Pierre Cardin

Er gilt als einer der Begründer der futuristischen Mode der Sechziger und hat erfand nebenbei das Prêt-à-porter –  mit 95 Jahren gewährte Pierre Cardin uns noch einmal Audienz.

Porträt: Hugo Comte

Pierre Cardin sitzt am Schreibtisch seines Pariser Büros. Es ist ein kleines Wunder, dass er überhaupt Interviews gibt – nicht weil er viel zu alt ist, sondern weil er in der Zeit, in der er irgendwelche Fragen beantwortet, noch schnell ein paar neue Dinge entwerfen könnte. Mit 95 läuft die Zeit schneller, und man kann davon ausgehen, dass es in seinem Kopf immer noch ausreichend Ideen gibt. Er hat Uhren, Kugelschreiber, Radiogeräte, Möbel, Lampen, Plattenspieler, Bett­wäsche, Tischtücher sowie Messer, Gabeln und Löffel entworfen. Er war seiner Zeit derart voraus, dass er bereits in den Sechzigern die Mode der Achtziger über den Laufsteg schickte. Er hat Autos gestaltet, das Nobelrestaurant Maxim’s zu einer weltweit operierenden Kette ausgebaut, die chinesische Volksarmee eingekleidet, das Schloss des Marquis de Sade zu einem Kulturzentrum ausgebaut und ein Theater geleitet. Er hat sich für den Modebereich das Lizenzgeschäft ausgedacht und perfektioniert und zeitweilig mehr als 800 Firmen in 180 Ländern besessen. Kurzum: Cardin ist der meiste Designer der Welt. Er war zu seinen besten Zeiten so umtriebig und geschäftstüchtig, dass er Opfer seiner eigenen Allgegenwärtigkeit wurde. Seine Präsenz führte dialektisch dazu, dass man anfing, ihn als Designer zu übersehen. Und deswegen nimmt er sich heute noch Zeit, über sein Werk zu reden. „Schaut euch diese Röcke an!“, sagt er. Wir schauen und hören zu!



CARLO LAVAGNA: Monsieur Cardin, geboren sind Sie in Italien, nicht wahr?

PIERRE CARDIN: Ja, aber meine Eltern haben Italien verlassen, als ich zwei war.

CL: Dann haben Sie ja Mussolini noch erlebt.

PC: Ja, aber wenn man zwei ist, ist man ja noch ein Kind, ein Baby sogar. Ich erinnere mich, wie wir einen Zug genommen haben, aus dem Rauch emporstieg. Und ich dachte, es wäre Nacht, aber es war der Rauch.

CL: Und mit dem Zug sind Sie direkt nach Paris gefahren?

PC: Nein. Wir waren zunächst in Saint­-Étienne, in Rive-de-­Gier, in Saint­-Chamond. Wir waren in Gegenden, in denen es viel Industrie gab. Saint­-Étienne war sehr reich an Industrie. Es war die erste Industriestadt Frankreichs. Also sind meine Eltern dorthin gegangen. Aber mein Vater war alt. Ich bin geboren, als mein Vater 65 Jahre alt war. Kurz gesagt, wir waren Flüchtlinge und mussten Arbeit finden.

CL: Statt Industrie war Ihr Arbeitsfeld dann die Mode.

PC: Ja, ich wollte Modeschöpfer werden. Ich weiß nicht wieso. Ich hatte überhaupt keine Ahnung von dem Milieu. Aber ich hatte Lust, mir Menschen, Fotos, Models und Zeitschriften anzusehen.

CL: Wie fing es für Sie an?

PC: Ich arbeitete für Paquin und danach für Schiaparelli und habe die Kostüme für Jean Cocteaus „La Belle et la Bête“ entworfen. Anschließend habe ich für Dior gearbeitet, als er gerade sein Modehaus eröffnete. Ich war der erste Angestellte von Dior.

CL: Der erste?

PC: Der erste!

