Laura Tonke & Hans Löw

Königskinder, Blutsverwandte, zwei Liebende auf der Leinwand – und auch in echt? Es ist eine auf angenehme Weise ackernde Intensität, die das Zusammenspiel von Laura Tonke und Hans Löw auf die Zuschauer überträgt. Wer die beiden in Hedi Schneider steckt fest gesehen hat, wird sich unwillkürlich gefragt haben, ob sie auch im Leben ein Liebespaar sein werden (oder während der Dreharbeiten geworden sind).

INTERVIEW: Wo haben Sie sich kennengelernt?

LAURA TONKE: Beim Casting von Hedi Schneider steckt fest vor ein paar Jahren.

HANS LÖW: Das war der Moment.

L T : Man muss dazu sagen, dass mir die Rolle wahnsinnig wichtig war. Ich wollte die unbedingt haben, weil ich das Gefühl hatte, sie könnte lebensverändernd sein. Eine Art Durchbruch für mich als Schauspielerin. Bei diesem Casting wurde ich nur mit einem Gegenüber zusammen gecastet – dir – und ich wusste, das muss jetzt stimmen und funken. Sonst kann ich in dem Film auch keine Höchstleistung bringen. Ich sah dich also da sitzen und dachte: Das könnte klappen!

H L : Du hast mir als Erstes eine Panikattacke vorgespielt, dann musstest du mir einen blasen und dann lagen wir knutschend auf dem Sofa. Nicht schlecht für eine erste Begegnung. Wenn jemand fragt: „Wie habt ihr euch kennengelernt?“

L T : Durchs Blasen. Oh Gott, ja. Das wäre mir jetzt, wo wir uns kennen, total peinlich. Aber natürlich würde ich die Tatsache, dass wir Freunde sind, jetzt ausblenden können.

H L : Wenn die erste Begegnung schon so war, sollte das gehen.

Foto: Jonas Lindstroem | Styling: Alisa Vornehm | Look: Christopher Kane & Stella McCartney

L T : Ich habe heute immer das Gefühl, eine Art Anspruch auf dich zu haben.

H L : Als Filmpartner?

L T : Ja. Immer wenn jemand über dich redet, denke ich: mein Hans! Ich hatte das Gefühl, ohne dich hätte ich diese Rolle damals nicht spielen können – ich hätte das nicht geschafft und durchgestanden. Wahrscheinlich werden wir nie mehr als Paar besetzt werden. So kommt es mir zumindest gerade vor.

H L : Einmal wurde das noch versucht, aber das wird normalerweise nicht gemacht. Es kommt einfach selten vor, oder? Nina Hoss und Ronald Zehrfeld habe ich zweimal als Paar gesehen, aber sonst …

L T : In den USA passiert das schon. Oder die Leute arbeiten über die Jahre immer wieder zusammen. Mit dem 2010 verstorbenen Frank Giering habe ich fünf Filme gemacht – das gibt es schon auch.

H L : Krass. Der war so gut.

INTERVIEW: Was mögen Sie denn besonders aneinander?

L T : So viel! Aber ich mag vor allem, dass Hans keine Spiele spielt. Das ist mir das Wichtigste, gerade bei Schauspielern. Wir können eins zu eins reden.

H L : Das deckt sich genau mit dem, was ich sagen wollte. Ich finde dich so angenehm unschauspielerhaft. Begegnungen zwischen Schauspielern sind nun mal oft von Spiel geprägt.

L T : Die haben manchmal etwas sehr Angeberisches. Wenn das ganze Drumherum dann wegfällt, bleibt etwas Wahrhaftiges.

H L : Mir geht es mit allen, mit denen ich befreundet bin, so, dass mir ihre Perspektive wichtig ist und sie mich bereichert. Wenn Entscheidungen anstehen, besonders berufliche, stehst du auf meiner Liste ganz oben. Ich denke dann, dass ich dich anrufen muss, weil ich deine Sichtweise auf die Sache brauche.

L T : Das geht mir genauso. Wie schrecklich wäre es, wenn man sich nur mit Menschen umgäbe, die genauso sind wie man selbst. Ich würde dich aber aus genau diesem Grund anrufen: weil ich das Gefühl habe, dass wir uns total ähnlich sind!

H L : Wenn das trotzdem noch eine andere Perspektive auf die Dinge zulässt, ist das eine ganz gute Situation.

Laura Tonke: “Wahrscheinlich werden wir nie mehr als Paar besetzt werden. So kommt es mir zumindest gerade vor”
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INTERVIEW: Wann war der Moment, in dem Sie wussten, dass Sie Freunde sind?

L T : Ich war auf jeden Fall sicher, dass wir uns nie mehr aus den Augen verlieren würden.

