Omer Fast
"Reden ist nicht immer die Lösung"

Omer Fast wuchs in Israel und den USA auf. Mit 30 zog er nach Berlin. Heute gilt er als einer der wichtigsten Film- und Videokünstler seiner Generation. Anlässlich seiner neuen Ausstellung haben wir mit dem Künstler gesprochen.

Omer Fast | Courtesy the artist

Amsterdam, Wien, New York City – Omer Fast ist in der internationalen Kunstszene aktuell sehr gefragt. Mit seinen Videoarbeiten, in denen er das Spannungsverhältnis von Dokumentation und Fiktion untersucht, in komplexen Narrationen immer wieder aktuelle Diskurse mit historischen Ereignissen vermischt, ist er bekannt geworden. Sein Werk ist ein ambitionierter Versuch, den Prozess des Erzählens zu durchleuchten und zu hinterfragen.

In diesem Jahr ist Fast neben seiner Soloschau im Berliner Martin-Gropius-Bau außerdem gleich mit zwei Filmprojekten auf der Kinoleinwand zu sehen. Grund genug für uns, mit dem Künstler über die Ausstellung, seine neuen Arbeiten und das Filmprojekt CONTINUITY zu sprechen.

 

INTERVIEW: Herr Fast, wie ist der Titel ihrer neuen Ausstellung „Reden ist nicht immer die Lösung“ zustande gekommen?

OMER FAST: Der Titel der Ausstellung entspricht genau dem, was ein Darsteller in einem meiner Filme sagt. Es ist ein dummer Spruch, ein Klischee und eine Provokation – etwas, was Männer üblicherweise sagen, wenn sie nichts zu sagen haben oder wenn sie einen Autoritätsverlust erleiden. Wie jedes dumme Klischee beinhaltet es jedoch etwas Wahres.

INTERVIEW: Sie interessieren sich also für den Moment, in dem jemand seine Autorität verliert?

FAST: Der Autoritätsverlust ist schlussendlich ein Vakuum, ein Verlust von Sprache oder eine Abwendung vom Wort in den Bereich der Tat und möglicherweise auch in den der Gewalt. Wenn ein Bild mehr als tausend Worte sagt – noch ein seltsames Sprichwort – dann bin ich am Medium des Austauschs interessiert. Wie können wir symbolische Sphären aus den realen schaffen? Welche Symbole wählen wir? Und was passiert, wenn unsere Symbole uns im Stich lassen? Welche Alternativen können wir finden?

INTERVIEW: Es ist ihre erste große Soloausstellung in Berlin, die rund sieben ihrer Projekte zeigt…

FAST: Das früheste Werk in der Ausstellung, CNN Concatenated von 2002, besteht fast nur aus gesprochenen Worten. Das neueste Werk, August von 2016, ist größtenteils stumm. Bei den Werken dazwischen wird zwar gesprochen, es kann aber kaum das vorherrschende Verlustgefühl verbergen: den Verlust von Autorität, von Gesprächen oder Symbolen. Ist dies etwas, das betrauert werden müsste? Nicht unbedingt. Reden ist nicht immer die Lösung.

INTERVIEW: CNN Concatenated ist eine komplexe Narration, die aktuelle und historische Ereignisse miteinander vermischt. Es wirkt, als würden Sie einerseits an ein kollektives Bildgedächtnis appellieren und zugleich die heutige (gängige) Berichterstattung durchleuchten. Wie funktioniert Erinnerung und wie Narration?

FAST: Vielleicht kann man sagen, dass Erinnerung eine private Angelegenheit ist, eine Narration eher etwas Öffentliches. Wir haben kein gemeinschaftliches Gedächtnis. Wir produzieren Objekte, Symbole und Erzählungen, um diese Funktion zu erfüllen. Dadurch entsteht Kultur. Es ist ein aktiver Prozess, da wir über die Geschichten, die wir erzählen und wiedererzählen ständig im Dialog mit der Vergangenheit stehen. Meine Arbeit versucht, diesen Prozess nachzubilden.

Omer Fast: CNN Concatenated, 2002 | 18 Minuten, Monitor, im Loop Courtesy Galerie Arratia Beer / gb agency / Dvir Gallery / James Cohan Gallery / Installation View, Wexner Center of Art © Omer Fast

INTERVIEW: Nach welchen Kriterien haben sie die Auswahl noch getroffen?

FAST: Die Ausstellung wechselt zwischen Arbeiten auf Englisch, die in den USA aufgenommen wurden und Arbeiten auf Deutsch, die hier gedreht wurden. Man könnte sagen: Die amerikanischen Arbeiten zeigen eine eher dokumentarische Perspektive. Sie können als Porträts unterschiedlicher Industriezweige in den USA gesehen werden. Die deutschen Arbeiten basieren auf Skripten, die ich selbst geschrieben und gedreht habe. Sie sind dadurch wesentlich fiktiver. Es gibt aber auch Porträts des Familienlebens, die ebenso sentimental wie pervers sind. 

