JAMIE DORNAN im Interview

Sein Name: JAMIE DORNAN! Seine Herkunft: Belfast, Nordirland! Seine Geschichte: Erst Model, dann Schauspieler! Sein Anliegen: Als solcher ernst genommen zu werden! Sein Look: Sssssss! Seine Entdeckerin: Sofia Coppola! Noch Fragen? Genau!

Interview: In der Horror-Serie Beyond the Rave spielst du einen Soldaten, der sich am Abend, bevor er in den Irak verschifft werden soll, noch einmal aufrafft, die Liebe seines Lebens zu suchen und sich währenddessen immer tiefer und tiefer in einen Teufelskreis aus Blut, Drogen, elektronischer Musik und dem Bösen verstrickt.

Dornan: Wow, darüber willst du mit mir reden?

Interview: Ja, genau darüber. Denn dies ist eine der wenigen Rollen, in der du körperlich spielst – und nicht nur schön anzuschauen bist.

Dornan: (lacht) Die Geschichte ergab sich wie folgt: Ich traf den Produzenten der Miniserie per Zufall auf der Hochzeit meiner Schwester. Sie war sehr stolz, ihn als Gast zu haben, also hörte ich mir seine Idee zu dieser Serie an. Nach ein paar Drinks gefiel mir das Projekt – und ein paar Drinks später ließ ich mich überreden mitzuspielen. Leider hatte ich den Teil verpasst, in dem es darum ging, dass wir nur nachts drehen. Ich musste also den ganzen Tag schlafen, abends um sechs zur Arbeit – und kam nie vor sechs Uhr in der Früh nach Hause, was ziemlich schlecht für mein Sozialleben war. Und doch verdanke ich der Serie ein paar echte Freunde fürs Leben, geeint durch Schlafentzug und die Dunkelheit der Nacht.

Interview: Du scheinst dich zu dunklen Gestalten hingezogen zu fühlen: Um dich auf die Rolle des Paul Spector, den Serienmörder aus The Fall, vorzubereiten, hast du dich regelrecht in die Biografie von Ted Bundy eingegraben.

Dornan: Bundy ist ein großartiges Beispiel für einen Mörder, der sein normales Leben bei Tag und seine Taten bei Nacht 100 Prozent voneinander getrennt gelebt hat. Keiner aus seinem Umfeld ahnte, dass er diese ganzen Frauen tötete. Das faszinierte mich ungemein – stell dir mal vor, ein Kollege, ein Nachbar oder ein Freund, mit dem du eine ganz normale, oberflächliche Beziehung führst, ist am Ende einer der krassesten Serienmörder der vergangenen Dekaden – und man selbst hat nicht die leiseste Ahnung. Bundy beispielsweise hatte zwei reguläre Jobs im politischen Betrieb, studierte Jura, hatte immer eine Freundin und war in seinem Freundeskreis beliebt. Wenn man sich Interviews mit ihm anschaut, ist es erschreckend, wie schnell man den Kerl mag. Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke! Er drückt sich gut aus, hat den richtigen Humor, gleichzeitig ist er sehr charmant. Aber dieser Typ, den man gerade anfängt zu mögen, hat eben auch ein paar Dutzend junger Frauen umgebracht. Es macht einen fertig, darüber zu lange nachzudenken. Denn solche Kerle leben unmittelbar unter uns, jeder könnte solch ein Mörder sein. Es muss eben nicht immer der Einzelgänger mit Klumpfuß und einer Narbe quer über dem Gesicht sein.

Interview: Wahrscheinlich ist es dir deshalb leichter gefallen, Spector so charmant zu spielen, gerade weil er nicht diesem Archetyp des einsilbigen Serienmörders entspricht.