H L : Ich merke immer wieder, dass man eine Beziehung runterbrechen kann auf ihre ersten Momente. So wie die verlaufen, ist dann auch die Freundschaft. Gerade so Begegnungen auf einem Casting sind meistens ungemütlich und ich hatte noch nie vorher so ein starkes Zuhause-Gefühl wie bei diesem – und das kann ja erst mal nur an dir gelegen haben. Da waren Vertrauen und Nähe, die Weiche war gestellt.

L T : Jetzt ist es so, dass wir uns lange nicht und dann mal wieder ganz oft bei dem anderen melden – es ist nicht relevant. Das schätze ich sehr. Gerade in unserem Beruf. Andere Freunde waren oft enttäuscht von mir, weil ich manchmal monatelang nicht da war. Aber ich kann das nicht ändern. Wie lange hast du jetzt den zweiten Abschnitt von In My Room gedreht?

H L : Fünf, sechs Wochen. Zwischendrin war ich dreimal zu Hause.

L T : Bei Hedi Schneider war ich auch kopfmäßig so weit weg.

H L : Daran erinnere ich mich gut. Du hast von vornherein gesagt: „Beim Dreh bin ich raus.“

L T : Ich habe allen gesagt, dass ich nicht verfügbar bin. Dieses Gefühl, dass der Film mein Durchbruch sein könnte, war ja ausgedacht und nur von mir so empfunden. Es hätte auch ganz anders sein können. Letztendlich geht ein Dreh dann auch recht schnell vorüber, aber mein Kind, Oskar, war damals noch klein – erst anderthalb oder zwei.

H L : Da sitzen wir in einem Boot. Wir sind zwei Gaukler, die auch Eltern sind. Das eint uns und bringt uns einander näher.

Foto: Jonas Lindstroem | Styling: Alisa Vornehm | Look: Christopher Kane & Stella McCartney

INTERVIEW: War Ihnen immer klar, dass Sie Schauspieler werden wollen?

L T : Ja!

H L : Nee! Anders als Laura bin ich familiär vorbelastet. Mein Vater ist auch Schauspieler, ich war ein Garderobenkind und habe viel im Theater auf ihn gewartet.

L T : Hast du dich wirklich so viel gelangweilt in der Garderobe?

H L : Pfff, klar!

L T : Sind deine Kinder heute auch Garderobenkinder?

H L : Noch nicht. Meine Freundin ist ja auch beim Theater, unsere Kinder waren deshalb schon öfter mit auf Proben. Da sehe ich mich selbst dann sitzen und bin hin- und hergerissen. Soll ich sie bemitleiden oder ihnen das gönnen? Denn neben der Langeweile hatte das Theater natürlich auch immer einen Thrill. Ich bin da entspannt unentschlossen. Aber du wolltest immer Schauspielerin werden?

L T : Zum ersten Mal formuliert habe ich meinen Berufswunsch mit drei Jahren. Mein Vater war Ausstatter beim Film, und ich stand oft mit meinem Schulranzen am Set rum.

H L : Aber du hast dann schon bald selbst angefangen zu spielen.

L T : Mit 15.

H L : Die Phase der Unentschlossenheit, die ich hatte, kanntest du damit gar nicht.

L T : Ich wollte das. Ich stand auf dem Schulhof, die fragten 500 Mädchen, ob sie in Michael Kliers „Ostkreuz“ mitspielen wollten, und ich war sofort wie angeknipst. Hans, wie kam es, dass du es dir dann anders überlegt hast mit dem Beruf?

H L : Ich war an der Waldorfschule, da macht man in der achten und zwölften Klasse Theateraufführungen. Ich litt immer ein bisschen darunter, dass ich schnell rot wurde und so was, ich habe mich auch nie gemeldet, um vor der Klasse zu sprechen. Klassenclown ging allerdings!

L T : Ach so!

H L : Aber offiziell sprechen ging gar nicht. Ich habe bis heute nicht ergründet, warum das so war. Jedenfalls habe ich bei diesen Klassenspielen gemerkt, dass es geht, wenn ich einen Fremdtext und ein Kostüm als Vehikel habe. Dann bin ich frei. Und weil ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte, habe ich das mit dem Schauspielersein dann eben mal probiert.

INTERVIEW: Es braucht diesen Schutzraum der Fiktion, damit Sie spielen können?

H L : Das ist bis heute so. Ich muss erst diesen Schutzraum finden, damit das Spiel befreiende Freude bereitet. Wenn ich den nicht finde, ist es eine Qual. Dann fühle ich mich, als wäre ich in der Klasse aufgerufen worden.

L T : Ich habe jedes Mal wieder das Gefühl, dass ich nicht spielen kann. Dass ich es einfach nicht kann! Gerade war ich sechs Wochen weg und wusste, ich komme zurück nach Deutschland und drehe. Vorher war ich nur bei Castings gewesen, insgesamt hatte ich dann zweieinhalb Monate nicht gedreht. Ich hatte keine Ahnung, ob ich das überhaupt kann.

