Die Angekommene

1994 machte ein Buch Virginie Despentes schlagartig berühmt. Despentes war 24, als sie „Baise-moi“ veröffentlichte, eine romangewordene Vendetta mit viel Gewalt und viel Sex. Seitdem galt sie als Rebellin der französischen Literatur. Bis jetzt.

Illustration: Gill Button

Von: Frauke Fentloh

In nur einem Monat hatte Virginie Despentes ihr Debüt „Baise-moi“ geschrieben, im Haus ihrer Eltern in der französischen Provinz. Es handelte von zwei jungen Frauen, Außenseitern aus der Banlieue, die auf einen schnaps- und blutgetränkten Rachefeldzug gehen. Gegen Männer im Speziellen und die Welt im Allgemeinen. Despentes, die 17-jährig beim Trampen vergewaltigt wurde, verarbeitete darin auch ihr eigenes Trauma. Den Spielfilm zum Buch drehte sie selbst, nur fünf Tage nach der Premiere wurde er in Frankreich verboten: zu viel Gewalt, zu viel Sex, zu viel Nahaufnahme. Der Film wanderte in den Underground. Und machte Despentes endgültig zur Expertin für allgemein Skandalöses. Seitdem hat sie zehn Bücher veröffentlicht, der Roman „Pauline und Claudine“ wurde mit Marion Cotillard in der Hauptrolle verfilmt. Nach Jahren in Barcelona ist die Autorin nach Paris zurückgekehrt. Dort hat sie ihr Roman-Opus „Vernon Subutex“ geschrieben, das in Frankreich in drei Bänden erschienen ist. Seitdem ist alles anders: Kritiker vergleichen Despentes mit Balzac, seit Kurzem gehört sie zur Académie Goncourt, jener zehnköpfigen Jury, die den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs verleiht. Der erste Band von „Vernon Subutex“ ist nun auf Deutsch erschienen. Er handelt von Menschen mittleren Alters, Männern vor allem, die einst in den feierbegabten Musik- und Subkulturen der Neunziger zu Hause waren. Im Mittelpunkt steht der ehemalige Plattenladenbesitzer Vernon Subutex, der früher auf Du und Du mit Rockstars stand und heute seine Zeit damit verbringt, sich in den Wohnungen alter Partybekanntschaften einzuquartieren, um seine Obdach­losigkeit zu verschleiern. Virginie Despentes wohnt in Belleville, dem Pariser Arbeiterviertel am Park Buttes-Chaumont, das in den vergangenen Jahren zwar recht gründlich durch­gentrifiziert wurde, aber immer noch ein paar raue Ecken vorzuweisen hat. Treffen in einem unscheinbaren Café am Hügel. Virginie Despentes bestellt einen Pfefferminztee.

 

FRAUKE FENTLOH: Sie wurden bekannt mit Büchern über rebellische Frauen, warum schreiben Sie jetzt über Männer in der Krise?

VIRGINIE DESPENTES: Ich wollte über Rockkultur schreiben, und die ist nun mal hauptsächlich eine Geschichte weißer Männer. Es ergab sich also fast von allein. Ich hatte auch schon einmal einen Roman aus Männersicht geschrieben, vor ungefähr 15 Jahren, er hieß „Teen Spirit“. Es gefiel mir, ins Bewusstsein eines Mannes einzudringen. Ich orientierte mich daran, wie meine männlichen Freunde Dinge sehen und wahrnehmen. Vernon Subutex ist eine jungenhafte, erwachsene Figur. Viele meiner Freunde aus der Rockmusik sind in gewisser Weise Teenager, auch wenn sie 60 Jahre alt sind. Als das Buch herauskam, hat mich vor allem überrascht, wie einfach männliche Protagonisten es bei Kritikern und Lesern haben. Sie gehen viel großzügiger mit ihnen um. Sie verurteilen sie nicht. Weibliche Figuren stehen unter schärferer Beobachtung. Der männliche Protagonist kann tun, was er will, und alle finden es cool.

FF: Was bedeutet Vernon Subutex? Mir war zunächst gar nicht klar, dass das ein Name ist.

VD: Subutex ist in Frankreich die Substanz, die Drogensüchtige als Heroinersatz bekommen. In den Achtzigern war das die Standardmarke, die man verwendete, um vom Heroin herunterzukommen. Der Vorname stammt von Boris Vian, dem Schriftsteller. Er hat unter dem Pseudonym Vernon Sullivan in den 40er-Jahren einen Roman namens „Ich werde auf eure Gräber spucken“ geschrieben. Der Name ist also eine Art Witz. Ich habe ihn auch jahrelang selbst auf Facebook verwendet. Deswegen fühlte er sich sehr vertraut an.

