Douglas Gordon

Er ist dann doch nicht der beinharte Dogmatiker – auch wenn er das selbst gern wäre. Ein paar Minuten mit dem martialisch ausschauenden Humoristen der Herzen.

Douglas Gordon by Marc Lilius

Von: KATJA HORVAT

Douglas Gordon, geboren in Glasgow im Jahr 1966, wurde von Zeugen Jehovas erzogen. Seine erste Tätowierung lautet „Vertrau mir“. Er ist Fußballfan. Feuer fasziniert ihn nicht nur, er beschäftigt sich beinahe schon zwanghaft mit Feuer, einmal hat er einen Konzertflügel abgefackelt, und seine Karriere fing er deshalb auch an mit Performancekunst.

Aus jenen Tagen hat er sich vor allem seine Art und Weise erhalten, einen Raum zu betreten; seinen Claim abzustecken. Einmal behauptete er, „ein ziemlich beinharter Rechthaber“ zu sein, um das dann mit dem darauffolgenden Satz zu ergänzen: „Ich behalte mir das Recht vor zu tun, was immer ich will.“ Das kann man lustig finden. Sollte man eigentlich sogar.

Für seine Kunst wurde er 1996 mit dem Turner Prize ausgezeichnet. Das Werk aus dem Jahr 1993 hat den Titel „24 Hour Psycho“ und versprach genau das: Douglas Gordon hatte den Klassiker von Hitchcock mithilfe zeitgenössischer Technik derart verlangsamt dargestellt, dass man bei dem Szenenbeginn des legendären Gemetzels unter der Dusche aufs Klo gehen konnte, und wenn man wiederkam, hatte man quasi nichts verpasst.

Bei Gelegenheit zitiert er Tim Burton, der gesagt haben soll: „Jede Geschichte braucht einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss – bloß halt nicht nötigerweise in exakt dieser Reihenfolge.“

Habe ich vielleicht deswegen auch vergessen, dass Herr Gordon die höchste Auszeichnung der französischen Akademie für Sprache und Dichtung zu führen berechtigt ist?

“Ich schlafe nie. Ich hasse diesen Tod scheibchenweise.”
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KATJA HORVAT: Douglas,wann sind Sie zum letzten Mal im Kino gewesen, um sich einen Film von jemand anderem anzuschauen?

DOUGLAS GORDON: Hahaha-haha! Sie sind ja witzig. Köstlich! Na ja, zurzeit gehe ich meistens mit meiner Tochter und deren Freundinnen aus. Von daher waren die letzten Filme „Hilfe, ich habe meine Eltern geschrumpft“ beziehungsweise „Paddington 2“. Das Ende von „Paddington 2“ habe ich allerdings verpasst, weil ich eingeschlafen war. Wohingegen ich mich bei „Hilfe …“ an rein gar nichts mehr erinnern kann, weil ich den komplett verschlafen habe. Neulich war ich mit meinem Sohn, er ist etwas älter, in „Dunkirk“, einem Kriegsfilm, und das war dann doch eine recht unterhaltsame Angelegenheit. Auch weil es mit meiner Arbeit zu tun hatte, in der ich mich damit beschäftige, wie wir etwas wahrnehmen. Und den Film schauten wir uns in einem relativ kleinen Saal an, in einem Örtchen an der schottischen Ostküste, sodass wir beim Verlassen des Kinos am Strand spazieren konnten. Dort ging ein kalter Wind. Da trugen wir noch die Atmosphäre des Films in uns und schauten die Lebensfeindlichkeit des tosenden Meeres. Nun konnten wir das erkennen.

KH: Stimmt die Geschichte, dass Sie als Student die filmtheoretischen Seminare überhaupt nicht mochten? Warum?

DG: Haben wir uns schon mal getroffen? Sie scheinen viel über mich zu wissen. Ich bin dem Thema Film auf der Akademie aus dem Weg gegangen, so gut das ging. Dabei war ich auch damals schon total interessiert, hatte aber keine Lust, mich vor kleiner Runde mit einer Fingerübung zu blamieren. Dann schon lieber in der ganz großen Runde und dafür Hitchcock nutzend mit „24 Hour Psycho“.

"New Color Empire", 2006-10

KH: François Truffaut schrieb am 2. Juni 1962 einen Brief an Alfred Hitchcock und bat um ein ausführliches Gespräch. Eine der Fragen in „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ lautet, ob Träume einen Einfluss auf seine Arbeit gehabt hätten.

DG: Hitchcock sagte: „Tagträume vielleicht.“

KH: Und wie ist das bei Ihnen?

DG: Meine Mutter hat mir da neulich ein herrliches Zitat geschickt, es stammt aus dem Film „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ nach der Romanvorlage von Jules Verne. Sagt der eine: „Ich schlafe nie. Ich hasse diesen Tod scheibchenweise.“ Aber persönlich liebe ich den Schlaf. Und ich träume ausgesprochen gern – egal ob im Schlaf oder wenn ich wache. Ich will nur mehr davon; so bin ich: Ich kriege nie genug. Wenn ich nur irgendwie mehr schlafen könnte, mehr träumen, dann würde ich das auch tun, glauben Sie mir!

KH: Hat Sie dieses Buch von Truffaut und Hitchcock beeinflusst?

DG: Klar, da trafen sich die für mich wichtigsten Erzähler. Aber am meisten hat mir daran gefallen, wie sie es geschafft haben, aus einem Gespräch eine interessante Geschichte zu machen.

