„Über ein gebrochenes Herz lässt sich am besten schreiben“

Karen Elson war die Rätselhafte unter den Supermodels der Neunziger-Jahre. Heute macht sie Musik. Ein Interview über texanische Mütter und musikalische Frauenfeinde.

Als Teenager wurde Karen Elson zum Supermodel: entdeckt in einem Vorort von Manchester, am 18. Geburtstag von Steven Meisel für das Cover der italienischen „Vogue“ fotografiert. Elson sah anders aus als die Models der Neunziger, vornehm, geheimnisvoll, übernatürlich. Mit rotem Haar und abrasierten Augenbrauen gab sie „Cool Britannia“ ein Gesicht. Seitdem hat sie mit allen wichtigen Modedesignern und Fotografen gearbeitet, den Musiker Jack White geheiratet (und geschieden), Kinder bekommen (für ihren Freund Marc Jacobs schritt sie schwanger über den Laufsteg) und ihr Leben von England nach Nashville, Tennessee, verlegt. Vor allem aber macht sie Musik. Gerade ist Elsons zweite Platte „Double Roses“ erschienen. Die Countrysängerin Nikki Lane, die ebenfalls in Nashville lebt, hat sie interviewt.

Nikki Lane: Karen, wie geht es dir?

Karen Elson: Bestens, ich bin in Italien, was ich heute mal ausnutzen will, es ist mein erster freier Tag seit Ewigkeiten. Also trinke ich ein Glas Wein und versuche, mich zu entspannen. Ich habe das erste Musikvideo für meine Platte gedreht und dafür gerade noch den Schnitt fertiggestellt, das ist endlich geschafft. Heute ist also mein Tag. Wir haben in Florida gedreht.

NL: Ach ja?

KE: Ja, ich bin allerdings die meiste Zeit im Meer und unter Wasser.

NL: Klingt super. Wer hat Regie geführt?

KE: Ich habe Regie geführt! Gemeinsam mit meinem Freund Jo McCaughey. Nikki, du weißt ja, wie es ist, man muss alles selbst machen, damit es richtig wird.

Karen Elson: “Ich kann gar nicht zählen, wie viele Menschen mich gefragt haben: War dieses Album für dich wie eine Therapie?”
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NL: Ja, als Künstler braucht man zwar eine regelrechte Armee, um eine Platte auf die Beine zu stellen, aber wenn man am Ende nicht selbst die Zügel in der Hand hält, ist das Ergebnis nicht dein eigenes. Das war bei meinem letzten Album so. Ich las, was Journalisten über die Platte schrieben, aber eigentlich schreiben sie über das Werk von jemand anderem. Das musste ich ändern.

KE: Es ist witzig, diese Unterhaltung habe ich kürzlich mit so vielen Menschen geführt, vor allem mit Frauen. Deswegen war es mir wichtig, dass vom Albumcover bis zum Video alles meinen Vorstellungen entsprach. Jede Entscheidung ist am Ende meine Entscheidung, was offenbar von einer Frau nicht unbedingt erwartet wird. In der Musik gibt es so viele Männer, die die Lorbeeren für all die harte Arbeit einheimsen. Natürlich möchte ich, dass die Menschen meine Musik hören, aber ich will nicht Teil dieser Männerwelt sein. Sobald du das bist, fangen die Männer an, dir zu erklären, wie du die Dinge tun sollst.

NL: Warum solltest du auch im Schatten von jemand anderem stehen? Egal ob männlich oder weiblich. Ich verfolge die Women’s Marches und alles, was in der Richtung gerade so passiert. Die Menschen bringen ihre Kinder mit zu den Protesten. Diese Sechsjährigen wachsen wahrscheinlich nicht mehr in dem Bewusstsein auf, dass Frauen weniger Chancen als Männer haben.

KE: Unbedingt, meine Tochter ist das beste Beispiel dafür.

NL: Da bin ich mir sicher, aber sie ist ja praktisch eine Erwachsene!

KE: Oh Gott, das ist sie wirklich. Eigentlich wird sie erst in einem Monat elf, aber sie ist schon eine kleine emanzipierte Frau. Was total schön zu sehen ist, weil ich selbst eigentlich bis vor ein paar Jahren gebraucht habe, um mir über meine eigenen Stärken klar zu werden.

NL: Als wir uns das letzte Mal sahen, sprachen wir darüber, wie anders dein Leben von dem anderer Mütter in Nashville ist und dass du in der Schule schief angeschaut wirst: „Wie bitte, Sie waren gestern in Paris?“ Im Leben der anderen dreht es sich vielleicht eher darum, es pünktlich zum Arzttermin zu schaffen, während du alles unter einen Hut bringen und zum anderen Ende der Welt und zurück reisen musst. Dabei sollten Kinder ja ein Segen sein und nicht eine Entschuldigung, die Karriere an den Nagel zu hängen, haha.

