New York City Girl

Die Schauspielerin Julia Garner im Gespräch mit ihrer Kollegin und guten Freundin Juno Temple.

Foto: Jean-Vincent Simonet | Styling: John Colver | Mantel: Prada; Kleid: Louis Vuitton; Stiefel: Alexander Wang

Sie bevorzugt die komplizierteren Rollen. Obwohl Julia Garner, geboren 1994 in der Bronx, mit ihren blonden Locken eine durchaus engelhafte Nettigkeit ausstrahlt, gibt sie vor der Kamera gern Frauen vom schwierigeren Schlag.

So war sie ein Sektenmitglied in Martha Marcy May Marlene, eine Stripperin in Sin City und eine Mormonin, die glaubt, Opfer der Empfängnis durch einen Kassettenrekorder geworden zu sein (Electrick Children). Nebenbei modelt Garner für Miu Miu und Alexander Wang. Die Liebe zur Kunst liegt in der Familie: Ihre Mutter (die heute als Therapeutin arbeitet) war in Israel als Comedian erfolgreich, der Vater ist Maler. In der düsteren Serie Ozark hat sie es mit der Familie schlechter getroffen. Neben Jason Bateman und Laura Linney spielt Garner dort die Tochter einer bösartigen Sippe aus dem Ozark-Gebirge in Missouri.

Foto: Jean-Vincent Simonet | Styling: John Colver | Mantel: Fendi

JUNO TEMPLE: Ich denke, wir sollten mit der Frage anfangen, wie du in diesem Geschäft gelandet bist.

JULIA GARNER: Wie ich in diesem durchgedrehten Geschäft gelandet bin? Nun, ich war sehr schüchtern, als ich jung war, und habe Schauspielunterricht genommen, um meine Schüchternheit zu überwinden. Weil mir die Schauspielerei so gut gefiel, fing ich an, bei Studentenfilmen mitzumachen. Einer dieser Filmstudenten hatte dann ein Praktikum in einer New Yorker Castingagentur, die ein Vorsprechen für die TV-Serie Skin organisiert hat. Eigentlich wollte ich nicht teilnehmen, aber meine Schwester sagte: „Doch, du musst hingehen! Du willst doch schauspielen, also musst du auch vorsprechen!“ Aber ich hatte noch nie für eine Rolle vorgesprochen, und es gab 1.500 Mitbewerber allein in New York. In L.A. und Toronto wurde zusätzlich gesucht. Zum Schluss waren nur ich und dieses andere Mädchen übrig, das die Rolle auch bekommen hat. Das hat mich fertiggemacht. Aber ein paar Wochen später rief die Castingdirektorin mich an und sagte, dass sie mir einen Manager besorgen würde, was sie auch tat. Später hat sie mich in meinem ersten Film besetzt, das war Martha Macy May Marlene.

J T : Es war also Schicksal! Machst du irgendwelche bizarren Dinge, um an eine Rolle zu kommen?

J G : Nicht wirklich. Ich meine, was ist schon bizarr?

J T : Ich lege mir vor einem Vorsprechtermin immer die Drehbuchseiten unters Kopfkissen, in der Hoffnung, dass der Text über Nacht in mein Gedächtnis einsickert.

J G : Das machst du wirklich? Nein, mit so etwas kann ich nicht dienen. Ich habe nur den Zwang, alle meine Dialoge mit einem Textmarker zu kennzeichnen, was aber als Tick nicht ansatzweise so aufregend ist wie ein Drehbuch unter dem Kissen, wenn du mich fragst.

Julia Garner: “Was mich wirklich entspannt, sind die "Real Housewives of New York City"”
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J T : Hast du Hobbys?

J G : Oh je, das ist peinlich, weil man als Schauspielerin ja ständig gefragt wird, welche schlaue Serie man sieht. Aber was mich wirklich entspannt, sind die Real Housewives of New York, hahaha.

J T : Ich wusste, dass du das sagst.

J G : Klar wusstest du es! Ich liebe die Real Housewives of New York und die Real Housewives of Beverly Hills.

J T : Natürlich.

J G : Andererseits schaue ich mir auch gern Dokumentarfilme an, was sozusagen der Ausgleich zu den „Housewives“ ist. Was mir auffällt, ist, dass diese Hausfrauen die ganze Zeit über Urlaub machen, wo sie sich dann wegen Dingen streiten, die sie vor zwei Jahren einmal zueinander gesagt haben. Die sitzen in Hongkong oder in Mexiko in einem super Hotel und schreien sich an.

