Von Kierkegaard bis Cunt

Mit ihrem Roman „I Love Dick“ wirbelte die amerikanische Autorin Chris Kraus in den Neunzigern Staub in der New Yorker Kunstszene auf. Erst jetzt, zwanzig Jahre später, wird das Buch zum Liebling des Popfeminismus – und mit Kevin Bacon verfilmt.

Mit ihrem Roman „I Love Dick“ verursachte Chris Kraus 1997 einen Skandal in der New Yorker Kunstszene. Kraus, die bis dato experimentelle Filme über Dominas gedreht hatte und mit dem Star-Intellektuellen Sylvère Lotringer liiert war, entwarf den wohl ersten „Konzept-Dreier“ der Literaturgeschichte. Ihre Protagonistin (Name: Chris Kraus, Beschäftigung: gescheiterte Filmemacherin) entwickelt darin eine heftige Obsession für einen cowboyhaften Intellektuellen namens Dick. Nach einem ersten Treffen auf Sushi und Drinks in Pasadena schreibt sie ihm, assistiert vom eigenen Ehemann, Hunderte Liebesbriefe, die schließlich zur ersehnten Affäre führen. In der sich Dick dann aber schnell als echter, nun ja, dick erweist.

Weil vieles sich so oder so ähnlich tatsächlich ereignet hatte und der Cowboy schnell als bekannter Pop-Akademiker entlarvt war, kam das Buch nicht überall gut an. Womöglich lag es auch daran, dass Kraus nebenbei die Position der Frau in der Kunstwelt analysierte (praktisch nicht vorhanden) und Interna aus der Downtown-Szene auftischte (Tischgespräche bei Gilles Deleuze, Ratschläge von Louise Bourgeois). Lange Zeit galt „I Love Dick“ darum nur in eingeweihten Kreisen als Kultroman. Bis er vor einigen Jahren in den USA neu aufgelegt wurde. Feminismus war plötzlich Pop, Miranda July und Lena Dunham zeigten sich als Fans, und „I Love Dick“ war aus New Yorker Bücherregalen nicht mehr wegzudenken. Gerade hat Amazon Kraus’ Buch mit Kevin Bacon in der Hauptrolle als Serie verfilmt. Und genau 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung erscheint „I Love Dick“ erstmals auf Deutsch.

FRAUKE FENTLOH: Frau Kraus, als Ihr Roman „I Love Dick“ erschien, wurde er frostig aufgenommen. Wie haben Sie das erlebt?

CHRIS KRAUS: Die Reaktionen waren sehr polarisierend. Das Buch wurde leidenschaftlich attackiert, aber auch verteidigt. Etwas Besseres kann man sich ja für den ersten Roman gar nicht wünschen. Ich hatte in einem sehr sensiblen Thema herumgestochert: der heiligen Privatsphäre des Mannes. Als ich „I Love Dick“ schrieb, war die Sorge um diese Privatsphäre sehr groß. Es wurden Doppelstandards angewendet. Männer nutzen unentwegt ihr Leben als Material, aber wenn Frauen das taten, war das ein Angriff auf die Männer. Im Buch gibt es einen Essay über die amerikanische Künstlerin Hannah Wilke, die daran gehindert wurde, Dinge aus ihrem eigenen Leben in ihrer Kunst zu verwenden, weil manches davon aus ihrer siebenjährigen Beziehung mit dem Künstler Claes Oldenburg stammte. Sie stellte Flusen aus ihrer gemeinsamen Waschmaschine aus. Oldenburg schickte eine Unterlassungsaufforderung an das Museum, und ihre Ausstellung wurde abgesagt. Das war unerhört.

F. F.: Dachten Sie darüber nach, die Namen Ihrer Figuren zu ändern?

C. K.: Ich habe „I Love Dick“ immer in der Tradition des intimen Schlüsselromans verstanden, in der alle Figuren benannt werden. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele in der Literaturgeschichte, von der französischen Hofdichtung der Madame de La Fayette über Catullus und Propertius zu japanischen Dichtern wie Lady Nijo und Sei Shonagon. Außerdem war es lustiger, all die Menschen in dieser kleinen, inzestuösen Kunstwelt beim Namen zu nennen.

Chris Kraus: “„Die Menschen vergessen, dass Künstler früher bereit waren, in ziemlich beschissenen Verhältnissen zu leben. Das würden viele heute nicht mehr machen“”
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F. F.: Fühlten Sie sich in der Kunstwelt als Außenseiter?

C. K.: Immer! Als Frau hatte ich das Gefühl eines ständigen Unbehagens, weil es keine richtige Position gab, die ich einnehmen konnte. Heute ist es besser, aber die Dynamik besteht noch immer. Galeristen, Kunsthändler, Kuratoren und Kunsthistoriker setzten eher auf das männliche, weiße Pferd.

