Angriff
von oben

Auch nur ein Bürojob wie jeder andere: Hinter ihren Bildschirmen entscheiden junge Amerikaner in Nevada und Florida, ob in Afghanistan eine Bombe fällt. Mit Werbeclips, die wie Actionfilme aussehen, bewirbt das amerikanische Militär sein Drohnenprogramm. Der Rest ist streng geheim. Für ihren Film „National Bird“ trifft die Filmemacherin Sonia Kennebeck Whistleblower, die zur Air Force gingen, weil sie Patrioten waren oder einfach das Werbeposter des Militärs cool fanden. Heute dürfen sie nicht einmal mit einem Psychiater sprechen.

Foto © Frank Seidlitz

INTERVIEW: Frau Kennebeck, wie kommt man an Mitarbeiter eines geheimen Regierungsprogramms heran, die dann auch noch über ihre Arbeit sprechen sollen?

SONIA KENNEBECK: Das war tatsächlich eine richtige Detektivarbeit. Ich hatte mich schon lange über die Geheimhaltung des Drohnenprogramms gewundert und wollte einen Film darüber drehen, welche Auswirkung das auf die Menschen hat, die darin arbeiten. Ich habe auf Facebook und in speziellen Internetforen für Veteranen gesucht und stieß auf das Foto einer jungen Frau. Man sah darauf eigentlich nur ihre Augen, weil sie sich ein Blatt Papier vors Gesicht hielt. Darauf stand: „Nicht alles, was ihr über das Drohnenprogramm hört, stimmt. Ich weiß, wovon ich rede.“

INTERVIEW: Eine Mitarbeiterin des Drohnenprogramms?

KENNEBECK: Genau. Das Bild hatte jemand auf Facebook gepostet. Ich habe dann so lange dessen Freundesbeziehungen und Wohnorte recherchiert, bis ich auf das Profilbild von Heather stieß. Ich erkannte ihre Augen. Wir haben uns dann in Pennsylvania getroffen, als sie das Militär gerade verlassen hatte. Gleich beim ersten Treffen erzählte sie, dass drei ihrer früheren Kollegen aus dem Drohnenprogramm Selbstmord begangen hatten. Sie selbst hatte eine posttraumatische Belastungsstörung und Albträume. Daniel, einen weiteren Whistleblower, habe ich auf einer Demo getroffen und Lisa auf einer Veteranenkonferenz.

INTERVIEW: Wieso haben sich die drei für das Drohnenprogramm gemeldet? Klischeehaft stellt man sich vor: Mittlerer Westen, schlechte Berufsaussichten, darum zur Armee.

KENNEBECK: Das lief schon alles sehr klassisch. Daniel war obdachlos, bevor er zum Militär ging. Bei Heather kamen die Rekrutierer in die Schule. Sie sah die Air Force als Möglichkeit, aus ihrer Kleinstadt in Pennsylvania rauszukommen. Ihr hat damals nur keiner gesagt, dass der einzige Ort im Ausland, an den sie reisen kann, Afghanistan ist. Für alle war aber auch der Glaube an das Gute eine Motivation. Sie wollten etwas für ihr Land tun und wurden sehr enttäuscht.

Sonia Kennebeck: “Man hört die Drohnen oft eher, als dass man sie sieht. In Afghanistan haben die Kinder Angst vor dem Himmel”
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INTERVIEW: Im Film sagt Heather, sie wollte für die Air Force arbeiten, weil ihr das cool erschien. Sie muss eine unheimliche Wandlung durchgemacht haben.

KENNEBECK: Ja, das haben alle drei. Heather hat sich kurz nach der Highschool freiwillig bei der Air Force verpflichtet. Sie war 18 oder 19 Jahre alt, und 20, als sie an ihrem ersten Einsatz beteiligt war. Sie hat sich auch gezielt für das Drohnenprogramm rekrutieren lassen. Im Militärbüro hatte sie Poster von Drohnen gesehen und fand die cool.

