Genieve Figgis:
Dame mit Pinsel

Die Kunst von Genieve Figgis sieht aus, als habe man einen Tim-Burton-Film in Öl gemalt. Also ganz schön gut.

Foto: Anton Gottlob

Von: KATJA HORVAT

Natürlich hat Tim Burton mit Genieve Figgis rein gar nichts zu tun. Die Irin malt vom Rokoko inspirierte Öl- und Acrylbilder, die aber viel lustiger aussehen, als das klingt. Figgis’ Figuren tragen stets einen irgendwie schockiert-verzweifelten und zugleich irre entzückten Ausdruck im Gesicht. Die Malerin – die übrigens einen sehr kleinen Hund besitzt, der ebenfalls irgendwie verzweifelt und zugleich irre entzückt dreinschaut – malt mit Vorliebe ins Absurde gewandte Versionen kunsthistorischer Gemälde. Jean-Honoré Fragonards verträumte „Schaukel“ kommt ebenso zu Ehren wie Manets Klassiker „Olympia“, auf dem sich eine nackte Schönheit auf dem Bett fläzt. Ein Werk von Frederic William Burton mit dem erfrischenden Titel „Hellelil and Hildebrand, the Meeting on the Turret Stairs“ ist auch wichtig.

Man kann sich also vorstellen, dass Figgis ein Gespür für Körper und Humor hat. Beide Qualitäten lassen sich auf eine katholische Erziehung und frevelhafte Vorstellungskraft zurückführen. Aber irgendwie lässt sich ja alles auf Katholizismus zurückführen. Früher lud Figgis ihre Kunst in sozialen Medien hoch, wo ein gewisser Richard Prince sie entdeckte. Prince wurde zu Figgis’ treuem Unterstützer und machte sie in der New Yorker Kunstszene bekannt. Die Künstlerin freut’s. Figgis ist ausgesprochen charmant, als Person und als Künstlerin: Ihre bourgeois-verträumte Bilderwelt ist gefällig. Man kann und will sich nicht an ihr sattsehen.

Foto: Anton Gottlob

KATJA HORVAT: Genieve,erzählen Sie lieber Geschichten oder die Wahrheit?

GENIEVE FIGGIS: Beides gleichzeitig, mit einer Prise Humor.

KH: Treibt Sie das Fantasieren über das Leben im Viktorianischen Zeitalter oder im Rokoko an?

GF: Ich würde gerne mithilfe einer Zeitmaschine Orte erkunden, von denen ich nur gelesen habe. Ich möchte alles sehen, fühlen und erfahren!

KH: Ihre Arbeit spielt oft auch auf Promiskuität an. Würden Sie sagen, dass kreative Menschen promiskuitiver sind?

GF: Ich glaube, dass unsere Fantasie stets unterhaltsamer ist als die Realität. Ihren Unterhaltungswert verdankt meine Arbeit meiner katholischen Erziehung. Es gab so viele Regeln, so viele Dinge, die nicht gesagt oder getan werden durften. Ich teste diese Ideen unbedingt in meiner Arbeit. Außerdem habe ich meinen Ehemann mit 17 kennengelernt, das tut vermutlich das Übrige.

KH: Jean-Honoré Fragonard, dessen „Schaukel“ Sie neu auflegten, sagte einmal: „Wenn es sein muss, male ich auch mit meinem Hintern.“ Lieben Sie die Malerei genauso sehr?

GF: Da ich einen sehr großen Hintern habe, wäre das einfach verrückt, haha. Meine Art zu malen ist sehr frei und abenteuerlich. Wenn ich an einem großen Werk arbeite, wird es sehr gefährlich. Dann werfe ich schon mal Farbeimer von oben von der Leiter herunter und der Boden wird zur Todesfalle. Ein paar Mal bin ich fast ausgerutscht.

KH: Über das Covern berühmter Arbeiten sagten Sie einmal, es fühle sich an wie Karaoke.

GF: Tut es auch, und ich möchte so viel wie möglich erfahren – oder singen.

KH: Wenn Sie die Werke anderer Künstler covern, geben Sie ihnen oft Ihre eigenen, neuen Titel. Warum das?

GF: Manchmal, wie im Fall von „Olympia“, benutze ich auch ihre originalen Titel. Ich kann nicht genau sagen, wie das passiert – es muss sich einfach richtig anfühlen.

 

“Wenn ich an einem großen Werk arbeite, wird es gefährlich. Dann werfe ich Farbeimer von oben von der Leiter herunter. Und der Boden wird zur Todesfalle.”
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KH: Apropos „Olympia“: Manets Werk war seinerzeit sehr kontrovers. Es zeigt eine nackte Frau in ähnlicher Pose wie Titians „Venus von Urbino“ von 1538. Aber statt einer Göttin porträtierte Manet eine Edelsexarbeiterin. Damit führte er Titians Gemälde ad absurdum. Was passiert in Ihrer Interpretation?

GF: Die „Olympia“, die ich gemalt habe, ist eine Frau, die eine Göttin spielt, die eine Sexarbeiterin spielt – sie steht im Dienst des Vorwands. Aber mit ein klein wenig Humor.

