"Der Gegenwind in Deutschland wird stärker"

Es gab tatsächlich eine Zeit, in der deutsches Fernsehen ohne Heidi Klum auskommen musste. Das änderte sich jedoch am 29. April 1992, als Thomas Gottschalk in seiner Sendung nach “Germany’s first Topmodel” suchte: Gegen 25 000 Bewerberinnen setzte sich am Ende ein brünettes Mädchen aus Bergisch Gladbach durch, “die Heidi”, wie Gottschalk sie bereits damals taufte. Als Prämie erhielt das Mädchen, das mit der ganzen Schüchternheit einer 18-Jährigen in die Kameras lächelte, einen Modelvertrag und zwei schmatzende Siegerküsse vom blonden Gastgeber. 20 Jahre später baten wir Thomas Gottschalk, seine größte Entdeckung noch einmal zu besuchen.

Foto: Rankin | Styling: Maryam Malakpour | Choker - Robert Lee Morris ; Kette & Ringe - Delfina Delettrez

Interview. Eine schöne Idee. Menschen unterhalten sich miteinander. Ohne die lauernden Blicke eines Journalisten, der vor allem auf den Satz wartet, den er zum Promoten des Gespräches schon vorab in den Umlauferhitzer der öffentlichen Erregungsspirale einspeisen kann. Also, die Gottschalks machen mit den Klums ungestört ein gemütliches Dinner “bei uns oder bei euch”, und wenn Heidis Martin dann was sagt, was er lieber nicht gesagt hätte (was weiß man schon als Neuer über die Tretminen in diesem Geschäft), dann lassen wir’s halt am Ende weg. Heidis Terminkalender und meineFrau, die nicht so neu ist in diesem Geschäft, machen diesen Plan zunichte: “Also, ich sag da nix!“ So wird aus dem Dinner zu viert, das wir demnächst „bei uns oder bei euch“ nachholen, ein Besuch von mir in Heidis Trailer auf dem Set von Germany’s next Topmodel am kalifornischen Venice Beach. Heidi freut sich: „Hättest du gedacht, dass ich mal in deine Fußstapfen treten würde? Als ich da vor 20 Jahren bei dir auf dem Sofa saß, wäre es mir nicht im Traum eingefallen, dass ich selber mal im Fernsehen moderieren würde. Obwohl mich bei den großen Shows dieser Teleprompter immer noch verrückt macht. Ich hab jedes Mal Herzklopfen und keine Spucke mehr im Mund, bevor es losgeht!”  Nein, das hätte ich nicht gedacht. Und schon gar nicht, dass Heidi Klums Biografie eine der wenigen Chancen ist, mich selbst im amerikanischen TV zu sehen. Ich werde dort, völlig zu Recht, als der Mensch interviewt, der sie entdeckt hat. Vor allen Castingformaten hatte ich, Anfang der Neunziger, in meiner Fernsehshow sozusagen „Germany’s first Topmodel“ gesucht und Heidi Klum gefunden.

Heidi Klum: “Der Einstieg war eher holprig und der Weg von Bergisch Gladbach nach New York keine Schnellstraße”
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„Mein Gott, war das alles aufregend. Und ein Raketenstart war das keineswegs. Der Einstieg war eher holprig und der Weg von Bergisch Gladbach nach New York Schnellstraße. Ich versuche, das den Mädchen in meiner Show auch immer klarzumachen, wenn ich sehe, was die für lange Gesichter machen, wenn’s mal nicht so läuft, wie sie sich das vorstellen. Die gucken sich alle Staffeln an und den- ken dann, es wird immer ein bisschen leichter. Das Gegenteil ist der Fall. Im Modelgeschäft wird niemand auf Rosen gebettet. Aber die Mädchen begreifen nicht, dass das hier nur der erste Schritt ist. Ich kann sie nur auf einen Weg stellen, den sie dann alleine weitergehen müssen.Trotzdem fragen einige immer wieder, wann’s denn mal wieder was geschenkt gibt, oder beschweren sich, wie schlimm das alles ist, wenn sie interviewt werden.”

Das Interview als Beschwerdestelle. Seit ich gemerkt habe, dass das nicht funktioniert, habe ich aufgehört, welche zu geben. Der Versuch, sich einem Menschen zu erklären, da- mit dieser dann dem Rest der Welt vermittelt, wie großartig man ist, muss scheitern. Warum sollte ein Journalist sich selbst zum Fanclubleiter degradieren? Und das hauptberuflich und immer wieder für jemand anderen? Also lässt man es irgendwann bleiben. Jedes Interview, das ich gebe, ist definitiv mein letztes. Und wie weit ist Heidi auf diesem Weg?

„Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Interviews zu geben gehört ja auch zu unserer Arbeit, und deswegen ist das Ganze irgendwie ein Teufelskreis. Ich nutze solche Gespräche dazu, ein Bild von mir in die Öffentlichkeit zu bringen, das den Tatsachen entspricht. Leider sind die wenigsten Journalisten an Fakten interessiert. Die haben ihre Geschichte schon geschrieben, bevor sie dich treffen. Und manchmal merkst du ihnen sogar die Enttäuschung an, wenn du ihnen ihre schöne Story kaputtmachst, weil deine Geschichte eine andere ist als die, die sie wollen.“

Foto: Rankin | Styling: Maryam Malakpour | Kleid - Gucci ; Strumpfhose - Wolford ; Kette & Choker - Delfina Delettrez ; Manschetten - Lady Grey ; Ohrringe - A Peace Treaty

Die Geschichte ist immer eine andere als die, die man über sich lesen möchte, und man lebt im öffentlichen Dienst in ständiger Besorgnis, dass die letzte Story über privates oder öffentliches Versagen einem beim Publikum nun endgültig das Genick brechen könnte, wo doch die vor- letzte gerade mal erst in Vergessenheit geraten ist. Hat man aber genügend dieser Panikattacken überlebt und begriffen, dass sich die Menschen ihr Weltbild doch nicht nur aus dem Internet und den Zeitungen zusammenklauben, ist die Gefahr groß, dass man darüber zur misslaunigen oder misstrauischen Diva verkommen ist. Aber wir beide doch nicht. Wir sind unerschütterliche Frohnaturen und obendrein blond…

„…aber ich bin nicht blauäugig, auch wenn das mit der Frohnatur stimmt, das istTeil meiner Persönlichkeit. Deswegen suche ich auch, wo es geht, den direkten Kontakt zu den Menschen. Ich bin immer gerne ,live‘. Da stehe ich dann auch Rede und Antwort, und jeder kann sich selber ein Bild von mir und dem, was ich sage, machen. Ich habe keine Leichen im Keller, es gibt keine Fragen, vor denen ich mich fürchte, und ich muss mich vor niemandem verstecken. Trotzdem merke ich natürlich, dass der Gegenwind, vor allem in Deutschland, stärker wird.Vor vielen Jahren konnte ich dort nichts falsch machen, inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Manchmal werde ich da total zerfleischt!”

Foto: Rankin | Styling: Maryam Malakpour | Top - Jeremy Scott ; Strumpfhose - Wolford ; Hut - Thomas Wylde Vintage ; Kette mit Blume - Gucci ; Kette & Armband - A Peace Treaty ; Ring - Repossi ; Schuhe - Nicholas Kirkwood

Vorsicht! Es gibt keine größere Gefahr für mehr oder weniger beliebte Deutsche, als sich unter kalifornischer Sonne darüber zu beklagen, dass man in der Heimat gerade mehr oder weniger beliebt ist. In Deutschland frieren sich derzeit Millionen Menschen unter einem grauen Himmel den Arsch ab. Und die haben alle andere Sorgen, als sich darüber den Kopf zu zerbrechen, ob sich Heidi oder Thommy nun gerade von der Welt verstanden fühlen oder nicht. Trotzdem rede auch ich mir manchmal ein, dass Medien und Publikum in den USA sehr viel schneller applaudieren, sehr viel weniger mäkeln, und wenn sie überhaupt etwas infrage stellen, dann zuallerletzt ihre Publikumslieblinge.Aber was weiß ich denn. Mich kennt in den USA kaum einer, Heidi kennen sie alle.

„Da muss man die professionelle und die private Seite auseinanderhalten. In meiner US-Show Project Runway stelle ich junge Designer vor, die unglaublich heiß sind. Die hängen sich mit aller Kraft rein, die begreifen einerseits, welche Chance sie haben, aber sehen auch, dass sie gleichzeitig Teil eines Unterhaltungsformates sind, das gefüttert werden muss. Also liefern sie, indem sie mitspielen. Meinen Mädchen in der deutschen Show muss ich manchmal regelrecht in den Hintern treten, damit sie begreifen, worum es geht. Und die erwarten sich vom Fernsehen eine Traumwelt, die ich ihnen einfach nicht bieten kann. Privat lebt es sich in meiner Situation natürlich in den USA leichter. Klar, an meinem Leben wollen sie hier auch alle teilhaben, das ist nicht immer leicht, aber man gewöhnt sich dran. That’s the price you pay! Was hier in den Medien und bei den Menschen, die ich auf der Straße treffe, völlig wegfällt, ist der Neidfaktor. Und man wird hier auch nicht dauernd in andere Zusammenhänge gestellt oder mit anderen verglichen. In Deutschland wird ein Erfolg von Bar Refaeli sofort auch zu einem Misserfolg für mich umgedeutet. Ich sehe überhaupt nicht so, wir sind Freundinnen, ich gönn ihr alles.“

