Julian Charrière
im Interview

Parasol unit foundation for contemporary art präsentiert die Ausstellung Julian Charrière: For They That Sow the Wind in London. Der Schweizer im Interview.

Von
Eva Kaczor
Porträt
Shirin Ourmutchi

Es sieht nicht immer danach aus, aber was der Schweizer Julian Charrière macht, ist ganz traditionelle Kunst. Er macht die der Welt innewohnende Schönheit sichtbar – indem er in Venedig graue Tauben bemalt. Er studiert die Vergänglichkeit der Zeit – indem er in Galerien Schimmel ausstellt. Er legt den utopischen Gehalt der Gegenwart frei – indem er die Rohstoffe der Zukunft zu seinem Material macht. Und er sucht immer wieder das Erhabene – auf Eisbergen oder im Regenwald. Ein Gespräch mit einem, für den die Kunst ein großes Abenteuer ist.

INTERVIEW: Julian, wie fühlt sich Ihr Leben gerade an?
JULIAN CHARRIÈRE: Kompliziert. Vor zwei Wochen wäre meine Antwort gewesen: Ich drehe durch, ich kann nicht mehr. Ich habe drei Monate lang durchgearbeitet, zwei Bücher herausgebracht, zwei Einzelausstellungen aufgebaut und nebenher acht andere Projekte durchgezogen. Wenn ich morgen früh für einen Monat nach Indien fliege, bin ich erst einmal froh, aus Berlin weg zu sein. Die nächsten drei Wochen werden sehr ungewöhnlich für mich: Ich werde ohne Ziel reisen, nur zur Inspiration, ohne neue Arbeiten zu produzieren. Erst in der letzten Woche mache ich dann ein bisschen Vorbereitung für die Kochi-Muziris Biennale in Kerala, bei der ich meine Globen (We Are All Astronauts) zeigen werde.
INTERVIEW: Gestern waren Sie noch in Lausanne und damit beschäftigt, für Ihre Einzelausstellung Future Fossil Spaces 15 Tonnen Salz und Lithium ins Musée cantonal des Beaux-Arts zu verfrachten.
CHARRIÈRE: Das Salz war vom Hamburger Zoll festgehalten worden. Deswegen hatten wir nur zwei Tage und Nächte Zeit, um alles aufzubauen, mit drei Stunden Schlaf im Museum zwischendurch. Mein Kopf ist seltsamerweise immer noch klar, aber meine körperliche Grenze ist erreicht.
INTERVIEW: Sie könnten ja auch mal Nein zu einer Anfrage sagen …
CHARRIÈRE: Das schaffe ich meistens nicht. Typischerweise läuft es bei mir so, dass ich schon Projekt und Deadline zugesagt habe, ehe ich überhaupt weiß, ob es realisierbar ist. Ich habe eine Idee, aber keine Ahnung, ob sie auch umgesetzt werden kann. Zum Beispiel habe ich bei meiner Arbeit für Somewhere in Kasachstan nicht gewusst, ob ich überhaupt in das militärische Nuklearsperrgebiet gelassen werde, hatte aber schon alles mit der Kuratorin der Biennale Moskau besprochen. Alle fanden es toll, und ich dachte: „Mist, jetzt muss ich das irgendwie schaffen.“

INTERVIEW: Haben Sie nie Angst zu versagen?
CHARRIÈRE: Doch, aber ich bin ein bisschen süchtig nach der Unvorhersehbarkeit in meiner Kunst geworden. Immer wenn mir ein Projekt völlig unmöglich erscheint, will ich es unbedingt durchziehen.
INTERVIEW: Gibt es denn für Sie einen Unterschied zwischen Kunst und Privatleben?
CHARRIÈRE: Nein, ich verbringe 150 Prozent meiner Zeit mit meiner Arbeit. Mein Sozialleben leidet etwas darunter, aber ich habe das große Glück, oft mit meinen besten Freunden zusammenzuarbeiten.
INTERVIEW: Mit Julius von Bismarck zum Beispiel, mit dem Sie in Venedig für Some Pigeons Are More Equal than Others Tauben bunt gefärbt haben. Was planen Sie beide als Nächstes?
CHARRIÈRE: Wir reisen im Januar zusammen durch Mexiko und entwickeln neue Arbeiten für die Zona Maco, die größte zeitgenössische Kunstmesse in Mexiko-Stadt.
INTERVIEW: Wird das wieder im Harakiri-Spontanstil ablaufen? Erst mal losreisen und dann -gucken, welche Kunst sich ergibt?
CHARRIÈRE: So ungefähr. Ich habe ein paar Ideen, und dann kommen vor Ort einfach neue Projekte dazu, weil ich einen neuen Bezug zur Realität des Ortes entwickle. Von Google Earth aus gesehen ist das doch limitiert. Wir werden in Mexiko-Stadt einen Jeep mieten und dann durch das Land fahren. Wir wissen schon, dass wir mit Kakteen, Pyramiden und dem Regenwald arbeiten werden, und fahren einfach dorthin, wo diese Sachen zu finden sind … Ich kenne bis jetzt ja noch nichts in Mexiko.