J T : Ja, sie gehören ganz offensichtlich zu der Sorte Mensch, die man als verrückt beschreiben könnte, was vielleicht eine ganz gute Überleitung zu deiner neuen Serie Ozark ist. Erzähl mir doch noch mal von der Figur, die du darin spielst.

J G : Nun, sie ist definitiv kein „Housewife“. Sie heißt Ruth und gehört zu der Sorte Figuren, die man liebt und hasst. Man könnte sagen, dass sie böse ist, aber man versteht, warum sie so ist, wie sie ist. Sie hatte keine andere Wahl.

J T : War es schwierig, sie zu spielen?

J G : Ja, sie kommt aus dem Süden, ist in einem Trailer groß geworden und hatte immer nur Jungs um sich herum. Sie ist eine Kämpferin. Alles an ihr ist spröde. Und ich bin in Manhattan aufgewachsen, hatte meine Eltern stets an meiner Seite und bin quasi das exakte Gegenteil von ihr. Deswegen war es zunächst schwierig, den Zugang zu finden. Den ersten Monat war ich davon total erschöpft, physisch, emotional und psychisch. Dabei war es nicht so, dass ich nicht wusste, wie ich sie spielen wollte, aber es war einfach nur kräftezehrend, weil ich eine Person wie sie nicht gewohnt war. Doch dann habe ich sie besser kennengelernt. Wenn ich sie morgen spielen müsste, könnte ich das problemlos tun, ich war ja sieben Monate lang fast nur mit ihr beschäftigt.

Foto: Jean-Vincent Simonet | Styling: John Colver | Look: LRS Studio

J T : Wo bist du eigentlich gerade? In New York, oder?

J G : Ja, in meiner Wohnung in der Upper Westside. Du hast mich da immer noch nicht besucht. Weil du immer in der Bowery rumhängst.

J T : Nein, weil du nie zu Hause bist. Du bist die fleißigste Biene auf dem Planeten. Was drehst du als Nächstes?

J G : Eine Miniserie namens „Waco“. Die handelt von David Koresh und seiner Sekte, deren Ranch in Waco, Texas, Anfang der Neunziger vom FBI gestürmt wurde.

J T : Du scheinst mir viel Zeit mit irgendwelchen Sekten zu verbringen, meine Liebe. Was spricht dich an, wenn du ein Drehbuch liest?

J G : Ich mag gute Geschichten. Mir geht es weniger um die Figur, die ich spielen soll oder spielen möchte, als um die Geschichte als Ganzes. Und was mich als Schauspielerin angeht, will ich immer eine Rolle, die sich von der Rolle davor unterscheidet. Ich möchte mehr Filme sehen, in denen es um richtige Leute und ihre Gefühle geht, einfache Filme, die trotzdem brillant sind. Ein einfacher Film wie zum Beispiel Kramer gegen Kramer …

J T : … oder Blue Valentine …

J G : Genau! Eine einfache Geschichte, die sich die Leute gern ansehen, weil sie etwas mit ihnen zu tun hat.

J T : Welchen Beruf hättest du, wenn du keine Schauspielerin wärst?

J G : Keine Ahnung. Als Jugendliche wusste ich nie, was ich werden sollte, was irgendwann beängstigend war. Und zur Schauspielerei kam ich eher durch Zufall, was natürlich großartig ist. Vielleicht, ich weiß nicht, keine Ahnung, ob ich gern eine Therapeutin wäre, ich bin mir da nicht sicher.

J T : Therapeutin, yeah! Ich will, dass du meine Therapeutin bist!

J G : Meine Mutter ist Therapeutin, und ich glaube, dieser Job könnte mir gefallen, weil man wie bei der Schauspielerei Menschen studiert. Wenn man spielt, muss man wie ein guter Therapeut für die Figur offen sein, um einen Menschen zu erschaffen. Und wie beim Spielen darf man über seine Figur urteilen. Ich war zum Beispiel einmal eine Kannibalin.

J T : Lass uns über Musik sprechen. Wenn du einen Tag lang nur einen einzigen Song hören müsstest, welchen würdest du wählen?

J G : „Hypnotize“ von Notorious B.I.G. Den könnte ich den ganzen Tag hören. Ich glaube tatsächlich, dass er mich nicht nerven würde. Ansonsten jedes einzelne Lied von Billy Holiday. Das wäre dann allerdings ein wenig schwermütig auf die Dauer.

J T : Und was wären die drei Dinge, die du aus deinem brennenden Haus retten würdest? Menschen sind übrigens nicht drin, alle in Sicherheit.

