"Vielleicht versuchen wir mit Hilfe von Drogen zu fliehen"

Happy Birthday Leo: Der Oscar-Preisträger hat jüngst seinen 43. Geburtstag gefeiert, und obwohl wir den Hollywood-Star gerne deutlich mehr auf der Leinwand sehen würden, weist er mit seinem energischen Engagement für den Klimaschutz wohl die beste Entschuldigung für weniger Auftritte à la Jack Dawson oder Billy Costigan vor. Als DiCaprio mit dem „Wolf of Wall Street“ an die Börse ging unterhielt sich Aliona Doletskaya, International Editor von Interview, mit dem Schauspieler. Ein Gespräch über Gier, Erfolg und Nächstenliebe. Unser Sundayread aus dem Archiv.

Leonardo DiCaprio als Jordan Belfort in "The Wolf Of Wall Street", Foto: Mary Cybulski© MMXIII TWOWS, LLC. All Rights Reserved

Interview (nimmt das Telefonat aus Amerika an. Die Verbindung ist schlecht, das Telefon knirscht. Männerstimmen unterbrechen einander): Oh je, was für eine Verbindung! Ryan? James? Oder ist es Leo?

Leonardo DiCaprio: Aliona, hier ist Leo. Ich bin in Tokio! Ich bin hier auf der Premiere vom Wolf.

Interview: Mein Gott, dann sind Sie in Japan!

DiCaprio: Ja. Und wo sind Sie?

Interview: In Moskau. Hier ist es wahnsinnig kalt. Minus 27 Grad. Und bei Ihnen?

DiCaprio: Hier ist es natürlich wärmer, dafür regnet es ununterbrochen. Auf solch ein Wetter war ich nicht eingestellt. Jetzt quäle ich mich und weiß nicht, was ich anziehen soll. Und die Premiere geht bereits in 40 Minuten los.

Interview: Dann lassen Sie uns schnell über den Wolf sprechen. Ich habe den Eindruck, dass Sie sich bei den Dreharbeiten bestens amüsiert haben. Wir haben uns alle amüsiert. Das sieht man dem Film ja auch an.

DiCaprio: Wir haben uns alle amüsiert. Das sieht man dem Film ja auch an. Er ist schon deshalb lustig und haarsträubend, weil das Leben seiner Hauptfigur so haarsträubend ist. Aber das Thema ist natürlich ernst. Und das ist es, was Martin (Scorsese) am besten kann: das Leben von Menschen auf eine sehr ehrliche und authentische Weise zeigen, ohne dabei didaktisch zu werden und dem Publikum zu erzählen, was es denken soll, wenn es den Film sieht. Er versucht auch nicht, Sympathie für die Figuren zu wecken, er zeigt sie einfach nur, wie sie sind.

Interview: In Django Unchained waren sie ein Sklavenhändler, in The Great Gatsby der undurchsichtige Millionär Jay Gatsby und in J. Edgar ein machtbesessener FBI-Chef. Jetzt sieht man sie als den Wolf der Wall Street. Das sind vier starke, einflussreiche und sehr reiche Männer, mit denen es aber aus unterschiedlichen Gründen, ein schlechtes Ende nimmt. Sehen Sie da eine Verbindung?

DiCaprio: Letztlich erzählen sie alle vom Amerikanischen Traum. Davon, wie man versucht, ihn Wirklichkeit werden zu lassen, wie man von ihm korrumpiert wird, wie er verfault. Jeder der Männer war dabei ein Produkt seiner Zeit. Als im Jahr 2008 die Finanzkrise begann, hat es mich wahnsinnig gemacht, mitanzusehen, welches Unheil jene Menschen angerichtet haben, die nur an ihren eigenen Reichtum dachten. Nun ja, ich glaube, ich versuche durch die Wahl dieser Rollen etwas zu sagen.

