Der elegante Monsieur Hardy

Bei Hermès entwirft Pierre Hardy den sogenannten Echtschmuck, bekannt ist er vor allem für seine Schuhe, die er für sein Label unter eigenem Namen erträumt.

Foto: Adrian Crispin

Das Angebot, mich mit Pierre Hardy unterhalten zu können, würde ich selbst mit 39 Grad Fieber nicht ablehnen können. Es war bislang, bei jedem einzelnen Mal – auf einer Terrasse hoch über der Rue Saint-Honoré, im Hofgarten des Hôtel Costes oder anderswo – ein Vergnügen. Nun also in einem Café am Place du Trocadéro mit Blick auf das Völkerkundemuseum von Paris, zwei herrlich brutalistische Blöcke links und rechts einer Freitreppe. Und aus der Zahnlücke dazwischen ragt auf, und zwar exakt aus der Mitte und senkrecht: der Eiffelturm. Kann man denn noch schöner sitzen für ein Gespräch über die Eleganz dieser Stadt?



JOACHIM BESSING: Wie viel Paris steckt in ihren Entwürfen?

PIERRE HARDY: Nun ja, ich bin hier geboren. ich bin hier aufgewachsen. Von daher kann ich es kaum beurteilen. Vielleicht hat Paris erst mich aus mir gemacht?

JB: Wenn Sie woanders sind auf der Welt – was vermissen Sie am ehesten?

PH: Beim Straßenbild angefangen: Mir fehlt dann die Freiheit, die es hier gibt. Damit meine ich nicht Exzentrik. Auch nicht eine besondere Kreativität in der Mode. Aber es gibt eine gewisse Coolness, eine Unangestrengtheit in Paris, mit der die Leute gut aussehen. Die gibt es nur hier. Und dann fehlt mir das Gemischte. Paris besteht aus vielen Stadtvierteln, die sind unterschiedlich zusammengesetzt. Das zeigt sich auch im Stil auf den Straßen. Tokio, nur als Beispiel, ist bei aller Größe wie aus einem Guss. Da gibt es nur eine einzige Kultur. Wir haben hier viele.

JB: Wie schaut denn ihr Freundeskreis aus?

PH: Komplett gemischt. Hetero, homo, alt, jung, Modeleute und Normale.

JB: Hat sich Paris eigentlich verändert? Mir hat man früher immer erzählt, also eigentlich habe ich es von Marcel Proust, die Pariser Gesellschaft sei konservativ. Es sei sehr schwer, dort aufgenommen zu werden.

PH: Konservativ ist die Gesellschaft nicht. Wir sind vielleicht nicht offen. In New York geben sich die Menschen offen und pflegen einen warmherzigen Umgangston. Die Pariser sind vielleicht ein wenig zurückhaltender. Aber neuen Ideen gegenüber sind wir aufgeschlossen. Schauen Sie, wir haben gerade erst einen neuen Präsidenten gewählt. Und der kam für uns aus dem Nirgendwo! Gerade deshalb verkörpert er für mich auch die Hoffnung. Diese Wahl zeigt doch wie ein Spiegelbild, wo sich unsere Gesellschaft befindet. Und was sich die Franzosen zutrauen. Es ist ein Experiment. Es geht um eine neue Lebensart. Also konservativ, ich bitte Sie: Konservativ sind wir nicht. Wir lieben die Vergangenheit, das ja. Wir lassen die alten Gebäude, wie sie sind, alles steht hier voller Monumente. Auf die geben wir acht, und das finde ich auch sehr gut.

JB: Wie war das, als junger Mensch in einer Umgebung aufzuwachsen, in der einfach alles, wirklich alles schön anzuschauen war?

PH: Mir ist das erst spät aufgegangen. Wenn man jung ist, nimmt man seine Umgebung nicht allzu hell wahr. Man ist viel zu sehr mit den inneren Wahrnehmungen beschäftigt. Allerdings, wenn ich daran zurückdenke, stelle ich fest, dass es mich massiv beeinflusst haben muss. Paris ist ja sehr ausgewogen vom Erscheinungsbild her. Sowohl von den Proportionen her als auch in der Farbskala, aber auch ganz grundsätzlich: Altes und Neues, Armut und Reichtum, Tradition und Moderne. Alles befindet sich hier im Gleichgewicht. Diese Ausgewogenheit zu erreichen ist zu einem Charakterzug meiner Persönlichkeit geworden. ich lebe das.

JB: Sind Sie deshalb in die Modebranche gegangen?

Foto: CAMILLE VIVIER, Styling: LéopoLD DuCHEMIN

PH: Ich bin da eigentlich nicht hingegangen. Und eigentlich bin ich dort auch heute noch nicht angekommen.

JB: Wo befinden Sie sich denn sonst?

