Im Interview:
JOHN GRANT

Er kommt aus Denver, wohnt in Reykjavík und spricht erschütternd akzentfreies Deutsch. Gerade hat der Sänger mit Grey Tickles, Black Pressure ein wunderbares neues Album veröffentlicht. Er ist außerdem einer der größten Fans von Nina Hagen. Also sollte er sie für uns interviewen. Doch dann wurde leider nichts daraus.

FOTOS: Gem Harris

Interview: Zunächst muss ich mich bei Ihnen entschuldigen, dass es mit Nina Hagen nicht geklappt hat. Der Termin stand, aber …

John Grant: Ja, was war denn da los?

INTERVIEW: Ich habe keine Ahnung. Wir hatten die Zusage, danach war Funkstille.

GRANT: Ja, schade. Ich liebe sie heiß und innig und hoffe, dass es irgendwann einmal klappt. Die ersten vier, fünf, sechs Alben sind wirklich ganz groß. Die ersten Platten mit Spliff, also Nina Hagen Band und Unbehagen, und dann Nunsexmunkrock – ich habe noch nie so eine geile Platte gehört. Das ist meine Lieblingsplatte.

INTERVIEW: Wir bleiben jedenfalls dran, und falls wir sie irgendwann am Wickel haben, gehen wir die Geschichte noch mal von vorn an.

GRANT: „Am Wickel haben“, das ist doch schön.

INTERVIEW: Wo stecken Sie gerade?

GRANT: Ich befinde mich daheim im Wohnzimmer und liege auf dem Fußboden.

INTERVIEW: Wo ist dieses Wohnzimmer?

GRANT: In Reykjavík.

INTERVIEW: Ach, ich dachte, Sie wären von dort schon wieder fortgezogen.

GRANT: Nee, nee. Ich bin jetzt schon seit dreieinhalb Jahren in Island und freue mich, zu Hause zu sein, bevor alles wieder losgeht.

INTERVIEW: Sie meinen die Interviews, die Konzerte, das Reisen und so?

GRANT: Genau. Mit allem, was dazugehört.

INTERVIEW: Aber das ist doch bestimmt auch ganz nett? Oder ist das nur anstrengend?

GRANT: Nein, das ist alles gut, aber es ist sehr schwierig für die Beziehung. Ich meine, ich bin dann ja die ganze Zeit weg. Wenn man versucht, eine neue Beziehung aufrechtzuerhalten, macht es das manchmal ein bisschen schwierig. Man ist ja immer auf Achse und erschöpft und am Gehen und Sich-Verabschieden. Aber da ich ja so sprachenbegeistert bin, freue ich mich auch, mal wieder Deutsch zu sprechen und auch ein wenig Russisch und Niederländisch, Dänisch, Norwegisch, Schwedisch, Italienisch und was weiß ich noch alles zu hören.

INTERVIEW: Aber die Sprachen sprechen Sie doch nicht alle, oder?

GRANT: Nee, aber ich höre sie mir gern an. Besonders Niederländisch und Dänisch, das sind so komische und bizarre Sprachen. Die sind auch eine Herausforderung für mich.

INTERVIEW: Ist Isländisch nicht Herausforderung genug?

GRANT: Ja, das ist ein Albtraum. Das ist so wahnsinnig schwer. Im Moment bin ich ein bisschen frustriert. Aber ich bleibe dran. Es macht auch Spaß, die Grammatik, diese … kann man sagen „verwickelte Grammatik“?

INTERVIEW: Ja, das klingt zwar ein wenig verwickelt, aber das kann man sagen.

GRANT: Also zu sehen, wie die Sprache funktioniert, auch die Ähnlichkeiten zwischen Deutsch und Isländisch zu erkennen, von -denen es wirklich viele gibt …

INTERVIEW: Ist das so?

GRANT: Ja, es gibt viele Wörter, die sich ähneln. Wie im Deutschen hat man auch mit den ganzen Kasus zu tun, es gibt Femininum, Maskulinum und Neutrum, alles bewegt sich, es dekliniert sich alles, alles wird gebeugt.

INTERVIEW: Lernen Sie durchs Hören, oder wälzen Sie Bücher und pauken Vokabeln?

GRANT: Letzteres. Aber es ist eine Kombination aus Büchern und Gesprächen. Ich gucke auch Filme, schaue fern, höre Radio. Whatever I can get my hands on – wie würde man das auf Deutsch sagen?

INTERVIEW: Alles, was ich zu fassen bekomme. Oder: Alles, was ich in die Finger kriege.

GRANT: Wenn es Ihnen bequem ist, würde ich übrigens gern zum Du wechseln?

INTERVIEW: Gern.

