"Ich bin kein wildes Partygirl! Ich muss mir erst ein paar Drinks hinter die Binde kippen"

Spätestens seit ihrem kaltblütig-eleganten Auftritt in Zero Dark Thirty traut sich in Hollywood niemand mehr, sich Jessica Chastain in den Weg zu stellen. Heute startet  der Blockbuster „Interstellar“, in dem sie mitspielt – und Ende des Monats „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“. Schauspielerin und Comedian Mindy Kaling sprach für INTERVIEW mit Chastain.

Kleid Paul Smith / Ohrringe Chanel Haute Joaillerie ©Blossom Berkofsky




Mindy Kaling: Hey! Gestern Abend hatte ich einen richtigen Jessica-Chastain-Marathon. Wenn mich jemand besuchen gekommen wäre, hätte er mich für einen Stalker gehalten. Ich habe sozusagen eine Retrospektive deines Lebens veranstaltet, so als wärst du gestorben.
Jessica Chastain: Ach du meine Güte! (lacht) Ich erinnere mich daran, wie ich dich vor drei, vier Jahren getroffen habe und ich vor Schwärmerei kaum noch an mich halten konnte, weil du so unglaublich und so klug bist …
Kaling: … und auch so lustig und wunderschön? (lacht)
Chastain: Exakt!
Kaling: Es gibt Leute, die man bewundert und in Hollywood trifft, von denen man aber denkt … Also Helen Mirren zum Beispiel, ich liebe sie, aber ich denke nicht, dass ich gern mit ihr zur Schule gegangen wäre, verstehst du? Und dich bewundere ich auch und denke: „Scheiße, ich wünschte, ich hätte vier Jahre lang Englischunterricht mit ihr gehabt!“
Chastain: Wir hätten zusammen lernen können. Aber hör zu, wir können doch jetzt Zeit miteinander verbringen. Ich verpflichte mich an Ort und Stelle, mit dir abzuhängen.
Kaling: Chris Messina, mein Co-Star und guter Freund, mit dem du ja auch befreundet bist, war zusammen mit dir in diesem Theaterstück in Williamstown. Und schon die Vorstellung davon, dass ihr zusammen auf der Bühne gestanden habt und hinterher Grilled Cheese Sandwich gegessen habt … Ich war so eifersüchtig, dass er mit dir in Williamstown sein durfte, also insofern nehme ich deinen Vorschlag gern an. Außer du sagst: „Okay, eigentlich hatte ich mich ja verpflichtet, mit dir abzuhängen, aber Christopher Nolan hat mich gerade angerufen, und der braucht mich für diese Filmsache in Peru“ – dann würde ich sterben. Aber genug von meinen Wünschen und Bedürfnissen in unserer Beziehung, lass mich dir ein paar Fragen stellen. Du hast so ein Leuchten an dir, dass ich immer denke, du wärst großartig in Komödien.
Chastain: Es ist seltsam. Als ich auf der Schauspielschule (Juilliard) war, wurde ich oft für Komödien besetzt. Tatsächlich fiel es mir ziemlich schwer, in Das Verschwinden der Eleanor Rigby ernst zu bleiben, vor allem weil James McAvoy so supersuperlustig ist und ständig improvisiert. Also fange ich oft an zu lachen, manchmal sogar in der Rolle, weshalb eine Szene es sogar in den Film geschafft hat. Es gibt diese Szene, in der wir uns im Auto küssen und er mir den BH anziehen soll. Er sagt dann irgendwas wie: „Ich glaube, ich bin darauf programmiert, das nicht zu können“ und führt dann weiter aus, dass er nur weiß, wie man einen BH auszieht. Ich habe ihn nur angesehen und gesagt: „Du Trottel!“ und dann zu lachen angefangen. Eine Szene zu sprengen, weil du genau weißt, was dein Gegenüber denkt, und der weiß, was du denkst, das ist, wie ein Geheimnis zu haben.
Kaling: Ja, ist es. Als würde man an einen Insiderwitz erinnert werden. Ist dir das auch bei Eine offene Rechnung passiert?
Chastain: Ja, Sam Worthington und ich haben intensiv zusammen geprobt und an unseren Kampfszenen gearbeitet. Es gibt eine Szene, in der wir gemeinsam in ein Café gehen. Wir haben ein Rendezvous – und kurz davor hatte ich diese schwierige Szene mit diesem Naziarzt. Wir kamen also da rein, und da war Marton Csokas, der sehr talentiert und gut aussehend ist, die Dinge manchmal ein bisschen zu ernst nimmt, und der saß da in seinem Rollkragenpullover, rauchend, hinter einer Zeitung verschanzt, und alles an ihm schrie: „Ich bin ein Spion!“ Sam und ich mussten sofort losprusten. Wir haben diese Szene einfach nicht auf die Reihe bekommen. Jedes Mal wenn Marton angefangen hat zu reden, mussten Sam und ich grinsen oder lachen.
Kaling: Das ist unerträglich. Besonders in einer Komödie – also zumindest in unserer Show, die ja eher leichte Kost ist, geht es uns immer so. Die arme Crew! Der Tonassistent steht dann 25 Minuten da und hält ein Mikro.

