KRISTEN STEWART:
"Ich kann jeden verstehen, der schlecht über Twilight redet"

Ihr Name: Kristen Jaymes Stewart!

Ihre Stadt: Los Angeles, Kalifornien!

Ihr Status: Schauspielerin und Superstar!

Ihre Geschichte: Teenieidol dank Twilight!

Ihr Problem: Der Boulevard jagt sie!

Und jetzt? Schreibt sie Gedichte, malt und bereitet sich darauf vor, Regisseurin zu werden!



Von: PATTI SMITH

Fotos: STEVEN KLEIN

Styling: Karl Templer

 

 

An vielen Tagen muss es die Hölle sein, Kristen Stewart zu sein. Ende März zum Beispiel wurde sie in Los Angeles mit ihrer ehemaligen Assistentin gesehen, und sofort brach wieder das übliche Kristen-Stewart-Gerede aus. Dass da ganz sicher etwas liefe zwischen den beiden, und alles, was man bisher über ihr Privatleben zu wissen glaubte, bloß Inszenierung gewesen wäre. Aber so ist das, wenn man in Twilight eine Teenagerheldin gespielt hat, ein paar Jahre lang mit dem Teenagerhelden schlechthin zusammen war und immer noch erst 25 ist: Man wird von den Paparazzi und anderen Boulevard-Bluthunden gejagt. Und sie selbst? Geht ihren Weg einfach weiter. Wechselt souverän zwischen Blockbuster- und Autorenkino (Sils Maria, Still Alice), wird von den interessantesten Regisseuren längst als die grandiose Schauspielerin wahrgenommen, die sie ist, und lässt sich von dem hysterischen Gefasel über sie nicht beirren. In Interview unterhält sie sich mit Patti Smith, Miterfinderin des Punk und selbst eine Rebellin, über ihr Leben als gejagter Star, als junge Frau auf der Suche nach sich selbst und als Schauspielerin, die ihren Beruf ernster als alles andere nimmt.

 

PATTI SMITH: Du bist 25, oder? Ich bin 68, und deinetwegen habe ich darüber nachgedacht, was ich mit 25 getan habe. Ich habe immer noch in einem Buchladen gejobbt. Ich habe Performances gemacht und geschrieben. Aber ich hatte noch nicht Horses aufgenommen. Es ist verrückt, was du in deinem Alter schon alles gemacht hast. Wolltest du denn schon als Kind Schauspielerin werden?

KRISTEN STEWART: Meine Eltern waren beide beim Film, und für ein Kind, das bei Dreharbeiten zusieht, ist Schauspielen das Einzige, was es tun kann. Also habe ich vorgesprochen und irgendwann Rollen bekommen. Mich hat das Filmemachen immer schon fasziniert. Früher wollte ich immer die jüngste Regisseurin aller Zeiten werden. Jetzt denke ich eher, dass ich mir damit so lange Zeit lassen sollte, bis ich wirklich bereit bin.

SMITH: Ich kann mich noch an den Film erinnern, den du mit Jodie Foster gemacht hast (Panic Room, 2002). Da warst du zwölf.

STEWART: Ja, mein zweiter Film. Als die Dreharbeiten anfingen, war ich zehn.

SMITH: Wahnsinn. Ich habe Interviews gesehen, die du mit zwölf gemacht hast.

STEWART: Oh Gott.

SMITH: Du warst so natürlich und so geradeheraus. Das bist du in allen deinen Filmen. Jodie Foster hat das auch, und deswegen habe ich mich gefragt, ob sie dich beeinflusst hat.

STEWART: Es war ein Glück für mich, dass ich mit ihr zu tun hatte. Ich bin immer jemand gewesen, der eher ernst rüberkommt. Ich kann nicht so gut aus mir herausgehen, ich bin keine Rampensau. Und Erwachsenen fällt es oft schwer, ein Kind zu akzeptieren, das ernst spricht, das kommt ihnen seltsam vor. Mit Jodie ging das gut. Bei einer anderen Schauspielerin hätte ich mich wahrscheinlich unzulänglich gefühlt.