PH: Das ist das Problem. ich kann es nicht sagen. Schauen Sie, bei Hermès arbeite ich nun schon so viele Jahre – aber ist Hermès eine Modemarke?

JB: Eher nicht.

PH: Ich bin mir da auch nicht sicher.

JB: Jedenfalls nicht nur. Einmal war ich zum Springreitturnier im Grand Palais, da fiel mir erst auf, wie viele Pferdeprodukte Hermès herstellt.

PH: Eben. Und was die Kollektionen unter meinem Namen angeht: ist „Pierre Hardy“ eine Modemarke? ich frage mich täglich, was ich mache, und ich weiß es noch immer nicht. ich versuche mich daran, schöne Dinge zu entwerfen. Das liebe ich, und jemand muss sie halt auch verkaufen. Aber als ich in dieses System hineingeraten bin, wusste ich eigentlich überhaupt nicht, was ich machen wollte. ich fing aus Zufall als Illustrator an und bin dann in die Kreation hineingerutscht.

JB: Fabelhaft. Ist so etwas heute überhaupt noch möglich?

PH: Es wird einen viel mehr Kraft kosten. Heute früh habe ich im Fernsehen einen Bericht gesehen über einen Architekten, der zuvor noch Rugbyspieler gewesen war. Irgendwie ist ja immer alles irgendwie möglich. Aber Sie haben recht: Die Modewelt ist zu einem System geworden. Dahinter steckt mehr Geld als jemals zuvor. Dadurch hat sich die Natur des Gewerbes stark verändert. Vor 20 Jahren ging es hauptsächlich um Couture. Die Branche bestand aus den unterschiedlichsten Häusern. Das ist vorbei.

JB: Und die Märkte haben sich drastisch verändert. Jetzt gibt es die Araber, die Russen und die Chinesen. Die Südkoreaner und die Taiwanesen. Die gab es alle als Kunden vor 20 Jahren noch nicht.

PH: Damals war Japan unser größter Markt. Mit Indien ist es noch immer nicht unproblematisch, weil wir viele Produkte aus Leder fertigen, und für die Inder sind Lederwaren minderwertig, weil die Hersteller von Lederwaren sich an den Kühen vergreifen, die dort bekanntlich als heilig erachtet werden. Eine Schuhkollektion oder Handtaschen aus Leder auf dem indischen Markt zu etablieren ist schwer.

JB: Mir gefiel ihre Schmuckkollektion sehr gut. ich habe den Eindruck, dass der dröge Minimalismus der 90er-Jahre jetzt endlich überwunden wird. In den 90er-Jahren hätte man ihre Armbanduhr protzig genannt. Allein weil sie aus Roségold ist. Kommt die neue Opulenz durch den Einfluss dieser neuen Märkte zustande?

Pierre Hardy: “Als ich Abitur machte, da hatte ich eine Italienischlehrerin, die kam ausschließlich in Saint Laurent zum Unterricht”
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PH: Na, schauen Sie doch bloß die Autos da draußen an.

JB: Ich sehe kein einziges opulentes Auto!

PH: Wirklich nicht?

JB: Nein.

PH: Aber sie sind doch alle sehr kompliziert. Und die Welt ist auch sehr komplex geworden – noch mehr Menschen, noch mehr Märkte, Einflüsse von überall her. Gehen Sie heute auf die Modewoche, werden ihnen zehn unterschiedliche Silhouetten vorgeschlagen. Es gibt nicht einen oder drei, es gibt 25 Trends in jeder neuen Saison. Privat bin ich Minimalist. Aber die Mode hat ihre Gezeiten. in den Neunzigern war Ebbe. Jetzt kommt die Flut.

JB: Die Grenze zwischen Produktdesign und Kunst ist verschwommen.

PH: Das sehe ich nicht.

JB: Wie definieren Sie die Grenze?

PH: Für mich ist die ganz klar. Künstler ist, wer behauptet, Kunst zu machen. Das können Schuhe sein, irgendwas, irgendwelche Objekte in irgendeiner Form. Ich beziehe mich dabei auf Marcel Duchamp. Es kommt rein darauf an, was man sendet. Wie es bei den Empfängern ankommt, ist beinahe egal. Zweitens: Kunst kommt in die Galerie, Modeprodukte kommen in die Boutique. Ist doch ganz einfach.

JB: Aber die Boutiquen nähern sich dem Look von Galerien an.

