JAMES BAY

Drei Jahre nach seinem mehrfach ausgezeichneten Debütalbum „Chaos And The Calm“, das sich inzwischen über 3,5 Millionen Mal verkauft hat, präsentiert James Bay „Electric Light“. Der 27-jährige Brite zeigt sich nicht nur musikalisch verwandelt, sondern auch optisch. Wir treffen ihn vor seinem Auftritt im Berliner Huxley’s.

Foto: © Sarah Piantadosi / Universal Music

TAHIR CHAUDHRY: Du wirkst im Gegensatz zu anderen Künstlern, denen ich auf Tour begegne, sehr ruhig und entspannt aus.

JAMES BAY: Das ist schön zu wissen. Do it yourself! Es würde sehr merkwürdig für mich sein, wenn ich nur ruhig sein würde, weil andere Menschen um mich herum dafür sorgen würden, dass ich immer ruhig bleibe. Dann hätte ich keine Kontrolle über mich selbst. In der heutigen Zeit leben wir nämlich nur in unseren Smartphones. Wir schauen darauf und denken ständig darüber nach, was war und sein wird. Das Internet und die soziale Medienwelt nimmt uns vollkommen ein. Es ist schwer. Also danke dafür, dass du es sagst.

TC: Viele Menschen reden über deinen neuen Look. Findest du das oberflächlich?

JB: Pop-Musik und Fashion – das eine bedingt das andere. Mir ist es eigentlich relativ egal, aber wenn alle Leute über mein Aussehen sprechen würden, fände ich es irgendwie seltsam und traurig, denn natürlich bin ich ein Musiker. Und das ist das, womit ich andere Menschen berühren will.

TC: In der Pop-Welt liegt der Fokus oftmals mehr auf dem Erscheinungsbild einer Sache als auf dem, was jemand sagen oder vermitteln will.

JB: Du hast vollkommen recht. Für mich ist die Musik das Zentrum von all dem. Jetzt sprichst du über Pop-Musik und ihre oberflächlichen Aspekte. Das ist tatsächlich ein bisschen schade, aber da habe ich auch meinen Anteil daran. Es hilft mir dabei, eine Musikkarriere anzutreiben. Zu einem gewissen Grad muss man das tun. Ich bin 27 und habe meinen Hut getragen seit ich 18 Jahre alt war. Ich war gelangweilt.

TC: Viele erkennen dich nicht mehr wieder. Ist das ein Problem oder vielleicht auch ganz schön?

JB: Es dauert vielleicht einen Moment. Natürlich werbe ich noch immer mit meinem Namen, aber mit einer neuen Optik: kein Hut, keine langen Haare. Du musst Risiken eingehen. Letzten Endes ist das, was ich als Künstler will, dass die Leute mehr mit ihren Ohren als mit ihren Augen konsumieren. Und als Geschäftsmann war es zum Teil Strategie. Ich komme mit neuer Musik zurück und das ist wie ein Hinweisschild: “Hier bin ich! Und ich sehe nicht mehr so aus wie früher!”. Es ist eine Art Sehhilfe.

Mit Justin Bieber bei den BRIT Awards 2016 | Foto: © Ian Gavan / Getty Images

TC: Einigen Fans wird dein neuer Style und Sound nicht gefallen.

JB: Sei’s drum! Man kann nicht alles haben. Ich will mich nicht mit Genies wie Michael Jackson oder Pablo Picasso vergleichen, aber sie sind Beispiele für mich. Innerhalb von zehn Jahren trug Michael Jackson einen Afro und einen Smoking, dann trug er einen Hut und Handschuhe, später hatte er längere Haare und einen riesigen Motorradanzug an. Er veränderte sich eher schrittweise als radikal. Bei Picasso dauerte es sehr lange, bis die Leute seine Gemälde mochten. Als sie seine Bilder endlich kauften, malte Picasso nur noch in Blau. Die Leute hatten alle Gemälde gekauft und sagten: „Mach mehr von diesen großartigen Werken. Oh, du malst jetzt alles blau, das mögen wir nicht“. Doch schließlich verliebten sie sich in das Blau. Als sie nach mehr verlangten, fing Picasso an, kubistisch zu malen. Dann hieß es: “Wo ist das blaue Zeug?!”. Als Künstler musst du tun, was du tun musst.

