"Privat mag ich übrigens keine Hunde"

Ein windiger Regisseur, eine unerwiderte Liebe und erntereifes Fallobst. In seiner großartigen Komödie „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ zeigt Julian Radlmaier am Beispiel einer Apfelplantage, wie der Kapitalismus in sämtliche Lebensbereiche hineinwirkt.

Julian Radlmaier | Foto von Oliver Helbig

HARALD PETERS: Herr Radlmaier, was denken Sie, wie viele Sätze Sie brauchen, um den Inhalt Ihres Filmes zusammenzufassen?

JULIAN RADLMAIER: Mittlerweile auf jeden Fall weniger als noch zu Beginn des Projekts. Wenn man mich damals beim Pitchen gefragt hat, um was es in dem Film geht, ging es nur mit Ausflüchten. Soll ich es einfach mal versuchen?

H P : Ja. Aber erst möchte ich wissen, wie viele Sätze Sie dazu brauchen.

J R : Mindestens drei. Wobei, eigentlich brauche ich nur einen Satz. Der hat dann aber sehr viele Kommata. Also, es geht um einen Windhund, der erzählt, warum er zum Windhund wurde, denn früher war der Hund ein Filmemacher, der so wie ich Julian heißt und außerdem von sich denkt, er sei ein kommunistischer Filmemacher, was ihm aber kein Einkommen beschert, weswegen er vom Arbeitsamt dazu gezwungen wird, bei der Apfelernte zu arbeiten, wo er dann einer jungen Frau weismacht, es würde sich bei dem Ernteeinsatz um die Recherche für ein Filmprojekt handeln, was dann … (Pause) Sehen Sie, jetzt wird es zu kompliziert. Ich glaube, in meinem Unvermögen, meinen Film konzis zu beschreiben, liegt für mich auch die Lust, so einen Film überhaupt zu drehen.

H P : Könnten Sie das ausführen?

J R : Ja. Mir ging es weniger darum, eine klar strukturierte Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende zu erzählen. Stattdessen habe ich mich lieber an Fragestellungen abgearbeitet, weswegen die Handlung mit dem Holzhammer stets dorthin getrieben wird, wohin das Thema es verlangt. Der Spaß besteht darin, zum Teil auch abstruse Konstellationen zu finden, mit denen sich ein Sachverhalt besser umschreiben lässt als mit einer realistischen Geschichte.

H P : Daher daher auch die besondere Sprache und die artifizielle Art der Inszenierung?

J R : Ja, die Lust, den Film zu schauen, liegt ganz klar darin, dass er einem eindeutig vorgespielt wird.

Julian Radlmaier: “Ich glaube, in meinem Unvermögen, meinen Film konzis zu beschreiben, liegt für mich auch die Lust, so einen Film überhaupt zu drehen”
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H P : Warum musste sich die Hauptfigur ausgerechnet in einen Hund verwandeln?

J R : Das Problem war, dass ich zunächst nicht wusste, was mit der Hauptfigur am Ende geschehen soll. Jede reale Veränderung kam mir blöd vor, also wenn er jetzt ein besserer Mensch geworden wäre oder so. Deswegen gefiel mir der Gedanke einer magisch- metaphorischen Verwandlung. Ein Windhund schien mir deshalb passend, weil meine Figur sich einerseits wie ein Fähnchen im Wind verhält und der Hund andererseits wie Knecht Ruprecht aussieht, also der Hund aus Die Simpsons. Und dann hatte die Freundin einer Freundin genau so einen Hund…

H P : … das ist also ein privater Hund?

J R : Genau, kein Filmhund. Windhunde sind übrigens eine aristokratische Hunderasse, auch wenn dieser einmal ein Straßenhund in Südspanien war. Privat mag ich übrigens keine Hunde.

H P : Der Hund sieht aber ganz lieb aus.

J R : Ja, aber er ist wahnsinnig dumm. Es gibt eine Szene, in der er in einem Erdhaufen graben soll. Damit er das macht, haben wir ein Würstchen in dem Haufen versteckt. Dummerweise konnte er sich nicht länger als 30 Sekunden an das Würstchen erinnern. Für die Szene haben wir etwas länger gebraucht.

H P : So viel zum Thema Aristokratie. Sehr schön ist auch der großzügige Umgang mit – ich nenne das jetzt mal so – bekloppten Ideen. Es gibt zum Beispiel eine Szene, in der die beiden ehemaligen Museumswärter Hong und Sancho, die sich als Flaschensammler selbstständig gemacht haben, im Ku’damm-Karree vor der großen Voliere sitzen und über ihre Zukunft nachdenken, während im Hintergrund jemand die Mülleimer poliert. Das ist im besten Sinne wirklich herausragend bekloppt!

J R : Aber das ist dokumentarisch.

H P : Ach!

J R : Ja, der Mann hat wirklich den Mülleimer geputzt. Wir haben sogar das Einverständnis von ihm eingeholt, dass wir ihn im Film zeigen können. Aber davon abgesehen stimmt es mit den bekloppten Einfällen. Denn einerseits gibt es natürlich ein Drehbuch, andererseits versuche ich während des Drehs mit dem Team möglichst viele bekloppte Einfälle zu akkumulieren und bekloppte Querbezüge zu schaffen, die das Ganze noch dichter machen.

H P : Zum Beispiel wird der Fortlauf der Handlung zum Teil mit dem Hinweis auf einen namentlich ungenannten Schweizer Nudisten ausgependelt.