F. F.: Weswegen die Künstlerin Louise Bourgeois Ihnen riet: „Heirate einen Akademiker oder Kritiker, andernfalls wirst du verhungern.“

C. K.: Louise Bourgeois war ja selbst mit einem Kunstkritiker verheiratet! Er lehrte auch an der New York University. Mit 65, als sie verwitwet war und ihre Kinder ausgezogen waren, erfand sie ihre Karriere ganz neu.

F. F.: Wie haben Sie zwei sich kennengelernt?

C. K.: Meine beste Freundin sprach sie in der Lobby eines Museums an, weil sie sie für die Künstlerin Louise Nevelson hielt, die damals noch berühmter war. Louise war empört, lud meine Freundin aber trotzdem zu sich nach Hause ein. Ich kam einfach mit. Sie half uns mit unseren eigenen Arbeiten und führte Regie bei einer unserer Performances. Louise hat sich unglaublich für alles interessiert, was um sie herum passierte, und damals tauschte sie sich mit vielen jüngeren Menschen aus.

F. F.: Wie haben Sie selbst damals gelebt?

C. K.: Ich war eine ziemliche Außenseiterin in der Glamourwelt des East Village der Siebziger und Achtziger. Die meisten meiner Freunde waren Dichter vom St. Marks Poetry Project oder studierten an der New School Dinge wie Politische Theorie und Anthropologie.

F. F.: Sie schreiben, Sie hätten sich stets in die „gewöhnlichen, pferdegesichtigen Junkies“ verliebt.

C. K.: Nun, ich hing im East Village herum. Sie waren überall. Ich ging nach New York und hoffte, die Künstler zu treffen, die ich bewunderte, und mit ihnen zu arbeiten. Und genau das passierte. Aber die Lebensumstände waren schwierig.

F. F.: Inwiefern? War es damals nicht einfacher, in New York zu überleben?

C. K.: Ich glaube, der einzige Unterschied zu heute war, dass man damals in einer größeren Wohnung leben konnte. Sonst hat sich nichts verändert. Wie heute gab es in den späten Siebzigern und in den Achtzigern Menschen in der Kunstwelt, die vom College kamen und für lange Zeit von ihren Eltern unterstützt wurden, während sie sich als Künstler etablierten. Diese Menschen haben einen enormen Vorteil gegenüber anderen, die sich selbst über Wasser halten müssen. Ich habe gerade eine kritische Biografie über die Schriftstellerin Kathy Acker geschrieben, weswegen ich mir sehr viel historisches Material angeschaut habe. Darunter war ein wunderbares Foto von William Burroughs, das im „Life“-Magazin erschien. Es zeigt Burroughs in seinem Pariser Hotelzimmer im sogenannten Beat Hotel: Das war ein winziger, schäbiger Raum mit einem Waschbecken in der Ecke und Toilette auf dem Gang. Die Menschen vergessen, dass Künstler früher bereit waren, in ziemlich beschissenen Verhältnissen zu leben. Das würden viele heute nicht mehr machen.

F. F.: Sie selbst haben Ihr Geld als Tänzerin in Nachtclubs verdient.

C. K.: Ich brauchte Geld und Zeit. Als Tänzerin konnte ich zwei Nächte die Woche arbeiten und den Rest der Zeit schreiben und studieren. Aber so etwas hat immer seinen Preis. Ich konnte es ein paar Jahre machen, nicht länger.

F. F.: Die Vermischung von Sex und Intellekt scheint auch viele Menschen an Ihrem Buch irritiert zu haben.

C. K.: Aber es ist nicht nur Theorie und Sex, sondern Theorie und Leben, Theorie und Emotionen! Mich hat immer die Theorie gestört, die vorgibt, Subjektivität auszudrücken, aber davon völlig abgelöst scheint. Im Buch habe ich angefangen, damit herumzualbern. Konnte ich die Wörter „cunt“ und „Kierkegaard“ im gleichen Satz verwenden? Allerdings! Viele Menschen finden das verstörend.

F. F.: Sie scheinen kein Problem damit zu haben, öffentlich über Ihr Sexleben zu sprechen.

C. K.: Es gibt doch in „I Love Dick“ sehr wenig tatsächlichen Sex! Vielleicht einen Absatz? Ich fand buchstäbliche Beschreibungen von Sex immer ein bisschen hölzern und peinlich. Das Sexleben, das ich in „I Love Dick“ beschreibe, hat mehr mit der sozialen Interaktion drumherum zu tun, die sich nun mal gut für eine Komödie eignet.