Jessica Chastain: “Frauen dürfen in der Politik keine Gefühle zeigen. Sie sind darauf geeicht. Obama kann weinen, aber Hillary darf das nicht.”
Tweet this

Chastain: In … und dann kam Polly gab es auch so eine Situation. Darin spielt Hank Azaria mit. Er ist der Taucher in der Speedo-Schwimmhose, und er sagt zu Ben Stiller: „Look at my eyeballs.“ Er hat improvisiert. „Eyeballs“! (Kaling lacht) Ben Stiller konnte einfach nicht mehr.
Kaling: Lustig, dass du … und dann kam Polly erwähnst. Ein weiteres Zeichen dafür, dass wir für immer befreundet sein sollten. Als Philip Seymour Hoffman gestorben ist, habe ich mir alle meine Lieblingsclips mit ihm angesehen – so wie wahrscheinlich jeder in Amerika, der ihn geliebt hat. Es gibt diese eine Szene in Polly, in der er und Ben Stiller in einem Fahrstuhl feststecken. Da sagt er total laut zu Ben: „Oh, Mann, ich bin so irre horny.“ (Chastain lacht) Das ist eine der lustigsten Stellen im Film, weil er es einfach so ernst sagt. Oh, mir fällt noch was ein! Die Besetzung von Das Verschwinden der Eleanor Rigby ist meine liebste Filmbesetzung der letzten Zeit. Das ist schon fast eine Angeber-Besetzung.
Chastain: Wirklich? Na ja, nachdem 2011 so ein gutes Jahr für mich war und plötzlich so viele Filme mit mir rauskamen, haben wir plötzlich gemerkt, dass der Zeitpunkt für Das Verschwinden der Eleanor Rigby endlich gekommen war. Ich konnte tatsächlich Isabelle Huppert anrufen oder mit Viola Davis sprechen. Die Rolle der Schwester hat natürlich Jess Weixler übernommen, weil sie auch im echten Leben wie eine Schwester für mich ist.
Kaling: Es gibt eine Szene im Film, wo ihr zusammen ausgeht. Ich weiß, es ist eine schwierige Sache für Schauspielerinnen, „einfach auszugehen und Spaß zu haben“. Aber wenn man euch beiden dabei zusieht, wie ihr eure kleinen dünnen Arme in die Luft werft und einfach so einen natürlichen Umgang miteinander habt, fühlt sich das total echt an. Ich bin verzweifelt auf der Suche danach, mal eine echte Frauenfreundschaft auf der Leinwand zu sehen, deswegen war diese Szene so charmant und schön anzusehen.
Chastain: Ja, absolut. Ich finde auch, dass wir mehr Szenen brauchen, in denen Frauen zusammen spielen. Ich erlebe das so oft – jedes Mal, wenn ich auf eine Party gehe, fühle ich mich alt. Sogar vor zehn Jahren ging es mir so. Ich war auf einer Collegeparty und dachte: „Oh Gott, ich bin so alt.“ Ich bin kein wildes Partygirl. Ich muss mir immer erst ein paar Drinks hinter die Binde kippen, bevor ich loslassen kann und mich amüsiere. Ned (Benson) ahnte das, als er das Drehbuch geschrieben hat.
Kaling: Das hört sich gut an. Es gibt immer Filme, bei denen man denkt: „Die müssen eine super Party nach Drehschluss gehabt haben.“ Habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass Zero Dark Thirty einer meiner Lieblingsfilme ist? Ich habe ihn fünf Mal gesehen. Was nicht so leicht ist, bei all den Folterszenen …
Chastain: Ich glaube nicht, dass ich diesen Film fünf Mal gesehen habe.
Kaling: Ich schon. Und er ist großartig. Der Schauspieler Mark Duplass hat gesagt, dass du sehr konzentriert bist und dich genau vorbereitest. Hast du das an der Juilliard gelernt?
Chastain: Wahrscheinlich schon. Wir hatten eine Unterrichtseinheit, in der es nur darum ging, was man macht, kurz bevor man am Set auftaucht. Klar, man geht seinen Text noch mal durch, aber ich denke nie daran, wie ich ihn dann herausbringe. Ich versuche einfach, davor so viel wie möglich über die Figur zu erfahren, wie ich kann. Es gab zum Beispiel eine Szene in D. C., in der ich mit (dem damaligen CIA-Chef Leon) Panetta spreche. Meine Figur war diejenige, die neu in diesem Raum war. Ich musste wissen, wie gut sie die Umgebung und die Leute kannte, die in dem Raum saßen. Ob es das erste Mal war, dass sie sich an den großen Tisch setzte. „Habe ich diese Person schon einmal getroffen? Was ist unsere Geschichte?“ Mit Mark zu arbeiten war wirklich toll. Nachdem ich gesagt habe: „Ich bin der Mother­fucker, der diesen Ort gefunden hat, Sir“, hat er nur gesagt: „Gut, Motherfucker.“ (lacht)

