Die Bienenkönigin

Whitney Wolfes Dating-App Bumble lässt Frauen – und nur Frauen – den ersten Schritt machen. Im Interview hat uns die 26-Jährige verraten, wie Bumble unser Datingverhalten verändert, wie sie sich als erfolgreiche Frau in der Tech-Branche behauptet und was Männer von ihrer App halten.

Es ist leicht, sich von Whitney Wolfe eingeschüchtert zu fühlen: die 26-Jährige taucht in Forbes „30 under 30“-Ranking auf, ist Gründerin und CEO einer App, deren Wert mittlerweile auf mehrere hundert Millionen Dollar geschätzt wird, Wolfe beschäftigt rund 40 Mitarbeiter, ist ganz nebenbei auch noch bildhübsch und seit Kurzem verlobt. Doch was nach Bilderbuch-Fantasie klingt hat sich Wolfe hart erkämpfen müssen. Noch vor wenigen Jahren sah sich die US-Amerikanerin vor Gericht gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber „Tinder“. Die Anklage: Sexuelle Belästigung. Der Prozess endete mit einer Strafzahlung in Millionenhöhe an Whitney Wolfe, in den Medien wurde die Story aus dem Silicon Valley breit getreten.

Mittlerweile ist über die Geschichte weitgehend Gras gewachsen und Wolfe ohnehin viel zu beschäftigt mit ihrer eigenen Firma, um sich an der Vergangenheit aufzuhalten. Vor etwa zweieinhalb Jahren brachte die junge Frau ihre eigene Dating-App auf den Markt: Bumble. Diese funktioniert zwar grundsätzlich nach dem gleichen „Wisch und Weg“-Prinzip wie Tinder, weist jedoch einen ganz entscheidenden Unterschied auf: nachdem Mann und Frau mit einem Swipe nach rechts “gematcht“ haben, kann nur die Frau den ersten Kontakt aufnehmen und zwar binnen 24 Stunden. Ansonsten verschwindet der Match wieder und zwar für immer. Im Hotel de Rome in Berlin hat uns Whitney Wolfe verraten, was es mit der „Ladies first“-Dating-App auf sich hat.

Frau Wolfe, klären Sie mich auf: wie erfolgreich ist Bumble?

Bei Bumble sind derzeit 12,5 Millionen Nutzer registriert, fast genauso viele Männer wie Frauen, hauptsächlich in den USA, Kanada und Großbritannien.

Ihr Büro ist in Austin (Texas). Gibt es dafür einen bestimmten Grund? Wieso nicht Silicon Valley oder New York City?

Ich bin in Dallas zur Uni gegangen, dadurch sind die meisten meiner Freunde, mein Netzwerk, in Texas. Dort fühle ich mich einfach zu Hause. Nachdem ich Tinder verlassen hatte, war ich ziemlich niedergeschlagen, ich wollte an einen Ort, an dem ich mich sicher und geborgen fühle.

Arbeiten denn eigentlich überwiegend Frauen bei Bumble?

Tatsächlich ja. Das liegt aber nicht daran, dass wir keine Männer um uns haben möchten. Aber schließlich vertreiben und entwickeln wir ein Produkt für Frauen, warum sollten wir diese Aufgabe Männern überlassen?

Erinnern Sie den Moment, als Ihnen die Idee für Bumble in den Sinn kam? War das eine spontane Eingebung oder ein längerer Prozess?

Alles begann, nachdem ich Tinder verlassen hatte. Die Presse stürzte sich auf mich, im Netz hagelte es Beleidigungen von wildfremden Menschen. Sowas hatte ich vorher noch nie erlebt. Ich wollte unbedingt eine Lösung finden, um dieses Cybermobbing zu stoppen; daraus entstand die Idee für Merci, ein „Kindness Only Social Network“, in dem man nur Komplimente statt wahlloser Kommentare machen darf. Zu der Zeit kam einer meiner jetzigen Bumble-Partner auf mich zu und brachte mich auf die Idee, den Gedanken hinter Merci auf eine Dating-Plattform zu übertragen.

Woher stammt die Idee mit dem ersten Schritt?

Was mich und meine Freundinnen immer am Daten gestört hat, war, dass wir als Mädchen nie direkt auf Jungs zugehen durften. Wir hatten zu warten, bis wir angesprochen wurden – selbst, wenn wir gerne den ersten Schritt gemacht hätten. Aber das gehörte sich einfach nicht.

Wirklich? Ist das nicht vielleicht etwas sehr amerikanisches?

Ich persönlich denke, das verhält sich auf der ganzen Welt so, weil es mit dem weiblichen Geschlecht zusammenhängt. Es ist doch so: Männer gehen auf die Jagd und sind darauf „trainiert“, Frauen nachzustellen. Die sind wiederum dazu angehalten, sich rar zu machen, schwer rumzukriegen zu sein.
Dadurch gibt es diese seltsame Dynamik, bei der Frauen „hard to get“ spielen und sich in Liebesdingen nicht nehmen, was sie wollen. Automatisch haben Frauen dadurch beim Daten weniger Macht. Bumble gibt ihnen diese zurück.