FF: Und Ihr Pornostar Pamela Kant ist eine Mischung aus Immanuel Kant und Pamela Anderson?

VD: Genau. In den Achtzigern, in der Zeit der Fanzines, war es in der Punkszene üblich, dass man sich falsche Namen gab. Die sich aus einem Vornamen und einem Nachnamen zusammensetzten, die nicht zusammenpassten. So wie Pamela Anderson und Immanuel Kant. Eine Kollision von Hightech und Lowtech.

FF: Wie waren Sie als Punk?

VD: Die Achtziger und frühen Neunziger waren die Zeiten von Punk und Hardcore. Diese Kultur war seit meinen Teenagerjahren wirklich wichtig für mich, von 13 bis 25 drehte sich mein ganzes Leben darum. Ich war ständig auf Konzerten und interessierte mich sehr für Fanzines. Damals gab es eine regelrechte Explosion der Punkszene und der alternativen Welt. Ich wuchs mit der Szene auf. Durch die Musik habe ich viel Politisches gelernt und viel über Feminismus. Es war eine richtige Subkultur in dem Sinne, dass wir überhaupt nicht Teil der Mainstream­kultur waren.

FF: Wie darf man sich das vorstellen?

VD: Ich war nicht wütend auf die Mainstreamkultur, sie betraf mich überhaupt nicht. Ich wäre nie ins Kino gegangen, um einen Blockbuster zu sehen, ich besuchte keine Mainstream­konzerte, ich schaute kein Fernsehen. Es war eine kleine Welt. Mir gefiel das. Das entsprach meinem Charakter. Das böse Erwachen kam, als ich diese Blase verlassen und die richtige Welt kennenlernen musste. Ich stellte fest, dass ich nicht wirklich gut darauf vorbereitet war. Wenn man heute als 18-Jähriger Wirtschaft studiert, rüstet einen das vielleicht für die richtige Welt. Wenn du mit 25 deiner Punkblase entsteigst, sind Disziplin, Hierarchie, Konkurrenz nicht wirklich deine Routine. Ich musste viel lernen. Die Anpassung war hart.

Virginie Despentes: “Als Punk war ich nicht wütend auf die Mainstreamkultur. Sie betraf mich überhaupt nicht”
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FF: Was veranlasste Sie überhaupt, diesen Schritt zu tun?

VD: Die Hausbesetzerszene wurde Anfang der Neunziger zerstört. Die Orte, an denen wir Konzerte veranstalteten, verschwanden. Die Bands und die Logik, der wir als alternative Plattenindustrie folgten – alles ging unter. Gleichzeitig veröffentlichte ich mit „Baise-moi“ meinen ersten Roman. Ich lernte eine ganz neue Art von Menschen kennen, Leute aus der Pariser Literaturszene, Medienmenschen, Kinoproduzenten. Ich war plötzlich mit ganz anderen Persönlichkeiten konfrontiert als zuvor.

FF: Unter denen Sie dank „Baise-moi“ als Rebellin galten. Sahen Sie sich selbst auch so?

VD: Das Buch war ein kleiner Skandal, aber gar nicht so sehr. Mit dem Film war es schlimmer. Plötzlich war ich auf den Titelseiten der Zeitungen, dabei hatte ich wirklich nicht erwartet, dass er viel Aufmerksamkeit bekommen würde. Es war ja ein Low-Budget-Film. Er avancierte zu Frankreichs Sommerskandal, weil er verboten wurde. Das war hart. Nach dem Film wurde ich auf der Straße beleidigt. Die Menschen waren wütend.

FF: Der Film wurde verboten, weil er echten Sex zeigte?

VD: Er kam heraus, und ein Verband der extremen Rechten reichte Beschwerde ein. Sie bekamen ihn innerhalb von fünf Tagen aus dem Kino. Wir weigerten uns, den Film als Porno einstufen zu lassen. Der Prozess hätte ewig gedauert. Hier wurde er also kaum gesehen. In anderen Ländern schon. Heute gilt er als cool. Ich habe ihn nie für das große Publikum gemacht. Er war nicht für meine Mutter gedacht, er sollte nie im Fernsehen laufen.

