Elfie Semotan

Dem notorisch kamerascheuen Helmut Lang rang die Fotografin ein (halbes) Porträt ab. Martin Kippenberger steckte Elfie Semotan ins Blumenkleid.

ELFIE SEMOTAN PORTRAIT

Von: FRAUKE FENTLOH

Elfie Semotan hat schon gefrühstückt, amNebentisch klappert das Servierpersonal demonstrativ mit Geschirr. Man solle doch, so die Botschaft, bald aufstehen und gehen. Kaffee gibt es aber noch. Elfie Semotan ist in Berlin, um eine Ausstellung über österreichische Mode zu eröffnen. Sie ist Fotografin und gemeinsam mit Helmut Lang der womöglich einzige große Modeexport Österreichs. Lang und Semotan sind auch schon sehr lange befreundet. Als er noch Kleider entwarf, fotografierte sie seine Kollektionen. Gelegentlich lief sie auch in seinen Modenschauen. Semotan war mit dem Künstler Kurt Kocherscheidt und später mit Martin Kippenberger verheiratet und hat für so ziemlich jedes große Magazin fotografiert.

FRAUKE FENTLOH: Es gibt ein sehr bekanntes Foto von Ihnen, ein Porträt von Helmut Lang. Es zeigt nur die eine Hälfte seines Gesichts. Wieso eigentlich?

ELFIE SEMOTAN: Da gibt es eigentlich keine spezielle Geschichte dazu, außer: lange Sessions mit Helmut. Ganz lange Sessions mit Helmut. Einfach die Schwierigkeit, genau das einzufangen, was er haben wollte.

FF: Er hat mal gesagt: „Having my picture taken is still the same old drama.“

ES: Ja! Always! Always drama. Es war ganz schwierig, ihn von sich abzulenken.

FF: Er gefiel sich nicht auf Fotos?

ES: Man konnte von ihm wunderbare Fotos machen. Aber es gibt ganz viele Leute, die sich ihrer Möglichkeiten zu sehr bewusst sind. Da wird es wirklich schwierig, mit denen zu arbeiten.

Helmut Lang, New York, 2006

FF: Werden Sie denn selbst gern fotografiert?

ES: Nein, ich hasse es genauso! Ich kenne das auch von Maria Lassnig, mit der ich eine Fotoserie konzipiert habe. Es hat ihr wahnsinnigen Spaß gemacht. Und dann wollte sie mit 84 aussehen wie mit 17. Es war doch eh fantastisch! Nach zwei Jahren hat sie gesagt: ganz toll. Aber es ist manchmal schwierig, sich selbst zu akzeptieren.

FF: Louise Bourgeois haben Sie zwischen Pappmaschee-Puppen platziert.

ES: Die drei rosa Figuren, ja. Es war eigentlich Helmut Lang, der mit ihr befreundet war.

FF: Die Marke Helmut Lang erlebt gerade eine richtige Renaissance. Haben Sie das verfolgt?

ES: Ich habe es nicht verfolgt, aber ich habe es natürlich mitbekommen. Die haben sich ja auch gemeldet, weil sie das in die Richtung, die Helmut Lang vorgegeben hat, weiterführen wollen. Aber ich habe mit Helmut Lang zu tun und nichts mit diesem Label.

FF: Er lebt ja mittlerweile als Künstler in Long Island, besuchen Sie ihn?

ES: Ja, klar!

FF: Gefällt Ihnen seine Kunst?

ES: Ja, er hat auch gerade eine Ausstellung in Wien gehabt.

“Es ist manchmal schwierig, sich selbst zu akzeptieren.”
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FF: Sie sind in Österreich auf dem Dorf aufgewachsen. War man streng dort?

ES: Also, bei mir war es nicht so streng, weil meine Familie zerrüttet war, von daher konnte sie nicht streng sein. Meine Mutter ist sehr früh weggegangen, da war ich zwei, meine Schwester war vier. Mein Vater war mit uns beiden gestrandet, auf dem Land, als arbeitender Mann. Der hat dann immer junge Frauen als Wirtschafterinnen gehabt, die er sich gar nicht leisten konnte, er hat ja wenig Geld verdient. Das Ganze hat sicher dazu beigetragen, meinen Sinn für Unabhängigkeit und Freiheit zu bestärken. Wir waren mal da, mal dort, bei Bauern, wenn mein Vater irgendwo hinmusste. Ich fand das ganz spannend, ich habe nicht unbedingt grässliche Erinnerungen.