Julian Charrière: “Wir leben in einem Zeitalter, in dem der Mensch die größte Erosionskraft in der Natur ist ”
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INTERVIEW: Was war Ihr verrücktestes Reiseabenteuer?
CHARRIÈRE: In Costa Rica sollte ich dabei helfen, bei der Kokosinsel einen Schatz zu verstecken, und musste dafür tauchen lernen. Also habe ich innerhalb von drei Tagen in der Spree den Tauchschein gemacht, und dann bin ich aus einem winzigen Propellerflugzeug über dem Dschungel abgesprungen, um kurze Zeit später mit über vier Meter langen Haien auf der Suche nach dem richtigen Versteck zu schwimmen.
INTERVIEW: Haben Sie schon als Kind so viel experimentiert?
CHARRIÈRE: Ja! Ich war Angler und Forscher, ich habe alle möglichen Pflanzen und Tiere gesammelt. Unser Keller war voll mit Aquarien und allen Froscharten, die man in der Schweiz finden konnte. Mit sechs Jahren habe ich versucht, eine Eidechse in einen Salamander zu verwandeln, indem ich jeden Tag Wasser in ihr Terrarium gekippt habe. Mein Ziel war es, Schwimmhäute an ihren Füßen wachsen zu lassen. Es hat nicht geklappt, das arme Tier ist nach zwei Monaten gestorben. Ich möchte das irgendwann als Kunstprojekt wiederholen. Bloß nicht bis zum Tod!
INTERVIEW: Eine lebendige Installation?
CHARRIÈRE: Ja, ein utopischer Versuch.
INTERVIEW: Es geht Ihnen nicht unbedingt darum, ein perfektes Ergebnis abzuliefern. Sie zeigen auch gern das Scheitern, das Unperfekte.
CHARRIÈRE: Stimmt, ich zeige leider auch Projekte, die unfertig sind …

INTERVIEW: Wieso „leider“?
CHARRIÈRE: Oft zeige ich den ersten Versuch meiner Experimente, aber eigentlich wird es erst nach dem dritten richtig gut. Zum Beispiel war meine Schimmelarbeit anfangs fast gefährlich, weil ich die Technik noch nicht wirklich beherrscht habe, mit der man Schimmel in einem Aquarium halten kann.
INTERVIEW: Sie meinen And Some Other Obscure Traces of?
CHARRIÈRE: Ja, genau. Meine Galerie hatte Probleme mit ihrer Tür, und die eintretende Wärme hat die Dichtung des Glaskastens mit der Schimmellandschaft durchlässig gemacht. Die gesamte Galerie hat fürchterlich gestunken. Das kommt davon, wenn man die ganze Zeit Sachen macht, die man nicht kennt und mit denen sich niemand auskennt. Schimmel zerstört ein Aquarium … Das konnten weder der Biologe noch der Mikrobiologe, mit denen ich mich vorher unterhalten hatte, voraussagen.
INTERVIEW: Radioaktive Strahlung, hautverätzendes Lithium, lungenverklebende Schimmelpilze – Sie arbeiten gern mit gefähr-lichen Materialien?
CHARRIÈRE: Ich mag Materialien, die ein bisschen bedrohlich sind, weil sie in sich schon eine Spannung tragen. Das verbreitet sich auch in der Arbeit selbst. Schimmel ist bedrohlich, eklig, gleichzeitig faszinierend und sehr ästhetisch. Man weiß nicht, wie man ihn einordnen soll. Meine Arbeiten sind schön, aber sie enthalten auch aggressive Momente. Zum Beispiel war es ein unglaublich aggressiver Akt, als ich die Landkarten auf den Weltkugeln für We Are All Astronauts abgeschliffen habe. Doch am Ende war das Objekt weich und schön, es hat eine innere Ruhe. Destruktion kommt nicht allein, da ist auch immer die Ruhe vor und nach dem Sturm. Auch die hochverseuchte Landschaft im Atomwaffentestgebiet in Kasachstan hat eine unglaubliche Schönheit. Die riesigen Betonstrukturen, die für die nuklearen Tests gegossen wurden, wirken so archaisch wie Monolithen und Pyramiden. Es ist der schrecklichste Ort des Kalten Kriegs – das Haus des Teufels. Und gleichzeitig gibt es diese ästhetische Komponente: das Schrecklich-Schöne, das neugierig macht. Postmenschlich ist nicht unbedingt negativ.

