Ein Millionengesicht

Stefanie Giesinger hat Heidi Klums harte Fernsehschule durchlaufen. Seitdem ging es für die 21-Jährige nur noch bergauf. Ein Gespräch zwischen zwei Interkontinentalflügen (Business-Class) über Emojis, die die Welt bewegen

Foto: Claude Gerber, Styling: Theophile Hermand, Ohrringe: BALENCIAGA, Top: KOCHÉ

Von: JOACHIM BESSING

JOACHIM BESSING: Sie kommen gerade aus Kapstadt. Was haben Sie da gemacht?

STEFANIE GIESINGER: Ich war dort für zwei Brands. Einmal für QS, mit denen haben wir ein größeres Projekt vor, und dann noch für About You, das ist eine Site, auf der Idols ihre Favourite Looks zeigen.

JB: Also auf gut Deutsch: Dort zeigen Taste- und Content-Maker, wie sie sich anziehen.

SG: Ja, genau.

JB: Jetzt habe ich in der Zeitung gelesen, dass in Kapstadt große Wasserknappheit droht. Angeblich soll dort am 22. April Schluss sein mit Trinkwasser — haben Sie davon etwas mitbekommen?

SG: Ich habe mich schrecklich gefühlt. Überall steht „Please Save Water“. Es wird einem bewusst, wie kostbar Wasser ist. In Deutschland sind wir total verwöhnt. Wir duschen endlos lange und können trinken, so viel wir wollen. In Kapstadt habe ich gemerkt: Zwei Minuten sind echt wenig. Pro Person sollte man bloß 27 Liter verbrauchen. Das ist sehr wenig, wenn man damit waschen, duschen und kochen soll.

JB: Spülen Sie zu Hause von Hand ab oder in der Spülmaschine?

SG: Ich spüle fast gar nicht, weil ich nie zu Hause bin.

JB: Haben Sie überhaupt ein Zuhause?

SG: Ja, in Berlin. Da sind meine Klamotten.

JB: Also eine Art Kleiderschrank mit einer ausziehbaren Couch.

SG: Ich habe schon ein Bett! Es ist eine richtige Wohnung.

JB: Aber dort kochen Sie nicht.

SG: Sehr selten. Wenn, dann mache ich Frühstück. Ansonsten bestelle ich mir etwas oder esse auswärts. Ich habe jetzt drei Tage hier, wir shooten für Interview, dann fliege ich nach New York.

Foto: Claude Gerber, Styling: Theophile Hermand, Ohrringe: BALENCIAGA, Top: KOCHÉ

JB: Was machen Sie da?

SG: Fashion Week natürlich. Ich habe da jetzt eine Modelagentur, ich gehe zu den Castings, besuche die Schauen, laufe vielleicht bei ein paar Schauen und habe auch Shootings.

JB: Ist das nicht wahnsinnig anstrengend, wenn man so viel unterwegs ist?

SG: Mit 21 geht das noch. Für mich fühlt es sich null anstrengend an. Das Einzige ist: Ich habe einen Freund, und den sehe ich dadurch seltener, als uns lieb ist. Man denkt ja, Reisen entzieht einem Energie. Aber Kapstadt hat mir so viel Energie gegeben. Ich habe das Gefühl, mein Horizont erweitert sich mit jeder Reise. Nach diesem Gefühl bin ich süchtig geworden.

JB: Wodurch wird Ihr Horizont erweitert? Sie sehen doch nur einen spezifischen Ausschnitt: Cameras, Lights, Action.

SG: Gar nicht so. Ich versuche, jede Reise um ein paar Tage zu extenden, dieses Mal bin ich zum Beispiel auf den Lion’s Head gestiegen. Und wenn man einmal dort oben war: Das verändert dein ganzes Leben. Es ist zwar eine Tortur, dort hinaufzukommen, einmal im Monat stirbt auch jemand bei der Klettertour, aber dann ist man oben und man hat das Gefühl, man selbst ist minimini klein. Ich war zu einem Zeitpunkt oben angelangt, als die Sonne unterging, es war wirklich traumhaft. Bis heute denke ich: „Die Welt ist wunderschön.“ Man vergisst das so leicht. Man lebt in seiner eigenen Welt, man hat seinen Beruf, seine Familie, man hat die Menschen, mit denen man sich umgibt, und dabei vergisst man – die Welt.

JB: Ahahaha!

SG: Das ist wirklich so!