FF: Warum hat es Sie interessiert, Sex und Gewalt so extrem zu kombinieren?

VD: Das Buch war sehr sexuell, sehr explizit, sehr krass. Ich sah nicht ein, das für den Film zu ändern. Ich verstehe immer noch nicht, warum Sexualität nicht auf der Leinwand gezeigt werden soll oder warum Frauen im Film nicht gewalttätig sein sollen. Während Männer doch im Film total gewalttätig sind. Ich finde es dumm, realistische Sexszenen zu verbieten. Es ist ziemlich erstaunlich, dass im französischen Kino seit „Baise-moi“ außer Gaspar Noé niemand mehr versucht hat, explizite Szenen zu drehen. Sexualität ist nicht derart gefährlich.

FF: Die Figuren in „Vernon Subutex“ sind Überbleibsel der Musikszene der Neunziger.

VD: In den Achtzigern arbeitete ich vier Jahre lang in einem sehr kleinen Plattenladen. Meine Inspiration waren alle die Leute, die dort oft hinkamen, die sich für Punk und Hardcore und diese Art von Subkulturen interessierten. Ich habe mich gefragt, was aus ihnen geworden ist. Heute trifft man auf Punkkonzerten Leute aus allen Gesellschaftsschichten, weil sich die Menschen von damals in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt haben.

FF: Für die meisten scheint es eher schlecht gelaufen zu sein. Den Eindruck bekommt man zumindest im Buch.

VD: Wissen Sie, als ich vor fünf Jahren nach Paris zurückkehrte, nachdem ich vorher in Barcelona gelebt hatte, war ich verblüfft über die Depression, die hier herrscht. Viele Menschen, denen es sehr gut geht, fühlen sich nicht gut. Ich hatte den Eindruck, dass jeder in Paris depressiv ist. Sehr wenige Menschen schienen zufrieden mit dem, was sie tun und was sie haben. Was sich nicht durch externe Faktoren erklären lässt. Es ist bloß ein Gefühl, das sie haben. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, haha.

Virginie Despentes: “Ein Land, das so stark für Marine LePen stimmt, hat ein Depressionsproblem. Das ist ein Todeswunsch”
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FF: Dabei gab es immer das Klischee von der Lebenslust der Franzosen.

VD: Die haben wir verloren. Wir dachten, dass wir Glück haben, in Frankreich zu leben. Inzwischen ist das anders. Es ist nicht mehr solch ein guter Ort zum Leben. Wir sind nicht wichtig in der Welt, wir sind nicht mal wichtig in Europa. Ich würde sagen, es gibt eine französische Depression. Darunter leiden vor allem Menschen meines Alters. Man kennt ein Land des 20. Jahrhunderts, und jetzt betritt man das 21. Jahrhundert und erkennt, dass alles anders sein wird. Wir wissen nicht, was uns bevorsteht. Darum gibt es eine kollektive Angst. Bei den letzten Wahlen hat es die extreme Rechte bis in die letzte Runde der Präsidentenwahl geschafft. Ein Land, das so stark für Marine LePen stimmt, hat ein Depressionsproblem. Das ist ein Todeswunsch. Dabei sind wir immer noch sehr reich. Manchmal haben depressive Menschen gar keine Probleme. Punkrock war ein starker kultureller Hintergrund. Mich erstaunt, wie viele Menschen um mich herum plötzlich Dinge von sich geben, die vor 20 Jahren undenkbar gewesen wären. Wie leicht die Gedanken der extremen Rechten – Faschismus, Nationalismus, Homophobie – in ihre Leben einge­drungen sind.

FF: Die früheren Linken sind rechts geworden?

VD: Rassistisch. Man sieht Menschen, die ihr Leben lang schlechte Entscheidungen getroffen haben, jetzt sind sie 60 und in allem gescheitert, und plötzlich sind die Muslime schuld. Wenn du dein Leben lang alles falsch gemacht hast, sind nicht die Muslime dein Problem. Ähnlich wie in Deutschland war es in Frankreich seit dem Zweiten Weltkrieg tabu, rassistisch oder antisemitisch zu sein. Es ist wirklich eine Erfahrung. Ich habe viele Dinge erwartet, aber das nicht.

FF: Im Buch beschreiben Sie gewissermaßen auch den Niedergang der Pornoindustrie. Und wie Pornodarsteller in den Achtzigern und Neunzigern als Popstars gefeiert wurden.