Jessica Chastain: “Ich bin kein wildes Partygirl! Ich muss mir erst ein paar Drinks hinter die Binde kippen.”
Tweet this

Kaling: Er hat so was Überirdisches an sich, was ich toll finde, weil ich so gar nicht überirdisch bin … Michael Caine hat ein Video und ein Buch mit vielen sehr guten Schauspieltipps herausgebracht. Die sind sehr charmant, weil sie sich selbst nicht so wahnsinnig ernst nehmen und nicht versuchen, deine Figur zu durchleuchten. Es sind eher so Tipps wie „Versuch, während des Spielens nicht zu blinzeln“ (lacht). Ich habe das Interview gelesen, das du mit Michael Shannon geführt hast. Darin hast du erzählt, dass du dir wochenlang grausame Fotos angesehen hast, bevor du in Eine offene Rechnung eine Mossad-Agentin gespielt hast.
Chastain: Als ich 18 war, habe ich zufällig mal Michael Caines Video Acting in Film gesehen. Und es hat sich so ergeben, dass wir uns mal darüber unterhalten haben …
Kaling: Oh mein Gott, so was passiert nur in Jessica Chastains Leben. Ich liebe es!
Chastain: (lacht) Solche Tipps sind wirklich wichtig. Gerade bei Filmen wie The Tree of Life (2011), in dem ich so viel ohne Worte ausdrücken musste, sind sie Gold wert. Wenn jedes Mal, wenn du gerade blinzelst, ein Close-up von dir gemacht wird, stört das die Kommunikation mit den Zuschauern. Ich habe mit ihm darüber gesprochen, wie sehr mir das geholfen hat. Ich glaube an Technik.
Kaling: Hier kann ich echt noch was lernen. Gestern habe ich eine Szene mit Chris ­(Messina) gedreht, und dabei musste ich an den Michael-Caine-Tipp denken … Aber was ich zum Abschluss noch fragen möchte: Als jemand, über den man sehr gut recherchieren kann, weil du schon circa eine Million Mal interviewt wurdest – gab es schon mal einen Artikel oder ein Interview, die dich auf eine Weise dargestellt haben, die dir nicht gefallen hat?
Chastain: Es gab mal einen Artikel, der mich total falsch zitiert hat, oder es wurde etwas nachfrisiert, damit es so klingt, wie sie es haben wollten. Einmal wurde ich so dargestellt, als leide ich unter geradezu lähmenden Angstzuständen, was absolut verrückt ist. Ich gedeihe unter Angst. Angst bringt mich vorwärts. Ich bin ein emotionaler Mensch. Ich bin ein bisschen peinlich. Ich bin manchmal schüchtern, und ich bin oft nervös. Aber jedes Mal, wenn ich denke, dass ich etwas nicht kann, will ich es machen. Ich reflektiere meine Gefühle genau, aber ich bin keine Heulsuse (lacht).
