KARA MARNI

Ein halbes Jahr nach ihrem R&B-Hit Golden präsentiert die britische Newcomerin Kara Marni nun ihre Debüt-EP. Ihre Musik klingt wie eine Fusion zwischen dem Sound der 70er und zeitgenössischer Elektro-Produktionen des Soul und Pop. Derzeit befindet sie sich mit Rita Ora auf der Girls-Europa-Tour. Wir treffen sie in Hamburg, bei einer Tasse heißer Zitrone kurz vor dem nächsten Soundcheck für ihren Auftritt.

Foto: Iakovos Kalaitzakis

TAHIR CHAUDHRY: Wie lange hältst du dich hier auf?

KARA MARNI: In Hamburg? Nur über Nacht. Morgen früh geht es nach Dänemark, weil wir ja derzeit auf der Rita Ora Tour sind. Da geht alles sehr schnell.

TC: Also keine Zeit, Hamburg zu genießen?

KM: Nein, aber ich wünschte, es gebe Zeit, die Stadt zu erkunden. Woher kommst du?

TC: Aus Berlin.

KM: Ich war vor ein paar Monaten in Berlin. Das war anlässlich einer anderen Tour. Ich liebe Berlin!

TC: Du hast eine lange Fahrt hinter dir. Du bist heute mit dem Zug aus München angereist.

KM: Meine Güte! Ungelogen, es hat fünfeinhalb Stunden gedauert. Ich hätte heulen können. Mein ganzer Körper war einfach… „Wann kommen wir endlich an?“. Mir war nicht bewusst, dass Deutschland so groß ist.

TC: Womit schlägst du auf langen Reisen die Zeit tot?

KM: Ich höre viel Musik. Dann versuche ich einzuschlafen, scheitere dabei und versuche es wieder, aber scheitere abermals. Und ich esse. Doch hauptsächlich höre ich Musik.

TC: Was hörst du derzeit?

KM: Daniel Ceasar, und sein Album “Freudian”. Es gibt so viele tolle neue Künstler: Khalid, RAY BLK, Kehlani und SZA.

TC: Du bist gerademal 20 Jahre alt, richtig?

KM: Nein, ich hatte Geburtstag. Ich bin 21 (haha).

TC: Ich bin 28. Als ich ungefähr in deinem Alter war, war ich ein orientierungsloser und unsicherer Typ in der Schule. Wie kommt es, dass du so früh weißt, was du mit deinem Leben anstellen willst?

KM: Es war immer ein Teil von mir. Etwas in mir hat gesagt: Du bist eine Künstlerin, eine Sängerin, eine Songwriterin, eine Entertainern. Ich bin nicht eine von den Künstlern, die erst spät zu ihrer Kunst gefunden haben. In unserem Haus lief immer Musik – ein sehr musikalischer Haushalt. Im Auto auf dem Weg zur Schule lief auch Musik. Ich habe schon immer gesungen. Ich kenne zwar nicht den konkreten Moment, aber auf dem Weg zur Schule hat mir einmal meine Mutter das Album „Perfect Angel“ von Minnie Riperton vorgespielt. Als ich ihre Stimme hörte, wusste ich einfach, dass ich das eines Tages auch machen möchte. Ich wollte auch andere Mädchen inspirieren, so wie ich inspiriert wurde, als ich ihre Musik hörte.

TC: Hat deine Mutter deine Gesangsstimme entdeckt?

KM: Meine Großmutter, als ich noch sehr jung war. Ich habe zwei Geschwister. Immer wenn wir geweint haben, war ich diejenige, die am längsten weinte. Als meine Mutter fragte: „Warum hört sie nicht auf zu weinen?“, hat meine Großmutter gesagt: „Sie weint nicht, sie singt“. Sie hat mir kürzlich auch erzählt, wie genau ich „weinte“. Ich soll beim Weinen sogar eine Tonhöhe gehalten, plötzlich gestoppt und mich dann in einer anderen Tonlage probiert haben.

TC: Du hast eine erfolgversprechenden Karriere vor dir. Jung und weiblich zu sein, sind nicht die einfachsten Voraussetzungen für die Musikindustrie.

KM: Meine persönliche Erfahrung ist wirklich positiv. Mein Management wird mehrheitlich von Frauen geführt. Ich habe eine Managerin und weibliche Künstler wie Ray BLK, die durch diese Firma betreut werden. Ich bekomme als Frau so viel Unterstützung. Und ich glaube, heute ist es in der Musikindustrie mehr als die Jahre zuvor, die Zeit angebrochen, in der Frauen sich gegenseitig unterstützen. Früher war es eventuell viel kompetitiver. Heute tun sich Frauen zu 100 Prozent zusammen und bauen sich gegenseitig auf. Ich hatte das Glück, von so vielen unglaublichen Künstlerinnen in diese Industrie eingeführt zu werden.

TC: Dennoch stelle ich es mir als Künstlerin schwer vor, besonders zu Beginn, dass man so stark durch die vielen Meinungen und Wünsche geformt wird, durch Marktgesetze, Plattenfirmen, Promoter, Manager und andere Künstler. Wie viel von dem, was am Ende von dir sichtbar wird, bist auch du?

KM: Klar. Es ist leicht, sich im Wahnsinn zu verlieren. Ich glaube, als junge Frau in dieser Industrie ist es am Wichtigsten, dass du ein Selbstwertgefühl hast, ein Bewusstsein dafür, wer du als Mensch und Künstler bist. Wenn du das nicht hast, verlierst du dich. Es gibt viele Faktoren, die dich ablenken können, aber wenn du weißt, wer du bist, führt es dich und löst die Fragen für dich. Hinzu kommt, dass ich eine Familie habe, die mich vollkommen erdet, mich stärkt und bei Verstand hält.

