„MADAME“
bittet zu Tisch

Die französische Regisseurin und Autorin Amanda Sthers lädt mit ihrem neuen Film „MADAME“ zur Dinnerparty in der Pariser High Society und serviert uns eine romantische Komödie, die nachdenklich macht. Wir haben mit Hauptdarstellerin Rossy de Palma und der gebürtigen Pariserin Amanda Sthers über Gesellschaftsklassen und die Liebe zu sich selbst gesprochen.

Rossy de Palma & Toni Colette

Eine Amerikanerin in Paris – und was für eine! Anne – gespielt von Toni Colette -, hauptberuflich Ehefrau, verbringt den Sommer mit ihrem Mann Paul (Harvey Keitel) in der französischen Hauptstadt. Im Gepäck: eine ganze Entourage Hausangestellter, welche den Aufenthalt in der Pariser maison so komfortabel wie möglich gestalten sollen. Zu diesen gehört auch Maria (Rossy de Palma), welche die egozentrische Hausherrin Anne recht deutlich spüren lässt, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist. Die herzliche, freundliche Maria ist Madame dennoch seit Jahren stets zu Diensten und hilft daher natürlich auch als ein Abendessen mit dem Who-is-Who der Upper Class Anne schon vor dem Amuse-Gueule in eine mittelschwere Krise stürzt. Der Grund: Pauls Sohn aus erster Ehe schlägt unangekündigt in Paris auf und lädt sich ebenfalls zum Dinner ein, woraufhin den Tisch 13 Platzteller umrahmen. Diese ungerade Zahl an Gästen – eine absolute Katastrophe für die perfektionistische Anne, ein 14. Gast muss her. In ihrer Verzweiflung verpflichtet sie Hausmädchen Maria, jene Rolle einzunehmen, verpasst ihr in Windeseile ein Makeover, steckt sie in eines ihrer Designerkleider und tarnt sie als gute Freundin aus adligem Hause. Was Anne nicht hatte kommen sehen: mit ihrer erfrischenden, unbedarften, herzlichen Art unterhält Maria nicht nur die Runde um Bürgermeister und Künstler, sie verdreht auch ihrem Tischnachbarn David (Michael Smiley) den Kopf und so kommen sich die beiden auch über das Abendessen hinaus näher. Währenddessen ist die Liebelei zwischen Kunsthändler und Hausmädchen für Madame natürlich unbegreiflich und bringt sie fast zur Verzweiflung.
Vor dem Kinostart haben wir die spanische Schauspielerin Rossy de Palma, ihres Zeichens Muse des oscargekrönten Regisseurs Pedro Almodóvar, und Amanda Sthers in Paris getroffen. Die französische Filmemacherin hat sich ganz bewusst für ihre Heimat Paris als Drehort entschieden. In der Rue la Roch erklären uns die Freundinnen, für wen MADAME ein Happy End nimmt und wieso für die Rolle der Maria tatsächlich nur de Palma in Frage kam.

Interview: Frau Sthers, wer oder was hat Sie zu MADAME inspiriert?

Amanda Sthers: In erster Linie möchte ich mit dem Film erzählen, was ich persönlich derzeit in der US-amerikanischen Gesellschaft beobachte. Ich lebe in Los Angeles und skurrilerweise scheint dort immer noch jeder zu glauben, den amerikanischen Traum leben zu können, dass alles möglich ist und ein jeder seine Chance bekommt.

Interview: Obwohl das eine Illusion ist?

Amanda Sthers: Ja. Es ist mir ein Rätsel, wie die Menschen in den USA es schaffen, nach wie vor so zu träumen, wo es doch offensichtlich ist, dass man besonders in dem dortigen System keine Möglichkeit hat, seiner Schicht zu entkommen. Ich wollte eben dieses altmodische Klassensystem skizzieren, die Verteilung innerhalb der Gesellschaft und, dass es nahezu unmöglich ist, sich aus seinem Kreis in einen anderen zu bewegen.

Interview: Sprich, der prall gefüllte Geldbeutel ist nach wie vor entscheidend.

Rossy de Palma: Absolut. In den meisten Fällen ist das richtige Kleingeld deine Fahrkarte, insbesondere in Sachen Bildung. In den USA bleibt vielen der Weg zu einer guten Schule oder Universität versperrt, weil jene häufig unbezahlbar sind.

Interview: Ein ziemlich ernstes Thema für eine Komödie.

Amanda Sthers: Daraus ein Drama zu machen, wäre sicherlich die logische Wahl gewesen. Eine romantische und intelligente Komödie zu drehen fand ich jedoch viel reizvoller. Ich finde es großartig, über einen Film herzlich lachen zu können, aber dennoch ins Grübeln zu kommen.

Rossy de Palma: MADAME ist mit Sicherheit hauptsächlich lustig, aber regt gleichzeitig zum Nachdenken an. Besonders darüber, wie wir mit den Menschen umgehen, die uns im Alltag helfen und unter die Arme greifen. Der Film transportiert eine wichtige Botschaft und das lag sowohl Amanda als auch mir sehr am Herzen.

