Wunderbare Welt der Narzissten

Kim Kardashian ist befallen, Donald Trump sowieso: Glaubt man Medien und Psychologen, waren wir nie selbstverliebter als heute. Wirklich? Die amerikanische Autorin Kristin Dombek seziert in einem Buch den neuen Narzissmus-Boom.

Donald Trump? Ein Narzisst. Kim Kardashian? Hoffnungslos selbstverliebt. Und dann erst die Millenials, also die Generation der zwischen 1990 und 2000 Geborenen. Die interessieren sich doch nur für die eigene Karriere und die richtige Position für das nächste Instagram-Selfie. Oder? Die Amerikanerin Kristin Dombek hat sich für ihr Buch Die Selbstsucht der anderen den neuen Narzissmus vorgeknöpft. Und knipst seitdem selbst gelegentlich ein Selfie.

Interview Sie haben ein Buch über Narzissmus geschrieben. Perfektes Timing – gerade wird Donald Trump von allen Seiten eine narzisstische Störung attestiert. Wie lautet Ihr Urteil?

Kristin Dombek Nun, die Hauptsymptome von Narzissmus sind ja Eitelkeit, Selbstbewunderung, ein übertriebenes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Mangel an Empathie. Es scheint, als würde Trump diese Dinge auf geradezu absurde Weise verkörpern. Man muss aber sagen, dass Narzissmus in den USA fast jedem höheren Politiker nachgesagt wird. Das Internet ist voller Memes, die Barack Obama als Narzissten darstellen.

Interview Ach.

Dombek Auf den ersten Blick erst einmal überraschend. Auf mich wirkt Obama jedenfalls wie ein guter Typ. Ein anderes Merkmal des Narzissmus ist aber das der Falschheit: man bekommt etwas vorgespielt. Und für viele Konservative ist das, was Obama sagt, so weit entfernt von ihrer Wahrheit, dass er einfach ein Schwindler sein muss. Aber Trump, ja, total! (lacht)

Interview Was hat es mit diesem Narzissmus-Boom auf sich?

Dombek Ein Grund, warum das Wort in den USA so beliebt geworden ist, ist ein Buch mit dem Titel The Narcissism Epidemic, das 2009 erschien. Danach verbreitete sich rasend schnell die Idee, dass alle Millenials Narzissten sind. Jedem über dreißig erscheint es total einleuchtend, dass alle unter dreißig nur mit sich selbst beschäftigt sind. Klar, denn in dem Alter versucht man ja auch herauszufinden, wer man ist. Aber das Internet und Social Media verstärken dieses Verhalten. Wir sehen Menschen, die sich ich auf eine Weise verhalten, die früher als extrem eitel gegolten hätte. Medien wie Instagram sind dafür das perfekte Medium. Natürlich haben Menschen schon immer Bilder von sich anfertigen lassen, aber nicht in diesem Maße. Deswegen scheint vielen der Begriff passend.

Interview  Stars wie Kim Kardashian oder Kanye West tragen ihre Selbstverliebtheit tatsächlich ganz offen zur Schau.

Dombek Ja, das ist die Realität. Aber obwohl es viele Menschen zu geben scheint, die versuchen, die Kardashians zu imitieren, denke ich, dass es mindestens genau so viele gibt, die sie sich angucken, um sagen zu können: das ist ekelhaft.

Interview Dennoch sind sie extrem erfolgreich.

Dombek Genau, weil wir es lieben, sie so zu sehen.

Interview Weil wir uns überlegen fühlen können?

Dombek Ja, wir fühlen uns wahrhaftiger und tiefgründiger als sie. Und natürlich zeigen sie sich vor der Kamera so, wie wir sie sehen wollen. Im Buch schreibe ich über Allison, die in der MTV-Show My Super Sweet 16 mitmachte und damit für viele zum Inbegriff des egoistischen Millenials wurde. Sie wollte eine Hauptverkehrsstraße in Atlanta sperren und eine Krankenhauszufahrt blockieren lassen, damit ihre Gäste zu ihrer Geburtstagsparty paradieren können. So sah es zumindest im Reality-Fernsehen aus. Später stellte sich heraus, dass viele dieser Dinge inszeniert waren. Allison wurde angeleitet, wie ein verzogenes Kind zu agieren. In der Sendung wirkt es, als würden ihre Eltern sie unentwegt bedienen.

Kristin Dombek: “Dein Freund ist kein Narzisst, den Exfreund aber schon. Derjenige, der dich verlässt, muss dir vorher etwas vorgespielt haben”
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Interview Leben wir in einem narzisstischen Zeitalter? Es gab ja immer Krankheiten, die Kulturphänomene wurden, Hysterie zum Bespiel.

Dombek Genau, Hysterie war eine Art, Frauen zum Schweigen zu bringen, nach dem Motto: Hör auf dich aufzuregen. Beim Narzissmus geht es oft darum, was in einer zwischenmenschlichen Beziehung normal und was nicht normal ist. Die Bedeutung des Wortes hat in den letzten hundert Jahren komplett seine Bedeutung geändert. Für Freud waren Frauen und schwule Männer, die sich nicht therapieren lassen wollten, Narzissten. Heute geht es meist um Männer.

Interview Die heißen dann Bad Boyfriends oder Pick-up artists: Männer, die sich Frauen gegenüber betont abwertend verhalten. Wieso halten es diese Männer für nötig, sich als gefühllose Narzissten zu inszenieren?