J G : Fotos. Der Schmuck meiner Großmutter. Ich bin mir nicht sicher warum, aber Schmuck zu verlieren ist am schlimmsten. Und die Bilder meines Vaters, falls die bei mir zu Hause wären.

Foto: Jean-Vincent Simonet | Styling: John Colver | Mantel: Chanel; Kette: Ambush; Schuhe: Alexander Wang

J T : Malst du eigentlich auch?

J G : Überhaupt nicht, ich bin sehr neidisch auf Menschen, die das können. Ich bin in einer Künstlerfamilie aufgewachsen, mein Vater ist Maler, was natürlich bedeutet, dass er wunderbar malen kann. Meine Schwester und meine Großmutter sind auch sehr talentiert. Eigentlich ist jeder in meiner Familie künstlerisch begabt, ich selbst ausgeschlossen. Ich kann wirklich gar nichts mit meinen Händen anfangen. Ich schaffe es kaum, einen Kreis zu zeichnen.

J T : Du bist sehr eng mit deiner Familie. Kommt sie ans Set, wenn du drehst?

J G : Nein, einerseits möchte ich zwar, dass mich alle besuchen, andererseits überfordert mich das auch. Es ist seltsam. Meine Eltern kamen nach Atlanta, als ich dort Ozark drehte, aber bloß am Wochenende. Wenn ich filme, muss ich mich wirklich fokussieren. Ich bin eine andere Person.

J T : Was sind deine fünf liebsten Filme?

J G : All About Eve mit Bette Davis. Kramer gegen Kramer habe ich ja schon erwähnt. Doktor Schiwago, Clueless. Chinatown liebe ich auch. Nein, warte, Die Regenschirme von Cherbourg, ein wunderschönes Musical. Obwohl, tut mir leid, eigentlich gefällt mir The Sound of Music noch besser. Einer meiner liebsten Filme überhaupt.

J T : Gute Auswahl.

J G : Pack den Zauberer von Oz auch noch dazu, denn das ist ein wirklich perfekter Film. Allein die Farben. Visuell so gut gemacht.

Julia Garner: “Mein letztes Essen auf Erden wäre ein mächtiger Chocolate-Chip-Cookie”
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J T : Lass uns kurz über Mode sprechen. Wer sind deine Lieblingsdesigner?

J G : Ralph Lauren Collection, also die Sachen vom Laufsteg, denn da gibt es wunderschöne cremefarbene Pullover, und ich lobe mir einen guten Rollkragenpullover. Ein sehr schmeichelhaftes Kleidungsstück. Mir gefallen Prada, Miu Miu, Chanel, Klassisches. Natürlich ist es am wichtigsten, dass man sich in den Kleidern gut fühlt, Selbstbewusstsein ist immer noch die attraktivste Eigenschaft. Man kann etwas von TK Maxx oder Marshalls tragen und sich toll fühlen. Die meisten Menschen tragen ja immer das Gleiche, bei mir sind das schwarze Hosen, schwarze Stiefel und ein enger Rollkragenpullover. Das ist meine Uniform.

J T : Meine besteht aus Jogginghosen, Jogginghosen und Jogginghosen.

J G : Und Plateauschuhen! Die trägst du immer.

J T : Was wäre dein letztes Essen auf Erden?

J G : Ein sehr mächtiger Chocolate- Chip-Cookie. Aber unbedingt einer von denen, die außen knusprig und in der Mitte weich sind. Und warm.

J T : Du würdest nur einen Keks essen? Kein ganzes Gericht?

J G : Ich könnte mir auch eine Salami- Käse-Platte mit Oliven und Burrata vorstellen. Das klingt für mich ziemlich gut. Mit Brot und Tomaten.

Foto: Jean-Vincent Simonet | Styling: John Colver | Mantel: Prada; Hut: Marc Jacobs

 Ozark startet am 21. Juli auf Netflix

 

Redaktion: FRAUKE FENTLOH, HARALD PETERS

Haare TOMI KONO/JULIAN WATSON AGENCY | Make-up RALPH SICILIANO/BRYANT ARTISTS | Produktion CLAUDE GERBER | On-Set-Produktion TRAVIS KIEWEL PRODUCTIONS | Foto-Assistenz CAMILLE SURAULT | Styling-Assistenz STELLA EVANS | Haar-Assistenz CHIKA NISHIYAMA | Dank an TORKIL GUDNASON STUDIO

09.06.2017 | Kategorien Film, Interviews | Tags , ,