FF: Es muss aber extrem ungewöhnlich gewesen sein damals: ein alleinerziehender Vater.

ES: Ja, es war ungewöhnlich, dass meine Mutter sich entschlossen hat, uns zu verlassen und sich von meinem Vater zu trennen. Ich muss sagen, ich habe ihr das nie wirklich übel genommen, ich habe es irgendwie verstanden. Sie sagte, sobald sie könne, sobald sie Geld verdiene, würde sie mich zu sich nehmen.

FF: Hat sie das getan?

ES: Ja, na ja, das war schon kompliziert. Ich bin hin, habe mich dann aber geweigert, in Wien zu bleiben, weil ich es dort als Kind grässlich fand, nur Pflastersteine. Aber mit zehn bin ich einfach allein angereist im Zug, weil ich es wiederum auf dem Land mit meiner Stiefmutter nicht ausgehalten habe. Es war turbulent.

1997 Backstage bei einer Helmut-Lang-Show in New York

FF: Später gingen Sie nach Paris und wurden Fotomodell.

ES: Ich ging nicht, um als Model zu arbeiten, ich bin nur aus Wien weggegangen, weil ich gemerkt habe, dass es in Österreich gar keine Mode gab. Es gab vier oder fünf Haute-Couture-Salons, die ganz gut oder mittelmäßig ihr Dasein fristen konnten. Nach der Schule habe ich angefangen, dort zu entwerfen. Aber am dritten Tag bin ich abends gegangen und dachte mir, selbst wenn ich 60 bin, werde ich das, was die produzieren, niemals anziehen. Weil es einfach schrecklich ist.

FF: Konnte Paris Sie überzeugen?

ES: Dort habe ich gesehen, was Mode ist. Die Haute-Couture-Salons! Nachdem ich aber ganz schnell von irgendetwas leben musste, bin ich Fotomodell geworden. Mir erschien es nicht als Ideal aller Dinge. Die Schönste damals war eine 30-jährige Frau, Denise irgendwas, sie hatte große Augen mit riesigen Augendeckeln, was ich mir immer gewünscht hatte. Hatte ich nicht, aber sie hatte sie. Ich war bei einem Fotoshoot mit ihr dabei, und der Fotograf hat sie herumkommandiert. Und ich dachte, wenn ich 30 bin, lasse ich mich nicht mehr so anschauen.

FF: Das Modeln hat Ihnen kein bisschen gefallen?

ES: Es war manchmal lustig, wenn die Fotografen gut waren. Was mir gefallen hat, war nicht das Modelsein an sich, sondern was damit verbunden war. Ich bin überall hingefahren, nach Indien. Das war damals noch viel großzügiger und lässiger, mit Tagen vorher und nachher, an denen man sich einrichten konnte oder was anschauen.

“Ich hatte mir immer große Augen mit riesigen Augendeckeln gewünscht. Hatte ich aber nicht.”
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FF: Was wurde in Indien fotografiert?

ES: Ich glaube, das waren Badeanzüge. Eigentlich auf Sri Lanka. Es war großartig. Das Meer war wunderbar. Wir haben in diesem wahnsinnig schönen Kolonialhotel gewohnt. Ich erinnere mich noch an riesige Wellen, es gab aber Haifische, da bin ich in der Nacht dann nicht hineingegangen. Das war mir zu gefährlich. Ich erinnere mich auch, dass wir am Strand fotografiert haben, und irgendwann sind immer mehr junge Männer an den Strand gekommen. So aus dem Wald gesickert. Und dann hat einer von den Leuten, die uns dort geholfen haben, das zu organisieren, gesagt, so, jetzt steigen wir alle ziemlich schnell in die Autos und fahren ins Hotel.

FF: Haben Sie sich bedroht gefühlt?

ES: Na ja, als es immer mehr geworden sind, habe ich mir schon Gedanken gemacht. Ich meine, wir haben ja immer Badeanzüge angehabt. Aber dort war das schon etwas anderes.

FF: Wann haben Sie begonnen, selbst zu fotografieren?

ES: Das ging fließend. Ich war sehr mit Sarah Moon befreundet, sie war damals auch Fotomodell. Sie hat angefangen zu fotografieren, weil sie immer ihren Freunden Geld geliehen hat, das die schwer zurückzahlen konnten. Und einer hat ihr dann mal statt Geld eine Nikon gegeben. Ich habe angefangen, weil ich einige Jahre mit einem Fotografen zusammen war. Da habe ich selbst sofort angefangen: Filme entwickeln, fotografieren. Das hat mir besser gefallen, als vor der Kamera zu stehen.