Foto: Claude Gerber, Styling: Theophile Hermand, Full Look: CALVIN KLEIN JEANS

JB: Ja klar. Also Natur ist etwas, das Sie interessiert?

SG: Definitiv. Also nicht interessiert, aber ich sauge das gern auf.

JB: Natur gibt es ja auch überall. Das ist das Gute.

SG: Mehr oder weniger in Berlin, würde ich sagen.

JB: Ach, da, wo ich wohne, gibt es wunderbar viel Natur. Da gibt es Vögel und Füchse.

SG: Das ist schön, aber dann wohnen Sie nicht in Mitte. Ich bin halt dauernd in Großstädten, in New York, Berlin, L. A. Da ist es eher sehr glamourous.

JB: In L.A. herrscht ja jetzt auch Wasserknappheit. Da lassen sich die MenSchen inzwischen den Rasen grün lackieren, damit man nicht sieht, dass der völlig verdorrt ist.

SG: Das habe ich auch gehört. Und es gibt wohl auch viel Kunstrasen.

JB: Da hat es ja vor Weihnachten so gebrannt, ich habe Bilder gesehen, das sah dort aus wie auf dem Lavaplaneten Mustafar.

SG: Ich weiß. Es war auch unglaublich dunkel wegen dem Smog. Ich glaube, ich bin eine Woche später dort angekommen. Alle waren noch total schockiert, dass so etwas überhaupt passieren kann in einer großen Stadt, in der so viele kreative und intelligente Menschen leben. Dass so ein Waldbrand nicht vorhersehbar war.

JB: Es leben dort auch eine Million Obdachlose. Die ziehen dort hin. Weil das Wetter gut ist.

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SG: Ich habe das Gefühl, das amerikanische System ist nicht so gut. Viele Obdachlose sind ja auch verwirrt und denen wird nicht geholfen. Hier in Deutschland haben wir ein viel besseres System. Aber auch in Kapstadt: Ich habe gruselige Geschichten gehört. Die Kriminalitätsrate ist dort sehr hoch!

JB: Wenn die Sonne untergeht wahrscheinlich.

SG: Ja, aber auch tagsüber. Man sollte nie zu Fuß gehen, man sollte immer ein Taxi nehmen. Auf der Straße kein Handy in der Hand halten. Eigentlich auch nur Bargeld bei sich tragen, keine Kreditkarten. Mir wurden Horrorstorys erzählt. Die haben mich eingeschüchtert.

JB: Aber Sie bewegen sich doch meistens mit einer Entourage, oder?

SG: Wenn ich zwei Tage frei habe, will ich es genießen und die Stadt erkunden. Zum Glück hatte ich meinen besten Freund dabei, als Backstagefotograf, und mit dem war ich dann unterwegs.

JB: Macht der dann die Storys für Ihren Instagram-Account?

SG: Er macht das manchmal. Aber das ist nicht sein Job. Meistens mache ich die Storys selbst.

JB: Wie würden Sie Ihren Beruf beschreiben? Es ist ja ein relativ neues Berufsbild. Angefangen haben Sie als Model. Sind Sie eine Unternehmerin?

SG: Das ist so schwer zu sagen. Unternehmerin, das klingt so übertrieben.

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“Ich liebe Social Media. Früher kam man nach Hause und hat erzählt: ‚Ich war gerade in Südafrika.‘ Heute weiß schon jeder Bescheid.”
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JB: Was machen Sie denn, um Geld zu verdienen?

SG: Ich bin ein Model mit Social Media Skills. Ich habe das Gefühl, durch Social Media verschwindet die Figur des reinen Models. Wenn ich zu einem Casting komme, heißt es „What’s your Instagram? How many followers do you have?“ Das ist super important für alle Kunden. Wenn die Kunden ein Model kaufen, kaufen sie dazu die Reichweite. Nicht mehr nur das schöne Gesicht.

JB: Wann hat das denn angefangen – war das von Anfang an Instagram, oder haben Sie vorher schon etwas Ähnliches auf Google+ gemacht?

SG: Auf Facebook. Da hatte ich eine Fanpage.

JB: Wie viele User haben die geliked?

SG: Bis ich mit Instagram angefangen habe, waren das 500 000.

JB: Jetzt haben Sie dort drei Millionen, die Ihnen folgen.