Kristen Stewart: “Ich kann jeden verstehen, der schlecht über Twilight redet. Aber da ist etwas, worauf ich bis heute stolz bin”
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SMITH: In meiner Kindheit sah man sich noch einfach Filme an, ohne viel über das Leben der Schauspieler zu wissen. Es gab nicht zu jedem Film ein Making-of, und von Schauspielern wurde noch nicht verlangt, dass sie sich in knackigen Sätzen über ihre Arbeit äußern. Ich selbst erwarte das auch nicht. Ich schätze die Arbeit von Schauspielern, aber ich bilde mir nicht ein, ein Recht darauf zu haben, an ihrem Leben teilzunehmen. Hemmt dich diese -Dauerbeobachtung nicht?

STEWART: Nein. Obwohl es manchmal seltsam ist, wie viele sich den Kopf über meine Entscheidungen zerbrechen. Wenn ich, sagen wir, in einem Film über einen Vampir mitspiele, der sich in ein Mädchen verliebt, werde ich gefragt: „Aber danach wirst du ihnen beweisen, dass du auch eine echte, ernstzunehmende Schauspielerin sein kannst?“ Als ob ich in einem Vampirfilm keine echte, ernstzunehmende Schauspielerin sein könnte.

SMITH: Für mich schon. Ich habe bemerkt, mit wie viel Hingabe du in den Twilight-Filmen gespielt hast.

STEWART: Na ja, da gab es Höhen und Tiefen. Aber eines weiß ich mit Sicherheit: Die Absichten waren jedes Mal rein. Ich kann jeden verstehen, der schlecht über Twilight redet, aber da ist auch etwas, worauf ich bis heute verdammt stolz bin.

SMITH: Mit Recht. Du hast einen Charakter zum Leben erweckt, den die Menschen sehen wollten.

STEWART: Ich habe vielleicht für mein Alter schon wahnsinnig viel gemacht, aber als ich Just Kids (die Autobiografie Patti Smiths) gelesen habe, hatte ich das Gefühl, dass du dir alle Zeit der Welt nehmen konntest, herauszufinden, wohin es dich treibt. Es klingt vielleicht superromantisch und kitschig, aber deinetwegen habe ich zu malen begonnen. Weil ich mich beim Lesen deines Buches gefragt habe, ob es in mir noch Aspekte gibt, die ich gern kennenlernen würde. Wenn man so früh wie ich für etwas bekannt wird, hat man wahrscheinlich ein Problem. Man denkt dann, dass man bei dieser Sache bleiben sollte.

SMITH: Du bist ja noch jung. Und du hast viele Ideen. Du hast mich etwas von dem lesen lassen, was du schreibst – und es ist gut. Als ich als junge Frau nach New York kam, war mein einziges Problem, dass ich für ein Landei gehalten wurde. Die Leute in der Factory haben sich köstlich über mich amüsiert, selbst Andy Warhol dachte, ich sei eine Hinterwäldlerin. Ich hatte die Wahl, mich entweder von diesen Leuten zermalmen zu lassen oder mein Haar wie Keith Richard abzuschneiden und „Fuck you“ zu denken. Du musst mehr ertragen. Bei dir wird ständig über dein Privatleben spekuliert. Aber ich kann dir sagen: Wenn in 20, 30 Jahren all diese Leute und ihre schnippischen Kommentare längst vergessen sind, wird deine Arbeit immer noch da sein. Am Ende geht es immer um die Arbeit.

STEWART: Stimmt.

SMITH: Ich mag es, wie du deine Figuren anlegst. Du bist so praktisch und zurückhaltend. Selbst bei Bella Swan ist das so. Sie hat etwas Handfestes, obwohl sie etwas total …

STEWART: … Bescheuertes macht.

