Jung, hübsch & gewaltbereit:
Ella Rumpf

Wie die Schauspielerin in „Tiger Girl“ den Baseballschläger in die Hand nimmt.

Ella Rumpf ist Tiger in Jakob Lass’ Film Tiger Girl. Zwei junge Frauen in Berlin, die eine (Tiger) ist unangepasst und gewaltbereit, die andere (Vanilla) möchte gern zur Polizei. Dummerweise landet sie aber nur beim Wachdienst. Jede ist also auf ihre Weise mit den Verhältnissen nicht einverstanden, das ist sozusagen ihr verbindendes Element. Man muss sich den Film ungefähr so vorstellen wie eine Mischung aus Clockwork Orange und Bibi & Tina in der großen Stadt. Also sehr, sehr gut. Ella Rumpf ist in Paris geboren, in Zürich aufgewachsen, in London zur Schauspielschule gegangen und hat in Berlin eine Wohnung gefunden.

Kellnerin: Orangensaft groß oder klein?

Ella Rumpf: Hmm, wie groß ist denn groß?

Kellnerin: 0,4.

(Ella Rumpf schaut fragend, die Kellnerin macht eine Geste, die Spanne zwischen zwei Zeigefingern deutet die Glasgröße an.)

E R : Das haben Sie jetzt aufgezeichnet, oder?

Raha Emami Khansari: Ja, den Skandal wollte ich noch schnell mitnehmen: „Ella Rumpf weiß nicht, wie viel ein 0,4-Glas fasst.“ Dafür können Sie andere Dinge gut. Außerdem sind Sie entschuldigt, Sie waren schließlich auf einer Waldorfschule.

E R : (lacht) Ja, da kann man tatsächlich die Schule schaffen, ohne richtig Mathematik zu beherrschen. Leider war ich aber nicht von Anfang an auf der Waldorfschule, erst als die Staatsschule in der siebten Klasse keine Option mehr war, habe ich gewechselt.

R E K: Das klingt heikel.

E R : Es ging einfach nichts mehr auf der normalen Schule. Ich war total blockiert, und es waren dann meine Eltern, die mich gedrängt haben, die Schule zu wechseln. Zuerst fand ich das total blöd und habe mich dagegen gewehrt, aber nach einer Woche an der neuen Schule war die Sache klar.

R E K : Und dort begann auch die Schauspielkarriere?

E R : Im Grunde schon. Es ist ja Teil des Schulkonzepts, jedes Jahr ein Theaterstück aufzuführen, und in der achten Klasse war das „Romeo und Julia“.

R E K : Und Sie waren die Julia?

E R : Genau. Da dachte ich das erste Mal: „Das ist geil, ich fühl das.“

R E K : „Ich fühl das?“ Das ist Schweizerdeutsch, oder?

E R : (lacht) Ja. Es hat sich eben sehr gut angefühlt und Spaß gemacht. Aber weiter drüber nachgedacht habe ich nicht. Erst als ich meine erste kleine Filmrolle erhielt, kam mir ernsthaft der Gedanke, Schauspielerin zu werden.

R E K : Was Sie im Grunde einem Zufall zu verdanken haben.

E R : Könnte man so sagen. Meine Freundin und ich wollten uns neben der Schule ein bisschen Taschengeld verdienen und dachten, Film sei dafür doch ein guter Ort. Ohne dass wir wirklich von irgendwas einen Plan gehabt hätten, schließlich waren wir gerade mal 14 Jahre alt. Wir klopften recht willkürlich bei einer Castingdirektorin in Zürich an die Tür. Sie ließ Fotos von uns machen, nahm uns in die Kartei auf und vergaß uns dann auch ganz schnell wieder. Erst nach ein paar Jahren habe ich mich wieder gemeldet, um daran zu erinnern, dass es mich noch gibt. Das führte zum ersten Casting, nach dem ich auch direkt besetzt wurde. Für eine kleine Rolle in dem Film Draußen ist Sommer , in dem Maria Dragus die Hauptrolle spielte.

R E K : Damals waren Sie beide 16 und jetzt, sechs Jahre später, standen Sie für „Tiger Girl“ wieder gemeinsam vor der Kamera. Ein weiterer Zufall in Ihrem Zufallsleben?

