"Ich bin auch im Privaten sehr dominant"

Aus Theaterkreisen drang zu uns durch, dass dieser Regisseur machen dürfe, was er will. Und besser noch: dass er tatsächlich auch nur das mache, was er wolle. Ein Shakespeare aus Neukölln? Das Gespräch mit Ersan Mondtag fand am Abend vor seinem Abflug nach Sri Lanka am mythischen Hermannplatz statt.

Ersan Mondtag | @ Tom Blesch

JOACHIM BESSING: In Ihren Inszenierungen gibt es eine Dominanz der Farbe Rot.

ERSAN MONDTAG: Eigentlich ist es gar nicht meine Farbe.

J B : Welche ist Ihre Lieblingsfarbe?

E M : Ich mag Gelb. Gelb und Grün.

J B : Die kommen bei Ihnen aber nicht vor.

E M : Nein – obwohl, ich baue gerade einen gelben Raum in Frankfurt. Im Museum für Moderne Kunst mache ich eine Szenografie – komplett gelb. Und ich arbeite an einem Bühnenbild in Köln, auch gelb. Aber Rot – wenn ich darüber nachdenke, dann bedeutet Rot Blut.

J B : Easy.

E M : Ganz simpel, ja. Inneres, Gedärme, Fleisch.

J B : Auf Ihrem Twitter habe ich das Warnbild von einer Zigarettenpackung gesehen: Zwei Erwachsene weinen an einem weißen Kindersarg. Sie schreiben, das sei Ihre Inspiration gewesen für die kleine weiße Villa im Bühnenbild von Ihrem „Ödipus“, die sich später auch in einen Kindersarg verwandelt.

E M : Ach so, ja, haha. Nein, das war ein Witz.

J B : Ach so.

E M : Jaja. Nein, das Bühnenbild zu „Ödipus“ habe ich auch gar nicht selbst gemacht, das haben Julian Eicke und Thomas Bo Nilsson entworfen.

J B : Ist Ihnen das Bühnenbild nicht wichtig als Teil einer Inszenierung?

E M : Doch, total. Ich mache ja auch selbst Bühnenbilder. Dieses explizite aber nicht. Ich habe es einfach so durchgehen lassen. Für meine Verhältnisse ist es minimalistisch. Ich bin kein Minimalist. Ich bezeichne mich als Maximalist.

Ersan Mondtag: “Ich gehöre auf jeden Fall zu den Leuten, die ziehen”
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J B : Als ich in den Saal im Gorki Theater kam, duftete es dort nach warm gemachter Kirschmarmelade.

E M : Nicht, dass ich wüsste.

J B : Kam das vielleicht von der E-Zigarette, die Ihr Ödipus in der Schlussszene betätigt – wurde die vielleicht angeraucht?

E M : Könnte sein.

J B : War aber von Ihnen nicht intendiert.

E M : Nein. Also ich arbeite manchmal mit Gerüchen. In Frankfurt zum Beispiel bei „Iphigenie“. Oft verwende ich Wald- und Naturgerüche. Aber bei „Ödipus“ hatten wir keinen Geruch.

J B : Es gibt in Deutschland nicht viele türkischstämmige Regisseure am Theater. Wie sind Sie zum Theater gekommen?

E M : Ich habe schon in der Grundschule Theater gespielt. Dann Theater AG. Das ging dann immer so weiter. Ich habe als Spielender angefangen, und das Spielerische mochte ich von Anfang an. Auf der Bühne kannst du dich total austoben. Ich war ein hyperaktives Kind. Und ursprünglich wollte ich auch Schauspieler werden. Zwischendurch auch mal Tänzer. Über den Spielimpuls bin ich dann in die Regieausbildung gerutscht.

J B : Was heißt da „gerutscht“? Der Regisseur ist doch ganz eigentlich der Spielverderber der Schauspieler.

E M : Der Schauspieler spielt ein Spiel, der Regisseur entwirft das Spiel. Als Kind spielt man Fangen und andere Rollenspiele. Am Theater hat man dann die Möglichkeit, kompliziertere Formen des Zusammenspiels zu bauen. Theater ist die Erweiterung der Kindheit.

J B : Am Sandkasten gibt es zwei Typen: Die einen verlieren sich im Spiel, die anderen beharren auf den Absprachen.

E M : Ich bin auch im Privaten sehr dominant. Ich treffe gern Entscheidungen für andere. Weil die anderen sind meistens zu langsam für meine Begriffe. Diese Situationen, in denen gemeinsam überlegt wird, was gemacht werden soll, mag ich nicht.

J B : Kommt das gut an?

E M : Ich glaube, man ist mir dann dankbar. Es gibt Leute, die sind einfach passiv und lassen sich gern mitziehen. Ich gehöre auf jeden Fall zu den Leuten, die ziehen.

 

„DAS ERBE“, eine Assoziation zum NSU von Ersan Mondtag (mit Olga Bach und Florian Seufert), hat am 22. Juni Premiere in den Münchner Kammerspielen.

In „Tyrannis“ spielen die Schauspieler mit geschlossenen Augen. Die Pupillen waren ihnen auf die Lider gemalt

20.06.2017 | Kategorien Berlin, Interviews, Theater | Tags , ,

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