FF: In den Neunzigern gingen Sie nach New York.

ES: Das war 1993, 1994, mein erster Mann war gestorben, da wollte ich einfach aus Wien raus. Aus privaten und beruflichen Gründen fand ich, dass ich mich trennen musste von alldem und etwas ganz anderes machen. Was nicht so einfach war, weil mein Sohn damals erst 13, 14 war.

FF: New York war aber wahrscheinlich auch noch viel spannender.

ES: Es war richtig, richtig spannend. Ich war ja schon nicht mehr die Jüngste, ich meine, ich bin mit 52 nach Amerika gegangen und habe dort einfach von vorn angefangen.

“Mir war es wichtig, die Mode aus den sterilen Luxus-Schönheit-Reichtum-Schauplätzen herauszuholen.”
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FF: Sie haben für alle großen amerikanischen Magazine gearbeitet.

ES: Ja, ja. Und ich habe dort auch ganz viele Sachen gemacht, die man heute sicher nicht mehr in dieser Form machen könnte. Ganz konzeptionelle Sachen. Für Martin Margielas konzeptionelle Kleidung konzeptionelle Fotografie gemacht sozusagen. Oder Schmuck fotografiert nach Bildern von Roy Lichtenstein, mit einem Mädchen mit gelber Plastikperücke. Aber gut frisiert. Mir war es wichtig, die Mode aus den sterilen Luxus-Schönheit-Reichtum-Schauplätzen herauszuholen. Und Menschen zu fotografieren, die tatsächlich Personen waren, nicht nur Hintergründe für Kleider.

FF: Haben Sie einfach Menschen aus Ihrem Freundeskreis fotografiert?

ES: Nein, das waren schon Models. Aber ich habe natürlich trotzdem viele Leute aus meinem Freundeskreis fotografiert, wie Cordula Reyer, die ja selbst Model war und einen Bruder hatte, der einfach großartig aussah. In einer Strecke für die französische „Vogue“, die hieß „Le fil gris“, habe ich die ganze Cordula-Familie und meine eigene hineingemischt.

FF: Später waren Sie mit Martin Kippenberger verheiratet. War das ein kompliziertes Zusammenleben?

ES: Es war einfach und kompliziert. Für mich war es immer ganz wichtig, selbstständig zu sein, und für meine Männer auch. Es hilft sehr beim Zusammenleben, wenn man ein eigenes Leben hat und das immer wieder zusammenführt.

Das Ehepaar Kippenberg und Semontan 1996 in Wien

FF: Wie haben Sie zwei sich kennengelernt?

ES: Ich kannte Kippenberger schon durch meine Umgebung, als Künstler. So richtig kennengelernt habe ich ihn bei einem Freund in Griechenland. Da waren sehr viele Leute, und er eben auch.

FF: Es heißt, Kippenberger wollte damals gern mit Helmut Lang Bilder gegen Kleider tauschen.

ES: Stimmt, das hätte er gemacht! Aber Helmut Lang wollte nicht.

FF: War Kippenberger modische Kleidung wichtig?

ES: Ja, absolut. Kann man so sagen.

FF: Sie haben ihn mal im Kleid abgelichtet.

ES: Ah, ja! Ich glaube, es ist Issey Miyake, ein Abendkleid. Da habe ich eine Strecke fotografiert, und dafür kam ein Stylist aus Paris angereist. Der kam mit Tapeten und Blumen, was der alles mitgebracht hat. Da war auch ein junger Mann, der unbedingt als Fotomodell mit mir arbeiten wollte, aber ziemlich klein war, dem habe ich gesagt, bitte konzentriere dich auf was anderes, du wirst nie ein gutes Fotomodell werden. Aber er hatte ein tolles Gesicht. Wir haben ihm auch noch ein Cocktailkleid angezogen und ihn darin von hinten fotografiert. Bei dem Miyake-Kleid wussten wir nicht genau, was wir damit machen sollten. Martin kam gerade vorbei mit seiner kleinen Tochter. Ich habe ihn gefragt, ob er das Kleid anziehen kann. Ich dachte, er wird sagen: „Bist du verrückt geworden? Das mache ich nicht.“ Aber er meinte: „Klar!“ Und zack. Er hat dann natürlich auch großartig ausgeschaut.

14.03.2018 | Kategorien Fotografie, Interviews, Magazin | Tags , ,