Petite Meller trägt ihr Trauma auf den Wangen

Gerade wurde sie als „Best Push“ für die MTV European Music Awards nominiert. Die Sängerin Petite Meller flüstert ins Telefon. Die ganzen 60 Minuten lang, während wir uns über Traumata und die Liebe unterhalten. Aber schüchtern sagt sie, sei sie nicht. Das würde man immer falsch verstehen. Und wenn sie auf der Bühne steht, dann könne man das auch sehen. Man merkt es aber auch, wenn man ganz bewusst an Mellers leiser Stimme vorbeihört und sich auf ihre klaren Worte konzentriert.

MIRNA FUNK: Dein pinker Blush ist sowas wie dein Markenzeichen. Wie kam es dazu?

PETITE MELLER: Ich war mit meinem Eltern als Kind einmal im Sommerurlaub und bekam einen schrecklichen Sonnenbrand. Einen Sonnenbrand, den ich so nie wieder vergessen habe.

M F: Das heißt, das war eine Art Trauma dieser Sonnenbrand?

P M: Total. Als Teenagerin habe ich dann angefangen diesen Sonnenbrand mithilfe von Blush nachzustellen, weil ich finde, dass man sein Trauma nach außen tragen sollte. Man sollte es zeigen und stolz darauf sein. Ich mag, wenn Leute in ihrem Styling oder ihrer Kunst ihr Trauma zeigen.

M F: Trägst du dein Blush immer?

P M: Immer. Auch nachts. Ich selber denke gar nicht mehr daran, dass ich es trage. Es ist ein Teil von mir, aber Leute reagieren immer super weird drauf. Zum Beispiel, wenn ich morgens Kaffee hole im Coffee Shop.

M F: Das kann ich mir vorstellen.

P M: Ich mag, wenn Dinge nicht perfekt sind. Wenn Styling nicht perfekt ist. Menschen sind nicht perfekt. Das Trauma ist ein Teil dieser fehlenden Perfektion.

M F: Was bedeutet Trauma für dich?

P M: Eine Menge wie du schon merkst. Ich habe Philosophie in Tel Aviv studiert und mich am meisten mit Psychoanalyse beschäftigt. Mit Lacan, mit Freud. Meine Abschlussarbeit habe ich zur Psychose geschrieben. Mich interessiert das wahnsinnig. Auch als kreatives Mittel. Deswegen mag ich auch Hitchcock so sehr. Ich habe eine Menge zu diesem Fall von Daniel Schreber geschrieben und gelesen. Bis heute lese ich immer wieder darüber.

MF: Was für ein Fall ist das?

PM: Es ist dieser Mann, der am Tag seiner Berufung zum Richter plötzlich eine Psychose bekommt und alles dazu aufschreibt. Das Buch heißt Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Wenn man es liest, erhält man einen echten Einblick in den Geist eines Menschen, der an einer Psychose leidet. Aber es ist nicht nur das. Es ist seine Geschichte. Was hat ihn in die Krankheit geführt. Das ist, was mich so fasziniert.

M F: Und was hat ihn in die Psychose geführt?

P M: Sein Vater war Arzt und zwang ihn immer orthopädische Hilfsmittel, die er entwickelte und baute, anzuziehen. Er war ein strenger, autoritärer Vater. Nicht ohne Grund wird Schreber Richter. Aber dann…

M F: Dann bricht am Tag, an dem er zum Richter aller Richter berufen wird, die Psychose aus.

Genau. Wir können unserem Trauma nicht entfliehen. Und alle unsere Handlungen und Lebensentscheidungen sind Teil dieses Traumas.

M F: Also sind Psychose und Trauma die Themen, die dein Philosophiestudium bestimmt haben?

P M: Ja, genau. Und das Philosophiestudium öffnete einen kreativen Zugang, den ich vorher nicht hatte. Ich fing schon als Kind an, Songs zu schreiben und sie aufzunehmen. Mit einem Kassettenrekorder. Ich hatte Songs in meinem Kopf. Es war wie eine göttliche Eingebung. Ganze Songs kamen irgendwie zu mir. Aber ich habe diesen kreativen Prozess nicht genutzt. Die Songs nicht benutzt. Und als dann das Philosophiestudium begann, fing das, was ich als Kind erlebte wieder an. Mitten in der Vorlesung ging es los und ich rannte aus dem Raum, um alles aufzuschreiben und aufzunehmen. Es war total verrückt. Erst mit dem Studium konnte ich mein kreatives Ich richtig ausdrücken. Das Studium triggerte auf unbeschreibliche Weise meinen Geist.

