Gegen die Wand

Begonnen hat er als Graffiti-Künstler am Genfer See. Und diesen Background merkt man Nicolas Partys Kunst auch heute noch an. Sie ist naiv und comichaft, schöpft aber aus dem reichen Fundus der Kunstgeschichte. Vor zwei Jahren kannten nur Insider Party, seit der Art Basel 2015 hat sich das geändert. Nun wollen von Mailand bis L. A. alle Party ausstellen.

Foto © Christophe Coenon

Interview: Herr Party, Sie sind in einem kleinen Ort nahe Lausanne aufgewachsen und haben als Teenager damit begonnen, Graffiti zu sprühen. Wie waren Ihre ersten Erfahrungen im Street-Art-Milieu?

Nicolas Party: Anfang der 1990er, ich war zwölf, war ich von Comics und Graffiti begeistert. Sie sahen jung und cool aus, hatten Energie. Meine Freunde und ich haben tagsüber viel gemalt und gezeichnet. Nachts sind wir dann heimlich rausgeschlichen, um zu sprayen. Es war eine tolle Zeit. Das Verbotene daran fanden wir natürlich reizvoll. Den Überwachungskameras ausweichen und ein Gangster sein, ohne es tatsächlich zu sein.

Interview: Ihre Malerei ist nun von der Häuserwand auf die Leinwand und in die Museen gewandert. Ist das Verbotene nach wie vor relevant für Ihre Arbeit?

Party: Klar. Dieses Gegen-die-Regeln-Verstoßen hat etwas Faszinierendes. In der Kunstwelt gilt ja die Regel, dass man sich am besten nicht dem Massengeschmack anpassen und nicht unbedingt verstanden werden sollte. Indem ich nun Kunst mache, die das Laienpublikum versteht, die ihm vielleicht sogar gefällt, laufe ich quer. Das ist meine Art von Rebellion.

Interview: Kann man in der zeitgenössischen Kunst überhaupt noch rebellieren?

Party: Natürlich ist es heutzutage schwierig, subversiv zu sein. Es gibt keine wirkliche Avantgarde mehr. Alles geht: kitschig, klassisch, konzeptionell. Im Kunststudium wird uns nahegelegt, dass die Komplexität eines Werks von der Anzahl der einzelnen Referenzen und der Überlagerung von Codes abhängt. Mir geht es um Ehrlichkeit, nicht um zig Bedeutungsschichten.

Interview: Was bedeutet „ehrlich“ für Sie?

Party: Ich bezeichne viele meiner Wand­arbeiten als „dekorativ“, denn das sind sie: dekorativ. Das Wort ist für viele skurril. Ich habe vor Kurzem eine Arbeit auf der Paris Internationale ausgestellt, und mein Galerist hat nach dem Titel gefragt. Als ich meinte, er laute Green Decoration, hat er rückgefragt: „Meinst du wirklich, dass das sein muss?“

Interview: Das Schimpfwort „dekorativ“ …

Party: Ja. „Schön“ kam vor ein paar Jahren zurück, das darf man wieder sagen. Aber „dekorativ“, das ist ein No-Go. Das ist zu naiv, zu sehr Sonntagsmaler. Aber worin liegt das Problem, zu sagen, wie es ist? Ich bin für mehr Ehrlichkeit in der Kunstwelt.

Interview: Erzählen Sie.

Party: Ehrlichkeit schafft eine gesunde Distanz zum Werk. Wenn ich z. B. eine Auftragsarbeit mache und mir gesagt wird: „Könntest du das vielleicht in Blau machen?“ Dann sage ich: „Klar.“ Viele würden aufschreien: „Der Künstler darf nie Kompromisse eingehen!“ Aber Kunst war immer kollaborativ, bereits im Mittelalter. Als ich der Kuratorin des Hammer Museums in L. A. eine Idee für eine Arbeit in Schwarz-Weiß vorgelegt habe, hat sie gefragt, ob ich nicht ein Farbpastell machen könnte. Das war ein groß­artiger Vorschlag. Ich wäre allein nicht darauf gekommen.

 

Foto: Courtesy of Inverleiht Haus shot by Michael Wolchover

Interview: Auch wenn Sie nicht mehr Graffiti sprayen, so ist die Wand nach wie vor ein wichtiger Bestandteil Ihrer Arbeiten. Für Ihre Ausstellungen bemalen Sie sie häufig und hängen Ihre Gemälde davor. Wie kam es dazu?

