Joan As Police Woman

Sängerin, Multiinstrumentalistin, Romantikerin, Vielleserin, Jean-Genet-Fan: Joan As Police Woman oder wie Joan Wasser die Welt sieht.

Foto: Allison Michael Orenstein

Von: HARALD PETERS

Wer meint, Joan Wasser sei eine ruhige, zurückhaltende und nachdenkliche Person, liegt gründlich falsch. Sie ist bereits laut, wenn sie leise spricht, und sobald sie ihre Begeisterung durch etwas mehr Kraft in der Stimme zum Ausdruck bringen möchte, schreit sie beinah und ruft: „Oh my God! Oh my God!“ Natürlich ist sie durch und durch entzückend. Und wenn man sich verabschiedet, fällt sie einem um den Hals.

Wasser ist eine klassisch ausgebildete Violinistin, die in ihren späten Teenagerjahren sich aber für den Punk entschied, Mitglied der Dambuilders war und für Antony & The Johnson auf „I Am a Bird Now“ spielte. Gerade hat die Musikerin wieder ein wunderbares neues Album mit traurigen Liedern veröffentlicht. Es trägt den schönen Titel „Damned Devotion“, unter dem Namen Joan As Police Woman ist es ihr sechstes und handelt im weitesten Sinne von den Nebenwirkungen der Liebe.

 

HARALD PETERS: Ihr Album heißt „Damned Devotion“. Was bedeutet das eigentlich?

JOAN WASSER: Nun, generell ist Hingabe eine Sache, die mir gefällt. Ich mag die Idee, die dahinter steht, dieser traumartige, obsessive Fokus im Zustand des Verliebtseins. Meine erste große Liebe ist zwar die Musik, aber privat bin ich eine ziemlich romantische Person. Wenn ich verliebt bin, werde ich zu einer anderen, dann bin ich quasi nicht mehr ich selbst. Denn eine Nebenwirkung von Hingabe ist, dass man Scheuklappen trägt. Man ist derart fokussiert, dass man schlichtweg den Blick fürs Ganze verliert. Dadurch entgehen einem Informationen, einem entgehen die Zusammenhänge. Der Verlust ist natürlich notwendig, weil ohne ihn die Fokussierung nicht möglich wäre. Die Fokussierung ist im Moment der Verliebtheit einfach viel attraktiver als das Gesamtbild. Wobei es natürlich auch von Vorteil sein kann, wenn man den Überblick auch mal nicht verliert.

HP: Und wenn man den Überblick verliert, kommt eine „Warning Bell“ ins Spiel, die Warnglocke, von der die erste Single Ihres neuen Albums handelt.

JW: Exakt. Viele Songs des Albums handeln von den Informationen, die mir entgangen sind. Ein anderes Thema des Albums ist Kommunikation.

HP: Es gibt auch einen Song über Jean Genet.

JW: Ja, haben Sie Genet gelesen?

HP: Ich habe mal eine Inszenierung seines Dramas „Die Zofen“ gesehen.

JW: Ich liebe Genet. Jedenfalls haben mein Schlagzeuger und ich am Bass eines Tages im Studio vor uns hingespielt. Dabei kam etwas heraus, das ich als arty Disco bezeichnen würde. Ich habe dann einen Text dazu improvisiert und hatte plötzlich den Namen „Genet“ im Kopf. Fragen Sie mich nicht, warum.

HP: Warum?

JW: Wahrscheinlich bin ich von seiner Lebensgeschichte fasziniert, die ist einfach unglaublich. Zum Beispiel, dass er sein erstes Buch, das er im Gefängnis geschrieben hat, immer und immer wieder schreiben musste, weil ihm die Wärter ständig das Manuskript abgenommen haben. Oder dass er später die Black Panther unterstützt hat, ich meine, der Kerl ist einfach unglaublich. Man hält es einfach nicht für möglich, dass einer so sein kann wie er. Außer- dem habe ich eine Schwäche für Schriftsteller. Ich habe ganz viele Schriftstellerfreunde, irgendwie ist das fast eine Obsession. Natürlich lese ich auch viel. Ich denke, Genet steht für mich für eine Art Freiheit, die der Song transportiert.

HP: Ich denke, ich sollte mich mal näher mit Genet beschäftigen. Ich kenne nur die Eckpunkte: Knast, Schriftsteller, schwul.