Julian Charrière: “Ich mag Materialien, die bedrohlich sind, weil sie in sich schon eine gewisse Spannung tragen. Schimmel ist eklig und ästhetisch zugleich”
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INTERVIEW: Ihre Arbeiten gehen durchaus kritisch darauf ein, wie wir mit der Erde umgehen. Aber Sie schaffen das ohne „Ihr macht das falsch, hört sofort auf damit!“-Ermahnungen.
CHARRIÈRE: Ich bin kein Aktivist. Ich kann selbst nicht zeigen, wie es sein soll, weil ich nicht das Wissen habe, um so komplexe Themen zu verstehen. Aber als Künstler spüre ich, wo Spannungen sind. Was die Menschen damit machen, ist ihre Entscheidung. Manche fanden es absurd, als ich für The Blue Fossil Entropic Stories I auf einen isländischen Eisberg kletterte, um ihn abzuschmelzen. Manche sahen darin das Absolute, manche die Klimakatastrophe, andere etwas völlig anderes. Ich sehe alle Perspektiven und versuche etwas zu schaffen, womit sich mehrere Gruppen identifizieren können, um ihnen eine Erweiterung ihrer eigenen Realität anzubieten.
INTERVIEW: Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie mit Ihrem Bunsenbrenner acht Stunden auf dem Eisberg ausharren mussten, damit am Ende vier Fotos entstehen können?
CHARRIÈRE: Als ich ankam, haben meine Mutter und meine Freunde gesagt: „Mach das auf keinen Fall, das ist viel zu gefährlich.“ Aber ich wusste, dass ich das unbedingt machen muss. Als ich den Eisberg dann sah, hatte ich richtig Schiss. Eisberge können sich nämlich drehen und umkippen. Aber ehrlich gesagt habe ich gar nicht so viel gedacht. Es hatte minus 15 Grad, und ich musste mich konzen-trieren, weil Eisberge sehr glitschig sind, da war kein Platz zum Denken. Der Fotograf musste noch mehr leiden als ich. Er hat seine Aufnahmen von einem Boot aus gemacht und konnte irgendwann seine Hände nicht mehr bewegen.

INTERVIEW: Für Ihre Installation in Lausanne haben Sie ganze Tanks von Lithiumsole aus Argentinien eingeflogen, in der Pariser Ausstellung werden Sie Fotografien der nu-klear verseuchten Erde aus dem Atomwaffen-Testgebiet in Kasachstan zeigen, und in Ihrer Wiener Ausstellung werden Sie sich mit Seltenen Erden beschäftigen.
CHARRIÈRE: Ich besuche als eine Art Zukunftsarchäologe Orte, an denen die Rohstoffe der Zukunft und damit Veränderungen produziert werden. Wie zum Beispiel in Bolivien, wo es eines der größten Lithiumvorkommen der Erde gibt. Die Produktion ist noch nicht richtig gestartet, aber in zwanzig Jahren wird das einer der wichtigsten Orte dafür sein, wichtiger als Saudi-Arabien. Alle Computer, alle erneuerbaren Energien brauchen Lithium und Seltene Erden. Die gibt es in in der Mongolei, ich werde im Sommer dorthinreisen.
INTERVIEW: Was sind denn Seltene Erden?
CHARRIÈRE: Mineralien, die man in jedem iPhone, in optischen Fasern oder Windmühlen findet. Lithium ermöglicht die Mobilität. Beide kommen in derselben Technologie vor, werden aber geografisch weit entfernt voneinander abgebaut. Lithium kommt aus dem Dreieck Argentinien, Bolivien und Chile. Seltene Erden dagegen werden in China oder Afrika gewonnen, man muss richtig viel Material aus der Erde holen, um ein geringes Maß von diesem Zeug zu extrahieren. Schon jetzt gibt es nicht genug Seltene Erden, um den Bedarf zu decken.
INTERVIEW: Wo stehen wir gerade als Menschheit? Im digitalen Zeitalter?
CHARRIÈRE: Das digitale Zeitalter ist eigentlich etwas Ätherisches, man kann es nicht fassen. Es ist unglaublich, wie viele Dinge um uns herum gerade passieren, die unsere Wahrnehmung über die Erde hinaus erweitern. Die Darstellung der Erde als Kugel ist gar nicht mehr zutreffend. Wir sind viel mehr als nur Kugel. Geochronologisch befinden wir uns allerdings im Anthropozän-Zeitalter, einer völlig neuen Ära, in der wir selbst zur größten Veränderungskraft für die Erdoberfläche geworden sind. Heute ist der Mensch die größte Erosionskraft in der Natur. Auf der gesellschaftlichen Ebene versuchen wir gerade, das nukleare Zeitalter abzuschließen. Ich kümmere mich um das, was danach kommt.

Julian Charrière: For They That Sow The Wind
Parasol Unit, London, 15.01. – 23.03. 2016
http://parasol-unit.org/

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