TC: Wenn ich mir deinen neuen Stil, dein neues Albumcover oder die Art wie du dich auf der Bühne bewegst, anschaue, dann scheint es mir, als würdest du nicht mehr so lesbar sein wollen. Liege ich richtig?

JB: Spannend. Ich weiß nicht, wie lesbar ich zuvor gewesen bin. Wir haben heute eine viel kürzere Aufmerksamkeitsspanne als es vor zehn oder zwanzig Jahren der Fall war. Wenn wir unsere Handys in die Hand nehmen, dann wollen wir etwas Neues sehen. Wenn wir es wieder hinlegen und nochmals in die Hand nehmen, dann wollen wir etwas neues Neues sehen. Ich möchte den Leuten einfach etwas anderes geben. Ich will nicht unbedingt unlesbar sein. Wenn dabei ein Mysterium bleibt – fantastisch! Nicht alles sollte vollkommen vorhersehbar sein.

TC: Ich finde, es gibt einen Unterschied zwischen der Unterschrift und der Handschrift. Die Unterschrift zeigt, wie Menschen wahrgenommen werden wollen und die Handschrift zeigt, wer sie wirklich sind. Was soll deine Unterschrift als Musiker zeigen?

JB: Sie soll mich als jemanden zeigen, der ständig kreativ und ein sehr aufgeschlossenes Individuum ist, das nicht an eine einzige Sache gebunden ist. Ich kann das nur in Bezug auf Musik erklären. Ich liebe Musik. Und jeder, den ich kenne, liebt mehr als eine Art von Musik. Ich bin auch so. Als kreativer Mensch werde ich außerdem durch unterschiedliche Stile und Klänge inspiriert. Ich will, dass Menschen mich als explorativ wahrnehmen. Das ist potenziell das richtige Wort dafür.

James Bay: “Wenn du die Person, für die du tiefe Liebe empfindest, triffst, dann schmerzt es fast. Du hast ein schweres Herz und es gehört sogar Angst dazu. Wahre Liebe gründet sich zwischen purer Euphorie und völliger Aufruhr.”
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TC: In deinem Song Slide heißt es: “The weight of the world is love / Under the burden of solitude, under the burden of dissatisfaction the weight / The weight we carry is love / And so must rest in the arms of love at last, must rest in the arms of love”.

JB: Das ist ein Gedicht von Allen Ginsberg. Mein Freund David hat die Worte eingesprochen. Deshalb sehe ich mich in gewisser Weise als Teileigentümer dieser Worte. Ich finde sie wunderschön und ich glaube an jedes Wort, das ich in meinen Texten sage.

TC: Die meisten Menschen würden sagen, dass Liebe die schönste Sache ist, die es gibt. Warum bezeichnest du sie als Last?

JB: Weil sie es ist. Ich denke, dass Liebe die größte Traurigkeit in unserer Existenz darstellt und gleichzeitig die größte Quelle für Euphorie. Wenn wir uns in jemanden verlieben und wir diese Person sehen, dann tut es weh. Es ist solch ein starkes Gefühl. Wenn du die Person, für die du tiefe Liebe empfindest, triffst, dann schmerzt es fast. Du hast ein schweres Herz und es gehört sogar Angst dazu. Wahre Liebe sitzt zwischen purer Euphorie und völliger Aufruhr. Wir sagen, dass wahre Liebe Triumph bedeutet, aber wenn sie zum ersten Mal entsteht, dann werden wir panisch, weil wir wollen, dass die andere Person uns genauso verehrt und für uns empfindet wie wir für sie. In diesem Sinne ist Liebe die Last der Welt. Es gibt unterschiedliche Versionen dieser Liebe. Man denke an all die verrückten Leute in der Welt, die über andere Menschen herrschen wollen. Sie wollen Verehrung. Sie suchen verzweifelt nach Akzeptanz. Das ist eine sehr starke Emotion.