KE: Genau. Ich sage das ungern, aber es ist sehr typisch für Nashville. Oder für die Südstaaten. Meine Freunde in New York oder London haben Kinder, und natürlich stehen die für sie an erster Stelle. Aber man kann trotzdem noch eine Karriere haben. Als ich in den Süden zog, stellte ich fest, dass es dort anders läuft. Die meisten Frauen opfern ihre Karriere, um sich um die Familie zu kümmern. Ich habe zwar auch einiges aufgegeben, aber ich finde es wichtig, dass meine Kinder mich auch als eigenen Menschen sehen. Genau wie ihren Vater. Ich habe sowieso das Gefühl, dass ich es jetzt, in meinen Dreißigern, im Beruf nur noch mit Männern zu tun habe.

NL: In der amerikanischen Kultur wäre es sehr naheliegend, dass du die zweite Geige spielst. Und die Kinder herumchauffierst, haha. Es ist toll, dass du deiner Tochter und deinem Sohn vorleben kannst, dass Frauen genauso viele Möglichkeiten haben wie Männer. Und das Ding mit den Dreißigern: Im viktorianischen Zeitalter waren die Menschen in ihren Dreißigern natürlich schon tot, aber jetzt …

KE: Haha!

NL: Waren sie! Mit 14 hieß es schon: Jetzt beeil dich mal besser.

KE: Das stimmt, wir wären längst Großmütter.

NL: Oder tot oder blind, ich hätte damals nie überlebt. Aber heutzutage, da alle so alt werden, sind wir ja praktisch noch Babys.

KE: Ich würde mich ohnehin als Spätzünder bezeichnen, weil ich so lange gemodelt habe. So sehr ich meine Arbeit in der Mode geliebt habe, sie hielt mich auch zurück. Ich bin die Musik lange nur sehr verhalten angegangen, weil ich solche Angst vor dem Urteil anderer Menschen hatte. Die Mode nahm viel meiner Zeit ein. Ich war immer unterwegs. Ich schrieb zwar Songs, während ich reiste, aber es gab nie einen Moment, um einmal innezuhalten. Außerdem musste ich erst den Mut finden zu sagen: Vielleicht finden die Menschen meine Musik scheiße, aber ich mache sie trotzdem. Wenn ich da sehe, wie viele Dinge du unter einen Hut bekommst, ist das jedes Mal wie ein Tritt in den Hintern. Du hast deinen Vintage-Laden und bist öfter auf Tour als jeder, den ich kenne.

NL: Ich komme einfach nie nach Hause! Ich könnte wahrscheinlich weniger touren und trotzdem noch mein Haus und mein Auto und mein Leben haben. Aber in den Laden und die Band haben sieben oder acht andere Menschen so viel ihres eigenen Lebens reingesteckt. Ich will, dass wir alle zusammen in Rente gehen können. Damit wir zwei machen können, was wir machen wollen, opfern ja viele Menschen etwas.

KE: Du scheinst immer zu wissen, welchen Weg du einschlägst, das bewundere ich. Dieses Album zu realisieren war ein ziemlicher Kampf. Ein Produzent sagte mir, ich müsste alle Songs neu schreiben, ein anderer meldete sich nie zurück. Die meiste Zeit hatte ich weder einen Manager noch eine Plattenfirma. Ich saß einfach zu Hause und schrieb Songs.

NL: Man fühlt sich verletzlich: Höre ich jetzt auf?

KE: Der Gedanke kam mir tatsächlich gar nicht in den Sinn. Mir war klar, dass ich noch mehr Arbeit reinstecken und einfach bessere Songs schreiben muss. Das ist das Ding mit der Musikindustrie: Sie ist ein verdammt hartes Geschäft, haha.

NL: Es sieht vielleicht so aus, als müsse man nicht viel Arbeit hineinstecken, die Menschen scrollen bestimmt durch deinen Instagram-Feed und denken sich: „Oh, die bekommt umsonst Schuhe zugeschickt.“ Ja, mir werden Schuhe geschenkt, aber gleichzeitig bin ich zehn Stunden am Tag mit dem Auto unterwegs, um meinen Gehaltsscheck zu bekommen. Und es gibt Dutzende andere Menschen, die genau das Gleiche tun wie ich, mit denen ich ständig verglichen werde, obwohl ich gar nichts mit ihnen zu tun habe.

