"Ich will auf 10.000 Zigaretten täglich kommen"

Der Mann, der Jack Sparrow, John Dillinger und Edward mit den Scherenhänden war, unterhält sich mit dem wildesten Musiker der Rockgeschichte über seine Lust, Studiobossen Angst zu machen, über Musik und über die Verrücktheiten der Welt und seiner Branche

Foto: Bruce Weber | Styling: Karl Templer

Der eine ist so etwas wie der Beatnik-Troubadour des amerikanischen Kinos, ein Freigeist mit einem Hang zu Radikalverwandlungen für seine Rollen. Der andere ist mit seinen 70 Jahren immer noch ein so heftiger Showman wie in den Zeiten, als er mit den Stooges die Art von Musik erfand, die schließlich den Punk gebar. Johnny Depp und Iggy Pop sind seit vielen Jahren befreundet – obwohl ihre erste Begegnung in den frühen Achtzigern eher unglücklich verlaufen ist.

Iggy Pop: Bei den Vorbereitungen für unser Gespräch bin ich über einen Artikel gestolpert, den du 1999 geschrieben hast und der Kerouac, Ginsberg, die Beatniks und andere Bastards, die mein Leben ruiniert haben hieß. Du erzählst darin von Tagträumen als Teenager, mit dem hübschesten Cheerleader Boone’s Farm (ein eher schlechter Wein, mit dem sich junge Leute gerne abschießen) zu trinken.

Johnny Depp: Boone’s Farm war eine meiner frühen Musen.

Pop: Und auch bei den Stooges ziemlich angesagt. Mittlerweile bist du hoffentlich bei den besseren Bordeaux-Sorten gelandet.

Depp: Ja, ich bin ziemlich weit weg von Boone’s Farm.

Pop: Du erzählst in deinem Artikel, wie Allen Ginsberg mit dir geflirtet hat. Das hat mich eifersüchtig gemacht, weil er es bei mir nie versucht hat. Als er bei mir war, hat er sich bloß in meiner Wohnung umgesehen und gesagt: „Wie viel hat das denn gekostet?“ (lacht)

Depp: Ich habe ihn bei der Vorbereitung für einen Dokumentarfilm kennengelernt, in dem ich Kerouac vorgelesen habe. Eines Abends habe ich ihm angeboten, ihn nach Hause zu fahren, und eine Limousine bestellt, und in den Neunzigern waren das noch Stretchlimos. Er stieg ein und sagte: „Wie viel kostet das pro Stunde?“

Pop: Er war wohl ein wenig besessen von solchen Dingen. Aber ich kann das gut verstehen. Diese Typen waren ja die exemplarischen Hungerkünstler.

Depp: Er ganz sicher. In seiner Wohnung kam man sich vor, als hätte man die Fünfziger betreten.

Pop: Dieser Zen-Nippes …

Depp: Und überall Bücher. Ginsberg war ein gnadenloser Flirter. Jedes Mal, wenn ich ihn traf, wollte er Händchen halten. Ich glaube, er wollte Zuwendung.

Pop: Stimmt es, dass du mal Telefonverkäufer gewesen bist?

Depp: (lacht) Ich habe versucht, Leuten am Telefon Füllfederhalter anzudrehen. Am schrecklichsten waren diese Lockangebote, eine Großvateruhr für eine bestimmte Menge Füller oder die Chance, eine Tahitireise zu gewinnen. Andererseits war das meine allererste Erfahrung mit dem Schauspielen.

Pop: Ich habe das auch mal versucht. Aber nach zwei Tagen ohne jedes Erfolgserlebnis habe ich wieder hingeschmissen.

Depp: Ich habe einen einzigen Deal geschafft. Doch dann wollte der Mann wissen, was jetzt mit der Tahitireise ist, und in meinem schlechten Gewissen habe ich ihm gesagt, dass das alles ein Schwindel ist. Also habe ich ihm die Füller, die ich ihm gerade erst eingeredet hatte, gleich wieder ausgeredet.

