"Ich saß ein paar Jahre nur deprimiert zu Hause rum"

Als Teenager ließ sich Charlie Hunnam in „Queer as Folk“ von älteren Männern abschleppen, fuhr dann Motorrad in „Sons of Anarchy“ und ist neuerdings im Urwald unterwegs.

Charlie Hunnam ist höflich. Bevor das Interview im Rahmen der Berlinale in einem Hotel am Potsdamer Platz beginnt, fragt er nach den Getränkevorlieben seiner Gesprächspartnerin. Er selbst trinkt Kaffee. Der Aufstieg des 1980 geborenen Briten zu einem von Hollywoods heißesten Schauspielern war lang und unstetig. Nachdem er als 18-Jähriger seine erste Fernsehrolle gespielt hatte, dauerte es sieben Jahre, bis er 2006 als der böse Biker mit dem goldenen Herzen Jackson „Jax“ Teller in Sons of Anarchy bekannt wurde. Die männliche Hauptrolle als Millionär mit einem Faible für Bondage in Fifty Shades of Grey musste er wegen terminlicher Schwierigkeiten absagen, geschadet hat das seiner Karriere nicht. Es läuft bestens für Charlie Hunnam – und er hat weiterhin keine Eile, genau da anzukommen, wo er hinwill: ganz oben. In dem Kinofilm Die versunkene Stadt Z spielt er jetzt an der Seite von Sienna Miller den Südamerika-Entdecker Percy Fawcett, der zwischen 1905 und 1925 mehrere Expeditionen in den Regenwald unternahm, auf der Suche nach Zeugnissen einer untergegangenen Kultur.

ANNE WAAK: Mr. Hunnam, Ihr Percy Fawcett ist ein ziemlich moderner Mann, der mit seiner Frau eine gleichberechtigte Beziehung lebt – Anfang des vergangenen Jahrhunderts.

CHARLIE HUNNAM: Und trotzdem sagt er, als sie ihn nach Jahren der Trennung auf die nächste Expedition begleiten will: Eine Frau gehört nach Hause zu den Kindern, nicht in den Regenwald. Das kam mir für einen Moment falsch vor.

A W: Warum das?

C H: Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon ein ziemlich gutes Gefühl dafür entwickelt, wer dieser Percy war, und das war untypisch für ihn. Aber so progressiv er auch gewesen sein mag: Diese Expeditionen waren wirklich unglaublich brutal. Und ich hatte das Gefühl, dass es ihm weniger darum ging, dass er ihr das nicht zutraut, sondern eher darum, dass er es nicht ertragen könnte, sie leiden zu sehen. All die Krankheiten, die wilden Tiere, die Hitze. Er glaubt an die geistige, mentale und psychologische Gleichberechtigung der beiden, aber die körperlichen Unterschiede bleiben.

A W: Immerhin hat sie drei Kinder auf die Welt gebracht, nicht er.

C H: Wissen Sie, möglicherweise drückt er sich gegenüber seiner Frau nur ungeschickt aus? So läuft das doch manchmal beim Streit mit dem Partner.

A W: Kannten Sie Percy Fawcetts Geschichte vor dem Dreh?

C H: Unglücklicherweise nicht – und gleichzeitig auch glücklicherweise. Ich wurde erst zehn Tage vor Drehbeginn mit dem Film fertig, den ich davor gedreht hatte. Das ging nicht anders, führte bei mir aber zu einer regelrechten Panik. Also habe ich in der verbleibenden Zeit alles über Fawcett gelesen, was ich in die Hände kriegen konnte: Bücher, aber auch seine Briefe. Und wissen Sie was? Ich hatte sehr bald das Gefühl, dass ich ihn gut kannte und mochte, wirklich mochte.

A W: Haben Sie sich ihm anverwandelt?