Party: Es ist ein wichtiger Teil meiner künstlerischen Praxis und hängt stark mit meiner geografischen Herkunft zusammen. Der Genfer Künstler John Armleder hatte einen großen Einfluss auf die Gegend rund um Lausanne. Er hat sich viel mit Andy Warhols Tapeten beschäftigt und damit begonnen, minimalistische Bilder auf ein Wandgemälde zu hängen. Durch meine Graffiti-Vergangenheit war ich natürlich besonders für die Wand sensibilisiert, deshalb habe ich diese Doppelung Armleders ausprobiert.

Interview: Was kommt zuerst in diesem Gefüge: das Gemälde oder das Wandbild?

Party: Manchmal male ich beides parallel, manchmal suche ich fertige Arbeiten passend zu neuen Wandgemälden. Diesen Sommer im Dallas Museum of Art zum Beispiel wollte ich, dass beide Komponenten auf den Ort bezogen sind. Ich habe daher ein Pastellporträt von zwei Männern mit Cowboyhüten gemacht, das mit einem riesigen Wald an der Wand interagiert. Das schien mir passend für Texas.

Interview: Was passiert mit den bemalten Wänden nach dem Ende einer Ausstellung?

Party: Sie werden mit weißer Farbe übermalt. Die Gemälde werden abgehängt, doch die Wandarbeiten werden einfach überdeckt. Sie bleiben als Geister versteckt in der Wand, einen Millimeter unter der Oberfläche. Ich mag den Gedanken, dass sie in diesem Zwischenraum bleiben. Dadurch dass die Wandbilder meist nur für kurze Zeit zu sehen sind, kann ich auch rumexperimentieren. Wenn es nicht gut geworden ist, verschwindet es ein paar Wochen später einfach wieder.

 

Nicolas Party: “Mir gefällt die Idee, die in dem Wort „Stillleben“ enthalten ist: etwas Lebendiges, das man gestoppt hat”
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Interview: Sie ergänzen Ihre Gemälde durch bemalte Skulpturen, die Sie im Raum platzieren.

Party: Ja, das sind Steine, auf die ich ein Obststillleben male. Früchte auf Stein. Das hat eine lange Tradition. Künstler vor mir haben dafür meist flache Steine verwendet. Für mich ist der Stein ein Symbol für die enorme Zeitlichkeit unseres Daseins. Selbst wenn Sie ihn auf der Straße finden, ist ein Stein Teil eines großen Ganzen, eines Gebirges, und verkörpert seine eigene Reise durch die Zeit. Indem ich die Steine komplett mit Farbe bemale, verändern sie ihre Beschaffenheit. Sie werden zu Früchten, etwas, das vergänglich ist. Obst ist ja seit jeher ein Symbol für Vergänglichkeit. Diese Doppelung in dem Objekt gefällt mir, das Ewige überblendet mit dem Flüchtigen.

Interview: Ihre Arbeit ist u. a. von Giorgio Morandi, Paul Cézanne, Félix Vallotton und David Hockney beeinflusst – allesamt Künstler, für deren Arbeit das Stillleben eine wesentliche Rolle gespielt hat. Was interessiert Sie an dem Genre?

Party: Mir gefällt die Idee, die in dem Wort „Stillleben“ enthalten ist: etwas Lebendiges, das man gestoppt hat. Es ist auch paradox. Selbst wenn es in einem Stein so aussieht, als wäre das Leben angehalten worden, schrumpft er genauso wie herumliegende Früchte. Nur ist die Zeitlichkeit eine andere. Darüber hinaus sind die Steinfrüchte praktisch und machen sich gut als Türstopper oder Buchstützen.

Interview: Für Ihre Arbeiten Dinner for 24 Elephants (2011) und Dinner for 24 Dogs (2011) haben Sie das Prinzip der praktischen Verwendung von Kunst noch weitergetrieben und nicht nur Tische, sondern auch Stühle und Essteller hergestellt, auch das Food-Design stammte von Ihnen. Was hat es mit diesem Projekt auf sich?

Party: Essen steht am Anfang eines jeden Austauschs. Mit den Dinners wollte ich mit der Idee des Artist-Dinners spielen. Ich habe das komplette Stage-Design entworfen und den Galeristen gebeten, die Rolle des Kellners zu übernehmen. In der Kunstwelt sind diese Abendessen wichtige Momente, auf denen viel entschieden wird. Jeder kennt sie, jeder beschwert sich über sie, aber im Prinzip ist es sehr nett. Mich interessieren die sozialen Mechanismen, die in so einem Moment ins Spiel kommen. Leute treffen sich in einer semiprivaten Umgebung und machen Business. Quasi: Wenn du eine Mahlzeit teilst, kannst du auch noch anderes teilen. Das war bereits in der Bibel so und ist noch heute beim G-8-Gipfel oder auf der Art Basel der Fall. Mich fasziniert diese Tradition.

Von: Denise Koller

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