"Ich ziehe mich nicht
für einen Frauenfeind aus!"

Ihr erstes Kunstkollektiv gründete India Salvör Menuez mit 15. Mit 23 hat sie im MoMA performt und für Miu Miu gemodelt. Neuerdings mischt die New Yorkerin auch beim Film mit – und spielt an der Seite von Kevin Bacon in der Serie „I love Dick“ und für tom Ford in „Nocturnal Animals“.

Foto: Eddie Chacon

Interview Sie waren schon als Teenager in der Kunstszene zu Hause. Man bezeichnete Sie und Ihre Freunde als Nachfolger von Ryan McGinley und Dash Snow, deren Künstlerclique die frühen 2000er-Jahre in Downtown New York prägte. Einverstanden?

India Salvör Menuez Die Gemeinsamkeit liegt wahrscheinlich darin, dass es um junge Leute geht, die New York als Chance sehen: Egal auf was für seltsame Dinge du abfährst, hier findest du jemanden, den das Gleiche interessiert. Hier darf jeder ein Freak sein. Bei vielen gehört auch der Exzess dazu, aber ich konnte mich nie so recht mit den feiernden Künstlern von New York identifizieren. Ich finde es erfrischend, auch mal ein paar junge Künstler zu sehen, die sich nicht zerstören wollen.

Interview Neben Ihnen gehören zu diesen Künstlern Alexandra Marzella, Harley Weir, Petra Collins. Was verbindet Sie?

Menuez Wir sind Künstlerinnen, die die Ästhetik eines neuen Feminismus prägen – der ziemlich haarig, aber auch sexy ist. So viel in der Sexualität von Frauen ist mit Scham verknüpft. Den eigenen Körper wieder einzufordern ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeiten, die wir zusammen gemacht haben.

Interview Auch dadurch, dass Sie sich auf Fotografien und in Performances nackt zeigen?

Menuez Das kommt darauf an. Die Künstlerin Cosey Fanni Tutti hat viel über die verschiedenen Arten geschrieben, wie man als Frau seinen Körper enthüllen kann. Wie geht man damit um, dass er von vornherein als Objekt beansprucht wird? Ich ziehe meine Kleider jedenfalls nicht für einen Frauenfeind aus. Aber für den Fotografen Tim Walker und den Maler John Currin habe ich nackt Modell gesessen. Die Erfahrung ist anders, wenn man dem Künstler vertraut.

Interview Ein Unterschied, den der Betrachter aber nicht unbedingt erkennt.

India Salvör Menuez: “Wie geht man damit um, dass der weibliche Körper von vornherein als Objekt beansprucht wird?”
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Menuez Das stimmt, das Faszinierende und Gefährliche an Bildern ist ja, dass sie garantiert immer jemand falsch versteht. Ich will auch zeigen, dass es für Mädchen in Ordnung ist, sexy sein zu wollen. Es ist ja noch immer unmöglich, in Unterwäsche auf der Straße zu laufen, ohne sich als Schlampe zu fühlen. Mir persönlich gefielen übrigens immer diese Cheesecake-Softcore-Bilder, pornografische Fotografien aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Interview Liefern Sie sich nicht dem männlichen Blick aus, wenn John Currin Ihnen auf seinen Gemälden riesige Brüste verpasst?

Menuez Technisch schon, natürlich. Andererseits denke ich, dass er in seinen Bildern über das hinausgeht, was ich jeden Tag erlebe. Seine Arbeiten haben Ironie, die einen kritischen Blick offenbart. Und Fragen aufwirft wie die, warum es in unseren Kunstbüchern 500 mal mehr weibliche Akte als weibliche Künstler gibt.

Interview Die New York Times bezeichnete Sie als Muse. Finden Sie den Begriff angebracht?

Menuez Ich finde ihn recht angestaubt. Damit identifiziere ich mich nicht. Mich interessiert der gegenseitige Austausch. Die Arbeit mit John Currin war wie eine Meisterklasse. Ansonsten ist die Idee der Muse ziemlich fad.

Interview Sie selbst machen vor allem Performancekunst, die wohl am wenigsten kommerzielle Kunstform.

Menuez Ja, ich habe buchstäblich noch nie einen Cent mit meiner Kunst verdient.

Interview Immerhin durften Sie vor einiger Zeit das MoMA bespielen.

