Ed Atkins

Der Künstler hat nur die Wahl, ob er als Mensch existieren will oder als Werk; im zweiten Fall besieht man sich den defekten Rest besser nicht, riet Arno Schmidt.

Film-Still, Ed Atkins, "Happy Birthday!!", 2014.

Von: KATJA HORVAT

Ed Atkins entwickelte einmal eine ganze Ausstellung aus einer Wimper, die der Künstler in seiner Vorhaut fand. Er ist besessen von abgeschlagenen Köpfen, was mit Surrealismus, Bataille und der Philosophin Julia Kristeva zu tun hat. Er nennt Hollis Frampton, ein Pionier digitaler Kunst, einen seiner wichtigsten Einflüsse. Hans Ulrich Obrist wiederum nannte Atkins „einen der großen Künstler unserer Zeit“. Der Brite arbeitet vorrangig mit HD-Video und Text. In seiner Kunst instrumentalisiert und unterwandert er die Konventionen von Literatur und Film.

KATJA HORVAT: Ed, welche Situationen bewegen Sie zum Lügen?

ED ATKINS: Viele.

KH: Sind Sie selbstsicher?

EA: Nein.

KH: Der Protagonist Ihrer Videoarbeit „Ribbons“ (2014) ist eine Art Modell, das Sie nicht repräsentieren kann, aber dem Sie doch innewohnen. Was meinen Sie damit?

EA: Die Figur ist ein Albtraum, scheußlich und bösartig, all das. Ihr Kostüm ist nicht beliebig. Ich überlasse nichts dem Zufall, sondern entscheide über jedes Detail. Es geht eindeutig um mich und meinen Scheiß – aber nicht auf eine Art und Weise, die für andere entzifferbar ist. Glaube ich.

 

Ed Atkins: Safe Conduct, 2016

KH: Ihr Modell tritt auch in Ihrer Arbeit „Hisser“ auf und in „Safe Conduct“. Beide Male schwingt ein Gefühl von Gewalt mit. Was ist da los?

EA: Das Modell macht viele schreckliche Erfahrungen, die aber alle nicht real sind. Und das Modell leidet auch nicht wirklich – obwohl ich dafür sorge, dass es eben das tut und sein nicht erlittenes Leid seinem Nichtkörper auch anzusehen ist und so weiter. Das Modell ist lädiert, blutig und verängstigt, weil ich es so geschaffen habe.

KH: Alex Da Corte sagte in einem Interview mit Ihnen: „Wenn wir etwas verlieren, ändert es sofort seine Natur. Die Erinnerung wird zu einer Fantasie, Horrorvision oder sogar zu einem Albtraum!“ Sie sagten dann, Sie wüssten gar nicht, wie man eine Arbeit macht, die nicht auf Verlust basiert.

EA: Verlust bringt Frustration mit sich, aber auch Bewegung. Wenn alles sozusagen „präsent“ wäre – warum sollte man noch etwas machen? Außerdem ist unabhängig davon, wie konkret oder abstrakt die Dinge sind, die man in seiner Kunst zu repräsentieren versucht, die Idee, etwas repräsentieren zu wollen, an sich schon in dessen Abwesenheit begründet. Ich schreibe Verlust groß in meiner Kunst. Es ist ein struktureller Aspekt beim Entstehen und Abrufen von Erinnerungen sowie auch sonst allem, was nicht genau in diesem Moment geschieht.

Film-Still, Ed Atkins, "Happy Birthday!!", 2014.

All images courtesy the Artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rome, dépendance Gallery, Brussels