CL: Und danach haben Sie…

PC: Nach drei Jahren hörte ich bei Dior auf. Ich fing an, Kostüme fürs Theater und fürs Kino zu entwerfen. Mit Luchino Visconti, Piero Tosi, Mauro Bolognini, Franco Zeffirelli. Also mit allen meinen Freunden.

CL: Sie standen auch selbst vor der Kamera?

PC: Ja, mit Jeanne Moreau in Brasilien. In dem Film „Jeanne, la Française“. Da war ich Schauspieler. Aber Kostüme haben wir dafür auch kreiert.

CL: Würden Sie sich als zielstrebig bezeichnen?

PC: Nein, ich glaube, ich bin eher eine instinktiv handelnde Person. Meine Kontaktfreude hat mir dazu verholfen, viele außergewöhnliche Menschen zu treffen. Zum Beispiel Max Ophüls und Jean Delannoy, aber auch die Leute, die ich im Theater kennengelernt habe. Ich war ja früher Direktor eines Theaters.

CL: Sie waren Direktor eines Theaters? Von welchem denn?

PC: Vom Espace Pierre Cardin. 50 Jahre lang.

CL: Wie sehen Sie heute die Welt?

PC: Meine Welt ist dem Ende nah. Ich warte auf mein Ende. E­-N-­D-­E. Mit 95 bin ich in einem ziemlich fortgeschrittenen Alter. Ich habe alles erreicht, was ich wollte. Ich hatte ein außergewöhnliches Leben, alles, woran ich gedacht hatte, habe ich verwirklicht. Und alles, was ich haben wollte, das hatte ich. Jetzt setze ich einfach mein Leben fort.

CL: Sie wirken sehr zufrieden.

PC: Ich glaube, ich hatte einen außergewöhnlichen Erfolg. Ich war ja allein und hatte überhaupt keine finanzielle Unterstützung. Ich habe nur von dem Geld gelebt, das ich mit meiner Arbeit verdient habe. Und durch die ganze Welt gereist bin ich selbst­ verständlich ebenfalls nur mit meinem eigenen Geld.

CL: Was, denken Sie, war das Geheimnis Ihres Erfolges?

PC: Zunächst einmal bin ich bis heute noch in einer sehr guten Verfassung. Und außerdem war ich ziemlich talentiert. Es gefiel mir, meine Arbeit zur allgemeinen Zufriedenheit zu erledigen. Ein Diener zu sein, kein Sklave.

CL: Als Sie in der Mode anfingen, war diese Welt noch sehr mit dem Kino verbunden.

PC: Ja. Es gab eine Modediktatur, die heute so nicht mehr existiert. Früher hatte jeder in der Haute Couture einen eigenen Stil. Jetzt ist alles kommer­ zialisiert. Die Haute Couture hat nicht mehr denselben Wert. Früher war Mode nur etwas für reiche Menschen.

CL: Hängt das mit der Qualität zusammen?

PC: Nein, man kann nicht sagen, dass es heute keine Qualität gibt. Man denkt heute nur anders. Das Fernsehen, das Internet, all das hat die Mode verändert.

CL: Nutzen Sie das Internet?

PC: Meine Angestellten nutzen es. Nicht ich, weil ich so viel… Sehen Sie das ganze Archiv hier: Das ist mir wichtig. Ich bin viel durch die ganze Welt gereist. Hier ist zum Beispiel das erste Foto von mir, als ich nach Paris kam. Ich war 19 Jahre alt. Und hier ist ein Foto von meiner letzten Reise. Das war in China.

CL: Wann war das?

PC: Vergangenes Jahr im März. (Zieht weitere Bilder aus dem Archiv.) Das Foto ist von meiner ersten Reise nach Ägypten, als ich 20, 22 war. Das hier ist mit Fidel Castro

CL: Wie war Fidel so?