Dornan: Das lag vor allem am Setting, an der Familie, die er von seinem Erfinder zugeschrieben bekommen hat, der Frau und den Kindern, seinem ganzen Leben. Das wirklich Verrückte ist, dass der Drehbuchautor Allan Cubitt ihm Seelsorge als Job verpasst hat. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder, die er liebt. Allan würde wahrscheinlich behaupten, Spector sei nicht dazu imstande zu lieben und deswegen liebe er auch seine Kinder nicht. Ich würde dem ein wenig widersprechen. Ich glaube eher, dass er eine bestimmte Form von Liebe verkörpert, insbesondere seiner Tochter gegenüber. Auf eine gewisse Art glaube ich, dass er nicht einmal ein schlechter Ehemann ist. In Anbetracht dessen, was er treibt, ist es verrückt, so etwas zu sagen, aber ich glaube tatsächlich, dass diese Taten nicht seine guten Qualitäten als Ehemann und Vater ausschließen. Ich glaube, er besitzt gute Seiten – trotz der Tatsache, dass er unschuldige Frauen jagt und umbringt.

Interview: Das führt mich zu der Frage, ob man wohl etwas an diesen Typen finden muss, das man vielleicht nicht mag, aber zu dem man sich zumindest in Beziehung setzen kann.

Dornan: Ich würde ruhig so weit gehen und es „mögen“ nennen. Ich würde niemals jemanden spielen, für den ich keine Zuneigung empfinden kann. Wahrscheinlich werde ich nie wieder in meinem Leben jemanden so schrecklichen wie Paul Spector spielen, vielleicht aber auch doch, und in dem Falle werde ich das nur tun können, wenn ich etwas in dieser Person finde, was ich akzeptieren kann. Trotz all der Gräueltaten, die Spector begeht, finde ich in ihm Dinge, die ich bewundere, und es sind genau jene Eigenschaften, die er für abscheuliche Zwecke verwendet. Ich wünschte, ich hätte seine Effizienz und Detailgenauigkeit (lacht). Ich denke, du musst von jeder Figur, die du spielst, etwas lernen, sowohl als Mensch als auch als Schauspieler.

Interview: Verglichen mit anderen Rollen, die du gespielt hast, ist Abe Goffe aus der Miniserie New Worlds fast schon ein klassischer Held.

Dornan: Auch er ist eine gebrochene Person. Für mich sind gebrochene Personen Menschen, die durch harte Zeiten gehen mussten, sei es wegen etwas wirklich Schlimmem wie Missbrauch oder weil man verstoßen worden ist. Einfach etwas, das dein Leben verändert hat, wie bei Christian Grey. Vielleicht wird in der zweiten Staffel enthüllt, warum Spector die Person ist, die er ist, aber ich will auch nicht zu viel verraten. Es gibt Gründe, warum solche Menschen sind, wie sie sind, und das ist es auch, was sie antreibt. Im Falle von Abe ist es das Gefühl, dass er ungerecht behandelt worden ist. Als er jünger war, studierte er Medizin und durfte nicht weitermachen, weil sein Vater einer der Unterzeichner des Todes­urteils Charles I. gewesen ist. Das stachelt ihn an.

Interview: Deine physische Präsenz kommt bei Abe stark zum Ausdruck. Gleichzeitig scheinst du diesen Typen auf eine Art und Weise zu verkörpern, dass es für dich emotional Sinn ergibt.

Dornan: Die Sache mit Abe ist, dass er vor allem mit seinen Fäusten spricht. Mit der Zeit lernt er dann, dass Worte wahrscheinlich der bessere Weg sind. Aber diese eigensinnigen Typen wird es immer geben. Einige meiner Freunde sind verdammt aggressiv. Sie bewegen sich auf eine bestimmte Art und Weise, insbesondere Menschen gegenüber, die sie noch nicht kennen. Sie protzen oder bauschen sich auf. Ich habe versucht, das für Abe zu benutzen. Er fühlt sich nur wohl im Umfeld von einigen wenigen.

Interview: Was hältst du von besonders körperbetonten Schauspielern?

Dornan: Sie sind oft schwierig zu definieren. Jede Rolle verlangt einem eine gewisse Physis ab, aber als Zuschauer mag ich es nicht, wenn Schauspieler körperlich mehr geben, als es die Rolle braucht. Es nervt mich regelrecht. Es gibt natürlich immer mal wieder den einen oder anderen Schauspieler, der mir mit seinem unerwarteten und überraschenden Spiel den Verstand raubt, wie zum Beispiel ­Mickey Rourke oder Christopher Walken. Und dann gibt es Schauspieler, die denken, sie seien Rourke oder Walken, sehen dabei aber nur verdammt beschäftigt aus. Sie machen 1.000 Sachen, obwohl es der Szene viel besser täte, den Text aufzusagen und nichts zu tun. Ich selbst bevorzuge diese Weniger-ist-mehr-Methode.