VD: In den Siebzigern waren sowieso alle Pornodarsteller Stars! Als dann in den Achtzigern die Videos aufkamen, gab es in Frankreich ein sehr glamouröses Magazin namens „Hot Vidéo“. Der Fernsehsender Canal Plus tat auch viel, um die Figur des Pornostars zu glamourisieren. „Baise-moi“ habe ich mit zwei früheren Pornodarstellerinnen gedreht. Ich war viel mit ihnen unterwegs und stellte fest, dass sie berühmter waren als die berühmtesten fran­zösischen Schauspieler. Wo immer wir hingingen, gab es Aufregung. Wir kamen überall rein. Ob wir zu einem Fußballspiel wollten oder zu einem großen Konzert oder in eine VIP-Lounge – mit deinen Pornostar-Freundinnen warst du immer eingeladen. Das hat mich wirklich verblüfft. Auf der einen Seite wurde ihnen gesagt, dass verwerflich sei, wie sie ihr Geld verdienen, auf der anderen Seite genossen sie einen Status wie Pamela Anderson oder Marilyn Monroe. Der Widerspruch war frappierend. In Paris waren sie wichtige Leute. Ich bin niemals mehr mit Menschen zusammen gewesen, die andere derart stark angezogen haben. Man bekam Zugang zu jedem, ob aus Literatur oder Politik. Inzwischen ist das anders, die Pornoindustrie hat kein Geld mehr. Es gibt keine jungen Pornostars in Frankreich mehr, „Hot Vidéo“ ist tot. Das finde ich schade. Es sollte ein pornografisches Genre geben. Es sollte ein Filmgenre sein, so wie Horrorfilme. Ein Coppola-Pornofilm, ein Kathryn-Bigelow-Pornofilm, das wäre doch interessant.

FF: Was fasziniert Sie so sehr an dem Genre?

VD: Ich finde es interessant, eine pornografische Vorstellungskraft aufzubauen. Pornografische Filme können einem wirklich helfen herauszufinden, was einem gefällt und worüber man mehr wissen möchte. Diese Bilder sind wie Werbung, sie dringen in dein Gehirn ein und tun, was sie wollen. Vielleicht ohne deine Zustimmung. Es interessiert mich, so direkt zu arbeiten. Natürlich auch, weil es tabu ist. Ich denke, Pornografie würde mich weniger interessieren, wenn sie einen guten Ruf hätte. Die Idee des Verbotenen spielt in der Sexualität ja generell eine große Rolle und speziell, wenn es um weibliche Sexualität geht. Manchmal schaue ich mir Pornografie im Internet an, und mir fällt auf, dass sie immer gewalttätiger gegenüber den weiblichen Figuren wird. Ich frage mich warum. Warum hassen Menschen ihre eigene Sexualität so sehr, dass sie etwas so Düsteres erschaffen müssen? Es sagt viel über unsere Zeit aus.

FF: Viele würden argumentieren, dass Pornografie generell frauenfeindlich ist.

VD: Muss sie aber nicht sein. Sie ist es ja nicht von selbst. Aber wenn kein Geld da ist und man die Branche nicht anerkennt, entsteht diese Ghetto-Industrie. Was da ausgedrückt wird, ist ein echter Hass auf Frauen. Aber das ist nicht die Pornografie, das ist unsere Gesellschaft. Es liegt nicht an der Sexualität, dass wir ein Problem mit Frauenfeindlichkeit haben.

Illustration: Gill Button

FF: Sie nennen sich Pro-Sex-Feministin, was verstehen Sie darunter?

VD: Das ist ein Begriff, der in den Achtzigern in den USA entstand. Damals fand eine heftige Diskussion statt zwischen Feministinnen wie Katherine McKenna, die ein Verbot von Pornografie und Prostitution forderten, und anderen Feministinnen wie Annie Sprinkle, die sich Pro-Sex nannten. Sie wollten den Rahmen des Feminismus verändern. Ich las ihre Texte als junges Mädchen und hatte gleich das Gefühl, dass das mein Feminismus ist. Mich interessiert kein Feminismus, der denkt, dass Frauen prinzipiell nicht viel Freude an Sex haben. Ich wollte nie eine respektable Feministin sein. In den frühen Neunzigern war ich für drei Jahre Sexarbeiterin. Darum war es interessant für mich, auf die Arbeit einer amerikanischen Feministin zu stoßen, die sagt: Ich bin Prostituierte und sehe das so, ich bin Pornodarstellerin, und das ist, was ich zu sagen habe. Offenkundig kann man Sexarbeiterin sein und politische Überzeugungen haben. Es ist ein Job, dem man nachgehen kann, ohne sich schlecht zu fühlen. Der Feminismus hatte in jedem Jahrzehnt seine internen Kämpfe, heute geht es um das Kopftuch. In den Achtzigern stritt man über Prostitution und Pornografie.

