NEIL BLOOMKAMP
"Eigentlich mag ich keine Hollywood-Stars"

Ein Kinderroboter, Sigourney Weaver und Die Antwoord als Gangsterpaar in Pastell: Der Regisseur Neil Bloomkamp spricht über seinen Film Chappie – und den neuen Alien, den er gemeinsam mit Weaver dreht.

Yolandi Visser in "Chappie" © 2015 Sony Pictures Releasing GmbH / © Stephanie Blomkamp

Eigentlich ist Neil Bloomkamp Experte für düstere Action-Visionen. In District 9 spielte er das Thema Apartheid an Aliens und Menschen durch, für Elysium schickte er Jodie Foster in ein intergalaktisches Reichen-Ghetto. Sein neuer Film Chappie ist deutlich bunter, fast schon poppig: Es geht um einen Roboter mit dem Bewusstsein eines Kindes, der mit einem Gangsterpaar in einer Industrieanlage im 80s-Style wohnt. Die White-Trash-Outcasts werden gespielt von Yolandi Visser und Ninja von Die Antwoord, die für Bloomkamp ihr Schauspieldebüt geben – samt Vokuhila und Maschinengewehren in Pastell. Außerdem sind Hugh Jackman und Sigourney Weaver an Bord, mit der Bloomkamp bald den neuen Teil von Alien drehen wird.

INTERVIEW: Mr. Bloomkamp, ich war überrascht, dass Die Antwoord so ein große Rolle in Chappie spielen. Wie kam es dazu? Haben Sie ihre Songs im Radio gehört und einen Geistesblitz gehabt?

NEIL BLOOMKAMP: Das kann ich gar nicht genau sagen, aber es war fast die erste Idee, die ich zum Film hatte. Es geht um einen Kinderroboter, der von Gangstern aufgezogen wird – und das sind Die Antwoord. Sie waren praktisch schon von Anfang an dabei. Ich habe ihre Musik gehört, wollte diesen Film machen und es hat einfach gepasst.

INTERVIEW: Kannten Sie Ninja und Yolandi?

BLOOMKAMP: Ein bisschen, ja. Aber nicht so gut. Ich bin 2010 auf sie aufmerksam geworden, auf ihre Videos vor allem. Als sie in Vancouver gespielt haben, habe ich die beiden getroffen. Ich mochte einfach, was sie machen, ihre weirdness.

INTERVIEW: Sind sie wirklich so wie vor der Kamera? Diese ausgeflippten Zef-Typen?

BLOOMKAMP: Sie sind genau so. Ob die Kamera läuft oder nicht. Im Film spielen sie sich einfach selbst. Die Story ist allerdings, dass ihre Karriere gerade vorbei ist, sie sind nicht mehr erfolgreich. Sie tragen ihre eigenen Fan-T-Shirts, weil sie diese ganzen Merchandise-Sachen haben, die nie verkauft wurden. Die stehen kistenweise in ihrer Wohnung rum.

INTERVIEW: Die sieht aus wie ein dystopischer Spielplatz. Ninja und Yolandi haben auch das Set-Design gemacht, oder?

BLOOMKAMP: Genau, ich habe ihnen gesagt: Ich will euch im Film haben und zwar mit allem, was Die Antwoord ausmacht. Es war nicht wie mit anderen Schauspielern, denen man einfach sagt: Tu dies, zieh das an. Als es um ihre Wohnung ging habe ich Ninja einfach die Farbe und die anderen Sachen aus der Requisite gegeben. Und die zwei ihr eigenes Set malen lassen. Was eine Menge Probleme mit den Leuten aus der Requisite gegeben hat, weil die keine Ahnung hatten, was vor sich ging.

INTERVIEW: Es gab Ärger?

BLOOMKAMP: Naja, stellen Sie sich vor Sie sind Teil des künstlerischen Teams und haben fünfzig Filme gemacht. Und dann sagt Ihnen der Regisseur, die Schauspieler sollen das Set machen. Die konnten das nicht verstehen.

Neil Bloomkamp © 2015 Sony Pictures Releasing GmbH

INTERVIEW: Worum geht es Ihnen in Chappie? Ist der Film eine Coming-of-Age-Story?

BLOOMKAMP: Ja, schon! Das Coming-of-Age-Element war wichtig. Aber noch wichtiger war die Idee von Bewusstsein und Empfindungsvermögen. Ich habe mich gefragt, wie man das am besten zeigt. Also dachte ich: Ein Roboter-Kind, das aufwächst – das könnte gut klappen.

INTERVIEW: Chappie ist wahrscheinlich der netteste Roboter der Filmgeschichte.

BLOOMKAMP: Ja! Gut! (lacht) Ich wollte außerdem die Welt so zeigen, wie ich sie sehe – als ziemlich gewalttätigen und manipulativen Ort. Chappie sollte das Gute im Menschen repräsentieren.

INTERVIEW: Er ist tatsächlich menschlicher als die meisten Menschen im Film.

BLOOMKAMP: Ja, das war wichtig.

INTERVIEW: Eigentlich drehen Sie nicht gerne mit großen Hollywood-Stars, diesmal hatten Sie unter anderem Sigourney Weaver dabei. Wie war die Arbeit mit ihr?