“Schau dir den Typen mal an, der ist bestimmt was für dich.”
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 KH: Wie schaut es aus mit dem Urheberrecht? Ihre Arbeit „24 Hour Psycho“ ist ja im Grunde nichts anderes als der Film von Hitchcock, vorgeführt in einer stark verlangsamten Geschwindigkeit. Damit haben Sie den Turner Prize gewonnen – und nicht etwa Alfred Hitchcock.

DG: Knifflige Frage, das gebe ich zu. Aber die Antwort kann ich allerkürzestens in Buchform geben.

KH: War das Geld das Beste an dem Preis? Ich meine: Immerhin waren das 25 000 Pfund.

DG: Nein, überhaupt nicht. Ich war ja der bislang jüngste Künstler, der jemals mit dem Turner Prize ausgezeichnet
wurde. Und bin es noch immer, glaube ich. Als die Ausstellung der Kandidaten eröffnet wurde, war ich 29, mit 30 hatte ich den Preis in der Tasche und fühlte mich wie ein alter Sack.

KH: Mit den Titeln Ihrer Werke nehmen Sie häufig Bezug auf Andy Warhol. Von welchem Aspekt seines Werkes fühlen Sie sich angesprochen?

DG: Ein Lehrer hatte mich auf Andy Warhol gebracht, damals war ich vielleicht 15. Im darauffolgenden Jahr lieh ich mir von jemandem eine Platte aus, das war The Velvet Undergrounds „Live at Max’s Kansas City“. Ich hörte mir die Scheibe an, und meine Mutter kam in mein Zimmer: „Ach je, ,Max’s Kansas City‘! Da war ich mal als junge Frau (sie hatte in den Sechzigern als Au-pair-Mädchen in New York gearbeitet). Velvet Underground habe ich leider nie gesehen, aber ich habe viel von ihnen gehört und von diesem Andy Warhol. Schau dir den Typen mal an, der ist bestimmt was für dich.“

"Self Portrait of You+Me (David Bowie 03)", Douglas Gordon, 2010

KH: Neulich habe ich mit Bibbe Hansen über Jonas Mekas und Andy Warhol gesprochen. Mekas hat Andy aufs Filmen gebracht. Sie haben einen Film über Mekas gedreht. Wie war das, einem Ihrer Helden in der Wirklichkeit zu begegnen?

DG: Ich habe Jonas Mekas durch Agnès B. in einer Bar kennengelernt. Die Modeschöpferin, mit der ich befreundet bin. Ich weiß gar nicht, wer das scheueste Reh von uns ist. Ein paar Gläser Champagner, viel Lachen, viele Missverständnisse. Ich spreche Englisch mit schottischem Akzent, Agnès spricht Englisch mit französischem Akzent, Jonas Englisch mit litauischem Akzent. Die anderen Gäste waren offensichtlich fasziniert. Es war ziemlich Warhol.

KH: Ziemlich!

DG: Und gerade wegen all der kleinen Sprachverständigungsprobleme sind wir zu ziemlich besten Freunden geworden.

"Self-Portrait as Kurt Cobain, as Andy Warhol, as Mira Hindley, as Marylin Monroe", 1996

KH: Mal was Leichteres: Wodurch wird etwas zu Kunst?

DG: Lawrence Weiner hat mir mal gesagt: „Kunst ist, wenn ich es sage.“ Und ich sage: Er hat recht. Wir sind Künstler. Es ist unser gutes Recht, etwas zur Kunst zu erklären.

KH: Wobei der deutsche Moralkolumnist Dr. Dr. Erlinger festgestellt hat, dass immer dann, wenn jemand behauptet, etwas sei sein gutes Recht, es eben genau nicht sein gutes Recht ist.

DG: Könnte sein. Ich zum Beispiel, als ich das erste Mal behauptet habe, ich sei Künstler, war völlig betrunken. Das war in den Neunzigern in Glasgow während einer Personenkontrolle durch die örtliche Polizeigewalt. Man hatte mich wegen meines lauten Singens auf nächtlichen Straßen festgehalten. Ich behauptete, das sei mein gutes Recht, da ich Künstler sei. Ich sagte die Wahrheit.

KH: Die Wahrheitsfindung findet traditionell im Dialog statt.

DG: Der Ursprung der Kunst ist eine Suche nach dem Gespräch.

KH: Schreiben Sie eigentlich noch immer diese unverlangten Briefe? Könnte ich einen von Ihnen bekommen?

DG: Ich habe den Leuten gesagt, dass die Sache mit den Briefen vorbei ist für mich. Stattdessen habe ich mit einer Serie angefangen, die heißt „Nicht abgeschickte Briefe“. Wenn Sie sich mit einem davon begnügen können, kann ich Ihnen einen zukommen lassen.

KH: Okay, dann gebe ich Ihnen meine Adresse. Douglas, welches von Ihren vielen Tattoos war Ihr erstes?

DG: Mein erstes habe ich mir im vergangenen Jahr- hundert stechen lassen. Das war noch lange, bevor Tätowierungen cool waren oder auch nur gesellschaftlich akzeptiert. Ein kleiner Schriftzug auf meinem Oberarm, dort steht „Vertrau mir“. Es gibt eine lange Geschichte dazu, aber, vertrauen Sie mir, die bleibt unter uns.

KH: Warum sind Sie nach Berlin gezogen?

DG: Auch das ist eine längere Geschichte. Auch dafür brauche ich eher ein Buch. Es könnte nämlich gut sein, dass ich hier schon einmal gelebt habe. Egal.

16.03.2018 | Kategorien Interviews, Magazin | Tags , ,