Dombek Es geht ihnen darum, eine Art evolutionäre Geschlechterordnung einzufordern, in der Männer stärker sind als Frauen. Sie führen sich als Narzisst auf, um Rache am Feminismus zu nehmen. Es gibt tatsächlich Internetseiten auf denen es heißt: „Verhalte dich wie ein Narzisst, sei ein Narzisst!“ Das war ein großes Ding, Neil Strauss‘ Buch The Game wurde ein großer Erfolg, ein Bestseller. Dahinter steht die Idee, dass man eine fast übermenschliche Macht über jemand anderen haben kann, wenn man erst sehr zugänglich ist und dann plötzlich kalt und abweisend. Ich glaube aber, die ganze Bewegung kommt gerade etwas aus der Mode. Man hat sich zu viel über sie lustig gemacht.

Interview Aber die Geschlechtertrennung – der böse männliche Narzisst und das arme weibliche Opfer – besteht fort?

Dombek Oh ja. Ich kann nachvollziehen, dass diese Geschichte gut für einen sein kann, wenn man mit einem Arschloch zusammen ist. Es ist eine sehr verführerische Erklärung. Es ist einfacher zu denken, dass jemand eine vampirhafte Macht über einen ausübt oder innerlich kalt ist, als dass er einen geliebt und es sich dann anders überlegt hat. Dein Freund ist kein Narzisst, den Exfreund aber schon. Derjenige, der dich verlässt, muss dir vorher etwas vorgespielt haben.

Interview Haben Sie selbst angefangen, die Menschen um sich herum auf Narzissmus hin zu überprüfen, als Sie das Buch schrieben?

Dombek Allerdings. (lacht) Es war kein angenehmes Schreiben. Am Anfang hat es noch Spaß gemacht, aber nachdem ich all diese Begriffe und Geschichten verinnerlicht hatte, fing ich an, überall Narzissmus zu sehen. Ich wurde sehr misstrauisch. Man braucht nur lange genug zu googeln. Ich fragte mich, ob dieses Phänomen wirklich zunimmt oder ich in meiner eigenen Blase gefangen bin. In diesem Sinne stecken wir wirklich in einer Epidemie der Selbstbezogenheit.

Kristin Dombek: “Vielleicht bin ich ein Narzisst, weil ich keine Selfies schieße und zu kontrollierend bin? ”
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Interview Eine Entwicklung, deren Ursprung manche schon vor Jahrzehnten ausmachen: Nach Woodstock mit seinem Gemeinschaftsgefühl feierte in den Siebzigern mit Disco und Kokain jeder für sich allein.

Dombek Dazu wollte ich eigentlich eine sehr lange, lustige Fußnote schreiben. Die Behauptung, dass Kokain individualistisch sei, hat mich etwas verwundert. Ja, es hat etwas von Wolf of Wall Street oder American Psycho mit Christian Bale. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich der gleichen Meinung bin.

Interview Sie zitieren Studien, die es als ein Zeichen von wachsender Selbstbezogenheit auslegen, dass in Popsongs und Büchern heute öfter „ich“ gesagt wird als noch vor einigen Jahrzehnten. Fühlen Sie sich egoistisch, wenn Sie aus der Ich-Perspektive schreiben?

Dombek Tatsächlich fühle ich mich immer ein bisschen schuldig, wenn ich das tue. Wir verurteilen Menschen, die sich zur Schau stellen. Während wir gleichzeitig permanent aufgefordert werden, genau das zu tun, im Arbeitsleben zum Beispiel. Generell gilt das „Ich“ als selbstbezogen, das „wir“ nicht. Das sehe ich anders. Für mich macht es keinen Sinn, das moralisch zu teilen. Es werden zwar heute viel mehr Biographien geschrieben als früher, aber natürlich gibt es viel mehr Menschen, die diese Bücher lesen, als solche, die sie schreiben. Dieser Boom ist also gar kein Zeichen von Narzissmus: Dadurch, dass wir über das Leben anderer Menschen lesen wollen, zeigen wir doch gerade Empathie.

Interview Wie halten Sie es mit Selfies?

Dombek Bisher konnte ich mich überhaupt nicht dafür erwärmen. Gerade habe ich allerdings einen Artikel von Rachel Syme gelesen, indem sie argumentiert, dass Menschen, die ein Selbstporträt posten, ihr Bild gleichzeitig loslassen. Was das Gegenteil von Narzissmus ist. Am Ende ihres Essays dachte ich: Vielleicht bin ich ein Narzisst, weil ich keine Selfies schieße und zu kontrollierend bin? (lacht) Selfies können auch revolutionär sein, Syme schreibt über die Nutzung von Selfies in der Black-Lives-Matter-Bewegung, im Arabischen Frühling oder in Syrien. Kim Kardashian ist natürlich eine andere Geschichte.

Interview Sie greifen also mittlerweile auch mal zur Handykamera?

Dombek Ich versuche es gelegentlich. Vor allem aber schreibe ich sehr persönliche Essays. (lacht) Ich schreibe über Dinge, die die meisten Menschen nicht in die Nähe des Internets lassen würden. Es ist einfach ein anderes Medium. Eine andere Art, etwas von sich in die Welt zu geben: Konsumiere mich!



Die Selbstsucht der anderen von Kristin Dombek ist im Suhrkamp Verlag erschienen.



Von: Frauke Fentloh