F. F.: Inzwischen gilt „I Love Dick“ als feministischer Kultklassiker, Lena Dunham und Miranda July sind Fans Ihres Buchs. Wie erklären Sie sich das?

C. K.: Nun,als das Buch 2006 neu aufgelegt wurde, hatten sich die Dinge geändert. Es kam während der ersten Welle des Internet-Feminismus heraus, als gerade viele kluge junge Frauen mit dem Bloggen begannen. Autorinnen wie Kate Zambreno, Jackie Wang oder Ariana Reines schrieben über das Buch, was ihm eine neue Eigendynamik verschaffte. Junge Frauen waren bereit, die alten Doppelstandards in die Luft zu jagen. Die Privatsphäreregel, die man Frauen auferlegt hatte, war nicht mehr akzeptabel. …

F. F.: Sie haben nie gezögert, solch persönliche Details aus Ihrem Leben offenzulegen?

C. K.: Es ist seltsam, aber die Geschehnisse in „I Love Dick“ kommen mir überhaupt nicht persönlich vor. Sie sind ja ziemlich generisch. Wer war nicht schon mal unglücklich verliebt? Was im Buch passiert, könnte jedem passieren.

F. F.: Ihr Alter Ego Chris konspiriert mit Ihrem Ehemann, um Dick herumzukriegen.

C. K.: Gut, das mit dem Ehemann ist natürlich schon etwas Ungewöhnliches, das habe ich als komisches Element hinzugefügt. Ich kopiere kitschige französische Schlafzimmerkomödien. Ich wollte es zum Witz machen, schließlich ist Chris fast 40 Jahre alt und erlebt etwas, das man gewöhnlicherweise eher mit 14 erlebt. Sie macht alles, was geschieht, zu einer Art Laborexperiment. Das ist Teil des Spiels. Das Ausgangsmaterial, also die Briefe, waren persönlich. Aber sobald ich beschlossen hatte, sie zu einem Buch zu verarbeiten, habe ich sie als Material betrachtet.

F. F.: Dick war nicht begeistert davon, dass Ihre gemeinsame Geschichte öffentlich wurde.

C. K.: Sein Anwalt schickte eine Unterlassungsaufforderung. Was ich seltsam fand, weil ich nie seinen Nachnamen oder verräterische Details preisgegeben habe – sein Aussehen, seine Herkunft, die Titel seiner Bücher hatte ich geändert. Ich lud ihn ein, eine Einleitung für das Buch zu schreiben, sodass es wie ein gemeinsamer Witz unsererseits aussehen würde. Aber er war entsetzt. Also ließ ich einen Anwalt über das Manuskript lesen, und der sagte, es stelle kein rechtliches Problem dar.

F. F.: Haben Sie noch Kontakt?

C. K.: Nein. Das ist seine Entscheidung, nicht meine.

F F.: Nun hat Amazon „I Love Dick“ als Serie in der Regie von Jill Soloway verfilmt. Gefällt sie Ihnen?

C. K.: Sehr. Die erste Staffel wurde im Herbst in Los Angeles gedreht, und ich war einige Male am Set und habe Zeit mit Kathryn Hahn verbracht, die meine Wenigkeit spielt. Die Serie nutzt das Buch aber nur als Ausgangspunkt und respektiert die Energie, die es unter jungen Frauen auslöste, als es 2006 neu aufgelegt wurde. Auf gewisse Weise handelt sie ebenso sehr von den Lesern des Buchs wie vom Buch selbst. Am Ende schreiben alle Frauen in der Serie ihre eigenen Briefe an Dick. Was ich brillant finde.

F. F.: Wie macht sich Kevin Bacon als Dick?

C. K.: Oh, er ist perfekt. Ein sehr gutes Casting.

F. F.: Fühlen Sie einen späten Triumph?

C. K.: Ach, als all das passierte, war ich ja schon längst mit ganz anderen Arbeiten befasst. Ich freue mich natürlich, aber der Erfolg kommt ein bisschen spät, um sich wie eine Rehabilitierung anzufühlen. Das Buch und ich hatten eine gute Trennung: Wir haben einander das Beste gewünscht und sind unseres Weges gegangen.

 

 

 

„I Love Dick“ ist in der Übersetzung von Kevin Vennemann
bei Matthes & Seitz erschienen. Die Serie „I LOVE DICK“ läuft ab dem 12. Mai bei AMAZON.

Mehr von Chris Kraus: „Aliens & Anorexia“, 2000 | „Video Green: Los Angeles Art and The Triumph of Nothingness“, 2004 |„Torpor“, 2006 | „Where Art Belongs“, 2011 |„Summer of Hate“, 2012