INTERVIEW: Eine Vorstellung wie aus einem Actionfilm?

KENNEBECK: Ja, die Air Force versucht ja auch, das so zu vermarkten. Es gibt Werbeclips, in denen der Drohnenkrieg beworben wird, die aussehen wie ein Hollywoodfilm oder ein Computerspiel. Sehr hochwertig produziert, viel Action. Natürlich ist alles schwarz-weiß: Man hat die bösen Feinde und die guten Soldaten und Analysten, die Terroristen bekämpfen. Als Heather dann drin war, wurde ihr klar, mit wie vielen Unsicherheiten dort gearbeitet wird. Wie schlecht die Bilder sind, die die Drohnen liefern. Sie sah, wie mit Drohnen getötet wird. Ihre Aufgabe war es, das Live-Video, das von den Drohnen aufgenommen wurde, zu analysieren und anhand eines Bildes zu entscheiden, ob ein Mensch aussieht wie ein Terrorist oder wie ein Zivilist. Trägt er eine Waffe oder eine Schaufel? Die Entscheidungen, die sie treffen musste, waren Teil der Entscheidung, ob eine Bombe abgeworfen wurde.

INTERVIEW: Wie kann man sich diesen Arbeitsalltag vorstellen?

KENNEBECK: Die Analysten arbeiten in Schichten, oft zwölf Stunden. Sie sitzen in absoluter Sicherheit in Drohnenstützpunkten in Nevada, Kalifornien oder Florida. Das ist das Schizophrene dieses Jobs. Sie betreten zu Schichtbeginn ein geheimes Gebäude, kämpfen einen Krieg und töten Menschen. Nach Dienstschluss verlassen sie den Stützpunkt und gehen zu Walmart oder Starbucks und kaufen sich einen Kaffee.

INTERVIEW: Man wahrt die Illusion eines normalen Bürojobs?

KENNEBECK: Die Drohnenpiloten und Analysten erleben keine direkte Gefahr. Sie fühlen sich in völliger Sicherheit und töten trotzdem. Sie fahren nach Hause zu ihren Kindern und treffen sich mit Freunden, mit denen sie nicht über ihre Erfahrungen sprechen dürfen, weil alles geheim ist. Ich glaube, das erzeugt einen Teil des Traumas. Wenn Soldaten im Krieg sind, können sie sich mit Menschen austauschen, die Ähnliches erlebt haben.

INTERVIEW: Der Film zeigt, dass Heather nicht mal zum Psychiater gehen darf.

KENNEBECK; Wer eine so wichtige Position im Drohnenkrieg hat, kann nicht zu normalen Therapeuten gehen, weil die keine Sicherheitsfreigabe haben. Heather und die anderen Whistle­blower hatten eine Topsecret-Sicherheitsfreigabe, was bedeutet, dass sie nicht über ihre Erfahrungen sprechen dürfen. Das ist in der nationalen Sicherheit in den USA sehr streng geregelt. Vereinzelt gibt es beim Militär Therapeuten mit Sicherheitsfreigabe, aber bei Weitem nicht genug.

Allwissendes Auge im Himmel: Ein amerikanischer Vorort aus Drohnenperspektive

INTERVIEW: Die Whistleblower zeigen im Film ihre Gesichter, man erfährt ihre Namen. Wie haben Sie sie geschützt?

KENNEBECK: Genau, sie gehen offen vor die Kamera, sie sind kein Schattenriss an der Wand. Wir mussten sehr vorsichtig sein, auch weil sie in den USA leben. Wir hatten ein sehr kleines Team und haben mit Anwälten gearbeitet. Von meiner ersten Entwicklungsförderung habe ich einen Anwalt engagiert, einen Experten für Presse- und Redefreiheit, First Amendment Rights heißt das in den USA. Ich habe mich viel mit Jesselyn Radack ausgetauscht, der Anwältin von Edward Snowden. Der Schutz der Whistleblower stand immer an erster Stelle. Hundertprozentige Sicherheit gibt es bei diesen Themen aber nicht, weil die US-Regierung wirklich unberechenbar reagiert. Darum haben wir sehr darauf geachtet, dass wir zwar über das Programm sprechen, aber bestimmte Grenzen nicht überschreiten. Es gibt einfach Dinge, die so geheim sind, dass Whistleblower nicht darüber sprechen können. Das war eine Gratwanderung.

