JONAS MEKAS

Der „Godfather“ des Avantgarde-Kinos nahm in den 1950er und 60er Jahren an so ziemlich allem Teil, was die New Yorker Underground-Szene auszeichnete. Anlässlich der 80. Ausgabe seines einflussreichen „Film Culture Magazine“ widmet sich eine Ausstellung im Berlin nun der Kinozeitschrift. Wir sprachen mit ihm über seine Beziehung zu Andy Warhol, Barbara Rubin und Musik.

Jonas Mekas in New York

von: Cara Lerchl

CL: Sie haben Andy Warhol zum Filmemachen gebracht. Können Sie uns die Geschichte dahinter erläutern?

JM: 1962 gründeten ich und andere gleichgesinnte, unabhängige Filmemacher die Filmmakers Cooperative in New York. Zu jener Zeit, trotz der geschäftigen New Yorker Underground-Szene, haben die kommerziellen Filmvertriebe unsere Arbeit nicht geschätzt, weshalb wir uns entschlossen haben, ein eigenes Filmvertriebszentrum zu schaffen. Jeden Abend kamen Filmemacher, Fotografen, Schriftsteller und Poeten zu meinem Loft, es wurde schnell zum lebendigen Ort des kreativen Austauschs für Ideen und Filme. Natürlich war Andy Warhol auch da. Seit Monaten saß er auf dem Boden und beobachtete die Vorführungen, aber ich wusste nicht einmal wer er war. Andy war sehr inspiriert von dem, was im Loft passierte und traf dort all seine persönlichen „Superstars“, wie Ron Rice, Jack Smith und Taylor Mead. In diesem Sinne wurde mein Loft seine Filmschule.

CL: Und Ihre Beziehung zu Andy Warhol?

JM: Ich hatte nicht viel mit ihm zu tun, bis er beschloss, selbst Filme zu machen. Unsere Zusammenarbeit begann, als ich ihm half, seine Filme der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wie beispielsweise seinen ersten großen Film „Sleep“ (1963). Er hatte die Filme, ich hatte den Ort, sie zu zeigen. Schließlich wurde unsere Beziehung sehr eng und wurde, wie viele meiner Arbeitsbeziehungen, zu einer Freundschaft.

Andy Warhol

CL: Was hielten Sie von seinen ersten Filmaufnahmen?

JM: Ich war von Anfang an ein großer Fan von Andy Warhol’s Kino. Sein Zugang war frisch und anders. Während die Hollywood-Produktionen sehr kommerziell waren, ging er an die Anfänge des Kinos zurück, denn er wusste noch nicht einmal, was Kino wirklich war. Er begann damit, einfach eine Kamera aufzustellen und zu filmen, was vor seinen Augen geschah. Es war revolutionär. Leider wurde er dafür stark kritisiert. Die Leute fanden lächerlich, was er machte. Von dem Augenblick an, als ich seine Aufnahmen sah, begann ich, meine Begeisterung für seine Arbeit zu erklären und auszudrücken.

CL: Wie haben Sie die New Yorker Underground-Szene erlebt, als Sie jung waren?

JM: Als ich 1949 in New York ankam, sprang ich blindlings in die Untergrund-Szene, ich saugte alles auf, was sie zu bieten hatte. Nach einem Jahrzehnt der Zerstörung von Zivilisation, dem Nachkriegseuropa, war es für mich sehr aufregend zu sehen, dass die Kunstszene dort so lebendig war.

CL: Es gab noch viel kreative Freiheit.

JM: Bis etwa 1955 fühlten sich alle Kunstformen wie eine Sackgasse an. Es gab zu viel Wiederholung und die Kinogenres waren erschöpft. Bis plötzlich neue, unkontrollierte Ideen in der Gesellschaft, und vor allem der Untergrundszene, sprießten. Es war eine sehr fruchtbare Zeit, die bis etwa 1970 andauerte.

Es gibt eine kleine Novelle namens „The Shadow Line“ von Joseph Conrad, die besagt: „Wenn du jung bist, kümmert dich die Dinge nicht, du tust einfach, was du fühlst.“ Solche Momente gibt es manchmal in der Kunst. Erst später begreift man den Umfang davon. Später fängt man an, auf das, was man getan hat, zurückzublicken und fängt an, sich zu wiederholen. Malewitsch hat vor etwa 100 Jahren sein schwarzes Quadrat gemacht, und wir wiederholen immer noch verschiedene Variationen davon. Da stehen wir heute mit der modernen Kunst.