JW: Oh ja! Ich weiß, dass das eine Idee ist, die ich vielleicht etwas zu sehr romantisiere, aber schwules Leben in Paris und dann noch der Knast, Entschuldigung, aber das ist einfach zu viel für mich. Man sollte einen Film über ihn drehen. Gibt es einen Film über Genet?

HP: Ich weiß nicht. Ein Biopic gibt es, glaube ich, nicht.

JW: Das muss sich ändern. Aber wer sollte ihn spielen? Die sind alle nicht cool genug.

HP: Ich weiß gar nicht, wie er aussah.

JW: Was? Sie wissen nicht, wie er aussieht. Oh my God! Oh my God! Er war so schön! So hot! Und auch so cool! Ich habe sogar Pressefotos von mir machen lassen, die mein Versuch waren, wie Genet auf einem seiner Fotos auszusehen. Ich habe sie dann am Ende aber nicht verwendet. Okay, ich versuche mal schnell ein paar Fotos von Genet im Internet zu finden. (Tippt auf ihrem Smartphone herum.) Verdammt, wir haben hier keinen guten Empfang … Mist!

HP: Ich ergoogle ihn mir einfach zu Hause. Wie viele Instrumente spielen Sie eigentlich?

JW: Also die Geige spiele ich auf jeden Fall klassisch, alles andere habe ich mir selbst beigebracht. Für die habe ich keinen Unterricht genommen, was total super ist. Ich habe sie mir nämlich alle falsch beigebracht, was dazu geführt hat, dass ich mein eigenes Vokabular entwickelt habe. Gitarristen fragen mich immer, warum ich meine Gitarre so stimme, wie ich sie stimme. Und ich antworte dann: „Weil es besser klingt.“

HP: Irgendwie schaffen Sie es, in Ihren Songs eine Art von Sehnsucht zu verpacken, die sich aber nie erfüllt, so als würden Sie mit Absicht etwas auslassen. Was dazu führt, dass man die Songs im Grunde immer und immer wieder hören muss. Kommt meine Beschreibung irgendwie hin?

JW: Ah, das ist großartig. Ich bin froh, dass es in diesem Leben Menschen gibt, die das Gleiche empfinden. Vielen Dank.

“Eine Nebenwirkung von Hingabe ist, dass man Scheuklappen trägt.”
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HP: Okay, aber wie machen Sie das? Passiert das einfach so?

JW: Keine Ahnung, ich habe wirklich keinen Schimmer. Vermutlich fühle ich mich die ganze Zeit einfach so. Mein Ansatz ist es, meine Gefühle und meine Stimmung so perfekt es nur irgend geht in einen Song zu übertragen. Das ist es, was ich immer versuche, zum Kern einer Sache vorzudringen und das dann in Musik zu übersetzen. Der Umstand, dass Sie das spüren und verstehen, das ist einfach … ich fühle mich dadurch weniger allein. Ich meine, keiner von uns ist allein, auch wenn man sich oft so fühlt.

HP: Aber stets zum Kern vordringen zu wollen klingt einigermaßen anstrengend – und dann noch Ihr Arbeitspensum. Müssen Sie sich dazu zwingen?

JW: Nein, ich komponiere nur, wenn ich mich danach fühle. Bislang bin ich damit ganz gut gefahren. Allerdings habe ich mal ausprobiert, mich jeden Tag zu einer festgelegten Zeit hinzusetzen und Songs zu schreiben. Nick Cave arbeitet zum Beispiel so, Ernest Hemingway hat so gearbeitet, aber das war nichts für mich. Also arbeite ich nur, wenn auch etwas da ist, was bearbeitet werden will. Ich denke, dass ich mir damit auch selbst mehr gerecht werde, von der Arbeit abgesehen gibt es ja auch sonst auch noch viel Leben, das gelebt werden will. Leben, von dem sich wiederum die Kunst nährt und das sich nicht in einen Terminplan pressen lässt. Glücklicherweise kann ich mein Leben so leben, wie es mir gefällt, zumindest meistens.

Joan As Police Womans „Damned Devotion“ ist bei PIAS erschienen.

10.04.2018 | Kategorien Interviews, Magazin, Musik | Tags ,