Haben Sie kommen sehen, dass die App binnen so kurzer Zeit so erfolgreich sein würde?

An unserem ersten Geburtstag hatten wir eine Million Nutzer, ein Jahr später schon 10 Millionen. Das war unglaublich. Kommen sehen habe ich den Erfolg zwar nicht direkt, aber ich war natürlich ehrgeizig, nachdem ich Tinder verlassen hatte.

Wie genau meinen Sie das?

In den Medien war überall zu lesen, ich sei ein „Golddigger“, wolle nur im Mittelpunkt stehen, brauche die Aufmerksamkeit und so weiter. Da wollte ich es natürlich allen zeigen. Und siehe da: jetzt wo Bumble so gut läuft, sagt niemand mehr was (lacht).

Wie haben Ihre Freunde und Familie auf die Idee zu Bumble reagiert?

Meine Eltern waren wohl etwas schockiert.

… vor allem nach Ihren Erfahrungen bei Tinder.

Ganz genau. Schon als ich mit 22 zu Tinder ging, sahen mich meine Eltern vollkommen irritiert an. „Was machst du da? Such dir einen richtigen Job! Was zur Hölle ist Tinder? Das wird doch niemals funktionieren.“ Das tat es bekanntlich doch. Aber dann nach zwei Jahren dort zu kündigen und eine Plattform zu starten, die Tinder so ähnelt. Das hat meine Eltern fast verzweifeln lassen.

Das Besondere an Bumble ist ja, dass Frauen – und nur Frauen – den ersten Schritt machen müssen. Was ist die Absicht dahinter: möchten Sie Frauen ermutigen oder vor aufdringlichen Männern schützen?

Zu allererst – und vor allem -, um bestehende Verhaltensweise und Strukturen in Sachen Dating zu ändern. Bumble ist die App, die ich gerne genutzt hätte, als ich 18 Jahre alt war. Ein Weg, jemanden anzusprechen, ohne Gefahr zu laufen, dafür schräg angeschaut oder verurteilt zu werden. Zudem ermutigt Bumble Frauen: Geh raus und nimm dir, was du willst! Dabei ändert sich zwangsläufig der ganze Umgang zwischen Mann und Frau.

Wie das?

Die Frau wird gestärkt, der Mann nimmt sich zurück und kommt gar nicht dazu aufdringlich, vulgär oder sogar aggressiv zu sein. Dadurch begegnen sich die beiden auf Augenhöhe.

Aber wieso brauchen wir dafür Bumble? Ich kann doch auch einfach Apps wie Tinder nutzen und aufdringliche Kommentare sowie Matches löschen?

Aber eben diese Situation würde ich doch auch im echten Leben im Vorfeld umgehen wollen, oder? Wenn ich weiß, dass ich auf meinem Weg zur Arbeit immer angequatscht werde, nehme ich irgendwann eine andere Route. Natürlich kann ich das ignorieren, aber warum sollten Frauen überhaupt erst in so eine Situation gebracht werden?

Ist es schon oft passiert, dass sich ein Nutzer vollkommen daneben benommen hat?

Im Verhältnis zur Anzahl unserer Nutzer, nein. Die Statistik ist unglaublich: im Januar diesen Jahres sind zu den bereits bestehenden Bumble-Nutzern nochmal fast eine Million neue User dazugekommen. Das bedeutet abertausende Matches und Nachrichten und dennoch wurde uns nur 203 Mal unangebrachtes Verhalten gemeldet.

Das ist ja fast nichts…

…und zeigt, dass wir mit unseren Regeln Dating-Verhalten tatsächlich beeinflussen und positiv verändern können. Natürlich wird es immer wieder Vorfälle geben – ich kann nicht kontrollieren, wenn jemand in einen Supermarkt geht und einem wildfremden Menschen ins Gesicht schlägt. Aber wir antworten, wenn uns etwas auffällt, dass nicht mit der Idee von Bumble zu vereinen ist.

Gibt es einen Vorfall, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Da war ein Mädchen in Kalifornien, die ihre Erfahrung via Twitter öffentlich gemacht hat. Sie hat Bildschirmfotos einer Unterhaltung gezeigt, die ganz banal und locker anfing. „Hey, wie geht’s dir? Wie war dein Tag?“. Der Typ antwortet, sein Tag sei sehr anstrengend und als das Mädchen fragt, was er denn für einen Job habe, rastet der Kerl förmlich aus. „Natürlich fragst du mich das! Du willst nur mein Geld. Du widerst mich an….“ und so weiter. An den Nutzer haben wir uns direkt mit einem Brief gewandt und ihm erklärt, dass wir so ein Verhalten auf Bumble nicht wünschen.

