Louis Garrel:
"Ich würde gern öfter
mal der Bad Boy sein"

Eine Rolle in Bernardo Bertolucci Die Träumer bescherte Louis Garrel 2003 den Durchbruch im internationalen Filmgeschäft, in Meine Mutter spielte er 2004 an der Seite der großartigen Isabelle Huppert und in Saint Laurent mimte er den Dandy Jacques de Bascher. Jetzt ist Louis Garrel an der Seite von Marion Cotillard im Liebesdrama Die Frau im Mond – Erinnerung an die Liebe von Nicole Garcia zu sehen. Wir haben mit dem Franzosen über seinen neuen Film, erwachsene Liebe und seine Bewunderung für Isabelle Huppert gesprochen.

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INTERVIEW: Gestern Abend habe ich mir Ihren neuen Film Die Frau im Mond – Erinnerung an die Liebe angeschaut…

GARREL: Und, wie hat er Ihnen gefallen?

INTERVIEW: Gut, ich mochte ihn. Sehr französisch insgesamt, finde ich.

GARREL: Ja, es ist ein klassisches französisches Drama geworden – ein Film, wie man ihn aus den 1980er oder 1990er Jahren kennt. Ein bisschen old fashioned vielleicht, aber das meine ich nicht negativ.

INTERVIEW: Sie meinen, weil der Film von einer Amour Fou handelt?

GARREL: Vielleicht. Der Film hat etwas sehr feminines, was ich total gern mag. Er ist melancholisch, lyrisch und wahnsinnig sentimental.

INTERVIEW: Eigenschaften, die Sie dem weiblichen Geschlecht zuschreiben?

GARREL: Der Film basiert immerhin auf einem Buch, das von einer Frau geschrieben wurde. Nicola Garcia hat Regie geführt und Marion Cotillard hat die Hauptrolle interpretiert. Die Geschichte stellt das weibliche Begehren, die Sehnsüchte einer Frau, in den Mittelpunkt.

INTERVIEW: Der Film spielt in den 1950er Jahren. Gabrielle, die Protagonistin, ist noch ein Teenager, entwickelt aber schon früh eine ausgeprägte Sexualität. Ihre Umwelt erklärt sie deshalb für krank und verrückt.

GARREL: Genau. Ihre Familie schämt sich für sie und möchte, dass ihre Tochter eine gute Ehefrau wird, die sich bitteschön auch ‚erwachsen’ zu verhalten habe.

INTERVIEW: Sprich, sich den gesellschaftlichen Regeln der damaligen Zeit anpasst?

GARREL: Ich bin mir immer noch nicht sicher, was ‚sich erwachsen verhalten’ eigentlich heißen soll. Als Teenager träumen wir von der großen Liebe und von echter Leidenschaft. Warum sollte das mit dem Erwachsenwerden nicht mehr so sein? Der Film stellt genau diese Fragen. Am Ende steht allerdings die Erkenntnis, dass wahre Liebe auch bedeuten kann, etwas für den anderen zu opfern.

INTERVIEW: Ein großer Part der Geschichte basiert auf Imaginationen. Welche Rolle spielt die Fantasie in Liebesdingen?

GARREL: Ich würde sagen, es geht eher um Projektionen. Die können manchmal so stark sein, dass die Realität mitunter völlig ausgeblendet wird. Gabrielle kreist in ihrer Welt so sehr um ihr eigenes Ich, dass sie ihren Mann, José (Alex Brendemühl), gar nicht mehr wahrnimmt, obwohl er ein guter Typ ist. Aber sie akzeptiert ihn nicht.

Louis Garrel: “Mich reizen Charaktere, an denen man sich reiben kann, die eine Handlung in völlig unerwartete, perverse Richtungen lenken können


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INTERVIEW: Sie spielen den Liebhaber, der das Feuer in Gabrielle wieder entfacht. Was muss eine Rolle haben, damit Sie sich für sie interessieren?

GARREL: In der Vergangenheit habe ich ziemlich oft den Lover gespielt, das stimmt. Ich würde gern in Zukunft öfter mal den Bad Boy geben. So wie in Saint Laurent zum Beispiel, da war ich ein böser Junge. Mich reizen Charaktere, die etwas an sich haben, an dem man sich reiben kann, die Probleme mitbringen und eine Handlung in völlig unerwartete, vielleicht auch perversere Richtungen lenken können.

INTERVIEW: Was muss ein guter Filmpartner_In für Sie mitbringen?