SMITH: (lacht) Na ja, sie gibt alles für die Liebe und geht dorthin, wo die Liebe sie hintreibt. Aber dieses Handfeste, das du hast, zusammen mit einer gewissen Zurückhaltung, vielleicht sogar ein wenig Unnahbarkeit, macht ihren Charakter stärker. Ich mochte auch, was du in On the Road aus Marylou gemacht hast. Viele Schauspieler versuchen ja, einen freigeistigen Charakter anstößig oder aggressiv anzulegen. Aber in den Vierzigern und Fünfzigern hat ein freigeistiges Mädchen immer noch im Kontext ihrer Welt gelebt, und das war eine Männerwelt. So wie du sie gezeichnet hast, hat sie die Leinwand erleuchtet.

STEWART: Danke. Das Schwerste für mich war wahrscheinlich, ein wenig Ausgelassenheit zu zeigen.

SMITH: Du bist die Ausgelassenste von allen. Unter all den -Legenden in diesem Film ist es das Mädchen, das hervorsticht. Was geht bei dir sonst noch ab?

STEWART: Ich hab mich wirklich toll gefühlt bei den Dreh-arbeiten von Equals (einer Science-Fiction-Liebesgeschichte). Drake Doremus, der Regisseur, arbeitet normalerweise nur mit Szenarien, und das jetzt war sein erster Film mit einem richtigen Drehbuch, weil das Budget höher war als sonst bei ihm. Aber dennoch hat es sich angefühlt, als würden wir einander vorantreiben – ich und Nick (Hoult) und Drake. Viele Regisseure machen ja große Sprüche – was wir nicht alles miteinander entdecken würden und wie das jetzt alles eine Meditation ist und dass am Ende alle Fragen beantwortet werden. Aber dann sagen sie am fünften Drehtag doch, dass alles ganz genau so gemacht wird, wie sie sich das ausgedacht haben, und schon kann man seine Spontaneität wieder einpacken. Bei Equals war es anders. Egal, ob der Film toll wird oder Mist, ich habe mich beim Arbeiten noch nie so frei gefühlt. Und in so einer Umgebung ist man am besten.

SMITH: Einige meiner Freunde sind Schauspieler, und deswegen weiß ich, dass unter allen Künsten die Schauspielerei die aufreibendste und undankbarste ist. Es ist ein harter Job ohne jede Romantik. Man sitzt stundenlang herum und wartet, bis alles richtig eingeleuchtet ist. Und dann ist das Licht weg, oder es fängt zu regnen an oder weiß Gott was. Und du fühlst dich mies oder hast Migräne und musst trotzdem ran, 12, 13 Stunden am Tag.

STEWART: Das Lustige ist, dass es genau dieser Scheiß ist, den ich am meisten mag (lacht). Ich liebe es, wenn ich am Set sitze und denke: „Noch vier Stunden, und dann können wir tun, was wir seit Monaten planen.“

Kristen Stewart: “Es ist seltsam, wie viele sich den Kopf über meine Entscheidungen zerbrechen”
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SMITH: Wie Robert Duvall, wenn er in Apocalypse Now sagt: „Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen.“

STEWART: Genau so!

SMITH: Kenne ich. Ich bin mit neun Typen in einem Tourbus unterwegs, die Fahrt von Portland zieht sich schon zwölf Stunden, es gibt nichts zu essen, und wenn man dann endlich ankommt, sind alle Restaurants schon zu … ich liebe das. Auch wenn es anstrengend ist. Was machst du sonst noch?

STEWART: Ich schreibe ein Gedicht zur Hochzeit eines meiner besten Freunde, und das nimmt mich verrückterweise ziemlich in Anspruch. Ich versuche, ein wenig lockerer zu werden, weil bei mir so vieles so verkopft ist. Also habe ich ein wenig gemalt. Ich versuche, ein Team zu finden, weil ich meine eigenen Filme machen will. Ich muss vor allem den richtigen Kameramann finden. Ich habe ein paar Produzenten, die mir dabei helfen. Und du hast ja meine Kurzgeschichte gelesen. Wie fandest du sie denn?