PC: Er war toll. Höflich, sehr angenehm, sehr gebildet und kultiviert. Hier war ich zum ersten Mal in China. Mit dem damaligen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing. Und mit dem chinesischen Präsidenten Deng Xiaoping. Mit Madame Gandhi unter anderem auch. Das ist in Rom, als ich 18 war. Das ist mit der Tochter von Deng Xiaoping. Das ist in der Académie des Beaux­Arts mit Madame Pompidou.

CL: Sie haben ja fast die gesamte Welt kennengelernt.

PC: Ja, das stimmt. Fast die ganze Welt. Ich habe auch Häuser entworfen. (Zieht ein Buch hervor.) Niemand hat so ein Buch, das von Christian Dior unterzeichnet wurde.

CL: Unglaublich. Wann haben Sie das Palais Bulles gekauft?

PC: In den frühen Neunzigern.

CL: Haben Sie dort Zeit mit Freunden verbracht?

PIERRE CARDIN: “Ich hatte ein außergewöhnliches Leben. Und alles, was ich haben wollte, das hatte ich. Jetzt setze ich einfach mein Leben fort.”
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PC: Ja, natürlich.

CL: Von wem kam die Idee zu dem Haus?

PC: Von dem Architekten und ehemaligen Besitzer Antti Lovag, der übrigens tot ist. Er war damals nicht in der Lage, seine Schulden bei der Bank abzubezahlen. Er sagte zu seiner Familie: „Wenn ich eines Tages nicht mehr da bin, will ich, dass Pierre Cardin im Palais lebt.“ Jeder hat gesagt, dass er verrückt sei, so ein Palais zu bauen. Aber ich habe ihn ermutigt, es zu bauen, ich habe ihm Geld gegeben. Und danach habe ich das Palais Bulles gekauft. (Zieht neue Fotos hervor.) Das bin ich mit Madame Chirac und dem amerika­nischen Präsidenten Ronald Reagan. Das war bei mir. Und das sind meine Arbeiten, die ich vor 25 bis 30 Jahren kreiert habe. Das war, als ich zum ersten Mal in Japan war.

CL: Und jetzt haben Sie in der Boutique nebenan angefangen, zeitgenössische Mode für Männer zu entwerfen?

PC: Die Mode war immer zeit­genössisch. Ich habe gerade ein neues Modell beendet. Es steht im Schaufenster. Gehen Sie ans Fenster und machen Sie dort Fotos.

CL: Okay, mache ich. Und was sieht man dort?

PC: Schaufensterpuppen. Das hier habe ich vor 40 Jahren entworfen, das erste eng anliegende Kleid von Cardin. Es ist heute noch modern. Schaut, was ich vor 40 Jahren kreiert habe! Schaut euch diese Röcke und Mäntel an!

CL: Werden alle Ihre Arbeiten in einem Museum aufbewahrt?

PC: Ganz genau. Ich habe ein Museum. Sie müssen mal dorthin. Und das ist Gérard Depardieu. Kennen Sie Depardieu?

CL: Natürlich!

PC: Er hat unter meiner Regie in Paris gearbeitet. Er war 22 Jahre alt. Ja, Gérard ist ein Freund. Wir sind immer noch befreundet. Er hat das Vorwort zu meinem Buch geschrieben.

CL : Wie ist das möglich? Woher hatten Sie die Energie, all das zu machen?

PC: Das waren die Jahre. Das hier war mein Theater an der Place de la Concorde. Robert Wilson hat dort auch inszeniert. Das ist Milva, die italienische Sängerin. Das ist das Palais des Marquis de Sade. Nahe Aix­en­-Provence. Im Süden. (Das Telefon klingelt, Cardin geht ran.) „Ja, hallo … Stört mich nicht, denn ich bin gerade dabei, dem Magazin ,Interview‘ ein Interview zu geben. Was wollten Sie wissen? … Nein, heute ist es nicht möglich. Ich bin sehr beschäftigt. Rufen Sie meine Presseabteilung an und machen Sie einen Termin aus. Danke. Auf Wiedersehen.“



Interview: Carlo Lavagna

12.01.2018 | Kategorien Interviews, Magazin | Tags , , ,