geht es ja immer auch darum, wie wir unsere Körper und unser Geschlecht inszenieren. Wie machen das die Neapolitaner?

Meinecke Der italienische Mann ist schon sehr interessant. Er trägt ja gern gelbe Wildleder-Mokassins, dazu eine rote Hose, und nach oben kann man sich das dann weiterdenken. So merkwürdig bunt, ein softes Playboy-Papageien-Modell, tropikalistisch abgefederter Machismo. Und die Frauen sind alle in Weiß mit goldenen Schuhen und haben lange Haare, die sie über die Schulter werfen. Und man denkt sich, das wollen deren Väter so. Die sagen, du bekommst keinen Führerschein, wenn du dir die Haare abschneidest. Dann wird es schon wieder schwierig.

Interview Und es berührt eine der Fragen, die Sie in Ihrem neuen Roman Selbst stellen.

Meinecke Ja, meine Grundannahme ist ja, dass Frauen von Männern hergestellt werden und inwiefern das sprachlich abläuft. Sie werden nicht nur hergestellt, sondern auch kaltgestellt, diskriminiert und verherrlicht. In dieser ­Gemengelage versucht mein Schreiben, Dinge herauszufinden.

Interview Sie exerzieren das an mehreren Beispielen und Frauen durch – Miley Cyrus, Lana Del Rey oder Nina Kraviz. Warum haben Sie gerade sie ausgewählt?

Meinecke Alle drei sind ernst zu nehmende Künstlerinnen, aber in überwiegendem Maß befinden Männer darüber, ob sie es nun wirklich sind oder nicht. Die Diskussionen verlaufen meistens recht gleich und handeln von der Annahme, dass diese Frauen eh nichts können und deswegen ihre Körper und ihr Aussehen in den Vordergrund schieben, um ihr fehlendes Talent zu verdecken.

Thomas Meinecke: “Meine Grundannahme ist, dass Frauen von Männern hergestellt werden; nicht nur hergestellt, sondern auch kaltgestellt, diskriminiert und verherrlicht”
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Interview Diese Diskussionen übernehmen Sie in Originalversion – also direkt aus den Threads im Netz – und kopieren sie in Ihren Text. Wa­rum erzählen Sie nicht einfach davon?

Meinecke Weil die Sprache dort direkter, verkürzter und codierter ist und für die Zeit steht, in der sie verfasst wurde. Es geht in meinen Texten sogar so weit, dass ich Gedanken, die von mir selbst sind und ich schon formuliert habe, ersetze, wenn ich ein Zitat etwa von Mykki Blanco oder Anaïs Nin finde, das den gleichen Gedanken ausdrückt. Ich finde es toller, wenn man in einem Geflecht von Gedankengängen und Argumenten steht, als sich für eine eigene, originäre Idee bewundern zu lassen. Das bedeutet mir nichts. Meine Bücher sind immer eine Chronik der galoppierenden Ereignisse – das neue Buch der zwischen 2013 und 2014. Damals kam etwa die Diskussion über ein Videointerview mit Nina Kraviz auf Resident Advisor auf, in dem sie sich im Bikini am Strand und mit Schaum bedeckt in der Badewanne zeigt. Danach gab es Aufruhr in den Kommentarsektionen. Eben das Übliche. Sie könne nichts und deswegen geriert sie sich sexy und als Model. Das spielte meinen Zwecken und Fragestellungen in die Karten, und ich übernahm es.

Interview Wie stehen Sie selbst zu Nina Kraviz?

Meinecke Ich bewundere sie als Musikerin. Sie kennt sich unglaublich gut in der Geschichte der House-Music aus und beherrscht ihre Synthesizer. Es ist eine interessante Leistung, die sie bisher als Künstlerin vollbracht hat. Und als DJ habe ich sie auch schon in guter Form erlebt. Sie beherrscht den Nerd-Diskurs und kann vor den Jungs bestehen. Auf der anderen Seite erzählt sie aber in ihrer Kolumne im Groove-Magazin, die sie vor einiger Zeit von mir übernommen hat, wie toll es sich anfühlt, vor 10 000 Leuten zu spielen. Sie genießt auch den Ibiza-Aspekt ihres Berufsbilds. Und das ist dann schon etwas unterkomplex und macht sie angreifbar.