E R : Nein, das war ziemlich gewollt. Nachdem ich bereits gecastet war, suchten wir nach einer Schauspielerin für die Rolle der Vanilla. Ich dachte sofort an Maria, wusste aber, dass sie keine Zeit hat, weil sie zur gleichen Zeit in Rumänien drehte. Wir haben viele andere Vanillas gecastet, die auch toll waren, aber irgendwas hat stets nicht ganz gepasst. Aus einer letzten Hoffnung heraus habe ich Maria noch einmal kontaktiert, wobei sich herausstellte, dass sie zwar in der Vorbereitungszeit für Tiger Girl noch in Rumänien sein würde, aber zum offiziellen Drehbeginn quasi direkt einfliegen könnte. Und so haben wir es dann gemacht.

R E K : In Anbetracht der vielen Prügelszenen in Tiger Girl war es sicher nicht ganz unwesentlich, dass Sie beide sich gut verstehen.

E R : Absolut. Es ist schon eine sehr besondere Freundschaft zwischen uns. Als wir uns mit 16 bei den Dreharbeiten zu Draußen ist Sommer kennenlernten, hat es sofort Klick gemacht. Ihren 17. Geburtstag haben wir zu zweit gefeiert, obwohl wir uns zu dem Zeitpunkt gerade einmal drei Tage kannten.

R E K : War Ihnen vorher klar, dass der Film so brutal werden würde?

E R : Das war sehr klar. Ich dachte, der würde noch viel brutaler werden! Ich finde ihn gar nicht so brutal.

R E K : Wirklich? Also, ich musste schon des Öfteren mal wegschauen.

E R : Aber man sieht doch gar nichts.

R E K : Aber alle fünf Minuten wird sich gehauen.

E R : (lacht) Ja, Prügeleien gibt es viele. Aber die waren beim Drehen total hilfreich, weil sie einem einen Anhaltspunkt gegeben haben: Wo sind wir gerade in der Geschichte? Was verändert dieser Kampf? Was passiert davor und danach? Das waren wichtige Phasenübergänge, entlang derer sich eine Radikalisierung vollzieht.

R E K : Hatten Sie sich vorher schon mal geschlagen?

E R : Um Gottes willen, nein. Schlagen bringt nichts. Außer natürlich bei ganz dummen Kindern (lacht). Haha, nein das war ein Spaß! Ich bin megafriedlich.

R E K : Na ja, vielleicht mit Geschwistern?

E R : Das zählt doch nicht, oder? Aber klar, mit meiner kleinen Schwester habe ich mich schon „geprügelt“.

R E K : Die Arme!

E R : Die Kleinen haben aber auch ein Talent zu provozieren, die suchen das schon manchmal. Die wollen zeigen, dass sie stärker sind, und müssen dann leider feststellen, dass dem nicht so ist (lacht).

R E K : Wie fanden Ihre Eltern das eigentlich, dass Sie in so jungen Jahren beschlossen, Schauspielerin zu werden?

E R : Die waren cool. Ich habe ja relativ schnell sehr radikale Schritte unternommen, um Schauspielerin zu werden. Nach Draußen ist Sommer habe ich mich direkt für die Schauspielprüfung in London vorbereitet, und dann bekam ich noch die Rolle im Film Chrieg . Spätestens da war meinen Eltern klar, dass es mir ernst ist. Und darin haben sie mir auch vertraut.

R E K : Jetzt sind sie stolze Eltern, oder?

E R : Schon. Immer wieder mal postet jemand aus meiner Familie auf Facebook: „Meine Tochter! Meine Enkelin!“

R E K : Die Großelterngeneration schaltet sich auch noch ein?

E R : Meine Oma ist da ganz vorn mit dabei. Die postet gleich auf die offiziellen Filmseiten: „Ich bin so stolz auf meine Enkelin!“ Und dann schreibt plötzlich die Oma von Maria Dragus darunter: „Ich bin auch so stolz auf meine Enkelin.“

R E K : Ziemlich süß.

E R : Meine Oma hat mich gestern angerufen und gefragt: „Du bleibst jetzt aber schon auf dem Boden, oder?“ Das fand ich auch total süß.

R E K : Kann Ihre Oma sich denn Tiger Girl anschauen? Bei Ihrem letzten Film Raw sind Zeitungsberichten zufolge Menschen in Ohnmacht gefallen.