Interview: Verrätst du uns, worüber Sam (Taylor-Johnson, die Regisseurin von Fifty Shades of Grey) und du gesprochen habt, um dich für die Rolle des Christian Grey vorzubereiten?

Dornan: (lacht)

Interview: Er scheint ja wie ein Mann, der alles hat, der alles haben kann – und doch spielst du ihn mit einer Körperlichkeit, der eine gewisse Verletzlichkeit innewohnt.

Dornan: Für mich ist Christian viel mehr als das. Er ist jemand, der sehr darauf achtet, in Form zu bleiben, jemand, der obszön viel Geld darauf verwendet, sich selbst in Szene zu setzen. Um das rüberzubringen, verbrachte ich viel Zeit im Gym und in der Maske. Wir haben jedoch nie darüber gesprochen, wie Christian sich bewegt, wie er läuft beispielsweise. Ich selbst fühle mich eher unbehaglich, wenn ich einen Anzug trage, einfach weil ich sehr selten die Gelegenheit dazu habe. Christian hingegen lebt quasi in seinen Anzügen – den besten und teuersten Anzügen wohlgemerkt.

Interview: Das Amüsante daran ist, dass Typen wie Christian Männer wie dich stundenlang auf Bildern studieren, um so zu werden wie du.

Dornan: Da mag was dran sein (lacht).

Interview: Eine Sache an der Schauspielerei fasziniert mich ungemein: die Chance, sich komplett in eine andere Person fallen zu lassen und in ihr aufzugehen.

Dornan: Wobei ich immer einen Teil meiner tatsächlichen Persönlichkeit mit in jede Rolle nehme. Vielleicht brauche ich das, um die Person letztendlich zu mögen, die ich spiele. Ich weiß natürlich, dass es in meinem Job nur darum geht, zu 100 Prozent mit der Rolle zu verwachsen … Ach, ich weiß gar nicht, was ich gerade sagen wollte.

Interview: Du bist wahrscheinlich sehr müde und hast keine Lust mehr, mit mir zu sprechen.

Dornan: (lacht)

Interview: Fällt es dir eigentlich schwer, dich selbst auf der Leinwand oder im Fernsehen zu sehen? Nehmen wir Spector …

Dornan: Ich mag es keineswegs, mir zuzuschauen, aber ich kann mir The Fall schon ansehen. Wahrscheinlich würde ich die Serie wirklich lieben, wenn ich nicht involviert wäre, denn ich finde die Geschichte wirklich brillant.

Interview: Wie fühlt es sich an, ständig zwischen Fernsehen und Kino hin- und herzuwechseln?

Dornan: Ich gehe überall mit derselben Einstellung ran. Anders macht es auch keinen Sinn. Ich habe mir gerade True Detective mit Woody Harrelson und Matthew McConaughey angesehen, und mir wäre nie in den Sinn gekommen zu denken: Ach schau, so spielen Woody und Matthew also, wenn sie fürs Fernsehen vor der Kamera stehen. Die beiden sind einfach fucking brillant und liefern eine ganz große Leistung ab! Und da man in Serien mehr Zeit hat, in die Tiefe zu gehen, die Charaktere zu entwickeln und die Geschichte wirklich auszuerzählen, verstehe ich Schauspieler sehr gut, die Fernsehen spannender finden.

Interview: Oh, gleich musst du skypen, oder?

Dornan: Leider. Ich kann nicht glauben, wie müde ich bin!

Interview: Die gute Nachricht ist, dass du nicht schon wieder mit mir sprechen musst.

Dornan: Es würde mich allerdings nicht überraschen, wenn da plötzlich dein Gesicht auch noch auftauchen würde.

Interview: Solltest du tatsächlich mein Gesicht auf dem Bildschirm sehen, rate ich dir: Ruf deinen Arzt an!

Dornan: Vielen Dank, Elvis, ich mag dich!

Interview: Dank dir, Jamie!

Alle Bilder ©  MERT ALAS & MARCUS PIGGOTT FÜR INTERVIEW DEUTSCHLAND

Styling: Karl Templer