PH: Sie sehen aber nur so aus.Vom Prinzip her machen sie dort etwas anderes, aber es ist etwas verwirrend, das gebe ich zu. Das liegt natürlich auch wieder an der zunehmenden Komplexität. Die bringt Verwirrung mit sich. Aus Magazinen werden Kataloge, Websites sind eigentlich Werbeagenturen – alles verschwimmt und wird unscharf an den Kanten. Schauen Sie sich an, was aus Jeff Koons geworden ist – noch ein Künstler? Schon ein Manager? Takashi Murakami, ein ähnlicher Fall. Möglicherweise sind das jetzt Produktdesigner. Aber ursprünglich war das mal Kunst. Und dann schauen Sie sich Comme des Garçons an. Macht Rei Kawakubo jetzt eigentlich Mode, oder ist sie eine Künstlerin? Mir ist das nicht klar. War es noch nie. Aber sie hat auch nie gesagt, sie sei Künstlerin. Also ist sie Modedesignerin.

JB: Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie ein Schmuckstück entwerfen oder einen Schuh?

pierre Hardy: “Die Mode hat ihre Gezeiten. In den Neunzigern war Ebbe. Jetzt kommt die Flut”
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PH: Zu Beginn nicht. ich fange mit Zeichnungen an.

JB: Auf Papieren oder im Computer?

PH: Papier. Das geht schneller bei mir. Der anfängliche Vorgang, das Schöpferische, ist immer derselbe. Beim Schuh weiß ich allerdings von Anfang an, dass es ein Schuh werden wird. Beim Schmuck ist das anders. Hier kenne ich das Ergebnis noch nicht. Wenn ich etwas Kreisförmiges zeichne, dann kann das einmal ein winziger Ring für den Finger werden, aber vielleicht auch ein Halsschmuck oder ein Armreif oder noch etwas anderes. Bei den Schuhen lege ich mich allein von der Größe her fest. Der Schuh ist eine primäre Setzung.

JB: Da geht es ja auch um Tragbarkeit. Um Fragen der Statik.

PH: Die Tragbarkeit ist für mich eine Voraussetzung. Die steht nicht zur Debatte, sie ist quasi das Element des Schuhs. Auch beim Schmuck: Die Trägerin soll sich frei bewegen können. Der Ring darf nicht vom Finger rutschen et cetera. ich schöpfe auf der Grundlage dieses Elements der Tragbarkeit. Dabei stehe ich darüber und versuche etwas zu entwerfen, das die Ergonomie dahinter in Vergessenheit geraten lässt. Man soll von meinen Stücken träumen.

JB: Sie fügen einem begrenzten Vokabular eine neue Grammatik hinzu?

PH: Ich füge nichts hinzu. Das klingt so wohlüberlegt. Es ist viel zufälliger, was ich mache.

JB: Wie träumend eher?

PH: Verschwommen denkend.

JB: Sammeln Sie etwas?

PH: Das liegt mir nicht. Um eine gute Sammlung aufzubauen, braucht es Leidenschaft. Und die fehlt mir. Aber ich gehe gern in Museen.

JB: Ich war heute früh bei Deyrolle und habe mir Käfer zeigen lassen. Gerade wenn es um Schmuck geht: Die Natur hat alles schon hervorgebracht. Die schillernden Panzer, die Korallen, die Muscheln – es ist alles da.

PH: Ja, es ist einfach wunderbar.

JB: Ich musste auch daran denken, wie das wohl damals war, in den Anfangszeiten von Yves Saint Laurent. Als das Straßenbild noch ein ganz anderes war. Heute hat ja alles einen Look. Wenn ich mir dieses Café anschaue, in dem wir hier sitzen, dann fällt mir vor allem auf, dass in unseren Tagen alles gestaltet ist. Die 70er- Jahre stelle ich mir auch viel schmutziger vor.

PH: Was die Mode damals so luxuriös hat erscheinen lassen, war eben genau dieser Unterschied zum ganzen Rest. Die Alltagsästhetik hat sich damals noch drastisch unterschieden von der Mode. Die Modewelt war klein und nur für wenige Menschen interessant. Alles außerhalb der Modewelt sah allenfalls durchschnittlich aus.

JB: Wenn eine Frau dann in Yves Saint Laurent gekleidet durch die Straßen ging, hielt man sie für eine Göttin.

PH: Als ich Abitur machte, da hatte ich eine Italienischlehrerin, die kam ausschließlich in Saint Laurent zum Unterricht. Vielleicht war sie mit einem reichen Mann verheiratet, das weiß ich nicht. Ich habe sie immer nur angeschaut und mich an ihrer Schönheit nicht sattsehen können. Sie war schön, aber durch die Kleidung wurde ihre Schönheit noch hervorgehoben. Und weit und breit gab es niemand, der ähnlich schön war. Sie war beinahe die einzige schöne Frau auf der Welt. ich hatte übrigens dreimal in der Woche Italienischunterricht.





Interview: Joachim Bessing

Foto: Camille Vivier, Styling: Léopold DuChemin

Porträt: Adrian Crispin

10.01.2018 | Kategorien Interviews, Magazin | Tags , , , ,