M F: In einem Interview sagst du, du machst Musik, damit Leute, die diese Musik hören ihren Schmerz wegtanzen können.

P M: Ich bin sehr einsam aufgewachsen. Meine Eltern waren beruflich eingespannt und ich habe die meiste Zeit bei meiner Großmutter verbracht. Aber nicht nur mit meiner Großmutter, sondern mit lauter alten Menschen. Ich war also umgeben von alten Menschen. In dem Video zu Barbaric habe ich genau diese Erinnerung aus meiner Kindheit eingebaut. Das Video beginnt mit mir und wie ich auf diesem Piano sitze, umgeben von alten Menschen. Es war eine einsame Kindheit. Und in dieser Zeit habe ich mir immer vorgestellt wie es wäre, wenn ich jemanden hätte, mit dem ich tanzen könnte. Ich glaube, das ist der Grund, warum ich angefangen habe Musik zu machen. Heute stehe ich auf einer Bühne und tanze mit Zehntausenden Menschen gemeinsam.

M F: Und wenn du auf der Bühne stehst und singst und tanzt, dann geht der Schmerz weg?

P M: Ja, generell, wenn ich singe und tanze und schreibe. Bei Babylove zum Beispiel. Als ich den Song geschrieben habe, hatte ich schrecklichen Liebeskummer. Den Song zu schreiben ging wahnsinnig schnell. Und immer, wenn ich den Song singe, dann löst sich all der Schmerz, den mir dieser Mann damals zugefügt hat. „Disappearing while you’re here“, steht da.

M F: Was bedeutet das?

P M: Es geht um diesen Typen, der nicht weiß, was Liebe ist und der einfach verschwindet, obwohl er noch vor einem steht. Der also emotional verschwindet. Wenn ich mir meine Songtexte anschaue, dann geht’s in allen irgendwie um Typen. Oberflächlich gesehen. Aber, wenn ich mir meine Texte noch genauer ansehe, dann wird klar, dass es eigentlich nur um meine Kindheit geht.

M F: Typen repräsentieren immer die eigene Kindheit.

P M: Man holt sich sein Kindheitstraum zurück in die Gegenwart.

M F: Total. Aber was mich jetzt noch mal interessiert. Wenn du also mit all diesen Tausenden von Menschen zusammen tanzt. Und ihr gemeinsam euren Schmerz wegtanzt, hilft das wirklich?

P M: Ja. Manchmal kommen sie auch zu mir auf die Bühne. Und wenn ich auf der Bühne stehe, ist das mein echtes Ich. Menschen denken, ich bin schüchtern und zurückgezogen, aber auf der Bühne bin ich extrem ich selbst. Wenn man bei einem Festival vor 30.000 Menschen performt, dann ist das so gut und so erfüllend.

“Ich glaube, dass Schmerz, besonders Liebeskummer, eine enorm kreative Kraft hat.”
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M F: Fühlst du die Einsamkeit nicht stärker, sobald du die Bühne wieder verlässt?

P M: Nein, gar nicht. Ich nehme einfach alles mit hinter die Bühne.

M F: Du sagtest, dass dir nicht nur singen und tanzen hilft, dabei Schmerz zu vergessen, auch schreiben.

P M: Jeder Künstler hat eine ganz eigene Art und Weise zu schreiben. Ich liebe umherzureisen. Ein Album, das mich bis heute inspiriert, ist Graceland von Paul Simon. Ich mag, dass er in unterschiedliche Länder gereist ist, um es zu produzieren. Er hat vor Ort mit Musikern gearbeitet, hat den Sound dieser Orte aufgenommen. Ich nehme als erstes die Melodie auf, bevor ich überhaupt den Text schreibe. Und wenn ich die Melodie dann höre und mich ans Mikrophon stelle, kommt der Text einfach so zu mir. Ich glaube, dass Schmerz, besonders Liebeskummer, eine enorm kreative Kraft hat. Der Geist braucht eine Art Trigger, um das ganze Unbewusste rauszulassen. Mit den unterschiedlichen Sounds, kann ich diese Gefühle triggern, die wiederum zu Worten werden. Und dann wiederum helfen mir die Songs, die Videos zu visualisieren.

M F: Wie genau geht das vor sich?