TC: Auf dem Weg hierher habe ich einige Bettler und alte Menschen gesehen, die oft am meisten daran leiden, dass sie sich übersehen und überflüssig fühlen. Ihnen fehlt Liebe in Form von Akzeptanz und Verehrung. Auf der anderen Seite gibt es Pop-Größen, die genau daran zugrunde gehen.

JB: Ja, wenn du jemandem zu viel von dieser Liebe gibst, kannst du ihn wahrscheinlich zerstören. Es ist eine traurige Tatsache, dass ein und dieselbe Sache, das Leben der in Armut lebenden und der wohlhabenden und erfolgreichen Menschen ruinieren kann.

TC: Dein Image ist für dich zentral, fast wie es für einen Elvis Presley, Michael Jackson oder Prince der Fall war. Deren Image spielte aber auch eine große Rolle bei ihrem Absturz.

JB: Elvis wurde fett und die Leute merkten das. Sie hatten viel Negatives darüber zu sagen, weil er bis dahin diese makellose, göttergleiche Figur war. Als er älter wurde, wandelte er sich in eine traurige Version seiner Selbst. Er machte zwar seine Haare auf dieselbe Weise und er trug immer noch dieselben Anzüge, aber er war eben ein dicker Typ geworden. Und Michael Jackson? Etwas passierte mit seiner Haut. Das er von einem Schwarzen immer mehr zum Weißen wurde, mag eine Krankheit gewesen sein, wer weiß. Das war eine ziemlich radikale Wandlung.

TC: Wenn du dir heute als Kenner Musik anhörst, wonach bewertest du sie?

JB: Ich möchte, dass Musik bei mir wahre Freude, Traurigkeit oder Nostalgie auslöst. Musik ist großartig, wenn sie mich bewegt, wenn sie Gefühle und Gänsehaut auslöst.

TC: Das ist eine ehrliche Art Musik, zu bewerten. Ich glaube, die wenigsten bewerten Musik auf diese Weise. Ich habe Freunde und Bekannte gefragt, was sie über dich und deine Musik denken. Meine Erfahrung war, dass alle schweigend zuzustimmen schienen, wenn einer in der Gruppe etwas Gutes sagte. Doch wenn jemand dabei war, der etwas sagte wie “Das ist billige Mainstream-Musik”, sich die anderen plötzlich auch negativ äußerten.

JB: Haha!

TC: Kann es sein, dass wir gar nicht unbedingt die Musik hören, die wir mögen, sondern die, die uns so zeigt, wie wir von anderen gesehen werden wollen?

JB: Das trifft ziemlich genau auf sehr viele Menschen zu. Die Beobachtung gefällt mir. Jemand hat meine Musik als “billigen Mainstream” bezeichnet. Ich weiß nicht, was mit “billig” gemeint ist, aber ich finde es gut, wenn man sie “Mainstream” nennt. Ich muss mich nicht unbedingt wie der größte Mainstream-Künstler fühlen, aber es ist schön, dass ich für irgendjemanden auf einer breiteren Ebene existiere. Wenn du zu diesem Menschen „Shawn Mendes“ oder „Taylor Swift“ gesagt hättest, wie hätte er dann reagiert? Für viele Menschen ist es cool, als diejenigen angesehen zu werden, die Taylor Swift mögen, weil sie so enorm groß und erfolgreich ist. Viele Musikkritiker könnten aber sagen, dass das, was sie macht, für die einfachste Form des Pop-Songwritings steht, die nicht wirklich den Verstand oder die Emotionen auf die Probe stellt. Es ist schön, in dasselbe Feld wie diese Künstler eingeordnet zu werden, aber irgendwie auch nicht, denn ich sehe mich persönlich nicht in diesem Feld und das ist auch nicht die Musik, die mich inspiriert.

TC: Hast du eine Vision, wo deine Entwicklung dich hinbringen wird?

JB: Ich bin gespannt, wohin meine Gedanken als nächstes wandern werden. David Bowie sagte einmal, als jemand ihm dieselbe Frage stellte. Er antwortete: “Ich weiß es nicht, aber ich verspreche dir, dass es nicht langweilig werden wird”. Ich finde das brillant.