INTERVIEW: Heather, Daniel und Lisa drohen also keine rechtlichen Konsequenzen?

KENNEBECK: Das kann man so leider nicht sagen. Manche Whistleblower werden verfolgt, obwohl sie keine Geheiminformationen preisgegeben haben. Das ist wirklich ein Problem in den USA: Man kann sich nicht sicher fühlen. Es ist eine große Gefahr für die Demokratie.

INTERVIEW: Hat die US-Regierung versucht, den Film zu stoppen?

KENNEBECK: Etwa in der Mitte der Produktion stand das FBI bei Daniel vor der Tür. Die Agenten durchsuchten sein Haus. Es war eine Ermittlung unter dem Spionagegesetz, was bedeutet, dass die Betroffenen praktisch gar nichts über die Vorgänge erfahren. Selbst die Anwälte bekommen keine richtigen Informationen. Zur gleichen Zeit wurde auch Heathers Familie vom Office of Special Investigations of the Air Force kontaktiert. Man warnte sie, dass Heather in Gefahr sei. Menschen mit terroristischen Verbindungen hätten nach ihr Ausschau gehalten, ihren Namen gegoogelt. Man legte ihr nahe, sich nicht öffentlich zu äußern und sich von Twitter und Facebook zurückzuziehen. Es war schon ein sehr offensicht­licher Einschüchterungsversuch.

INTERVIEW: Mit Wim Wenders und Errol Morris haben Sie ein sehr prominentes Produzententeam. Hat Ihnen das auch ein Gefühl von Sicherheit verschafft?

KENNEBECK: Das war genau der Grund, warum ich die beiden kontaktiert habe. Ich wollte diese bekannten Filmemacher an meiner Seite haben, weil ich glaube, dass es dadurch schwieriger wird, ein Projekt zu stoppen. Ich habe Wim Wenders und Errol Morris ganz gezielt angesprochen und gesagt, dass ich sie gern als ausführende Produzenten dabei hätte, um die Whistleblower und mein Team zu schützen. Je mehr Publicity Whistleblower bekommen, desto sicherer sind sie. Denn es ist natürlich viel einfacher, sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit einzuschüchtern. Die amerikanische Öffentlichkeit sieht es nicht gern, wenn die Redefreiheit eingeschränkt wird.

INTERVIEW: Selbst im Hollywoodkino haben Drohnen Konjunktur. Schauen Sie sich Filme wie Eye in the Sky, Good Kill oder auch Serien wie Homeland noch an?

KENNEBECK: Schon. Viele Menschen haben Vergleiche zwischen Eye in the Sky mit Helen Mirren und National Bird gezogen, wahrscheinlich auch deshalb, weil in beiden Filmen Frauen die Hauptrolle spielen. In Eye in the Sky liefern die Drohnen allerdings sehr detaillierte High-Definition-Videos, es fühlt sich alles nach Hightech an. Da ist mehr möglich als in der Wirklichkeit. Ansonsten sind diese Filme schon recht nah an der Realität.

Sonia Kennebeck: “Es ist ein enormer Eingriff in die Privatsphäre, wenn man in Vorgärten anderer Leute fliegen und durch ihre Fenster filmen kann”
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Foto © Frank Seidlitz

INTERVIEW: Sie haben zum Teil selbst Drohnen eingesetzt, um Aufnahmen für National Bird zu filmen.