GARREL: Das ist schwer zu sagen, da kommen ja viele verschiedene Dinge zusammen. Es geht immer darum, eine gewisse Harmonie, die vielleicht im echten Leben herrscht, in den Film zu transferieren.

INTERVIEW: Also müssen Sie sich auch im wahren Leben gut mit der Person verstehen?

GARREL: Manchmal ist es nicht unbedingt gut für das Zusammenspiel, wenn man sich besonders nahe steht. Sie schlüpfen ja in eine Rolle, setzen eine Maske auf. Diese zwei Ebenen miteinander zu vereinen, kann äußerst kompliziert sein. Es gibt keine Regel, wie man es am besten macht. Die Schauspieler werden vor die Kamera gestellt und dann guckt man, was passiert. Das ist das Spannende am Filmemachen.

INTERVIEW: Wie war es für Sie mit Marion Cotillard zu arbeiten?

GARREL: Ich kannte Marion vor den Dreharbeiten noch nicht. Aber sie hat mich absolut beeindruckt. Marion arbeitet ähnlich wie Isabelle Huppert, mit der ich auch schon arbeiten durfte. Isabelle ist der Wahnsinn, sie nimmt alles auf, was man ihr gibt, was um sie herum passiert und ist in der Lage, es sofort in die jeweilige Situation umzusetzen. Und so ist es bei Marion auch. Sie hört ihrem Gegenüber wahnsinnig gut zu, ist immer präsent. Dadurch herrschte permanent eine hohe Konzentration zwischen uns.

INTERVIEW: Sie stammen aus einer Schauspieler-Familie. Warum haben Sie den gleichen Weg eingeschlagen wie ihre Großeltern und Eltern?

GARREL: Mit fünf Jahren habe ich bereits in einem Film meines Vaters mitgemacht. Das war irgendwie okay, aber ich wusste natürlich noch nicht, was es bedeutet, richtig zu spielen. Wenn ich heute so darüber nachdenke, war es schon ziemlich strange mit der halben Familie vor der Kamera zu stehen. Mit dreizehn habe ich dann Francois Truffaut für mich entdeckt. Seine Filme haben mich fasziniert. Ich wollte unbedingt wieder vor der Kamera stehen. Danach kam das Theater und ich wusste, die Bühne ist meins. Da war ich etwa 14 Jahre alt.

INTERVIEW: Das ist sehr früh. Sie haben nie an einen anderen Beruf gedacht?

GARREL: Doch. Ich wäre auch gern Opern-Regisseur geworden.

INTERVIEW: Wieso das?

GARREL: Das ist ein fantastischer Job. Ich habe meinem Freund Luc Bondy, der auch Opern gemacht hat, so oft zu gesehen und seine Inszenierungen geliebt.

INTERVIEW: Können Sie gut singen?

GARREL: Nein, auf keinen Fall und schon gar nicht auf der Bühne. Oper wäre nur als Regisseur für mich in Frage gekommen. Aber nun ist es für eine Karriere an der Oper wohl zu spät.

INTERVIEW: Aber Sie arbeiten immerhin auch als Regisseur, richtig?

GARREL: Ja.

INTERVIEW: Als Schauspieler und Regisseur nehmen sie zwei völlig verschiedene Perspektiven ein. Was machen Sie lieber?

GARREL: Wenn man spielt, darf man Kind sein. Die Filmcrew ist deine Familie, eine eigene kleine Gemeinschaft, in der sich das Kind entfalten darf. Als Regisseur hingegen kann man sich nicht verhalten wie ein Kind, dann würde die Filmfamilie wohl durchdrehen. Du musst das Team zusammenhalten und Verantwortung übernehmen.

INTERVIEW: Wie machen Sie das, wenn Sie zugleich Spielen und Regie führen?

GARREL: Das ist manchmal ganz schön schwierig, aber auch verdammt lustig. Wenn man beides machen muss, weiß man, was es heißt, ein Mann zu sein.

INTERVIEW: Wie meinen Sie das denn?

GARREL: Wenn ein Mann sein inneres Kind vergisst, ist er kein Mann. Wenn allerdings das Kind überwiegt, er keine Verantwortung übernimmt und so weiter, ist er wiederum auch kein Mann. Die richtige Mischung macht’s, oder?

INTERVIEW: Da ist etwas dran.

Die Frau im Mond – Erinnerung an die Liebe läuft ab dem 2. März 2017 im Kino.

Von: Insa Grüning

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