John Grant: “Ich finde Eulen total interessant und möchte Sachen, die mir gefallen, immer bei mir haben. Das ist so eine Art Sicherheitsmechanismus

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GRANT: Am Isländischen ist vor allem die Aussprache schwierig, ein wenig wie im Französischen. Die Wörter werden nicht ausgesprochen, wie sie geschrieben werden, sondern reduziert, sie gehen ineinander über. Das ist bei allen Sprachen ein wenig so, aber im Franzö-sischen und Isländischen ist es besonders stark. Und wenn die Leute hier schnell reden, wird es wirklich vollkommen unverständlich.

INTERVIEW: Aber du kannst dich doch bestimmt durchschlagen?

GRANT: Ja, schon, aber um es sich zu vergegenwärtigen: Jedes Wort hat 16 verschiedene grammatikalische Endungen, für jedes Adjektiv gibt es sogar 120 Endungen, das ist wirklich der Wahnsinn. Und die Zahlen werden auch gebeugt und sind je nachdem männlich, weiblich oder neutral, alles durcheinander.

INTERVIEW: Wahrscheinlich lässt sich die Sprache auch nur in Island lernen, sonst würde man doch sofort die Flinte ins Korn werfen.

GRANT: Oh, diese Sprüche!

INTERVIEW: Hab ich nur gesagt, um Eindruck zu machen. Was machen eigentlich die Eulen auf dem Cover deines neuen Albums?

GRANT: Das wüsste ich auch gern. Sie scheinen sich zu amüsieren, sind allerdings auch ein bisschen konfus.

INTERVIEW: Sie haben auf jeden Fall sehr leuchtende Augen.

GRANT: Weil sie so verwundert sind. Ich finde Eulen total interessant und hübsch und möchte Sachen, die mir gefallen, immer bei mir haben. Das ist wahrscheinlich so eine Art Sicherheitsmechanismus.

INTERVIEW: Ich mag, wie das Blau des Hemdes und das Grün des Pullunders auf das Blumenmuster der Tapete abgestimmt sind.

GRANT: Ja, da kommt einem das Schwulsein zugute.

INTERVIEW: Der Titel Grey Tickles, Black Pressure setzt sich aus Redewendungen des Isländischen und des Türkischen zusammen.

GRANT: Ja, im Isländischen bezeichnet man die Midlife-Crisis als grey tickles, als graues Kitzeln. Und black pressure ist die direkte Übersetzung der türkischen Bezeichnung für Albtraum. Als ich damals in Deutschland gelebt habe, durfte ich auch ein wenig Türkisch lernen, und zwar in der Gummifabrik, in der ich während des Studiums im Sommer gearbeitet habe. Ja, die Türken haben mir viel beigebracht, die waren sehr nett zu mir, jeden Tag habe ich ein neues Wort gelernt. Ich konnte zum Beispiel sagen: „Ich möchte sofort nach Hause gehen!“ Damals hatte ich natürlich viel Gelegenheit, das zu sagen (lacht).

INTERVIEW: Der Titel wirkt auf den ersten Blick aber nicht besonders lebensbejahend.

GRANT: Aber das finde ich auch okay. Das Negative ist ja nicht immer negativ. Es gehört einfach dazu, also sollte man es thematisieren.

INTERVIEW: Marlene Dietrich sang einmal: „Wenn ich mir was wünschen dürfte / Möchte ich etwas glücklich sein / Denn wenn ich gar zu glücklich wär’ / Hätt’ ich Heimweh nach dem Traurigsein“. Kennst du das?

GRANT: Das ist hübsch. Wie heißt das Lied?

INTERVIEW: Wenn ich mir was wünschen dürfte. Der Text ist von Friedrich Hollaender.

GRANT: Super. Das muss ich mir besorgen, wenn ich im November in Berlin bin. Ich bin immer gern in Berlin. Kann man eigentlich sagen: Ich bin gern in Berlin zugegen?

INTERVIEW: Das zugegen ist überflüssig.

GRANT: Verstehe. Aber kann man sagen: Er ist gestern auf der Party zugegen gewesen?

INTERVIEW: Ja, aber besser wäre: Er war auf der Party zugegen.

GRANT: Präteritum?

INTERVIEW: Genau!

GRANT: Ich habe verstanden.

INTERVIEW: Der Wahnsinn: Interview und kleine Deutschstunde.

GRANT: Was kostet mich das alles?

INTERVIEW: Nach der Pleite mit Nina Hagen ist alles kostenlos.

GRANT: Haha, super!

John Grants „Grey Tickles, Black Pressure“ ist bei PIAS erschienen

VON: HARALD PETERS

26.11.2015 | Kategorien Interviews, Musik | Tags , ,

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