KENNEBECK: Ich wollte die Kamera umdrehen, um den Zuschauern ein Gefühl dafür zu geben, wie es ist, unter ständiger Überwachung zu stehen. Wenn man beobachtet wird, und nicht einmal weiß, dass man beobachtet wird. Es ist ein enormer Eingriff in die Privatsphäre, wenn man in die Vorgärten anderer Leute fliegen und durch ihre Fenster filmen kann. Das möchte ich bei mir zu Hause nicht haben.

INTERVIEW: Blicken Sie inzwischen öfter gen Himmel, um zu überprüfen, ob dort oben etwas kreist?

KENNEBECK: Ich schaue nicht so sehr auf Drohnen, aber mein Vertrauen in Technologie hat sich sehr verändert. Das Ausmaß der Überwachung, von dem wir durch die Snowden-Enthüllungen erfahren haben, ist ein großer Eingriff in meine Arbeit als investigative Journalistin. Ich mache mir Gedanken darüber, wo ich meinen Laptop liegen lasse, ich klebe die Kamera an meinem Handy ab und verschicke verschlüsselte E-Mails. Man kann sich nicht mehr so frei bewegen. Ich fühle mich auch als Privatmensch unwohl dabei.

INTERVIEW: Von seinen Befürwortern wird der Drohnenkrieg als sauberer Krieg bezeichnet, Kritiker finden ihn besonders perfide. Welchen Standpunkt nehmen Sie ein?

KENNEBECK: Jeder sollte für sich selbst entscheiden, wie sauber es ist, eine Bombe auf ein Haus zu werfen, obwohl man nicht mit hundertprozentiger Sicherheit weiß, wer sich darin befindet. Amerikanische Politiker wollen uns die Vorstellung eines präzisen, gezielten Kriegs verkaufen, in dem eine einzige Person aus großer Höhe getötet wird. Diesen punktgenauen Krieg gibt es nicht. Eine 300-Pfund-Bombe, die ein ganzes Haus dem Erdboden gleichmacht, ist einfach nicht präzise.

INTERVIEW: In Zukunft soll es Drohnen geben, die vollautomatisiert funktionieren, ohne menschliche Steuerung. Erwartet uns ein Krieg zwischen Maschinen? Kennebeck Das ist eine große Sorge. Die Technologien entwickeln sich sehr schnell, es wird an komplett autonomen Drohnen geforscht, an Schwarmtechnologien. Im Internet gibt es dazu schon die ersten Werbeclips der amerikanischen Verteidigungsindustrie. Sie entwickeln ganze Drohnenschwärme, die untereinander kommunizieren und automatisierte Entscheidungen treffen sollen. Bereits jetzt kann man an das Überwachungsnetzwerk, zu dem die Drohnen gehören, andere Waffensysteme anschließen, Panzer zum Beispiel. Ich merke immer wieder, dass den meisten Menschen überhaupt nicht bewusst ist, wie weit unsere Kriegstechnologie schon vorangeschritten ist. Und das ist nur das, was wir wissen.

INTERVIEW: Wie sicher sind diese Systeme?

KENNEBECK: Die Frage der Sicherheit ist ein Problem. Drohnen verbreiten sich sehr schnell, denn technisch sind sie gar nicht so kompliziert. Trotzdem haben viele Menschen das Gefühl, als wären sie nicht real, weil all das wie aus einem Science-Fiction-Film wirkt. Wir haben jetzt Waffen in der Luft, die wir nicht sehen. Manchmal hören wir sie. Das haben mir die Menschen in Afghanistan erzählt: Man hört die Drohnen oft eher, als dass man sie sieht. Dort haben die Kinder Angst vor dem Himmel.

INTERVIEW: Am Ende des Films heißt es, der Aufenthaltsort ihres Whistleblowers Daniel sei unbekannt. Stehen Sie inzwischen wieder im Kontakt?

KENNEBECK: Das Einzige, was ich dazu sagen kann, ist, dass ich den Schluss des Films nicht geändert habe. Ich würde ihn ändern, wenn es irgendwelche Informationen gäbe.

„National Bird“ läuft ab dem 18. Mai 2017 im Kino.

Von: Frauke Fentloh