INTERVIEW: Das Spiel mit dokumentarischen und fiktiven Elementen ist ja quasi die Quintessenz ihrer Arbeiten. Handelt es sich um eine Art Fast’sche Methode?

FAST: Ich habe keine Methode. Ich habe ein gewöhnliches Leben und nutze mein Werk, um das außerordentliche Leben anderer darzustellen beziehungsweise zu erleben. Ich bin an unterschiedlichen Themen interessiert. Aber wie ich bereits erwähnt habe, sind dabei oft Arbeiter, Familien und Individuen beteiligt, die Grenzen überschreiten.

Omer Fast: “Meine Beziehung zu meiner Arbeit kann man als One-Night-Stand beschreiben: Wenn es vorbei ist, ist es vorbei!”
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INTERVIEW: Der Begriff des Dokumentarischen ist schwer zu definieren. Kann man die Wahrheit ihrer Meinung nach überhaupt filmen oder ablichten?

FAST: Ich bin kein Journalist und bin auch nicht an der objektiven Wahrheit der Geschichten interessiert, die ich erzähle. Die Geschichten, die ich auswähle, bauen immer auf einem starken Glauben des Erzählers auf – auch dann, wenn sich herausstellt, dass der Erzähler lügt. Selbst wenn wir jede reale Stimme aus der Arbeit entfernen und sie als rein fiktiv bezeichnen, hat das Werk immer einen dokumentarischen Wert. Es ist ein Dokument der „Wunscherfüllung“, wie es der amerikanische Filmkritiker und Theoretiker Bill Nichols nennt, zugleich aber auch ein historisches Dokument eines besonderen Moments. Ich bezeichne meine Arbeiten gerne als Porträts. Das hilft mir, das Fiktive und das Dokumentarische zu verbinden. Ich brauche beides, denn ich habe weder in das eine noch in das andere absolutes Vertrauen.

INTERVIEW: Was hat es mit den Warteräumen, die sie in der Ausstellung zwischen den einzelnen Videowerken eingerichtet haben, auf sich?

FAST: Neben der Präsentation von projektbasierten Arbeiten in dunklen Räumen, werden für diese Ausstellung auch drei neue Rauminstallationen geschaffen. Jeder dieser Räume basiert auf einem Warteraum, in dem ich selbst viel Zeit verbracht habe, der mein Studio oft ergänzt oder sogar ersetzt hat: Der Wartebereich des Flughafens, das Wartezimmer beim Arzt oder bei der Ausländerbehörde. Sie wurden aber auch als Ruhezone für müde Ausstellungsbesucher, als helle alternative Räume, für die Darstellung älterer Arbeiten auf Monitoren und als Orte für Performances und Interventionen, die für die Ausstellung geplant sind, konzipiert. Ich versuche außerdem die Monotonie der Ausstellungsarchitektur im Gropius-Bau aufzulösen.

Omer Fast: August, 2016 | Ein-Kanal-Videoinstallation, 3D-Projektion Courtesy Galerie Arratia Beer / gb agency / Dvir Gallery / James Cohan Gallery / Filmgalerie 451 © Omer Fast

INTERVIEW: Sie haben auch eine neue Arbeit speziell für die aktuelle Ausstellung im MGB angefertigt. Worum geht es in August?

FAST: August ist ein Kurzfilm in 3D, der eine fiktive Lockerheit beinhaltet, und auf Leben und Werk des großartigen Fotografen August Sander basiert. Ich stelle mir vor, wie er am Ende seines Lebens schlaflos und von Bildern aus seiner Vergangenheit verfolgt wird. Die Arbeit ist größtenteils ohne Sprache, sodass es von der visuellen Wirkung und vom rar eingesetzten Ton abhängt, die Geschichte weiter zu treiben und eine bestimmte Stimmung zu vermitteln.

INTERVIEW: Die Arbeit CONTINUITY haben Sie zuerst auf der Documenta 13 in Kassel gezeigt. Eine Weiterentwicklung des Kurzfilms kommt nun als Spielfilm auf die Leinwand. Wie sind Sie an dieses Projekt herangegangen?

FAST: Meine Beziehung zu meiner Arbeit kann vielleicht wie ein One-Night-Stand beschrieben werden. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Bei Continuity machte ich den Fehler, mich zu verlieben. Ich habe immer weiter über die Charaktere und die Geschichte nachgedacht. Wo sind sie? Was machen sie heute? Ich wollte sie wieder besuchen. Also habe ich ihre kleine Welt erweitert, lud neue Charaktere ein und machte die Geschichte noch komplexer und komplizierter. Das ist eigentlich nicht gut für Kunstwerke oder Beziehungen, aber ich konnte nichts dagegen tun.

Omer Fast: Continuity, 2012 40 Minuten, Ein-Kanal-Videoinstallation, im Loop Courtesy Galerie Arratia Beer / gb agency / Dvir Gallery / James Cohan Gallery / Filmgalerie 451 © Omer Fast

Omer Fast »Reden ist nicht immer die Lösung«

18. November 2016 bis 12. März 2017

Im Martin-Gropius-Bau, Berlin

Von: Insa Grüning

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