Interview: Ich versichere Ihnen, den Russen ist die Geschichte des ungezügelten Reichtums nicht weniger nah als den Amerikanern. Ich glaube, der Film wird gerade in Russland erfolgreich sein. Und wissen Sie warum? Weil unsere Oligarchen auch davon träumen, sich wie Jordan Belfort zu amüsieren und mit einer Frau auf einer Decke von Millionen von Dollar Sex zu haben, während eine Kerze in ihrem Arsch brennt. Aber sind Sie wirklich der Meinung, dass der Film jemandem etwas beibringen wird?

DiCaprio: Na, wenn ein Mensch einen Film über Gangster sieht und anschließend selbst ein Gangster werden möchte, dann ist ihm eh nicht zu helfen (lacht).

Interview: Scheinbar!

DiCaprio: Gestern hatten wir hier eine Pressekonferenz. Ein Journalist beschuldigte uns, die Exzesse zu naturalistisch gezeigt zu haben. Er meinte, der Film sei zu dreckig. Wissen Sie, was Marty ihm antwortete?

Interview: Was?

DiCaprio: Warum müssen wir als Künstler Scham und Verlegenheit empfinden, wenn wir diese Menschen darstellen? Sie haben ihr Leben ohne eine Spur von Verlegenheit gelebt. Warum sollten wir ihnen also nachträglich Verlegenheit andichten?

Interview: Stimmt genau. Und doch ist Jordan in Ihrer Darstellung makellos, charismatisch, charmant und überzeugend. Wenn man bedenkt, dass er sich den gesamten Film lang nur amüsiert, ist das Bild sehr verführerisch. Dabei wird kaum ein Wort über die Menschen erwähnt, die er betrogen hat und die unter seinen Machenschaften gelitten haben.

DiCaprio: Wir wollten einfach keinen weiteren Film über gedemütigte und beleidigte Menschen zeigen, sondern genau das Gegenteil. Was wir wollten, war, den Zuschauern die Finanzwelt aus der Sicht der Täter zu präsentieren. Jordan Belfort wird ja so etwas wie ein Sektenführer, dem man verfällt. Und wie bei allen Filmen von Marty, versucht er, kein Urteil über diese Facette der menschlichen Natur zu fällen.

Interview: Sie sprechen in Ihren Interviews zu Wolf viel über Gier. Geld ist die größte Versuchung, die auf der Welt existiert. Gibt es eine Chance, dass die Menschheit eines Tages in der Lage sein wird, ihr zu widerstehen?

DiCaprio: (Pause) Ich glaube es wird immer schlimmer (lacht). Ich schaue mir diese Kluft zwischen Arm und Reich an. Sie wird immer größer. Man kann heutzutage ein Vermögen im Handumdrehen machen. Indem man Öl pumpt, die Wälder rodet, das Eis zum Schmelzen bringt und Berge sprengt. Und aus irgendeinem Grund, denkt niemand darüber nach, was geschehen wird, wenn die natürlichen Ressourcen erschöpft sind. Die Frage ist: Werden wir, die intellektuell am meisten entwickelte Spezies auf dem Planeten, einmal unsere Gier überwinden können? Wir haben den Planeten bereits so verändert wie kein anderes Lebewesen es jemals könnte.

Interview: Sie wollen sagen, dass wir sie nicht zum Guten verändern?

DiCaprio: Nun ja, wir brauchen mehr Bewusstsein und mehr Verantwortungsgefühl.

Interview: Machen Geld und Erfolg blind?

DiCaprio: Ich würde lügen, wenn ich nicht zugeben würde, dass ich nicht auch von Erfolg träume. Ich bin auch ein Produkt der heutigen Zeit. Es ist in uns allen. Aber wenn man große Chancen im Leben bekommt, dann sollte man sie mit Bedacht und Verantwortung nutzen. Ich streite mich ständig mit allen, vor allem mit jenen, die reich und berühmt sind. Ich versuche sie davon zu überzeugen, dass wir versuchen sollten, die Welt zum Besseren zu verändern. Erfolg und Geld wird es nie genügend geben.

Interview: Es ist also eine Sucht, wie die Sucht nach Drogen. Drogen sind ein anderer wichtiger Bestandteil des Films.