P M: Als ich zum Beispiel die Mongolische Flöte hörte, wurde mir klar, dass ich in die Mongolei muss, um dort zu shooten. Im Moment arbeite ich an meinem zweiten Album. Vor ein paar Monaten war ich in L.A. und habe Diane Warren getroffen. Sie hat riesige amerikanische Hits geschrieben. Vor allem Rockbaladen. Wie I Dont Want To Miss A Thing von Aerosmith (Petite singt den Song). Ich habe mir also eine Menge Songs angehört und ich musste mich entscheiden. In diesem Fall schreibt sie ja die Songs. Sie hat mir zehn Songs oder so vorgespielt, aber keiner davon war irgendwie für mich. Und wir saßen so zusammen und dann spielt sie auf ihrer Gitarre einen Song an und sagt „An dem arbeite ich gerade, vielleicht magst du den ja.“ Und sie singt: „Sanity, oh Sanity, why did you abandond me.“

M F: Sanity, oh Sanity, why did you abandond me?

P M: So simpel, aber so gut. Aber auch so wahr irgendwie. Sie schreibt ja sehr einfach Songs. Wir haben den Songs dann jedenfalls aufgenommen und irgendwie klingt jetzt alles ein bisschen wie Space Oddity von David Bowie. Und als wir fertig waren, fing ich sofort an, mir das Video dazu vorzustellen.

M F: Was bedeutet Liebe für dich?

P M: Liebe bedeutet Glück und Schmerz in selben Moment. Liebe bedeutet zusammen zu kreieren. Etwas gemeinsam zu schaffen. Ich finde das ist das Wichtigste im Leben. Und Social Media ist toll dafür. Zum Beispiel wollte ich dieses Jahr nach Brasilien und mein Manager drehte total durch. Was willst du in Brasilien. Du verschwindest einfach. Und ich sagte, nein, nein. Ich muss das für’s neue Album machen. Und dann schrieb ich auf Facebook, dass ich nach Rio komme und ob es Produzenten gibt, die ich kennenlernen sollte. Mir schrieben unglaublich viele Leute. Das lag auch daran, dass ich so viele Fans in Brasilien habe.

M F: Du musstest dahin, um zu sehen, warum dich so viel Liebe aus Brasilien erreicht?

P M: Genau. Ich bekam so viel Liebe aus Brasilien und wollte wissen, warum.

M F: Und wie fühlte sich die brasilianische Liebe an?

P M: Gefährlich. Es war lebensbedrohlich. Die Produzenten schleppten mich auf irgendwelche krassen Parties in Rio und Sao Paulo. Aber, die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit sammelte, waren einfach unglaublich. Wir produzierten Musik und schrieben Songs. Was auch immer dir dein Herz sagt, höre drauf. Ich habe diese neue Musikrichtung entdeckt. Baile Funk. Wir sind zu diesen Baile Funk Parties in die Favelas gegangen und es hat mein Album unglaublich inspiriert.

M F: Du hast also kreative Liebe in Brasilien gefunden?

P M: Ja! Weißt du, Musik ist reisen.

M F: Als ich angefangen habe zu dir zu recherchieren, entdeckte ich diese ganzen neuen Interviews, die dich immer als 20-jährige Sängerin beschreiben. Dabei bist du Mitte 30 und hast schon zwei verschiedene Leben hinter dir. Du warst Model und dann Bandmitglied bei der israelischen Pop-Band Terry Poison.

P M: Ich sage ihnen nicht, dass ich erst Zwanzig bin. Das denken sie einfach.

M F: Aber hast du nach deinem Mitwirken bei Terry Poison entschieden, dass du dieses Kapitel abschließen und einfach neu beginnen willst?

P M: Ich war bei Terry Poison auch schon Petite und hatte eine ähnliche Rolle.

M F: Ok. Lass es mich anders ausdrücken. Deine Karriere fühlt sich nicht als Evolution an, sondern eher wie eine komplette Neuerfindung.

P M: Wirklich? Komisch. Für mich ist das nicht so. Vielleicht, weil es so ein komplett anderer Musikstil ist. Das war auch der Grund, warum ich gehen musste. Ich spürte einfach, dass ich aus einer anderen Welt kam. Ich mag Jazz und Paul Simon. Das war nicht das Genre von Terry Poison. Und ich hatte dieses Woman Power Feeling.

M F: Ah, du konntest einfach endlich du selbst werden und dieses Selbst war eben ganz anders als Terry Poison.

P M: Ja. Es war so ein unglaublich befreiender Moment als ich aus der Band ausgestiegen bin. Ich fühlte plötzlich meine ganze weibliche Kraft.

 

Interview: Mirna Funk

Credits: Fotos AXEL HOEDT/BRIGITTA HORVAT Haare JOSÉ QUIJANO/THE WALL GROUP

Make-up NINNI NUMMELA/STREETERS Produktion BRIGITTA HORVAT Styling-Assistenz ESTEFANIA HAGEMAN

27.10.2017 | Kategorien Interviews, Musik | Tags , ,

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