KH: Manche sagen, man müsse den Künstler und sein Werk separat betrachten. Ich schätze mal, Sie teilen diese Ansicht nicht.

GF: Künstler bringen Erfahrungen aus ihrem Leben in ihre Werke ein. Ihre Kunst reflektiert ihre Obsessionen und ihr Verlangen – Sie haben also absolut recht mit Ihrer Vermutung.

KH: Fühlen Sie sich manchmal, als führten Sie ein Doppelleben? Mit Ihrer Arbeit, dem Privatleben und Social Media sind es ja fast schon drei.

GF: Absolut. Meine Arbeit bringt mir Freude, weil sie anders ist. Social Media kann Spaß machen, weil ich sehen kann, was andere Künstler machen. Aber ich versuche abzuschalten, wenn ich nach Hause komme, abgesehen von gelegentlichen E-Mails und etwas Recherche für den nächsten Arbeitstag.

 

KH: Am 21. April 2014 erwähnte Richard Prince Sie zum ersten Mal in einem Tweet. Vier Tage später teilte er ein Bild einer Ihrer Arbeiten. Kannten Sie sich damals bereits?

GF: Richard Prince folgte mir vom 4. Oktober 2013 an auf Twitter. Ich war ein Fan. Ich kannte seine Arbeit, aber abgesehen davon hatte ich keine Erwartungen an ihn. Es überraschte mich, dass er sich für meine Arbeit interessierte, schließlich ist er aus New York, dem Zentrum der Kunstwelt. Kurz nach unserem Austausch auf Twitter wollte er eines meiner Bilder kaufen. Seine Unterstützung war unglaublich und gab mir den Mut, meine Arbeit und die Zeit im Studio sorgenfrei zu genießen. Ich fühlte mich frei und normal.

KH: Haben Sie Kunstwerke getauscht?

GF: Nein, aber ich liebe alles, was er tut. Er ist einzigartig. Richards Arbeiten sind auf ihrem ganz eigenen Level. Ich glaube, er hat ungefähr 20 meiner Bilder in seiner Sammlung und einige frühe Arbeiten, die in dem Buch „Making Love with the Devil“ bei Fulton Ryder erschienen sind.

KH: 2016 beschwerte sich Prince auf Twitter, dass Kanye West die Plattform als seine „Kunst“ bezeichnete. Er solle seine Kunst noch einmal überdenken – schließlich sei Twitter „seine“, also Princes, Kunst. Jemand bemerkte: „Kanye kommt auf 7000 Retweets, Sie auf zwei“, worauf Prince konterte: „Ja, aber die sind von Larry Clark und Christopher Wool!“ Was, meinen Sie, ist wichtiger: Qualität oder Quantität?

GF: Was Kunst betrifft, wäre es schon schön, den einen oder anderen Namen zu besitzen. Aber ab und an erwischt es einen auch einfach. Und das hat nicht unbedingt etwas mit dem Namen oder aktuellen Marktwert zu tun.

KH: Es heißt, Sie würden gerne auch einen Spielfilm drehen, stimmt das? Ich sehe Sie jetzt schon als eine Coppola.

GF: Ja! Es ist nicht meine einzige Fantasie, aber ja. Mit den Coppolas haben Sie vollkommen recht, sowohl beim Gedanken an Francis als auch an Sofia. Polanski oder Kubrick zu sein wäre auch nicht schlecht.

KH: Michael Haneke führte mit 46 bei seinem ersten Kinofilm Regie. Lebt man besser erst mal ein wenig, bevor man sich hinter die Kamera begibt?

GF: Manchmal ist Unwissenheit ein Segen. Nicht zu wissen, wo einen der eigene Weg hinführt, aber höher zu zielen, als man es sich überhaupt vorstellen könnte. Man muss an sich selbst und seine Vision glauben. Ich liebe Hanekes Filme, besonders „Die Klavierspielerin“.

KH: Hatten Sie noch andere Berufswünsche?

GF: Ja. Als ich 13 war, schenkte mein Vater mir eine Nähmaschine und damals dachte ich, ich werde Modedesignerin. Ich habe Taschen genäht und Kleidungsstücke angepasst. Mode brachte mir Aufmerksamkeit ein und die mochte ich. Außerdem habe ich in und außerhalb der Schule geschauspielert, also erschien mir auch das eine Zeit lang als Option.

KH: Wenn Sie eine Film- oder Romanfigur wären, wer wären Sie?

GF: Da könnte ich mir jeden vorstellen. Ich bin sehr ambitioniert.

KH: Was war die beste Party, auf der Sie je waren?

GF: Letztes Halloween stolperte ich versehentlich in eine Metal-Bar mitten im Nirgendwo. Meine Betrunkenheit ließ mich dem sehr lauten, aber coolen Sound mutig folgen, und dabei erlebte ich die schrägste Party, die ich je besucht habe. Ich fühlte mich wie in Tarantinos „From Dusk Till Dawn“. Natürlich waren alle kostümiert, aber das Setting in dieser Metal/Hardcore-Bar verlieh der Erfahrung etwas ganz Besonderes.

K H Mögen Sie Überraschungen?

GF: Nur die guten.



Credits: 

Fotos: Anton Gottlob

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