Film Culture Magazine, Andy Warhol

CL: Später, im Jahr 1954, haben Sie das Film Culture Magazine ins Leben gerufen und damit das avantgardistische Kino erkundet. Welche Rolle spielte das Magazin für die Film- und Kunstszene in New York?

JM: Viele von uns Künstlern sprachen zu dieser Zeit über Kino, aber in New York gab es immer noch keine Plattform, um diese Ideen auszutauschen. Um Film, Musik, Literatur und Kunst zusammenzubringen, hatten wir die Idee, das Film Culture Magazine zu gründen. Letztendlich hat es uns geholfen, uns wie eine Familie zu fühlen, etwas Neues zu tun und sich vom konservativen Kino abzuheben.

 

Ausgaben des Film Culture Magazins

CL: Die aktuelle Ausstellung „United Screens“ feiert derzeit die 80. Ausgabe des Magazins Film Culture bei Savvy Contemporary in Berlin. Warum haben Sie diese letzte Ausgabe Barbara Rubin gewidmet?

JM: Ich lernte Barbara Rubin in den 1960-er Jahren kennen, als sie erst 18 Jahre alt war. Sie hatte eine sehr intensive Persönlichkeit, die erotische Thematiken nicht scheute. Nachdem sie mich unterstützt hatte, fing sie an, ihren eigenen Film zu machen (Christmas on Earth, 1964) ihre Arbeit wurde als eines der ersten Dokumente für die Emanzipation der Frauen und Homosexuellen ein wichtiger Beitrag zum Kino. Plötzlich gab es diesen sehr provokativen Film aus der Sicht einer jungen Frau, der natürlich von Freunden bemerkt wurde, aber nicht so sehr von anderen akzeptiert wurde. Ich brauchte fast 30 Jahre, um zu verstehen, wie revolutionär ihr Denken damals war. Als ich beschloss, das Film Culture Magazine 1995 einzustellen, plante ich eine letzte Ausgabe, in der Barbara Rubin gefeiert werden sollte. Ich betrachtete sie nicht nur als eine sehr gute Freundin, sondern auch als die am meisten reflektierte Filmemacherin des Augenblicks. Ich sammelte viel Material, schaffte es aber nie, diese letzte Ausgabe herauszubringen. 20 Jahre später wird es diesen September endlich veröffentlicht. Es wird Interviews mit Leuten beinhalten, die ihr nahe standen und eng mit ihr zusammen gearbeitet haben, sowie einige ihrer leidenschaftlichen Briefe an mich.

Barbara Rubin

CL: Neben Kino ist Ihre zweite Leidenschaft die Musik. Machen Sie heute noch Musik?

JM: Seit meiner Kindheit ist Musik ein großer Teil meines Lebens. Ich bin in meinem kleinen Dorf in Litauen aufgewachsen, wo meine Familie und ich immer gesungen haben. Einer meiner Brüder spielte Violine, der andere Akkordeon, also experimentierte ich früh mit Instrumenten herum. Später haben Freunde von mir eine Musikgruppe gegründet, ich wurde einer der Sänger. Nichts davon war ernst, bis heute machen wir Musik zum Vergnügen. Es ist aufregend, dass wir all diese Leute für die Veranstaltung in Berlin zusammentrommeln konnten, leider konnte ich aus gesundheitlichen Gründen nicht erscheinen.

CL: Wenn Sie eine Sache wählen müssten, die ihr Leben „lebenswert“ macht, welche wäre es?

JM: Nein – ich könnte nie nur eine Sache wählen. Ich mag viele Dinge im Leben, ich habe keinen Lieblingsmusiker, Poeten oder Künstler. Es macht das Leben so viel reicher, sich durch verschiedene Dinge zu bereichern.

Gruppenfoto im April 1968 in New York, u.a. mit Andy Warhol, Barbara Rubin, Ken Jacobs, Jonas Mekas, Nico, Paul Morrissey, Jack Smith, Stan Van Der Beek

Die Ausstellung „United Screens“ ist im Rahmen des Edit Film Culture Festivals vom 6. bis einschließlich 22. Juli 2018 in der Savvy Contemporary Galerie zu besuchen.

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