Menuez Was sich natürlich toll anfühlte! Ich glaube, die Menschen interessieren sich wieder für Performancekunst, weil die sozialen Medien uns von unseren Erfahrungen abtrennen. Man ist nicht einfach präsent, sondern filmt etwas. Anders als andere Kunstformen kann Performancekunst Aufmerksamkeit einfordern, manchmal sogar so aufdringlich, dass sich Menschen damit unwohl fühlen. Wir wollen aufgerüttelt werden.

Foto: Eddie Chacon

Interview Stichwort Schauspielerei: Transparent, White Girl, I love Dick – Sie scheinen gerade überall aufzutauchen, wo es filmtechnisch interessant ist.

Menuez Da kann ich mich wirklich glücklich schätzen. Ich renne aber auch die ganze Zeit zu Vorsprechen und reiße mir den Arsch auf (lacht). Aber es hilft, wenn man gerade einen Moment hat und eins zum anderen führt. Gestern haben wir die zweite Drehwoche von I love Dick abgeschlossen.

Interview Es ist interessant, dass das Buch, in dem die Autorin Chris Kraus ihre Obsession mit einem cowboyhaften Intellektuellen beschreibt, gerade neu entdeckt wird. Nun wird besagter Dick von Kevin Bacon gespielt.

Menuez Genau, Chris Kraus hat das Buch in den Neunzigern geschrieben, und plötzlich ist es in Mode. Man sieht es jetzt überall! Ich denke, es war damals kein großer Erfolg, weil es zu zeitgenössisch war, einfach zu wenig entfernt von der Gegenwart. Es beruhte ja auf Kraus’ eigenem Leben, darum gab es zu viele Menschen, über die sie im Buch schreibt, die dem Geschehen zu nahe standen.

Interview I love Dick spielt in der US-amerikanischen Akademikerszene, Kraus’ damaliger Mann war Sylvère Lotringer, der Verleger von Semiotext(e).

Menuez Und wenn eine Frau sich so kühn in den Mittelpunkt stellt, brauchen die Menschen einen Moment, um das zu verdauen. Da ist die Kritik ja häufig: Sie schreibt über sich selbst, sie ist narzisstisch.

Interview Bald wird man Sie in Tom Fords Film Nocturnal Animals sehen können, wenn auch in einer kleinen Rolle. Waren Sie froh, dabei zu sein, oder betrübt es Sie, dass es nur kurz war?

Menuez Ehrlich gesagt gefällt es mir sehr gut, kleine Rollen zu spielen. Da gibt es am Set schon ein richtiges Familiengefühl und man selbst weht einfach für ein paar Tage rein. Gut, man ist vielleicht das Mauerblümchen. Aber natürlich war ich begeistert, dabei zu sein. Ich war zufällig zum Vorsprechen in Los Angeles und habe mit Tom Ford gelesen.

Interview Interessiert Sie die Mode noch? Sie haben für Labels wie Eckhaus Latta gemodelt und eine große Kampagne bei Miu Miu gelandet.

Menuez Ich bin offen dafür, auch wenn ich kritischer sein möchte, als ich das früher manchmal war. Aber ich liebe die Performance der Mode. Wenn ich zu einem Fotoshooting komme, sehe ich das Set wie eine Filmszene. Es entsteht eine ganz eigene, andere Aura, sobald man mit Menschen wie Steven Meisel arbeitet: „Das hier ist jetzt Mode!“

Interview Warum begeistern sich große Modehäuser gerade so sehr für Menschen aus der Subkultur wie Sie oder Hari Nef?

Menuez Es ist essenziell für sie, die Subkulturen aufzusaugen, das ist die Regel des Konsums. Man vergibt praktisch einen Sponsorenvertrag für eine nicht berühmte Person, von der viele Menschen denken, dass sie coole Dinge macht. Natürlich ist es toll, wenn eine Marke einen Künstler auf diese Weise unterstützen kann. Marc Jacobs hat Kembra Pfahler und Genesis P-Orridge in seine Kampagne geholt. Ich weiß nicht, was ihnen dafür bezahlt wurde, aber ich hoffe, es war eine Menge. Denn sie sind beide großartig. Vielleicht war das ein netter Scheck, der ihr Leben ein bisschen einfacher macht und ihnen erlaubt, sich auf ihre Kunst zu konzentrieren.

von Frauke Fentloh