FF: War das damals auch Ihr Antrieb, als Prostituierte zu arbeiten?

VD: Nein, ich tat es für das Geld. Ich war gewissermaßen alt, als ich anfing, 21 Jahre. Ich hatte die Vorstellung, dass Prostituierte arme Opfer sind. Als ich ein paar dieser Frauen kennenlernte, stellte ich fest: absolut nicht. Das war allerdings in den frühen Neunzigern, mittlerweile haben sich die Dinge geändert. Aber damals gab es in dem Geschäft viele starke Frauen mit starken Persönlichkeiten, die genau wussten, was sie taten. Alle waren hinter dem Geld her, aber sie waren nicht die Opfer, die ich erwartet hatte. Es war keine traurige Phase in meinem Leben.

FF: Wie lange dauerte sie?

VD: Nur kurz, drei Jahre, vielleicht vier. Als ich nach Paris zog, war das die beste Option, die ich hatte, um andere Dinge in meinem Leben zu ermöglichen. Ich erinnere mich, dass es immer sehr schwer war, Geld zu verdienen. In der Prostitution ging das schnell, und die Arbeit war nicht besonders kompliziert auszuführen. Die Frauen, die ich traf, kamen aus ganz unerwarteten Bereichen. Eine stammte aus Jugoslawien und war eine richtige Intellektuelle, eine andere hatte einen Friseursalon gehabt und war eine begabte Geschäftsfrau. Das waren keine verlorenen, ausgebeuteten Mädchen. Es ist genau die gleiche Ausbeutung, der man ausgesetzt ist, wenn man ein Buch veröffentlicht. Ich gebe 90 Prozent von dem, was mein Buch einbringt, an meinen Verlag. Als Sexarbeiterin habe ich hingegen niemandem 90 Prozent von dem gegeben, was ich verdiente. Als ich das Arbeitsfeld wechselte, hatte ich nicht den Eindruck, dass der Unterschied so groß ist.

FF: Haben Sie währenddessen schon geschrieben?

VD: Das war zur gleichen Zeit. Als mein Roman „Baise-moi“ herauskam, war er zwar nicht gleich ein Erfolg, aber innerhalb eines Jahres verdiente ich Geld damit, weil ich die Rechte an eine Filmproduktion verkaufte. Ich kam von der Sexarbeit zur Schreibarbeit. Ich war recht jung, als „Baise-moi“ veröffentlicht wurde.

FF: Welche Schriftsteller haben Sie damals gelesen? Kathy Acker, könnte ich mir vorstellen?

VD: Kathy Acker hatte mich wirklich infiziert, ja. Das erste Mal, als ich etwas von ihr las, war ich total schockiert, dass das von einem Mädchen geschrieben wurde. Und diese Reaktion brachte mich zum Nachdenken. Wenn du denkst, dass ein Mann es geschrieben hat, gefällt es dir, und wenn du herausfindest, dass es eine Kathy und kein Paul ist, der so schreibt, schockiert dich das? Ich las auch viel Bukowski und Selby. Ich las generell viel. Ich bin immer ein großer Leser gewesen.

FF: In „Vernon Subutex“ taucht immer wieder die Underground-Musikerin Lydia Lunch auf.

VD: Oh, Lydia ist eine gute Freundin. Aber schon viel früher war sie sehr wichtig für mich. Als ich in den Achtzigern aufwuchs, gab es nicht besonders viele weibliche Persönlich­keiten in der Rockkultur. Lydia Lunch war eine von ihnen. Ihr Auftreten auf der Bühne und in Interviews war kompromisslos, aber trotzdem weiblich. Als ich ein Teenager war, führte mir das vor Augen, wie frei man als Frau sein kann. Vor etwa 25 Jahren lernte ich sie kennen, und wir wurden sehr gute Freunde. Wir haben zur gleichen Zeit in Barcelona gelebt und wirklich viel Zeit zusammen verbracht. Sie ist eine exzellente Köchin. Ich selbst koche nicht. Lydia ist auch die Art von Freundin, die immer weiß, welches Buch man lesen wollen wird, welche Platte man hören sollte. Von ihr bekomme ich die besten Empfehlungen.