Interview Wenn aber Frauen von Männern zum Objekt gemacht werden, welche Freiheit in der Inszenierung bleibt ihnen dann noch? Zu sexy ist nicht gut, zu wenig aber auch nicht.

Meinecke Nun, das sind die verzwickten Fragen, an denen ich im Buch entlanggrüble. Man kommt dann zum Aspekt der Self-Objectification. Man weiß, dass man ein Objekt ist, aber das kann man für sich selbst auch nutzen und zu einer souveränen Haltung ausbauen. Im Pop wurde das erste Mal im Zuge des Lady Marmalade-Videos von Missy Elliott, Christina Aguilera, Lil’ Kim und Mya darüber gesprochen. Es wurde diskutiert, ob die Frauen die Kamera nicht einfach umdrehen, zwar immer noch eye candy sind, aber es eben selbst über sich sagen und dann vom ­Zuschauer fordern, sich selbst zu beobachten, wie er das eye candy anguckt. Eine Mehrfachspiegelung wie in alten Treppenhäusern, wo man sich zwischen den Spiegeln plötzlich hundertfach sieht.

Foto via Suhrkamp-Verlag

Interview Daraus entstehen wieder weitere Fragen und keine Antworten.

Meinecke Genau. Ich glaube, man kann mit immer präziseren Fragen, und sie werden mit jedem meiner Bücher präziser, auch etwas aussagen. Außerdem denke ich, dass wir gerade die Zweiteilung von Frage und Antwort überwinden. Es geht mehr um Relationen und Relais, um Verhältnisse, um das Und statt um das Entweder-oder. In Selbst geht es auch sehr viel um die Transgender-Diskussion, die gerade hochaktuell ist, dieses von A nach B, from male to female oder umgekehrt. Darum, ob nicht im to das Interessante steckt und nicht in den Polen weiblich, männlich. Da verschiebt sich gerade etwas, wie überhaupt in der ganzen Sexualität.

Interview Was denn noch?

Meinecke Ich habe gerade erst gelesen, dass es in Japan den Trend zur Selbstheirat gibt. Frauen ehelichen sich selbst. Sie suchen gar keinen Mann, aber sie mögen die Heiratszeremonie so gern. Oder ein anderes Phänomen, das man ebenfalls in Japan beobachten kann: Frauen gehen in Massen in Schwulenkinos, um endlich mal wieder zärtliche Männer zu sehen. Aufgrund solcher Geschichten wird immer geschrieben, dass die Japaner keinen Sex mehr haben. Ich glaube, sie haben Sex in einer anderen, neuen Form. Nicht mehr der Akt spielt die Hauptrolle, sondern eher eine Performance. Sex­ualität befreit sich gerade vom Körper.

Interview Aber warum passiert das gerade?

Meinecke Das weiß ich auch nicht genau. Ich beobachte es, und es fasziniert mich, also kommt es in mein Buch. Ein Aspekt ist sicher der virtuelle Raum. Je mehr er sich in den Vordergrund schiebt, desto mehr verschwinden andere Dinge, zum Beispiel das Körperliche. Diese Verschiebungen machen neue Räume auf, eine Kluft öffnet sich. Und in diesem Zwischen­bereich mache ich mit meiner Sprache rum.

Interview Wo beobachten Sie das Verschwinden des Körperlichen?

Meinecke Ich hatte neulich ein Gespräch mit einem Freund, der schwul ist. Er erzählte, wie er in einer Schwulenbar stand, wo alle Leute nur auf ihre Taschentele­fone guckten. Jeder hat jeden in der Bar ausgecheckt. Derjenige, der nicht auf Grindr war, war ­quasi nicht da, obwohl er ja körperlich anwesend war, aber er erschien eben nicht auf den Displays. Man könnte jetzt jammern und sagen, wie traurig das doch sei, wie sie da alle nur für sich auf den Scheiben herum­wischen, so allein. Ich sehe das ­anders, es ist eben eine Ebene mehr, nichts Schlimmes. Ein Zugewinn, es passiert eben fortlaufend etwas Neues. Und ich finde, es wird dadurch nicht immer schlechter, sondern immer besser.

„Selbst“ ist am 10. Oktober bei Suhrkamp erschienen

von Benedikt Sarreiter