 

Foto: Bruce Weber | Styling: Karl Templer

Pop: Wie viel rauchst du eigentlich?

Depp: Ich schätze, 1.000 Zigaretten am Tag. Ich will auf 10.000 täglich kommen.

Pop: Dann sollte ich wohl fragen, wie deine Zukunft aussieht.

Depp: (lacht) Bestenfalls fragwürdig. Du hast dir das abgewöhnt, oder?

Pop: Ich habe Ende des letzten Jahrhunderts aufgehört. Ich musste. Ich bin nach Florida gezogen, obwohl Florida zu Recht einen üblen Ruf hat. Aber wenn man von New York kaputtgemacht worden ist, kann man hier Heilung finden.

Depp: Die Nähe zum Meer und die Luftfeuchtigkeit sind sicher gut. Du wirst dich sicher nicht mehr daran erinnern können, aber ich hatte mal zwei Konzerte mit dir in Gainesville, in den frühen Achtzigern. Meine Band, die Kids, waren deine Vorgruppe. Nach dem Gig bist du durch den Club gegangen. Ich stand mit meinen 17 an der Bar und trank mir so lange Mut an, bis ich dich anquatschte. Und weißt du, was ich gesagt habe? Ich sagte: „I-I-I-ggy Pop, Piggy Slop.“ Daraufhin ist dein Gesicht meinem sehr nahe gekommen, bis auf ungefähr einen halben Zentimeter Abstand, und du sagtest: „Du kleiner Scheißhaufen.“ (lacht) Das war nicht nur die Reaktion, die ich verdient hatte, sondern es war auch genau die Reaktion, nach der ich mich gesehnt hatte. Weil sie mir einen speziellen Augenblick mit dir schenkte. Diese drei Wörter haben mich glücklich gemacht. Ich hatte eine Erfahrung mit dir.

Pop: Dann bin ich ja froh, dass ich diesen magischen Moment nicht durch Nettigkeiten ruiniert habe (lacht). Ich habe mir den Trailer für deinen neuen Film Transcendence angesehen. Du bist darin ein Wissenschaftler, der seine Erfindung bei einem Auftritt marktschreierisch präsentiert, in dieser Art, wie Steve Jobs das gemacht hat. Was hat dich an der Rolle interessiert?

Depp: Mehr als alles andere hat mich die Beziehung zwischen Technologie und Macht fasziniert, diese Idee, dass ein Typ, der es schafft, seine Empfindungen in eine Maschine zu laden, Gott oder so etwas Ähnliches werden kann. Religion ist für mich ein faszinierendes schwarzes Loch.

Pop: Beim Superbowl lief auch ein Werbespot der Scientologen, in dem die Frage gestellt wurde: „Was, wenn man Technologie und Religion verbinden könnte?“ Die Optik dieses Werbespots hat der des Transcendence-Trailers frappierend geähnelt. Mir ist gleich wieder ein Film namens Donovan’s Brain eingefallen, so ein billiger Science- Fiction-Streifen von 1953, den ich als junger Mann ein paar Mal gesehen habe. Darin stirbt ein Wissenschaftler, ehe er mit seiner Forschung zum Ende kommt, und deswegen kommen seine Mitarbeiter auf die Idee, sein Gehirn in ein Aquarium zu verpflanzen. In diesem Aquarium wird der Wissenschaftler brillanter als je zuvor, aber auch sehr, sehr böse. Ich glaube, die Idee dahinter ist, dass Menschen ohne den besänftigenden Einfluss auf ihre animalische Natur sehr gefährlicher Dinge fähig sind.

Depp: Ja, das ist alles so beängstigend. Wenn man Werbespots sieht, bekommt man nur noch Angst. Ständig wird man angebrüllt: „Kauf das, tu das, das wird dich retten …“

Pop: Hohe aggressive Stimmen. Anders scheint man in der Konkurrenz gar nicht mehr gehört zu werden …

Depp: Und wirklich alles kann zu so einer blöden Realityshow werden. Stell dir vor, wie es in 20 Jahren sein wird, wenn das so weitergeht. Irgendwann wird man seinem Nachbarn dabei zusehen können, wie er auf’s Klo geht. Es ist wie bei einem Verkehrsunfall. Man kann nicht nicht hinstarren.