BLOOMKAMP: Im Prinzip kann ich Filmstars nicht leiden. Ich will diesen ganzen Mist nicht, den sie mitbringen. Aber mit Sigourney ist das anders. Sie ist ein Star und extrem talentiert, aber mit ihr zu arbeiten ist total einfach und normal. Hugh Jackman ist genauso, ich hatte echt Glück mit meinen Schauspielern. Sie können genau umsetzen, was man ihnen sagt. Es gibt keine endlosen Diskussionen über die Rolle. Und natürlich bin ich ein riesiger Fan. Sigourney ist einfach cool. Sie ist genau die Person, mit der ich arbeiten möchte.

INTERVIEW: Dazu werden Sie bald wieder Gelegenheit haben, Sie beide drehen ja den neuen Alien-Film zusammen. Haben Sie das am Set von Chappie ausgetüftelt?

BLOOMKAMP: Wir haben es nicht direkt dort abgemacht, aber es hat schon irgendwie damit angefangen. Die Alien-Filme sind meine absoluten Lieblingsfilme. Ich habe Sigourney mit einem Haufen Fragen gelöchert, einfach als Fan. Dabei habe ich gemerkt, dass sie Lust hätte, einen neuen Film zu machen. Was vorher überhaupt nicht klar war. Ich hätte nicht gedacht, dass sie das wollen würde.

INTERVIEW: Was können Sie mir über Ihren Alien verraten?

BLOOMKAMP: Ach, dafür ist es noch viel zu früh.

INTERVIEW: Wann drehen Sie denn?

BLOOMKAMP: Das weiß ich noch nicht mal. Wenn wir mit der Pressetour für Chappie fertig sind, fahre ich zurück nach Vancouver und fange an, das Ganze zu entwickeln.

Sigourney Weaver in "Chappie" © 2015 Sony Pictures Releasing GmbH / © Stephanie Blomkamp

INTERVIEW: Aber der Film wird nach dem zweiten Alien-Film spielen?

BLOOMKAMP: Er wird im Zusammenhang mit dem ersten und dem zweiten Teil stehen, denn das sind die Filme, die ich wirklich liebe. Den dritten fand ich interessant, den vierten mochte ich nicht wirklich. Mein Ziel ist, dass der Film aus dem gleichen Holz geschnitzt ist wie die ersten beiden. Dass es sich anfühlt wie eine Triologie.

INTERVIEW: Wie beeinflusst Ihre südafrikanische Herkunft, wie Sie Filme machen?

BLOOMKAMP: Ich glaube, die spielt eine sehr große Rolle. In meinen Filmen geht es immer um Unterdrückung und jemanden, der versucht, sich aus diesem System zu befreien. In Südafrika wurde dieses System abgeschafft als ich vierzehn war. Davor, vor 1994, war es ein Polizeistaat. Überall Waffen und Stacheldraht, und gleichzeitig dieses Berverly-Hills-artige Palmen-Vorort-Ding. Eine sehr seltsame Mischung. Das ist einfach bei mir hängengeblieben und kommt in meiner Arbeit immer wieder raus.

INTERVIEW: Chappie wollten Sie eigentlich in den USA drehen, warum sind Sie doch wieder in Johannesburg gelandet?

BLOOMKAMP: Ich wollte gar nicht unbedingt in die USA, ich wollte ihn nur nicht in Südafrika machen. Es war mir eigentlich egal, wohin wir sonst gehen. Südafrikas Themen sind Rassismus und Unterdrückung, und darum geht es bei Chappie nicht. Das war District 9. Es ist übrigens lustig, wenn mich die Leute darauf ansprechen und fragen: Warum spielt der Film in Dystopia? Und ich: Du meinst das Johannesburg von heute? Jedenfalls bin ich wegen Die Antwoord zurück. Ninja und Yolandi in eine andere Stadt zu verpflanzen hätte nicht funktioniert.

INTERVIEW: Neben den beiden macht Hans Zimmer die Musik für den Film. Eine ziemlich ungewöhnliche Mischung.

BLOOMKAMP: Schon, aber für uns macht Zimmer ja gar nicht das, was er sonst so macht.

INTERVIEW: Stimmt. Mir ist erst gar nicht aufgefallen, dass das seine Musik ist.

BLOOMKAMP: Genau, es ist total anders. Ich bin zu ihm hin und meinte: kein Orchester, keine organischen Instrumente. Also hat er elektronische Musik gemacht, mit Synthesizern. Sehr Bladerunner. Es ist verrückt, wie gut er ist. Ist er berühmt in Deutschland?

INTERVIEW: Naja, einigermaßen.

BLOOMKAMP: Aber er ist kein Nationalheld oder so? Dass die Leute in wie verrückt lieben? Er ist echt der Beste in der Filmmusik. Mit Abstand.

INTERVIEW: Ich glaube, die Leute haben das Gefühl, dass er nach Amerika gegangen ist und seine Seele in Hollywood verkauft hat.

BLOOMKAMP: Ja. Das macht Sinn.

 

Von: FRAUKE FENTLOH