Ansichten eines toten Mädchens

Die Australierin Katherine Langford spielt eine Selbstmörderin – in einer von Selena Gomez produzierten Netflix-Serie.

Foto: Claude Gerber | Styling: Alisa Vornehm

Jung, hübsch, tot: Eine Kombination, so alt wie die Kulturgeschichte. Schöne, verstorbene Frauen sind ein gern gesehenes Motiv in der Kunst der westlichen Welt, man denke bloß an Shakespeares malerisch im Teich treibende Ophelia. Nicht ganz so lang zurück liegt der Tod von Laura Palmer, die David Lynch gleich zu Beginn seiner Serie Twin Peaks ins Jenseits beförderte. Palmer hatte sich, wie sich herausstellte, zu nah an Kokain, Männer mittleren Alters und die kanadische Grenze gewagt.

Auch die Heldin der neuen Netflix-Serie 13 Reasons Why stammt aus Amerikas hübsch geordneten Vororten und ist von Anfang an: tot. Hannah hat sich umgebracht, am Highschool-Spind hängen Blümchen und handgeschriebene Abschiedsbriefe. Und ähnlich wie im Fall Palmer rätselt eine zwischen Gartenzaunidylle und ungemütlichen Wahrheiten hin- und hergerissene amerikanische Kleinstadt, warum das schöne Mädchen gehen musste.

Der Fall wird von hinten aufgerollt, wobei Hannah noch aus dem Jenseits Hilfestellung gibt: Sie hatte vorsorglich vor ihrem Ableben ein Paket Kassetten an die 13 Menschen geschickt, die ihr übel mitgespielt haben. Es geht um sogenanntes „Slut Shaming“, tumbe Footballspieler und fiese Fotos, die über Social Media verbreitet werden.

Katherine Langford: “Es gibt keine schöne Depression. Sie ist sehr hässlich”
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Gespielt wird Hannah von Katherine Langford, die bis vor Kurzem noch nie einen Kassettenrekorder bedient hatte. Man kann es ihr nicht verübeln, sie ist ja erst 20. 1996, als Langford geboren wurde, waren Mixtapes schon stark angezählt. Aufgewachsen ist sie in Perth, was selbst für australische Verhältnisse geografisch recht weit abgeschlagen ist. Gerade war Langford an der Schauspielschule akzeptiert worden, als sie sich entschied, lieber für zwei Vorsprechen nach Los Angeles zu fliegen. Sie bekam keine der beiden Rollen, weswegen sie sich sicher war, die schlechteste Entscheidung ihres Lebens getroffen zu haben. Dann aber klingelte das Telefon, dran war Tom McCarthy. Der Regisseur hatte gerade zwei Oscars für seinen Film Spotlight gewonnen, in dem Mark Ruffalo, Rachel McAdams und Michael Keaton einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche aufdecken. Nun arbeitete er an besagter Netflix-Serie und musste noch die wichtigste Rolle besetzen: die des toten Mädchens. Einige Videovorsprechen und Skype-Anrufe später war Langford engagiert. „Wenn ich jetzt zurückblicke, denke ich mir: So etwas ist eigentlich unmöglich.“ Man kann sich tatsächlich einen schlichteren Einstieg in Hollywood vorstellen.

Produziert wurde 13 Reasons Why obendrein von Selena Gomez. Und obwohl es in der Serie sozusagen um fatale Smartphone-Nebenwirkungen geht, ließ sich Langford von Gomez gerne in die Geheimnisse des Instagram-Ruhms einführen. Eine bessere Expertin gibt es auf dem Gebiet ohnehin nicht, niemand auf der Welt hat mehr Instagram-Fans als Gomez. Seit die ein Bild von einem gemeinsamen Abendessen postete, steigt Langfords Popularität. „Selena hat 113 Millionen Follower, was verrückt ist. Das sind fast fünfmal so viele Menschen wie in Australien leben.“

Auch wenn Langford sich am Ende nur mit großer Anstrengung von ihrem Alter Ego Hannah losreißen konnte: Mit der ästhetischen Überhöhung des Selbstmords kann sie wenig anfangen. „Es gibt keine schöne Depression. Sie ist sehr hässlich. Und Teenager-Selbstmord ist nicht glamourös oder romantisch, sondern sehr endgültig.“ Allerdings: Die lang verstorbene Laura Palmer kehrt bekanntlich dieses Frühjahr mit einer Fortsetzung von Twin Peaks zurück. Vielleicht sieht man sich nicht nur im Leben stets zweimal.

„13 Reasons Why“ (auf Deutsch: „Tote Mädchen lügen nicht“) läuft ab heute auf Netflix

von Frauke Fentloh

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