"Sie können keinen halben Tag offline sein, Lukas Rieger?"

Er ist Deutschlands größter Popstar, von dem Sie noch nie etwas gehört haben. Lukas Rieger spielt ausverkaufte Konzerte, hat Millionen Social-Media-Follower und lässt reihenweise Mädchen in Ohnmacht fallen.

Lukas Rieger | © Marian Schmid

Seit er elf Jahre alt ist arbeitet der Hannoveraner an seiner Karriere – vornehmlich mithilfe von YouTube-Videos und der Dokumentation seines Lebens auf Snapchat und Instagram. Mit Erfolg: 2016 erschien Riegers erstes Album „Compass“. Bevor er Anfang nächsten Jahres auf Europatour geht, erscheint mit „Der Lukas Rieger Code“ jetzt seine Biografie. Das Buch ist die typische Erzählung des Business-Punks im 21. Jahrhundert, der sich trotz aller Widerstände durchgesetzt hat: gegen besorgte Eltern, fiese Hater und auch gegen die Gesellschaft.

ANNE WAAK: Sie sind gerade 18 geworden und bringen jetzt Ihre Biografie heraus. Ganz schön früh, oder?

LUKAS RIEGER: Ich wollte mal ein neues Medium ausprobieren. Sonst mache ich Musik, Instagram, YouTube, und dann habe ich mir eben überlegt, ein Buch zu schreiben. Josip Radovic, der mir geholfen hat, ist ein cooler Dude. Dem habe ich alles erzählt, was meiner Meinung nach in das Buch gehört. Ich hoffe, dass jetzt auch die Eltern besser verstehen, wer ich bin.

A W : Sie meinen die Eltern Ihrer Fans?

L R : Ja, die kommen ja mit zu meinen Konzerten. Die Kids sind ja teilweise noch jung und nicht so frei in ihren Entscheidungen. Die Eltern sollen verstehen, dass ich nicht nur Bilder poste, sondern auch Musik mache.

A W : Sie wollten Musik machen, seit Sie ein Kind waren. Woher dieser Wunsch?

L R : Ich habe früher schon mit meinen Eltern viel Musik gemacht, gesungen, mit meinem Papa an der Gitarre. Irgendwann dachte ich dann: Okay, ich möchte mal ein Sänger werden, der auf der Bühne steht und dessen Musik die Leute hören. Das war eine schöne Vorstellung, also habe ich das in Angriff genommen.

A W : Nervt es Sie eigentlich, wenn Sie als der deutsche Justin Bieber bezeichnet werden?

L R : Das nicht. Langsam verstehen die Leute auch, dass ich ein eigenständiger Künstler bin. Aber ich weiß, dass der Vergleich naheliegt.

A W : Wie Justin Bieber sind Sie über Social Media bekannt geworden. Sie haben auch mal an einer Fernseh- Castingshow teilgenommen, „The Voice Kids“, flogen da aber raus. War die Teilnahme trotzdem eine gute Entscheidung?

L R : Auf jeden Fall. Das war eine ganz andere Welt, in die ich da das erste Mal Einblick bekommen habe. Das war hilfreich, um zu verstehen, was man alles beachten muss: was man in Interviews sagt, wie man auf einer Bühne performt, dass überall eine Kamera sein kann, die dich filmt.

AW : In Ihrem Buch geht es viel um das Thema Selbstdarstellung im Internet, an einer Stelle sprechen Sie auch von Ihren Leidenschaften Social Media und Musik – in der Reihenfolge. Die Präsenz auf diesen Plattformen ist also mehr als ein Marketing-Instrument?

L R : Am Anfang war Social Media wichtig, um meine Musik zu pushen, aber mittlerweile mache ich das so lange, dass es mir auch Spaß macht. Also, mal mehr, mal weniger. Es kann schon anstrengend sein, sein ganzes Leben mitzuteilen. Manchmal denke ich mir, dass ich gern für zwei Stunden in den Pool gehen würde, ohne vorher zu snappen: Ich gehe jetzt in den Pool.

A W : Sie können keinen halben Tag offline sein?

L R : Ein halber Tag ginge vielleicht, ein Tag mit drei Snaps statt 15 ginge auch. Aber ich könnte nicht sagen, dass ich jetzt kein Social Media mehr mache. Da wären meine Fans enttäuscht. Und das möchte ich nicht. Die supporten mich ja.

A W : Sie als Pro : Welche ist denn die wichtigste Social-Media-Plattform derzeit?

L R : Auf jeden Fall Instagram, einfach weil dort am meisten abgeht. Obwohl ich auf Musical.ly die meisten Follower habe, 2,8 Millionen.

A W : Was ist noch mal Musical.ly?