SG: Genau drei Millionen! Ich sehe das nicht als meinen Job an, oder nicht nur, sondern für mich ist das eine Plattform, auf der ich mich ausdrücken kann. Ich kann mich selbst darstellen und ein kleines Kunstwerk kreieren, was mir total Spaß macht.

JB: Das sind nicht wirklich Sie, das ist die Stefanie Giesinger für die Öffentlichkeit?

SG: Doch, das bin ich, aber natürlich zeige ich nur ausgewählte Momente.

JB: Teller auch – zeigen Sie, was Sie essen?

SG: Sehr selten. Weil mich das selbst eher nervt.

JB: Katzenbilder?

SG: Ich glaube, davon gibt es schon genug.

Foto: Claude Gerber, Styling: Theophile Hermand, Top: BALMAIN, Hose: KOCHÉ

JB: Machen Sie viel mit Emojis wie Britney Spears?

SG: Ja, würde ich schon sagen.

JB: Welches Emoji verwenden Sie am liebsten?

SG: Das rote Herz. Ich sage immer: „Hi (rotes Herz)!“, „Wie geht’s (rotes Herz)?“

JB: Wie finden Sie den Brokkoli? Der ist ja jetzt neu.

SG: Brokkoli! Wofür man den jetzt braucht, weiß ich auch nicht.

JB: Viele benutzen ihn anstelle eines Baumes. Er ist aufrecht stehend dargestellt wie ein Baum.

SG: Aber es gibt ja Bäume.

JB: Wir haben ja vorhin über Ihren Freund Marcus Butler gesprochen. Den kenne ich natürlich durch das Studium Ihres Instagram-Accounts. Es ist ja alles leicht zu recherchieren.

SG: Ich liebe Social Media. Früher kam man nach Hause und hat erzählt: „Ich war gerade in Südafrika.“ Heute weiß schon jeder Bescheid. Das finden einige doof. Ich finde es total cool. Meine Oma, meine Eltern, alle schauen mir zu. Auch jetzt mit meinem Freund. Viele wollen ja ihre Beziehung eher im Hintergrund lassen. Aber ich bin so verliebt, ich will, dass es die ganze Welt erfährt.

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“Viele wollen ja ihre
Beziehung eher im Hintergrund lassen. Aber ich bin so verliebt, ich will, dass es die ganze Welt erfährt.”
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JB: Ihr Freund ist ja ebenfalls in diesem neuartigen Bereich tätig. Er hat ja auch so viele Follower.

SG: Er hat 3,6Millionen,glaube ich.

JB: Haben Sie jetzt eine gemeinsame Fanbase, haben Sie nachgeschaut, ob Follower-Scharen konvertiert sind?

SG: Das interessiert mich eigentlich nicht, muss ich gestehen.

JB: Was wollen Sie aus Ihrem Insta-Ruhm noch entwickeln?

SG: Wer weiß, wie das weitergeht mit Social Media. Wir sind die erste Generation. Instagram gibt es ja erst seit sieben Jahren. Ich habe jetzt Spaß damit, aber ich will mehr im Bereich Business machen. Vielleicht meine eigenen Produkte entwickeln .

JB: Kosmetik eher wie Ihre Kollegin Negin Mirsalehi?

SG: Macht sie das auch? Wusste ich gar nicht. Aber ja: Kosmetik.

JB: Negin Mirsalehi macht eine auf Honig und Propolis basierte Kosmetik. Ihr Vater ist Imker.

SG: Das ist toll. Pflegekosmetik finde ich auch gut. Dekorative Kosmetik würde ich jetzt nicht machen, weil ich ja das L’Oréal-Gesicht bin.

JB: Wie Sie das sagen: „Ich bin das Gesicht!“

SG: Ja, ich bin das Gesicht von L’Oréal! Und in Zukunft würde ich gern so weitermachen: ein bisschen schauspielern, ein bisschen modeln. Das ist das Coole an meinem Beruf: Ich kann alles machen, worauf ich Lust habe. Ich habe keinen Nine-to-five-Job, wo man am PC sitzt und immer genau dasselbe macht.

JB: Sie sind halt immer am Telefon.

SG: Ich finde nicht, dass ich viel am Handy bin. Manchmal hole ich es raus, filme ein bisschen, mache ein Foto – das war’s.

JB: Der Rapper Haftbefehl hat erzählt, das ihn die Leute auf der Straße umarmen wie einen alten Freund, weil sie ihn schon so oft in Videos gesehen haben.