Interview: Neben Ihnen, Rossy, spielen Toni Colette und Harvey Keitel in den Hauptrollen. Eine Traumbesetzung, oder Amanda?

Amanda Sthers: Ich habe mich gefreut wie ein kleines Kind, als Toni und Harvey zugesagt haben (lacht). Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet, zumal der Film ein kleines Budget hatte. Rossy hatte ich von Anfang an für die Rolle der Maria im Kopf. Schließlich habe ich das Drehbuch für sie geschrieben.

Interview: Ach ja?

Amanda Sthers: Wir kennen uns schon seit mehreren Jahren und sind uns in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Bei unserem ersten Treffen haben wir uns direkt gut verstanden und Rossy bat mich, ein Stück für sie zu schreiben. Ich habe allerdings eine Weile gebraucht, um jene Geschichte zu finden, die zu ihr passt und die ich sie erzählen lassen möchte.

Rossy de Palma: Ich bin sehr, sehr stolz auf Amanda. Ich hatte niemals damit gerechnet, dass sie ein Drehbuch für mich verfasst, ich hatte eher an ein Theaterstück gedacht (lacht). Madame ist ein wahres Geschenk und perfekt auf mich zugeschnitten – wie Haute Couture.

Interview: Also ist es Ihnen leicht gefallen, sich mit Maria zu identifizieren, Rossy?

Rossy de Palma: Bevor ich nach Madrid gezogen bin, habe ich sechs Jahre lang in Paris gelebt und hier bei vielen Freunden oder Bekannten Hausangestellte kennengelernt. Deren Arbeit ist nahezu unbezahlbar, weil sie das Leben ihrer Arbeitgeber so viel angenehmer und einfacher macht. Vor allem ist sie nicht mehr wert als meine. Das ist Maria auch bewusst, weshalb sie mit sich im Reinen ist und ihre Arbeit mit Würde ausführt. Diese Haltung ist für mich sehr gut nachzuempfinden.

Interview: Es ist ohnehin sehr leicht, Maria zu mögen und mit ihr zu sympathisieren. Was ist ihr Geheimnis?

Rossy de Palma: Sicherlich ihre Authentizität und Ehrlichkeit. Sie ist zufrieden mit dem Leben, das sie führt und dankbar für die Dinge, die sie hat. Sie mag nicht viel Geld haben, aber ist sozusagen eine sehr „reiche“ Arme.

Amanda Sthers: Zudem ist sie frei, ganz anders als Madame und, obwohl sie eine Angestellte ist. Madame glaubt zwar, Macht zu haben – vor allem über Maria -, weil sie Geld hat, aber eigentlich ist sie nur eine Angestellte ihres Ehemannes.

Interview: Gibt es irgendetwas, das Sie an Marias Stelle anders gemacht hätten, Rossy?

Rossy de Palma: Ich hätte Madame in den Hintern getreten (lacht). Aber im Ernst: Maria verhält sich sehr clever und begibt sich nicht auf das Niveau von Madame, wird sauer oder rächt sich, obwohl sie so herablassend behandelt wird. So bewahrt sich Maria ihren Stolz und ihre Würde. Das ist ihre große Stärke.

Interview: Hatten Sie in Ihrer Karriere – oder auch im Privatleben – jemals das Gefühl, irgendwo nicht hinzugehören oder fehlplatziert zu sein?

Rossy de Palma: Ich war als junge Frau sehr sensibel und hatte zudem lange das Gefühl, noch nicht dort zu sein, wo ich hingehöre. Ich wusste, dass noch eine andere „Welt“ auf mich wartet. Allerdings habe ich schon immer die Fähigkeit besessen, neue und auch ungewohnte Situationen zu genießen. Selbst, wenn ich mich deplatziert fühle. Dann nehme ich meine Umgebung wahr und beobachte in Ruhe, was um mich herum passiert. Ich fühle mich daher eigentlich an keinem Ort unwohl oder fehl am Platz und verspüre Scham.

Amanda Sthers: Ich glaube, es ist grundsätzlich sehr schwer, seinen Platz zu finden in der Gesellschaft. Das hat aber nicht zwangsläufig nur etwas mit der Schicht zu tun, in die wir geboren werden.

Interview: Wie meinen Sie das?

Amanda Sthers: Man muss sich selbst lieben. Das ist auch genau das, was Maria in Madame erleben sollte. Dass sie weiß, wer sie ist und zufrieden, völlig unabhängig von der Aufmerksamkeit und Zuneigung eines Mannes. Daher hat MADAME auch definitiv einen modernen, einen feministischen, Hintergrund. Jene Liebe, die Maria am Ende des Filmes findet, ist allerdings nicht unbedingt die, welche der Zuschauer bei einer romantischen Komödie erwartet…

Interview: Also gibt es kein „Happy End“?

Rossy de Palma: Schön und zugleich traurig – ohne jetzt zu viel verraten zu wollen (lacht). Ich finde, es ist ein wunderbares Ende!

 

MADAME läuft am 30. November in den deutschen Kinos an. Bon appetit!

Bildmaterial via Studiocanal