INTERVIEW: Aber Sie stehen seit mehr als 25 Jahren vor der Kamera!

H L : Wenn ich dazu was sagen darf: Ich habe wie gesagt gerade fünf Wochen gedreht, habe mich dabei gut gefühlt und auch den Eindruck, ich habe was verstanden. Am nächsten Tag hatte ich ein Casting und stand da wie der Ochs vorm Berg. Man braucht also nicht mal eine Drehpause, um das Gefühl zu haben, nichts zu können.

L T : Ich hatte schon Momente, in denen ich dachte: Wie oft eigentlich fange ich noch bei null an? Aber letztendlich ist das einfach der Beruf. Teilweise habe ich mit einer neuen Rolle das Gefühl, einen ganz neuen Beruf zu machen.

H L : Die Arbeit bedeutet eigentlich nichts anderes, als sich da durchzuwühlen, bis man das alles nicht mehr empfindet. Dann ist der Film vorbei und man fängt wieder von vorn an. Natürlich gibt es Erfahrungswerte …

L T : Ich habe das Gefühl, ich verfüge über gar keine Technik.

H L : …im besten Fall wirft man sie sowieso wieder über Bord.

 

Hans Löw: “Du hast mir als Erstes eine Panikattacke vorgespielt, dann musstest du mir einen blasen und dann lagen wir knutschend auf dem Sofa. Nicht schlecht für eine erste Begegnung ”
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Foto: Jonas Lindstroem | Styling: Alisa Vornehm | Look: Véronique Leroy, Prada & Paul Smith

INTERVIEW: Frau Tonke, Sie spielen als Teil der Theatergruppe Gob Squad auch auf Englisch. Ist das dann noch schwieriger für Sie?

L T : Das ist krass. Wir machen Improvisationstheater und proben auf Englisch, und je nachdem, wo die Aufführung ist, spielen wir dann auf Deutsch, Spanisch oder Englisch. Meistens Letzteres. Im Englischen fühle ich mich dann immer mehr zu Hause, weil das eben die Probensprache ist. Und weil es so eine gerade Sprache ist, die Sachen auf den Punkt bringen kann. In Deutsch muss man einen Riesenbogen aus Worten machen, um dasselbe zu sagen. Das ist sehr witzig.

H L : Du denkst aber währenddessen auf Deutsch?

L T : Ich weiß das jetzt gar nicht, aber schätze schon. Ich finde, Deutsch ist eine tolle Sprache, so ist es nicht. Aber sie ist so kompliziert. Ich merke das bei Oskar, der mit Spanisch auch die Sprache seines Vaters lernt. Das ist relativ simpel und direkt, mit einer einfachen Grammatik. Aber er spricht superkompliziertes Spanisch, weil er damit deutsche Gedanken formuliert. Das ist so süß! Der eigentliche Gedanke kommt ja im Deutschen immer erst am Ende eines Satzes. Seine spanischsprachigen Verwandten stehen dann immer um ihn herum und sind ganz gespannt, worauf er hinauswill. Die sagen dann: Ah, ein Eis willst du! Sag das doch einfach!

INTERVIEW: IhreFreundschaft ist eine Fernbeziehung – Sie leben mit Ihren jeweiligen Familien in unterschiedlichen Städten.

H L : Ich wohne jetzt schon gut 15 Jahre in Hamburg. Gerade habe ich die Schwelle überschritten und wohne jetzt schon länger hier, als ich jemals woanders gewohnt habe. Vielleicht darf ich mich jetzt schon Hamburger nennen, in jedem Fall fühle ich mich hier zu Hause. Ich halte es hier gut aus. Wenn es nicht sein muss, gehe ich hier auch nicht mehr weg.

L T : Aber eine Zeitlang war es für euch eine Option, nach Berlin zu gehen.

H L : Jedes Jahr taucht diese Frage wieder auf. Wie ein Damoklesschwert hängt sie über uns, hehe. Eigentlich aber ist die Strecke Berlin–Hamburg super zum Pendeln. Ich kann abends Theater spielen und komme mit dem Zug noch gut von Berlin nach Hamburg zurück. Andersrum geht das allerdings nicht, spätabends fährt kein Zug mehr von Hamburg nach Berlin. Insofern ist es ideal, so wie es ist.

L T : Für mich war Hamburg auch immer die einzige Option neben Berlin. Gleichzeitig ist es auch keine Option. Aber wenn Berlin abbrennt, ziehe ich auch nach Hamburg.



Redaktion: Anne Waak | Fotos: Jonas Lindstroem | Styling: Alisa Vornehm

02.06.2017 | Kategorien Berlin, Film, Interviews | Tags , ,

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