C H: Jedenfalls habe ich es versucht. Ich wollte egoistisch und isoliert sein, einsam und allein. Ich wollte noch an meine Freundin und meine Familie denken, aber darüber hinaus besser keinen Kontakt haben dürfen. Ich hatte über Monate praktisch keine Verbindung mehr zur Außenwelt.

A W: Der Film ist ein Biopic in der Gestalt eines Abenteuerfilms. Was ist das eigentliche Thema für Sie?

C H: Der Konflikt, in dem wir alle stecken: die Person zu sein, die man sein will, sich zu verwirklichen und trotzdem seinen Verpflichtungen gegenüber seiner Familie nachzukommen – ganz zu schweigen vom Geldverdienen.

A W: Das war anscheinend lange ein echtes Problem für Sie.

C H: Es gab immer wieder Phasen, in denen ich kurz davor war, zurück nach England zu meiner Mutter und meinem kleinen Bruder zu ziehen, ja. Dabei ging es sehr gut los mit meiner Karriere, ich hatte viele Angebote.

Charlie Hunnam: “Ich verschwendete meine Zeit damit, darauf zu warten, dass das Telefon klingelt”
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A W: Wie wurden Sie entdeckt?

C H: Mit 17 war ich am Weihnachtsabend mit einem Kumpel in meiner Heimatstadt Newcastle unterwegs, um Schuhe für meinen Bruder zu kaufen. Damals war ich schon an der Filmschule, weil ich Regisseur werden wollte. Den Schauspielunterricht nahm ich nur nebenbei. Eine Frau, die für diese Serie namens Byker Grove arbeitete, sah mich, wie ich herumalberte und durch den Laden tanzte. Sie fand mich wohl niedlich.

A W: Bald danach spielten Sie einen schwulen Teenager in Queer as Folk. Was passierte daraufhin?

C H: Irgendwann zog ich nach Los Angeles, und dann kamen eine Zeit lang eben keine Angebote mehr. Ich saß ein paar Jahre nur deprimiert zu Hause herum. Dabei war ich nicht übermäßig wählerisch – die Angebote waren einfach nicht mehr interessant.

A W: Immerhin haben Sie eine Fernsehserie mit Judd Apatow gemacht, einem der besten Komödien-Regisseure unserer Zeit und ein Produzent von Girls.

C H: Ja, das war lustig. Aber das war nicht, was ich eigentlich machen wollte. Eine Karriere ist etwas Fragiles, besonders am Anfang. In den ersten Jahren bestimmt man, welche Art von Arbeit man für den Rest seines Lebens machen möchte.

A W: Und dann saßen Sie in L.A. herum …

C H: … und verschwendete meine Zeit damit, darauf zu warten, dass das Telefon klingelt.

A W: War das der Grund, warum Sie sich irgendwann entschieden, eigene Filmscripts zu schreiben?

C H: Ja, ich wollte ein wenig Kontrolle über mein Leben zurückgewinnen. Deswegen habe ich in den letzten Jahren fünf Projekte entwickelt, darunter ein Script über Vlad, den Pfähler. Zur gleichen Zeit, als ich mit der dritten Überarbeitung fertig wurde, bekam ich die Rolle in Sons of Anarchy.

A W: Was interessiert Sie ausgerechnet an Vlad, dem Vorbild für Graf Dracula?

C H: Als ich in Rumänien drehte, erzählten mir die Leute vor Ort von ihm. Er wird dort verehrt, weil er Widerstand gegen die Ausbreitung des Osmanischen Reichs auf dem Balkan geleistet hat. Aber alles, was man heute von ihm weiß, ist, dass er eine Vorliebe für Pfählungen hatte. Ich war erstaunt, dass noch niemand versucht hatte, eine historisch akkurate Version seiner Geschichte zu erzählen, und so habe ich erzählt, was ich glaube, wer er war. Aber das Projekt ist ein wenig stecken geblieben. So ist das in Hollywood. Aber eines Tages werde ich diesen Film machen.

 

Die versunkene Stadt Z läuft ab heute in den deutschen Kinos.