Foto: Bruce Weber | Styling: Karl Templer

Pop: Ich weiß. Wie ist eigentlich Buster Keaton Schauspieler geworden? Du hast den doch gespielt, du musst das wissen. Er war davor im Varieté, oder? Würde jemand wie er heute noch einen Job bekommen?

Depp: Seine Mama und sein Papa waren im Varieté. Ich glaube, sie haben ihn auf die Bühne gestellt, sobald er zwei oder drei war. Weil er so toll fallen konnte. Ich schätze, Buster würde einen Blick auf die Branche werfen, und dann würde er sich umdrehen und gehen. Er war ein smarter Bursche, weißt du (lacht).

Pop: Mich erinnert sein Gesicht an den Blick, den man manchmal bei Obdachlosen sieht.

Depp: Stimmt. Dieser verstörte „Ich-kann-nicht-glauben-dass- das-alles-passiert-Blick“. Busters Gesicht ist sehr existenziell.

Pop: Macht es dir eigentlich Spaß, dich zu verkleiden und einen Haufen Schminke ins Gesicht geklatscht zu bekommen?

Depp: Ich mag es, mein Aussehen zu verändern. Und ich bilde mir auch ein, dass man es seinem Publikum schuldig ist, ihm jedes Mal etwas Neues zu geben, damit es sich nicht zu Tode langweilt. Natürlich hat man irgendwann so viel Erfahrung, dass man weiß, wie man auf der sicheren Seite ist. Aber ich will diese Sicherheit nicht. Ich mag es, dass jedes Mal, wenn ich vor eine Kamera trete, die Typen im Studio Angst haben.

Pop: Davor, dass du ihr Geld verbrennst (lacht)?

Depp: Richtig. Diese kleinen Stiche von Angst, die sie sich nicht anmerken lassen wollen. Ich kann ihnen das gar nicht übel nehmen, weil sie recht haben könnten, aber ich weiß eben auch, was für die Rolle richtig ist. Außerdem habe ich es immer genossen, mich hinter diesen Rollen verstecken zu können. Es ist seltsam, wenn man sich in einer Rolle sicherer fühlt als in seinem eigenen Leben, aber so ist es bei mir. Als Filmfigur habe ich keine Probleme, vor weiß Gott wie vielen Leuten loszulegen. Doch wenn ich als ich selbst eine Rede halten soll, gehe ich vor Angst ein.

 

Foto: Bruce Weber | Styling: Karl Templer

Pop: Hängst du immer noch mit Nick Tosches (ein mit Depp befreundeter Autor) ab?

Depp: Oh ja. Er ist fantastisch. Ich fühle mich immer toll, wenn ich eines seiner Bücher gelesen habe. Das Lustige ist: Wenn man mit ihm Zeit verbringt, ist es, als wäre man in einem seiner Bücher gelandet. Mit Hunter S. Thompson war es auch so. Ich habe das Glück, nie von einem meiner Helden enttäuscht worden zu sein. Das hat mir sehr geholfen. Bei meinen wichtigen Entscheidungen habe ich mich immer gefragt, was die Menschen sagen würden, die ich bewundere.

Pop: Nach dem Motto „Was würde Marlon Brando tun?“.

Depp: Richtig.

Pop: Vielleicht liegt es auch daran, dass du Gitarre spielen kannst. Man sieht dabei manchmal die Wahrheit, glaube ich. Depp: Ich gehe Szenen immer noch an, als würde ich gleich ein Solo spielen müssen. Keine Regeln, man weiß nicht, was in den nächsten Sekunden passieren wird, ob man dieses oder jenes phrasiert. Das ist toll. Was machst du eigentlich gerade? Pop: Ich mache das ganze Jahr lang eine Radiosendung für BBC 6.

Depp: Toll, es freut mich, dass du ein bisschen Pause vom ewigen Touren bekommst. Ich habe in letzter Zeit wieder viel Musik gemacht. Sie ist ein Lebensretter. Musik ist Freiheit.