Heidi Klum: “Ich habe keine Leichen im Keller, es gibt keine Frage, vor denen ich mich fürchte”
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Foto: Rankin | Styling: Maryam Malakpour | Kleid - Roberto Cavalli ; Armreife (links) - Cara Croninger ; Manschette (rechts) - Delfina Delettrez

Na klar,menschlich gönne ich meinen Kollegen auch alles, deswegen müssen sie ja nicht gleich eine höhere Einschaltquote haben. Qualität ist ohnehin nichts mehr, über das man heute noch streiten könnte, abgerechnet wird in Zahlen – Marktanteilen, Umfrageergebnissen, Zielgruppen. Ich mach das knappe 20 Jahre länger als Heidi und so toll, wie’s mal war, kann’s nicht mehr werden. Nichts ist schöner, als zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein, ein Medium auf der Höhe seiner Möglichkeiten erlebt zu haben. Zu wis- sen, in dieser Phase dabei gewesen zu sein, führt zu großer Entspannung. Vielleicht sogar zu einer gewissen Wurstigkeit, die in Lethargie enden könnte. Ich weiß das, weiß Heidi es auch?

“Ich habe einen irren Drive und bin jemand, dem nichts entgeht, was am Set passiert. Ich bin zu 100 Prozent Kon- trollfreak und habe überall meinen Daumen drauf. Ich will immer das Beste aus allem machen.Auf jeden Fall einen gu- ten Job. Wenn ich merke, dass irgendwas verschlampt wird oder die Produktion wieder mal auf den Geldbeutel schielt und dadurch Sachen nicht so gut werden, wie ich sie gerne hätte, dann ärgert mich das. Mein Job und meine Show sind ja irgendwie auch meine Fantasiewelt. Und wenn das nicht rüberkommt, dann hab ich nicht das Optimale abgeliefert. Die Konkurrenz, gegen die ich antrete, ist gewaltig, das ist vielleicht auch ein Teil des Ansporns. Aber ich nehme das nicht persönlich, sondern als Motivation für meine Sache.“

Foto: Rankin | Styling: Maryam Malakpour | Kleid - Louis Vuitton ; Strumpfhose - Wolford ; Ringe - Repossi ; Ohrringe - Delfina Delettrez

Sollte ich von Heidi noch was lernen können? In den Medien werde ich inzwischen eher als Showfossil wahrgenommen, als Relikt des guten alten Familienfernsehens, das keiner mehr so recht braucht. Ich tröste mich damit, dass Kuli, Carrell und Rosenthal mein Leben lang graue Haare hatten. Und richtige Sorgen macht mir das nicht, ich habe früh genug angefangen. Aber als Model spielst du ja mit 30 schon in der Seniorenliga. Wird’s da für Heidi langsam Zeit, sich neu zu orientieren?

„Ich mache zwar noch verschiedene Kampagnen und Modestrecken, aber inzwischen nicht mehr als Model, sondern als Person. Mein Gesicht und mein Körper sind zu einer Marke geworden. Ich merke, wie sich mein Aufgabenfeld langsam verändert. Ich möchte gerne mehr hinter der Kamera machen und im Designbereich aktiver werden und bin sehr glücklich, dass Amerika mich mit so offenen Armen empfangen hat. Mein Abschiedsgruß „Auf Wiedersehen“, mit dem ich Kandidaten bei Project Runway verabschiede, ist hier Kult geworden, die Leute auf der Straße kennen und mögen mich.“

Das stimmt, als ich mit Heidi den Trailer verlasse, knipsen auch die amerikanischen Fotografen. Als Heidi zum Set abbiegt, biegen sie mit ab. Ich bin unsichtbar geworden. Nicht ganz.“Thommy, Thommy, ich bin aus Bautzen und mach hier Urlaub. Krieg ich ein Foto mit dir?”

“Kriegst du!”

Foto: Rankin | Styling: Maryam Malakpour | Kleid - Michael Kors ; Armband - Delfina Delettrez ; Kette - Lady Grey ; Choker - Anndra Neen

Styling MARYAM MALAKPUR/CLM | Haare MICHEL ALEMAN/ BRYAN BANTRY | Make-up LINDA HAY/WALL GROUP mit Produkten von Astor | Maniküre MICHELLE SAUNDERS/CELESTINE | Digital Operator JIMMY DONELAN | Foto-Assistenz MAX MONTGOMERY, ROB OADES, TRISHA WARD, NICO TERRANEO | Styling-Assistenz CATLIN MYERS, EMILY MAZUR | Produktion NINA RASSABY-LEWIS, ANDREW DAVIES | Dank an Hollywood Loft Studios

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