Whitney Wolfe: “Es gibt diese seltsame Dynamik, bei der Frauen „hard to get“ spielen und sich in Liebesdingen nicht nehmen, was sie wollen. Automatisch haben sie dadurch beim Daten weniger Macht”
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Gibt es viele Männer, die Bumble als diskriminierend empfinden, weil sie nicht den ersten Schritt machen können?

Zu Beginn schon, da haben sich viele Männer so geäußert. Aber mittlerweile ist das verstummt, denn schließlich haben Männer doch sonst immer die Kontrolle. Dafür stehen ihnen andere Dating-Apps zu, ebenso wie das echte Leben. Männer sind doch immer am Drücker, das ist leider die Welt, in der wir leben.

Ist Online-Dating für Sie und Ihre Freunde vollkommen normal?

Hundertprozentig! Ich finde es seltsamer, jemanden in einer Bar kennenzulernen als über eine App.

Wie stellen Sie sich Dating in der Zukunft, in 100 Jahren, vor?

Wahrscheinlich schicken wir Menschen auf dem Mars WhatsApp-Nachrichten (lacht).

Und welche Rolle wird Bumble dabei spielen?

Wir werden Aliens dabei helfen, den ersten Schritt zu machen (lacht). Aber ernsthaft: ich glaube, Bewegtbild wird eine größere Rolle spielen. Videos helfen, jemanden noch besser zu verstehen und kennenzulernen. Daher wird es bald auch bei Bumble die Möglichkeit geben, Stories zu teilen, so wie bei Snapchat und Instagram. Diese Clips können Nutzer dann ihrem Profil anhängen, um mehr von ihrem Alltag preiszugeben.

Benutzen all Ihre Freunde Bumble?

Jeder, allerdings nicht unbedingt, um die große Liebe zu finden. Viele nutzen Bumble, um Freunde zu finden, Anschluss in einer neuen Stadt zu bekommen oder, um Reisetipps zu erhalten.

Sie haben es selbst gesagt, Online-Dating ist weit verbreitet und normal. Dennoch versuchen viele Menschen immer noch zu verheimlichen, wenn sie sich im Netz oder über eine App kennengelernt haben. Wieso?

Wirklich? Ich habe das Gefühl bei Bumble ist es genau andersherum. Es ist wie ein soziales Netzwerk.

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen? Und falls ja, wie definieren Sie Feminismus?

Als wir Bumble gründeten, habe ich mir über Feminismus überhaupt keine Gedanken gemacht. Ich habe das Gefühl, die ganze Feminismus-Debatte brach etwa sechs Monate nach der Gründung über uns herein wie ein Wirbelsturm, der sich in Windeseile ausgebreitet hat. Erst dann habe ich angefangen, mich mit Feminismus und seiner Wahrnehmung zu beschäftigen. Letztlich geht es doch nur um den Wunsch nach der Gleichstellung von Mann und Frau. Der Wörterbuchdefinition zufolge bin ich also auf jeden Fall Feministin, jeder einzelne sollte so ticken. Deswegen gehe ich aber noch lange nicht auf die Straße und brülle Männer an. Das sind einfach meine Werte. Frauen sollten nicht rebellieren müssen. Leb nach feministischen Grundsätzen, verhalte dich so und mach aus der ganzen Debatte etwas vollkommen Normales. Dadurch nimmt man dem Thema letztlich die Brisanz .

Wie schwer ist es als erfolgreiche junge Frau in der Tech-Branche?

Klar, als ich Bumble gründete, haben mich manche Leute nicht ernst genommen und bis heute gibt es schwierige Situationen in Meetings, aber man muss sich den Respekt einfach erarbeiten. Ich glaube manche Frauen tun sich in Karrieredingen schwer, weil sie sich von vornherein in eine untergeordnete Rolle fügen und annehmen, nicht mit ebenso viel Respekt und Achtung behandelt werden zu müssen wie ihre männlichen Kollegen. Natürlich habe ich mich in der Vergangenheit auch schon so benommen. Es kann aber auch von Vorteil sein, unterschätzt zu werden.

Wie meinen Sie das?

In dem Fall hat dich niemand im Blick, der Überraschungseffekt ist größer (lacht).

Zu guter Letzt, noch eine persönlichere Frage: haben Sie Ihren Verlobten eigentlich auch über Bumble kennengelernt?

Nein, wir haben uns im echten Leben kennengelernt – leider (lacht).

Und wer hat den ersten Schritt gemacht?

Gute Frage, ich glaube wir beiden irgendwie. Ich kann mich gar nicht recht erinnern. Aber wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich definitiv den ersten Schritt machen.

von Alexandra Bentz