J R : Genau. Und obwohl manche Einfälle bekloppt erscheinen, werden in dem Film Sachen verhandelt, die wir sehr ernst meinen. Der Ansatz ist, auch vor schweren Themen wie Kommunismus nicht ehrfürchtig zu erstarren, sondern sie durch Humor, Absurdität und Beklopptheit greifbar zu machen.

H P : Konkret geht es unter anderem um einen Kommunismus ohne Kommunisten. Das ist doch eine ganz schöne Utopie.

J R : Deswegen überlegen die Figuren auch, wer in einer gerechten Gesellschaft die Toiletten putzen müsste. Ausgehend von 6.000 öffentlichen Toiletten in Italien müsste jeder Italiener alle 30 Jahre eine dieser Toiletten putzen.

H P : Stimmt die Berechnung?

J R : Ja, das habe ich recherchiert. Das ist natürlich absurd, andererseits ist es aber auch ernst gemeint. Man nimmt eine politische Frage, bricht sie auf etwas sehr Banales runter und spielt das dann aus. Die Frage, wie in einer Gesellschaft Arbeit verteilt wird, ist ja durchaus berechtigt. Man kennt das ja von sich selbst. Obwohl ich zum Beispiel kein Großbürger bin, gehe ich wie selbstverständlich davon aus, nie eine niedere Arbeit verrichten zu müssen. Wenn es zum Beispiel um Hartz IV geht, dann besteht für viele Leute der größte Skandal darin, dass durch die Regelung auch Akademiker mal einen Scheißjob machen müssen, obwohl man überhaupt nichts Schlimmes daran findet, dass manche Leute ihr ganzes Leben lang Scheißjobs haben.

H P : Der kommunistische Filmemacher, den Sie spielen, findet es jedenfalls empörend, zum Erntedienst auf die Apfelplantage zu müssen.

J R : Ja, total!

H P : Sehen Apfelbäume auf Plantagen wirklich so aus wie im Film?

J R : Ja, auf so einer Plantage geht es hoch industriell zu, die Apfelbäume sind deswegen nur kleine Sträucher, an denen wahnsinnig viele Äpfel hängen. Man hat bei Apfelbäumen ja immer so paradiesische Bilder im Kopf …

H P : Und Kirschen, wie sehen die aus?

J R : Bestimmte Obstbäume sehen wie richtige Bäume aus, dazu gehören Kirschen und Birnen. Apfelbäume wirken leider etwas würdeloser.

H P : Der eigentliche Star des Films ist ja der stumme Mönch, der plötzlich aus heiterem Himmel auftaucht.

J R : Ja, es gibt von Roberto Rossellini den Film Franziskus, der Gaukler Gottes über Franz von Assisi, in dem es auch so einen idiotischen Mönch gibt, den fand ich immer toll. Ich wollte eine Figur, die eine Form von Utopie in den Film hineinbringt. Aber was ich nicht wollte, war, dass der Kommunismus ohne Kommunisten von einem Politaktivisten verkörpert wird und man ihn mit einer kalten und bürokratischen Idee in Verbindung bringt, der sich wie im Sozialismus alle unterordnen müssen. Und bei so einer Mönchsfigur geht man ja zunächst einmal davon aus, dass sie auf eine utopische Weise gut sei.

H P : Dazu passend hat der Mönch auch das freundlichste, netteste und gütigste Gesicht, das man sich vorstellen kann. Wurde lange nach ihm gesucht?

J R : Nein, der ist der Bruder eines Freundes, mit dem ich davor schon mal gedreht habe. Gesucht wurde überhaupt nach niemanden. Alle Schauspieler sind Freunde und Freunde von Freunden oder Leute, die ich mal getroffen haben. Es ist so, dass ich bereits beim Schreiben überlege, wer was spielen kann, weswegen ich auch noch nie ein Casting gemacht habe, wo zehn Schauspieler für eine Rolle vorsprechen – eine Herangehensweise, die mein Produzent im Übrigen furchteinflößend findet. Ich überlege mir aber vorher, wer was spielt, und damit ist die Inszenierungsarbeit bereits zu etwa 80 Prozent getan.

Julian Radlmaier: “Der Ansatz ist, auch vor schweren Themen wie Kommunismus nicht ehrfürchtig zu erstarren, sondern sie durch Humor, Absurdität und Beklopptheit greifbar zu machen”
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H P : Die Leute vor der Kamera sind bis auf wenige Ausnahmen Laien?

J R : Ja, der Koreaner, der Hong spielt, ist zum Beispiel der Vater eines Freundes. Ich fand ihn so interessant, dass ich ihn im Film haben wollte.

H P : Was müssen die Schauspieler bei Ihnen mitbringen?

J R : Sie müssen sich den Text merken können und dürfen keine Angst vor der Kamera haben. Der Rest wird sich fügen.

H P : Um Method-Acting geht es bei Ihnen eher nicht.

J R : Nein, Psychologie interessiert mich nicht. Mir geht es darum, interessante Leute vor der Kamera zu haben, die interessante Sachen sagen.

H P : Vielleicht ist Psychologie auch überbewertet.

J R : Total! Ich meine, für eine bestimmte Schauspielästhetik mag es wichtig sein, aber mich interessiert mehr, wie Leute aussehen, wie sie sprechen, welchen Dialekt oder Akzent sie haben, wie sie sich bewegen. Mit professionellen Schauspielern, die stets wissen, was sie tun, hätte ich den Film gar nicht so hinbekommen.

 



Selbstkritik eines bürgerliches Hundes ist bereits angelaufen

von Harald Peters

13.06.2017 | Kategorien Berlin, Film, Interviews | Tags , ,