Kaling: Gab es mal einen Artikel nach dem Motto „Heul, kreisch, schnief: Die Geschichte der Jessica Chastain“?
Chastain: Nein. Ich bin keine schwache Person. Wenn jemand leidet, dann spüre ich das. Ich nehme das wahr und habe Mitgefühl. Kann sein, dass ich dann auch mit ihm weine, aber nicht weil ich schwach bin, sondern aus Empathie. Als ich die Rolle in Zero Dark Thirty gespielt habe, habe ich so mit dieser Frau gefühlt, die darauf gedrillt war, keine Gefühle zuzulassen, die sich in einem Umfeld bewegt hat, in dem sie alles, was sie ausmacht, unter Verschluss halten musste. Frauen dürfen in der Politik keine Gefühle zeigen. Sie sind darauf geeicht. Obama kann weinen, aber Hillary kann es nicht, weil sämtliche Kommentatoren dann behaupten würden, sie sei schwach.



Der Film „Interstellar“ startet am 6. November, „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ am 27. November

Interview 11/14 mit der kompletten Strecke finden Sie in unserem Store.

Interviews / Weitere Artikel

08.12.2016

Diesel macht
Zeit zeitlos

Das italienische Modehaus hat mit dem New Yorker Künstler Rostarr zusammengearbeitet – dabei herausgekommen ist tragbare Kunst in Form einer Armbanduhr. Wir haben die beiden Männer hinter der …

01.12.2014

Sagen Sie mal,
wo sind bloß Ihre haarigen Füße hin?

Martin Freeman, 43, spielt in Peter Jacksons Trilogie „Der kleine Hobbit“ den Helden Bilbo Beutlin. Der Film startet nächste Woche und wir haben Freeman vorher gesprochen.

29.05.2015

AURELIE DUPONT
"Ich wollte es den Ballettlehrern heimzahlen"

Sie hat den Traum gelebt, den viele kleine Mädchen hegen: das Leben ein Tanz. Aurélie Dupont war 17 Jahre lang der Ballett-Star der Pariser Oper. Doch wie verkraftet man es, wenn mit 42 Jahren der …

04.09.2014

WHAT THE FUCK IS HEIMAT?

Am Freitag eröffnet Stefan Strumbel seine Ausstellung in Berlin, heute schon beantwortet er kurz und knackig den Andy Warhol Questionnaire.

29.10.2015

REGISSEUR SPECIAL:
Tom Sommerlatte von "Im Sommer wohnt er unten" im Interview!

Opas Kino ist tot. Das von Papa auch. Sieben Interviews mit sieben Regisseuren, denen der deutsche Film eine gloriose Zukunft verdankt. Teil 2: Tom Sommerlatte, dessen Film Im Sommer wohnt er …

06.08.2014

La Boum für Erwachsene

Die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Liza Azuelos hat sich dem Genres der Romantic Comedy angenommen. Mit Sophie Marceau in der Hauptrolle hat Azuelos „Une rencontre“ …