KE: Ich bin so froh, mich mit dir zu unterhalten, denn bisher kam mir jedes Interview vor wie eine Psychoanalyse. In der alle Beteiligten mein Album als mein blutendes Herz sehen, das vor ihnen auf dem Tisch liegt. Interessanterweise werden meine Songs jetzt viel gründlicher seziert als bei der ersten Platte. Man versucht, für alles eine sehr komplizierte Erklärung zu finden. Es ist seltsam. Und auch wenn ich das ungern sage, da spielt eine gute Portion Frauenfeindlichkeit eine Rolle. Ein paar männliche Journalisten scheinen zu denken, dass alles, was ich tue, eine Reaktion auf einen Mann ist. Auf praktisch jeden Mann. Vor ein paar Tagen fragte mich ein Reporter: „Mögen Sie Männer?“ Ich dachte mir nur: „What the fuck?“ Sagt irgendjemand zu Stevie Nicks: „Ihre Musik ist bloß eine Reaktion auf jedes andere Mitglied von Fleetwood Mac“? Nein, es ist einfach ein Stevie-Nicks-Song. Schon interessant, dass meine Arbeit oft auf meine Beziehung zu Männern reduziert wird.

NL: So ging es mir bei meinem letzten Album auch: „Jetzt geht es wieder los, noch eine emotionale Achterbahnfahrt von Nikki Lane!“ Man braucht sich doch nur eine Platte von Waylon Jennings anzuhören, der grämt sich in jedem Song über eine Frau. Oder entschuldigt sich bei ihr. Und es fällt noch nicht mal jemandem auf. Liebe ist nun mal – leider und glücklicherweise – der Antrieb überhaupt, um Musik zu schreiben.

Karen Elson: “Es war 2 Uhr morgens, draußen stürmte es, ich war Single, schlecht drauf und hatte ein Glas Wein getrunken. 
So einfach war das”
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KE: Genau, die frühen Demos von Willie Nelson gehören zu den schönsten und deprimierendsten Songs, die es gibt. Einer heißt „Opportunity to Cry“. Aber ich bezweifle, dass jemand Nelson fragen würde: „Hey, Willie, warum weinst du?“ Er schreibt einfach einen Song. Während man von mir immer genau wissen möchte, worüber ich traurig bin. Statt das als Metapher zu sehen. Liebe ist tatsächlich die größte Inspiration für uns alle. Sie ist der Grund, warum Dichter dichten oder Filme gedreht werden. Über ein gebrochenes Herz lässt sich einfach am besten schreiben. Doch ich kann gar nicht zählen, wie viele Menschen mich gefragt haben: „War dieses Album für Sie wie eine Therapie?“ Da denke ich mir: „Ach, fuck off. Versuchen Sie mir zu sagen, dass ich eine Therapie machen sollte?“

NL: Lustigerweise sage ich das wirklich. Das Songschreiben ist meine Therapie. Ich suhle mich nicht in Gefühlen, ich werde sie los, indem ich ein Lied schreibe. So und so habe ich mich an einem Samstagabend während der zwei Stunden gefühlt, die es dauerte, den Song zu schreiben. Und jetzt ist es raus und abgehakt.

KE: Auf meinem Album gibt es einen Song namens „Distant Shore“, zugegebenermaßen ein sehr trauriges Lied. Ich schrieb es an dem Tag, bevor ich nach L. A. flog, um die Platte aufzunehmen. Es war 2 Uhr morgens, draußen stürmte es, ich war Single und schlecht drauf und hatte ein Glas Wein getrunken. So einfach war das. Lustigerweise möchten die Leute nun stets diesen Song erklärt bekommen.

NL: Wann reist du eigentlich mal mit mir nach Italien?

KE: Wann immer du willst. Wir sollten eine Europatour zusammen machen. Gemeinsam mit (der amerikanischen Sängerin) Odessa, erinnerst du dich an unsere Idee für ein Trio-Album? Wir sollten eine Hexen-von-Eastwick-Tour planen.

NL: Ich bin dabei, dafür lerne ich sogar Bass. Ich möchte die Bassistin sein.

KE: Ich lerne auch irgendetwas, Odessa ist solch eine großartige Musikerin. Das regeln wir noch. Wenn ich zurück in Nashville bin, müssen wir unbedingt etwas trinken gehen.

NL: Wir sollten ausgehen und uns betrinken.

KE: Oh bitte, wir belassen es nicht bei einem Drink, wir betrinken uns.

„Double Roses“ von Karen Elson ist bei 1965 Records/Pias erschienen

 

von Nikki Lane | Redaktion: Frauke Fentloh

Fotos: Mathilde Agius | Styling: Anna Schiffel

Haare MARI OHASHI/LGA MANAGEMENT | Make-up CIARA O’SHEA LGA MANAGEMENT | Maniküre MIKE POCOCK/STREETERS | Produktion PHILIPPE BUSTARRET/BIRD PRODUCTION | Set-Design POLLY PHILP/MAGNET AGENCY | Foto-Assistenz NICHOLAS RILEY BENTHAM | Styling-Assistenz HALI CHRISTOU Make-up-Assistenz IZZY KENNEDY | Haar-Assistenz MARK EWING