Virginie Despentes: “Ich war solch eine Niete in Heterosexualität. Ich dachte ständig, ich sei zu dick, zu hart, zu laut, zu alles. Am schlimmsten aber war die Angst vor dem Erfolg”
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FF: Wenn man Ihr Buch liest, bekommt man den Eindruck: Rock’n’Roll ist tot.

VD: Es ist jedenfalls unmöglich, dass jemand, der heute 14 ist, das gleiche Verhältnis zu Musik hat, wie wir es früher hatten. Das Internet hat alles verändert. Man hat solch einen unmittelbaren Zugang zu allem, was einen interessiert. Du wirst heute nicht mehr zwei Jahre damit verbringen, nach einer bestimmten Platte zu suchen. Es hat nicht die gleiche Intensität. Man kann sich nicht mehr so absolut allein fühlen, wie wir das taten. Ich glaube, Rock’n’Roll ist tot, ja. So wie wir ihn kannten, ist er tot. Auch wenn die Platten noch gut sind. Gestern war ich bei einem Konzert von Nick Cave, und es war genial. Sehr bewegend. Aber es löst keine Revolution mehr aus.

FF: Sie haben gesagt, dass Ihr Leben viel einfacher ist, seit Sie lesbisch sind. Wieso?

VD: Ich passte einfach nicht in die Heterosexualität. Was ich aber gar nicht bemerkt hatte. Bis ich ausstieg. Es war eine Überraschung und eine echte Erleichterung. In allen Bereichen, aber vor allem auch mit dem Schreiben.

FF: Das müssen Sie erklären.

VD: Ich war solch eine Niete in Heterosexualität. Ich dachte ständig, ich sei zu dick, zu hart, zu laut, zu alles. Am schlimmsten aber war die Angst vor dem Erfolg. Ich fand es immer schwierig, viel Aufmerksamkeit zu bekommen, während ich mit einem Mann zusammen war, der weniger Aufmerksamkeit bekam. Wenn ich viel Geld hatte, war es schwierig, mit einem Mann zusammen zu sein, der weniger Geld verdiente. Wenn es einen großen Artikel über mich gab, fühlte ich mich unwohl damit, wichtiger zu sein als der Mann. Als Heterosexuelle dachte ich, dass Erfolg immer damit einhergeht, dass dein Freund dich verlässt. Das sagen alle Schriftstellerinnen, Filme­macherinnen, Schauspielerinnen, Politikerinnen, die ich kenne. Wenn man großen Erfolg hat, hauen die Männer ab, die können das nicht verkraften. Alle rennen. Das galt als normal, Erfolg war gefährlich. Man musste sich entscheiden: erfolgreich sein und allein oder glücklich im Privatleben, aber sein Licht unter den Scheffel stellen. Als ich das aufgab und lesbisch wurde, war alles perfekt. Mir wurde auch klar, dass fast alle Frauen, die ich als Künstlerinnen, Philosophinnen, Autorinnen kenne, lesbisch sind. Bestimmt 85 Prozent. Es ist einfacher, beide Seiten im Griff zu haben, wenn man keine Angst hat, jemand anderen in den Schatten zu stellen.

FF: Gerade sind Sie besonders erfolgreich: Letztes Jahr wurden Sie in die Académie Goncourt berufen, seit „Vernon Subutex“ vergleichen Kritiker Sie mit Balzac. Wie fühlen Sie sich heute mitten im Establishment?

VD: Ich fühle mich alt, haha. Ich habe 28 Jahre lang Bücher veröffentlicht, und jetzt bin ich die Person, die ich früher von außen beobachtet habe. Es fühlt sich gut an. Ich fühle mich alt und ich fühle mich gut. Es ist bequemer, als die junge Autorin zu sein, die jeder zu hassen liebt. Ich genieße, was gerade passiert. Ich hatte es nicht erwartet. Zugleich fühle ich mich gar nicht so anders als früher. Vielleicht kann ich etwas zur Académie Goncourt beisteuern, das ein bisschen anders ist. Ein Interesse an anderen Dingen. Wenn man alt ist, fühlt man sich ja nie absolut alt, man denkt immer, man wäre noch ein bisschen jung. So fühle ich mich, haha. Ich bin alt, aber ich bin anders.



„Das Leben des Vernon Subutex“ ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.