L R : Das ist eine Plattform, auf der man Lipsync macht. Du hast einen Song, der auf halber Geschwindigkeit läuft, und du bewegst dazu die Lippen. Am Ende wird er wieder schnell abgespielt, und du hast den coolen Musical.ly-Effekt. Das ist es auch schon. Am Anfang war das übertrieben cool, aber jetzt ist das langweilig und austauschbar geworden. Deswegen benutzen ich und meine Kumpels das nicht mehr so oft.



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A W : Dafür umso mehr Instagram und Snapchat. Gibt es was, das Sie da nicht teilen?

L R : Ich teile schon ziemlich viel, aber selten Bilder von meiner Familie. Für die kann das ja ein Stressfaktor sein, zu wissen, dass ich morgens mit der Kamera die Treppe runterkomme und snappe, wie meine Eltern und meine Schwester am Frühstückstisch sitzen. Und meine Wohnung zeige ich nicht.

A W : Wer sind Mustafa, Keanu und Arian?

L R : Das sind drei Jungs, die bei mir unter Vertrag sind. Ich baue die auf als Influencer. Die machen alle drei Social Media, Keanu singt auch. Arian hat eine sehr aktive Community auf YouTube.

A W : Aber was genau macht der da?

L R : Entertainen. Der erzählt, worauf er Bock hat. Das hat den Sinn, die Leute zu bespaßen. Die Jugend feiert das.

A W : Vergangenes Jahr fielen bei einem Ihrer Auftritte in einem Ulmer Einkaufszentrum Mädchen in Ohnmacht und 18 wurden verletzt. Was war denn da los?

L R : Ulm war verrückt. Ich hatte eine halbe Stunde vor dem Aufbau gepostet, dass ich auf dem Weg dahin bin, sonst nichts. Als wir in die Stadt reinfuhren, hingen da schon überall Poster von mir. Ich hatte mit 500 Mädchen gerechnet, aber es wurde immer voller. Bei der Autogrammstunde waren es dann 3. 000 Kids, die alle gleichzeitig zu mir wollten. Ich konnte ein paar Autogramme geben, dann kollabierte die Rolltreppe. Der Security-Mann sagte zu mir: „Lukas, du musst jetzt gehen“, und ich wurde von der Polizei rausgefahren. Ich war so fertig, dass ich im Auto sofort eingeschlafen bin.

Lukas Rieger: “Alkohol? Ich habe gehört, dass der Tag danach voll für’n Arsch ist. Darauf habe ich keine Lust”
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A W : Meet-and-Greets machen Sie seitdem lieber keine mehr.

L R : Das musste sein, um alle zu schützen. Aber wenn ich Fans auf der Straße treffe, mache ich immer Fotos mit denen, klar. Aber nichts mehr mit Ansage.

A W : Was aus Ihrem alten Leben fehlt Ihnen, seit Sie berühmt sind?

L R : In Hannover gibt es eine Mall, in der ich früher fast jeden Tag mit meinen Kumpels rumhing. Wir haben Spiele gespielt: Wer zuerst zehn Handynummern von Mädchen zusammenhat, bekommt von den anderen das Kino bezahlt. Das kann ich heute nicht mehr machen.

A W : Sie sind generell wenig mit Gleichaltrigen zusammen, sondern vor allem mit Ihrer Gesangslehrerin, Ihrem Produzenten, Ihrem Manager. Mit dem haben Sie in Berlin sogar zwei Jahre lang in einer Wohnung zusammengelebt.

L R : Ja, aber die verstehen mich schon, ich kann mit denen reden. Das sind lustige Freundschaften geworden.

A W : Wundern Sie sich selbst manchmal über das Leben, das Sie führen?

L R : Natürlich denke ich manchmal, dass es krass ist. Wenn ich Zeit habe, kann ich mir überlegen, wo ich hinfliegen möchte, und mache das dann. Das ist eine ganz andere Welt. Meine Mama steht jeden Tag um sechs auf und geht in die Schule, an der sie unterrichtet, mein Vater noch früher. Mein Arbeitstag läuft anders ab.

A W : Sorgen machen Sie Ihren Eltern eher nicht mit Ihrer Lebensführung. Sie trinken nicht mal.

L R : Alkohol? Ich mag den Geschmack nicht. Und ich habe von Freunden gehört, dass der Tag danach voll für’n Arsch ist. Darauf habe ich keine Lust.

A W : Sie singen viel über Liebe und Mädchen, hatten aber noch nie eine Freundin – das Boygroup-Paradoxon.

L R : Ich war früher auch schon mal verliebt, war aber immer zu schüchtern, jemanden anzusprechen. Ich bin jetzt 18 geworden, und da ist es mir auch aufgefallen, dass es noch nicht so richtig geklappt hat mit den Mädchen.

A W : Wenn Sie eine Freundin hätten, würde das Ihre Fans sehr, sehr unglücklich machen.

L R : Das wäre schon ein bisschen komisch für die Fans. Aber ich glaube, die würden das verstehen. Die müssten dann damit umgehen.

„Der Lukas Rieger Code“ ist bereits bei HarperCollins Germany erschienen.

 

von Anne Waak