SG: Ich weiß, das ist bei mir genauso. Als ich von Kapstadt nach München gezogen bin, standen alle Stewardessen im Gang bereit und haben darauf gewartet, dass sie mit mir ein Foto machen können. Das war mir auch ein bisschen unangenehm. Oder ich komme nach Kapstadt, da sind Menschen aus Mexiko, die mich freudig begrüßen, weil sie mich von Instagram kennen. Die Welt ist so klein geworden durch Social Media.

JB: Als ich Ihre Managerin zum ersten Mal angerufen habe, da lagen Sie gerade im Krankenhaus. Auch über Weihnachten. Sie haben ja ein Foto aus dem Krankenhausbett gepostet. Was ist das für eine Krankheit, an der Sie leiden? Ich verstehe das nämlich nicht ganz.

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“Solange ich lebe, will ich mein Leben genießen. Egal wie, jeden Tag, so wie ich möchte. Es könnte jeden Tag vorbei sein. Aber nicht bloß für mich, für jeden! ”
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SG: Ich glaube, das können Sie auch nicht verstehen. Ich habe das seit meiner Geburt, aber das wusste ich nicht. Niemand wusste das.

JB: Wie heißt die Krankheit korrekt?

SG: Volvulus Malrotation. Im achten Schwangerschaftsmonat entwickeln sich normalerweise mesenteriale Wurzeln, die die Gedärme festhalten. Die fehlen bei mir. Dadurch hat sich mein Inneres bewegt und auch verdreht. Ich musste oft erbrechen, war sehr sehr schlank. Die Ärzte haben nie richtig nachgeschaut, weil sie von einer Essstörung ausgegangen sind. Ab meinem siebten Lebensjahr wurde ich deswegen zur Psychologin geschickt. Ich wusste noch nicht einmal, was das ist: Bulimie, keine Ahnung. Irgendwann dachte ich, vielleicht bin ich verrückt. Als ich 13 war, das war um die Weihnachtszeit, ging es mir unglaublich schlecht. Ich konnte weder Wasser noch Nahrung bei mir behalten. Ich versuchte, mich zu wehren, weil ich nicht wieder ins Krankenhaus wollte. Ich war ja mindestens fünfmal im Jahr dort.

Foto: Claude Gerber, Styling: Theophile Hermand, Full Look: CALVIN KLEIN JEANS

SG: In der Schule war ich das Mobbingopfer, weil ich groß und schlank war, aber andauernd im Krankenhaus. In jener Weihnachtszeit wurde ich bewusstlos. Man holte mich mit dem Krankenwagen. Und da wurde zum ersten Mal ein MRT gemacht. Und da haben sie zum ersten Mal sehen können, dass in mir alles komplett verdreht war. Mein Magen war kurz davor abzusterben. Die Durchblutung war komplett abgestellt. Die Ärzte waren ratlos. Solch einen Fall hatten die noch nie. Die meisten Kinder sterben mit drei Jahren, wenn man nicht frühzeitig operiert. Und da hat man mir gesagt, dass ich jetzt sterben werde. Mit 13 Jahren. Für einen letzten Versuch wurde ich ins Uniklinikum nach Mannheim gefahren und dort zwölf Stunden lang operiert. Seitdem weiß ich, was ich habe. Aber ich war bislang noch jedes Jahr im Krankenhaus. Ich kann auch nicht geheilt werden. Ich muss sehr darauf achten, was ich esse, was ich trinke. Es ist eine Tortur. Und in diesem Jahr werde ich sicher noch einmal operiert. Ich muss damit leben.

JB: Macht Sie das paranoid?

SG: Ganz und gar nicht. Solange ich lebe, will ich mein Leben genießen. Egal wie, jeden Tag, so wie ich möchte. Es könnte jeden Tag vorbei sein. Aber nicht bloß für mich, für jeden! Man geht raus, wird überfahren: Tschüss!

JB: Das ist eine sehr abgeklärte Haltung für 21.

SG: Darüber bin ich froh! Ich weiß, das Leben endet irgendwann. Spaß zu haben ist das Allerwichtigste. Mit den Menschen zu sein, die man liebt. Es ist ein kleines Geschenk für mich, dass ich die Krankheit habe.



Credits:
Fotos: Claude Gerber
Styling: Theophile Hermand
Haare: Stelli
Make-up: Helena Narra
Fotoassistenz: Alex Mader

 

 

27.02.2018 | Kategorien Interviews, Magazin | Tags ,