DiCaprio: Vielleicht versuchen wir mit Hilfe von Drogen zu fliehen. Mir scheint es, als ob wir gar nicht wüssten, wovor. Wir haben verlernt, miteinander zu kommunizieren. Es gibt kein Gefühl der Einheit und Gemeinschaft mehr. Trotz all der technischen Neuerungen, kommunizieren wir ständig mit jemandem, aber dabei entsteht kein Sinn für Gemeinschaft.

Interview: Da gebe ich Ihnen Recht.

DiCaprio: Schauen Sie, meine Eltern sind Kinder der Sechziger. Natürlich gab es auch damals Probleme, Arbeitslosigkeit, den Vietnamkrieg. Aber es gab eine gewisse Hippie-Ideologie, alle haben an eine ideale Welt geglaubt. Die Menschen lebten in einer Harmonie, die sie selbst erfunden haben. Unter den Menschen gab es eine starke Verbindung. Jordan hat diese Beziehung zu einem gewissen Grad zerstört.

Interview: Wenn wir das auffälligste Merkmal von Jordan benennen sollten, was würden Sie hervorheben? Sein Charisma?

DiCaprio: Ich würde lieber über das sprechen, was ihm fehlte.

Interview: Und das wäre?

DiCaprio: Das Mitgefühl. Wenn er seine fantastische Ausstrahlung für einen guten Zweck genutzt hätte, dann hätte er die Welt zum Besseren verändern können.

Interview: Sie haben mit dem echten Jordan Belfort mehr als nur einen Tag verbracht. Ist er ein besserer Mensch geworden?

DiCaprio: Natürlich! Der erste Schritt der Heilung war es, seine Verfehlungen und seine Schuld ehrlich zuzugeben. Ich hätte diesen Film nicht gedreht, wenn es nicht das Buch von Belfort geben würde. Darin beschreibt er ehrlich seine konkreten Taten und die Motive, die ihn damals bewegt haben. Es ist schwierig, jemanden zu finden, der so aufrichtig bereut und so klar versteht, dass er etwas falsch gemacht hat.

Interview: Was ist mit denen, die nur vorgeben, Verantwortung zu übernehmen? In Russland zum Beispiel gibt es immer noch reiche Leute, die Nächstenliebe vortäuschen. Für die Show. Für die Formalitäten. Wie soll man damit umgehen?

DiCaprio: Was kann ich da antworten, ohne dass man mir unterstellen würde, ich würde versuchen, wie ein Heiliger auszusehen (lacht)? Für mich ist es wichtig, in einen Prozess einbezogen zu sein. Zu verstehen, was ich tue und warum. Aber wenn die Menschen bereits den Wunsch haben, die Welt zu verändern, dann ist es schon mal gut. Gemeinsam können wir sehr viel erreichen – alle Hungrigen zu füttern, alternative Energie einzusetzen, eine schöne und harmonische Welt zu bauen. Wissen Sie, welche Analogie mir gerade in den Sinn gekommen ist? Sie werden lachen.

Interview: Welche?

DiCaprio: Wenn 1000 Affen sehen, was der eine macht, fangen sie an, es zu wiederholen. Vielleicht ist es mit der Nächstenliebe genauso.

Interview: Ich habe noch eine letzte Frage für Sie, bevor ich Sie auf den roten Teppich entlasse. Hat Geld jemals eine Ihrer Freundschaften zerstört? Ich weiß, wie es auf der Seite des Wohlstandes ist, und ich weiß, wie es ist, nichts zu haben.

DiCaprio: Oh ja! Absolut! Ich habe viele Freunde, die sich wegen Geldes gestritten haben. Ich bin in Los Angeles aufgewachsen und habe gesehen, was Geld mit den Menschen machen kann. Ich weiß, wie es auf der Seite des Wohlstandes ist, und ich weiß, wie es ist, nichts zu haben. Manchmal fühle ich mich wie Nick Carraway in The Great Gatsby, wenn man sich in der Gesellschaft der Reichen und Berühmten befindet. Ich bin irgendwie auch auf die Party gekommen, aber ich schreibe weiterhin mein Tagebuch in meinem Kopf. Ich möchte noch viel schaffen. Nun – tschüss, ich muss auf den Teppich.

Interview: Aliona Doletskaya

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