TC: Es gibt ein Gesetz der Physik, das besagt, dass jede Aktion gleichzeitig eine gleich große Gegenreaktion erzeugt. Man könnte auch sagen: Um voranzukommen, muss man etwas zurücklassen. Was war es bei dir?

KM: Ich bin überzeugt, dass das in jedem Lebensbereich der Fall ist. Wenn du ein Arzt werden willst oder der beste Gärtner der Welt, dann musst du Opfer bringen. Ich persönlich musste opfern… Ich war nicht auf einer Uni und hatte nicht den zusätzlichen sozialen Aspekt, den etwa meine Schwester hat. Aber ich weiß, dass es sich am Ende auszahlen wird. Du musst Opfer bringen, um der beste indem sein zu können, was du tust. Aber das ist es Wert.

TC: Wie wäre es für dich, wenn es sich nicht auszahlen und sich niemand für dich interessieren würde, egal wie sehr du dich darum bemühst?

KM: Der Grund, warum ich heute hier bin ist, dass ich mich für meine Musik interessiere. Würde ich damit aufhören, hätte ich ein großes Problem. Ich lasse mich nicht so sehr von der Meinung anderer beeinflussen. Vielmehr geht es um mich selbst und das Niveau meiner Musik. Daran arbeite ich sehr hart und leidenschaftlich. Niemand übt mehr Druck auf mich aus als ich selbst. Trotzdem versuche ich vor jedem großen Schritt ruhig zu bleiben und nichts in meinem Kopf zu hypen, sonst wäre ich nur gestresst.

Kara Marni: “Die Geschichten, die wir hören, handeln von einem Glück-bis-ans-Ende-der-Welt-Spaziergang in den Sonnenuntergang. Doch nichts im Leben ist so.”
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TC: Was genießt du mehr, das Schreiben, Produzieren oder Auftreten?

KM: Das ist echt hart. Auftreten… aber ich liebe es auch, im Studio zu sein… Ich kann mich da nicht festlegen. Es ist abhängig davon, wie ich mich gerade fühle. Ich kann darauf nicht antworten. Das ist schwierig, so wie die Frage, ob ich mehr Pizza oder Pasta mag (haha).

TC: Wie würdest du deine Musik beschreiben?

TC: Es ist Soul mit einem Spritzer Pop.

TC: Du hast kürzlich deine Debüt-EP mit dieser eingängigen Single „Love Just Ain’t Enough“ veröffentlicht. Was ist die Geschichte hinter dem Song?

KM: Als ich in einer Beziehung war, habe ich realisiert, dass wie sehr ich auch eine Person liebte, es nicht ausreichte, um die Beziehung immer lebendig zu halten. Denn dafür müssen tiefere Faktoren vorhanden sein: Opferbereitschaft und Demut. Solange du diese Eigenschaften aufweist, bleibt alles bestehen.

TC: Was macht das Lieben für dich besonders schwer?

KM: Wir sind alle fehlerhaft. Aber es ist auch schwer, seine Schutzmauer fallen zu lassen. Sobald du dich jemandem öffnest, bist du verletzlich. Das kann großartig sein, aber dich auch dem Leid und dem Schmerz ausliefern.

TC: Du singst, wir seien “intoxicated by the love they say we find”.

KM: Ja. “We were made fools by grade school stories and nursery rhymes”.

TC: Wie haben dich diese Erzählungen beeinflusst?

KM: Die Bücher, die wir lesen, die Filme, die wir schauen und die Geschichten, die wir hören, handeln oftmals von einem Glück-bis-ans-Ende-der-Welt- Spaziergang in den Sonnenuntergang hinein. Doch nichts im Leben ist so. Zum Glück habe ich eine unglaubliche Mutter, die so weise ist und eine realistische Sicht auf die Welt hat. Sie hat mir gelehrt, dass ich nicht diese unrealistische Erwartung ans Leben haben darf. Es ist erstaunlich, wie oft wir zu hören bekommen, dass wenn wir den perfekten Mann finden, eine rosige Zukunft auf uns wartet. Das Leben ist nicht perfekt. Das ist aber auch das Schöne an diesem Leben. Das Auf und Ab machen es interessant, ansonsten gäbe es doch nur Stillstand.

TC: Was möchtest im Kern durch deine Musik vermitteln?

KM: Wenn ich bei meinen Hörern einen Gedanken anstoßen kann und sie sagen: das, was du da gesungen hast, bedeutet mir so viel. Ob das in guten Zeiten wie bei „Golden“ ist, wo du das Gefühl hast, über Wasser laufen zu können oder wenn du nicht mehr so leichtgläubig bist, wie in meinem Song „Gullible“, wo du dir manchmal wünschst weniger zu wissen, um glücklich sein zu können. Darüber sollen meine Hörer reflektieren. Das ist so wie, wenn ich die Texte von Amy Winehouse höre. Sie bringen mich immer dazu, über sehr persönliche Dinge anders nachzudenken.

TC: In einer Pressemitteilung zu deiner neuen Musik heißt es: “Kara Marni ist dabei, ein Zeichen in der Welt zu setzen”. Wenn wir uns dieses Zeichen als eine Zeichnung vorstellen, wie würde sie aussehen?

KM: Herzform. Das hört sich so kitschig an (haha). Liebe und positive Energie, wie käsig das auch klingen mag. Aber es steckt tatsächlich auch andere Menschen an. Wenn die Sonne scheint und du ein wenig schlechte Laune hast, dann wird die Sonne dich glücklichen machen wollen, bist du es irgendwann bist.

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