E R : Ach, die zwei Filmkritiker in Toronto. Die müssen schon sehr empfindlich gewesen sein. Aber meiner Oma gefällt Tiger Girl tatsächlich sehr. Den ganzen Film hat sie noch nicht gesehen, aber den Trailer fand sie richtig geil (lacht). Man muss dazu wissen, dass meine beiden Omas echt tolle und starke Frauen sind. Die haben immer ihr Ding gemacht und sehr für ihre Selbstständigkeit gekämpft. Es hat mich sehr beeinflusst, von solchen Frauen umgeben zu sein, die ja aus Zeiten stammen, in denen es noch viel schwieriger war, sich als Frau zu behaupten.

R E K : Stimmt es, dass die Anfrage für Tiger Girl auch per Facebook kam?

E R : Ja, das war am Anfang alles ziemlich informell. Ich studierte in London und quetschte mich dort für unser erstes Skype-Gespräch in ein winziges Café. Anschließend flog ich zum ersten Casting nach Berlin. Mir war ziemlich schnell klar, dass ich die Rolle unbedingt haben will, aber nicht als Ella zum Casting gehen kann. Also bin ich für jeden Probetermin am Kotti ausgestiegen und den kompletten Weg am Maybachufer entlang zu Jakob Lass’ Büro gelaufen. Und das war dann immer meine halbe Stunde: Ella transformiert sich zu Tiger.

R E K : Das hat offenbar gut funktioniert.

E R : Nach den Castings hatte ich zwar ein gutes Gefühl, aber dann meldete sich über einen Monat niemand, und ich dachte, na gut, hat nicht geklappt. Als dann doch der Anruf kam, wurde mir erst richtig klar, dass ich London mehr oder weniger sofort verlassen musste.

R E K : Fiel Ihnen das schwer?

E R : Ich wusste schon, dass es nicht einfach werden würde, ich stand ja mitten im Studium. Manche rieten mir davon ab. Ich habe lange darüber nachgedacht. Aber dann war klar, dass ich es machen muss. Als ich aus London weg bin, dachte ich noch, ich würde zurückkommen. Aber sobald ich in Berlin ankam, war klar, dass das nicht passieren wird.

R E K : Wieso nicht?

E R : Es hat sich einfach richtig angefühlt. Im Anschluss an Tiger Girl kam direkt der Dreh für Raw in Belgien, dann bin ich für ein paar Monate nach Paris gegangen und habe, mal wieder eher zufällig, im Internet meine Wohnung in Berlin gefunden. Und jetzt bin ich hier. Durch meine Arbeit passiert ja ohnehin alles sehr kurzfristig. Europa fühlt sich inzwischen wie eine große Stadt für mich an. Den Flixbus habe ich jedenfalls schon sehr viel von innen gesehen (lacht).

R E K : Sie fahren mit dem Bus?

E R : Gelegentlich fliege ich auch mal (lacht). Wobei das extrem unökologisch ist und ich dann immer ein schlechtes Gewissen habe.

R E K : Jakob Lass’ Drehstil ist ja sehr frei und improvisiert. Es gibt kein festes Drehbuch, vieles entsteht spontan. Haben Sie das als befreiend empfunden oder als eher anstrengend?

E R : Es ist ein Geschenk. Es war total aufregend, jeden Tag ans Set zu kommen und vorher nicht zu wissen, was genau passieren wird. Und der Regisseur sagt: Macht es so, wie ihr es für richtig haltet. Natürlich gab es auch Tage, an denen diese Freiheit eher dazu führte, dass ich gar nicht wusste, wo anfangen und wie. Über einen Zeitraum von drei Monaten zu improvisieren verlangt einem eine unglaubliche Konzentration ab. Das klingt erst einmal nach ganz viel Spaß, nach ein bisschen spielen und gucken, was passiert, aber es ist wirklich harte Arbeit. Man muss jeden Tag klar sein und Energie investieren. In der Hinsicht war der Dreh ein vollkommener Rausch.

R E K : Zum Schluss eine Spaßfrage: Wenn Sie jemandem eine reinhauen dürften, ohne dafür Konsequenzen fürchten zu müssen, wer wäre das?

E R : (lacht) Das erzähle ich Ihnen doch nicht!

Interview: Raha Emami Khansari

 

Fotos: Jean-Vincent Simonet | Styling: Anna Schiffel & Alisa Vornehm

06.04.2017 | Kategorien Berlin, Film, Interviews | Tags , , , ,

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