In der Farbe liegt die Kraft

Neo Rauch hat nicht nur die Neue Leipziger Schule begründet, sondern ist auch mitverantwortlich dafür, dass die Welt längst wieder auf Malerei „made in Germany“ schaut. Für seine Werke werden Millionen gezahlt, als Maler ist er ein Superstar. Obwohl extrem medienscheu, konnte die Autorin und Filmemacherin Nicola Graef ihn für ihren neuen Film drei Jahre lang mit der Kamera begleiten.

Interview: Frau Graef, Sie sollen Neo Rauch bei Ihren ersten Treffen immer wieder Bücher geschenkt haben. Haben Sie so das Eis gebrochen?

Nicola Graef: Ich glaube, dass man mit Künstlern nur über das, was sie tun, ins Gespräch kommen kann. Oder über das, was einen selbst in ihren Arbeiten bewegt. Die Sache mit den Büchern rührt daher, dass ich persönlich sehr viel lese. Ich habe ihm einfach erzählt, dass ich bei diesem oder jenem Text instinktiv an seine Arbeiten denken musste. Natürlich wusste ich, dass er ein großer Sprachfreund ist und sich seiner Wortwahl sehr bewusst ist. Er selbst nutzt ja auch ein ungewöhnliches Vokabular, das bisweilen fast anachronistisch wirkt und eher einer Schriftsprache gleicht. Man muss ihm sehr genau zuhören und ist permanent dazu aufgefordert, sich seiner eigenen Sprache bewusst zu werden.

Interview: Ihre Herangehensweise scheint ihn überzeugt zu haben.

NG: Anfangs war noch nicht klar, ob er bei unserem Projekt mitmachen würde, geschweige denn, dass ich ein Interview mit ihm bekomme oder ihn beim Malen filmen kann. Ich denke aber, er hat durch unsere Gespräche im Vorfeld, die wir häufig zu dritt mit seiner Frau Rosa Loy geführt haben, sehr schnell bemerkt, dass es mir ausschließlich um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit seiner Kunst geht.

Interview: Es fällt einem sofort auf, wie menschlich und nahbar Neo Rauch in Ihrem Film wirkt.

NG: Das freut mich zu hören. Ich bin kein Freund dieser endlosen, promovierten Kunsthistorikertexte. Die habe ich zwar auch alle gelesen, letztendlich haben Neo Rauch und ich uns aber über meinen persönlichen Blick auf sein Werk verständigt. Darin lag für ihn sicherlich auch ein gewisser Reiz. Ich möchte mit meinen Filmen einem möglichst großen Publikum den Zugang zur Kunst ermöglichen. Deshalb haben wir auch Menschen zu Wort kommen lassen, die mit der Kunst von Rauch leben und ganz persönlich schildern, was sie darin sehen.

Interview: Sie haben ihn nun kennengelernt. Was fasziniert Sie am meisten an Neo Rauch?

NG: Was mich beeindruckt hat, ist seine hohe Konzentrationsfähigkeit. In anderen Ateliers sieht man an den Wänden oft unzählige Bilder, Fotos, Postkarten und Zeitungsausschnitte – irgendwelche Referenzen aus der Realwelt oder der Kunstgeschichte, die den Bilderkosmos des Künstlers mit beeinflussen. Bei Neo Rauch findet all das nicht statt. Er stellt einen unglaublich intimen Dialog mit der Leinwand und dem malerischen Prozess her. Zu beobachten, wie sich ganz allein aus ihm heraus eine leere Leinwand füllt und sich ständig verändert, fand ich absolut faszinierend.

Nicola Graef: “Jeder kann in Neo Rauchs Bildern etwas finden, was mit ihm selbst zu tun hat”
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Interview: Er strahlt eine enorme Ruhe bei der Arbeit aus. Woher kommt diese Gelassenheit?

NG: Neo Rauch ist ein unzeitgemäßer Mensch, der die Dinge mit Bedacht tut. Genau das fordert er auch von seinem Gegenüber ein.

Interview: Haben Sie sich deshalb auch für die sehr langen Kameraeinstellungen entschieden?

NG: Mir war relativ schnell klar, dass wir eine Bildsprache finden müssen, die ihm und seiner Arbeitsweise entspricht. Wir haben uns bewusst für eine stille, zurückgenommene Kameraführung entschieden, die seine hohe Konzentration widerspiegelt.

Interview: Warum, glauben Sie, ist Neo Rauch so erfolgreich?

NG: Diese Frage hat mich von Anfang an beschäftigt. Seine Malerei, seine Figuren und seine Farbgebung haben zuweilen etwas sehr Altertümliches. Es geht oft um Tätigkeiten, die aus unserer heutigen Zeit herausgelöst scheinen, auch wenn es hier und da zeitgenössische Referenzen gibt. Neo Rauch schafft es offenbar, Fragen zu stellen, die sich mit dem zutiefst Menschlichen beschäftigen. Zum Beispiel stellt er immer wieder Bezüge zu Träumen und Albträumen her, und ich glaube, dass das etwas ist, was tatsächlich alle Menschen berühren kann. Neo Rauchs Kunst funktioniert letzten Endes über akademische und gesellschaftliche Grenzen hinweg. Jeder kann in Neo Rauchs Bildern etwas finden, was mit ihm selbst zu tun hat.

Interview: Was sagte Neo Rauch zum fertigen Film?

NG: Er hatte bis zur Premiere keine einzige Sekunde des Films gesehen. Bei der Vorstellung wirkte er, wie wir alle, sehr aufgeregt. Er konnte vorher wohl einige Tage nicht gut schlafen. Der Film hat ihm aber gut gefallen, das hat er mir später gesagt.

„Neo Rauch. Gefährten und Begleiter“ läuft ab dem 2. März 2017 im Kino.

Interview: Insa Grüning | Fotos: PR/ Uwe Walter