SMITH: Ich mochte sie sehr. Ich mochte den Stil. Es war wie ein langes Prosagedicht.

STEWART: Hoffentlich wirkt der Film auch so auf dich.

SMITH: Ich verstehe, dass du hoffst, dass die Menschen deine Arbeit verstehen und schätzen werden, aber sei dabei nicht zu hart zu dir selbst. Man darf die Unterhaltungen anderer Menschen darüber, was man tut oder getan hat, nicht zum Teil seines eigenen Selbstgesprächs werden lassen. Du hast etwas wirklich Cooles bei Seth Meyers gesagt.

STEWART: (lacht) Mein Gott, du hast dich für dieses Interview ja gründlich vorbereitet.

SMITH: Wenn ich auf Tour bin, mache ich immer die Glotze an, und da lief das gerade. Außerdem frage ich mich die ganze Zeit, wie du in diesen klobigen Schuhen laufen kannst.

STEWART: Länger als drei Minuten schaffe ich es nicht.

SMITH: (lacht) Er hat dich etwas über die Twilight-Filme gefragt, und du sagtest darauf, sie seien ein wichtiger Teil auf deiner Lebenskurve. Kannst du dich noch daran erinnern?

STEWART: Ja. Es gibt eine Lebenskurve. Ich sage immer, dass mich jeder einzelne Moment zu dem gemacht hat, was ich bin. In jedem Film, den ich gemacht habe, ist ein kleiner Teil von mir, jeder ist eine Etappe meines persönlichen Wachstums. Ich könnte nicht sagen, dass Twilight überhaupt nichts mit Still Alice und Sils Maria zu tun hat. Sie alle sind, was ich bin.

SMITH: Manches mögen die Menschen, für anderes treten sie dir auf den Fuß. In einem Monat wird man bejubelt, und ein paar Monate später benehmen sie sich, als …

STEWART: … hätte man sie fallen gelassen.

SMITH: Walt Whitman hat geschrieben, dass wir Vielheiten enthalten. Schauspieler geben den Vielheiten eine Stimme, die in jedem von uns sind. Das ist der Grund, weshalb wir Filme mögen. Wir sehen Menschen zu, wie sie einen Teil von uns porträtieren, vielleicht sogar einen, den wir nicht leiden können. Es gibt keinen Grund, etwas zu bereuen. Reue ist Zeitvergeudung. Alles, was wir tun, bringt uns etwas bei. Du solltest also wissen, dass ich im Ring in deiner Ecke stehe.

 

 

Hair SHAY ASHUAL/TIM HOWARD MANAGEMENT

Make-up DIANE KENDAL/ART+COMMERCE

Manicure HONEY/EXPOSURE NY

Set Design STEFAN BECKMAN/EXPOSURE NY

Producer REBECCA LOVERN/NORTH SIX

Production Manager LAUREN GROSS

Retouching JIM ALEXANDROU

Lighting ALEX LOCKETT, JARED ROESSLER

Digital Technician DIEGO SIERRALTA

Photography Assistants MARK LUCKASAVAGE, ALEXEI TOPOUNOV,

JEFF PEARSON, AARON STOVER

Styling Assistants MELISSA LEVY, MARIE MANLEY,

MARCIANO RAMIREZ, FELICIA LOGOZZO

Hair Assistants TSUYOSHI HARADA, ANDY TSENG, YUSUKE MIURA

Make-up Assistant CAOILFHIONN GIFFORD

Set Design Assistants YONATAN ZONSZEIN, COLIN PHELAN

Production Assistants CAMERON EVERETT, JOSH SANDER

Camera Assistants DEREK NELSON, SCOTT KEENAN

Projectionist MORGAN FREEMAN

Camera/Lighting B2PRO

Special thanks EAST OF HOLLYWOOD NY

30.12.2015 | Kategorien Film, Interviews | Tags , , , ,