Pop: Stimmt. Es gibt nicht so viele Leute, die sich einmischen. Mit wem spielst du?

Depp: In letzter Zeit ziemlich viel mit Ryan Adams. Er ist unglaublich produktiv und eine reine Seele.

Pop: Ich kenne seine Sachen. Er ist verdammt talentiert, ein Supermusiker und ein ziemlich rastloser Typ.

Depp: Ja, da brennt ständig ein Feuer in ihm.

Pop: Sehr gefährlich. Ich war auch mal so. Er hat diesen gefährdeten Blick. Oh Mann, Ryan, pass bloß auf.

Depp: Ich glaube, er schafft das schon, er gibt gut auf sich acht. Aber was für ein Talent, Mann. Hin und wieder mache ich auch was mit Alice Cooper, sehr lustig. Und mit Marcus Mumford. Darf ich dich etwas fragen, Iggy?

Pop: Nur zu.

Depp: Hast du dich je mit David Bowie darüber unterhalten, wieder zusammen etwas zu machen? Mich interessiert das brennend, als Fan.

Pop: Das war eine tolle Zeit mit ihm. Vor allem bei unserer ersten Platte, The Idiot von 1977. Damals hat Bowie einfach alles probiert, und ich gerade mal die Hälfte von allem. Eines
Nachts bin ich raus und habe mich betrunken, während er sich zu Hause langweilte, und dann guckte er unter meiner Matratze nach, weil ich die zornigen Gedichte, die ich damals geschrieben habe, immer unter meiner Matratze versteckt habe. Jedenfalls hat er dieses Gedicht gefunden, in dem es hieß: „I’m on the edge / I feel like I’m about to break / Everything’s too straight
and I want a weird sin / I want some weird sin.“ Und daraus hat er ein Lied gemacht (Some Weird Sin auf Lust For Life von 1977). Von ihm kommt auch der Titel Lust For Life. Natürlich habe ich damals nicht gewusst, dass es einen Film gab, der so hieß und in dem Kirk Douglas Vincent van Gogh spielt.

Depp: Ich hab immer noch ein paar von deinen Versen im Kopf. Ich glaube, du hast eine der größten Zeilen aller Zeiten geschrieben: „ at’s like hypnotizing chickens.“

Pop: Das ist von Burroughs. „What is this love anyway? / Well, it’s just the same as hypnotizing chickens / You just rub their belly or rub their head, and they go into a trance / at’s love.“ (lacht)

Depp: Ich höre mir alle zwei Monate an, wie Burroughs A Thanksgiving Prayer liest. Das ist meine Religion. Oh Mann, es tut so verdammt gut, mit dir zu reden. Wir sollten öfter mal
was unternehmen.

Pop: Unbedingt.

Depp: Komm doch mal mit deinem Mädchen in mein kleines Häuschen auf den Bahamas. Eine Viertelstunde nach der Ankunft ist dein Herz auf 20 Schläge pro Minute runter. Wir
sollten da unbedingt hin.

Foto: Bruce Weber | Styling: Karl Templer

Credits:

PHOTOGRAPHY Bruce Weber / Trunk Archive HAIR Gloria Casny / Leslie Alyson Inc. using Kérastase GROOMING Joel Harlow / The Milton Agency SET DESIGN AND PROP STYLING Dimitri Levas PRODUCTION Gwen Walberg / Little Bear Inc. PHOTOGRAPHY ASSISTANTS Joe DiGiovanna, Chris Domurat, Jeff Tautrim, Jonnie Chambers, Sean Jackson, Ryan Brinkmann STYLING ASSISTANTS Aleksandra Koj, Andréa Morrisette, Samantha McMillen, Molly Fishkin PRODUCTION ASSISTANTS Will Adler, Christian Copennick, Aaron Zumbar SPECIAL THANKS Heirloom L.A.,The Paramour

30.12.2016 | Kategorien Film, Interviews, Magazin | Tags , ,

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