Louis Hofmann

Ein Atomkraftwerk, Schatten der Vergangenheit, die weit in die Zukunft hineinragen, rätselhafte Todesfälle und ein gelber Regenmantel, in dem Louis Hofmann steckt. Die Netflix-Serie „Dark“ hat den 20-jährigen Schauspieler auf der gesamten Welt bekannt gemacht. Und noch besser ist: Das war erst der Anfang.

Foto: JOSÉ CUEVAS, Styling: RACHAEL RODGERS

Von: HARALD PETERS

Wobei man natürlich gar nicht sagen kann, dass das erst der Anfang sei, weil Hofmann schon mit neun vor der Kamera stand und die WDR-Sendung „Die Ausflieger“ moderiert hat, mit 16 den Bayerischen Filmpreis für seine Rolle in dem Jugenddrama „Freistatt“ bekam und mit dem Dänischen Spielfilm „Unter dem Sand“ 2017 für den Auslands-Oscar nominiert war.

HARALD PETERS: Gerade sind die Nominierungen für die Goldene Kamera bekannt gegeben worden. Sie haben keine bekommen. Wie kann das sein?

LOUIS HOFMANN: Haha, ja, da müssen Sie vielleicht die Jury fragen. Aber wer ist denn nominiert?

HP: Für „Dark“ gibt es drei Nominierungen: eine für die Serie, eine für Oliver Masucci und eine für …

LH: … Karoline Eichhorn.

HP: Genau.

LH: Aber das ist doch herrlich, für die Goldene Kamera nominiert zu sein, weil wir für den Deutschen Fernsehpreis gar nicht nominiert werden konnten.

HP: Wieso nicht?

LH: Weil „Dark“ keine Koproduktion mit einem deutschen Sender ist. Beim Grimme-Preis war es mit den Kategorien ebenfalls schwierig, aber immerhin sind Baran bo Odar und Jantje Friese als Ideengeber für den Spezialpreis nominiert, was natürlich großartig ist.

HP: Zuletzt sind Sie in Interview vor zwei Jahren aufgetaucht. Seither ist bei Ihnen eine Menge passiert.

LH: Ja, es ist wirklich eine Menge passiert. Teilweise haben sich die Ereignisse überschlagen. Ich hatte innerhalb von drei Wochen die Shooting-Stars-Zeremonie und die Oscar-Verleihung. Damit musste ich erst einmal klarkommen und mich auch mit dem Gedanken anfreunden, dass es nicht die ganze Zeit so bleiben würde.

HP: Dass „Unter dem Sand“, ein dänischer Spielfilm über junge deutsche Kriegsgefangene in Dänemark, für den Auslands-Oscar nominiert werden würde, war gewiss auch eher eine Überraschung?

LH: Als der Film abgedreht war, habe ich gehört, dass Leute, weil es ja nur ein kleines Budget gab, für das Projekt gewonnen wurden, indem man ihnen sagte, dass das ein Film sei, der durchaus Oscar-Chancen habe. Das wurde mir zwar nie gesagt, aber offenbar hatten die Verantwortlichen von Anfang an den richtigen Riecher. Das Thema funktioniert ja universell und Kinder, die im Krieg leiden – das ist für die Oscars dann ja doch relativ passend.

HP: Hatten Sie „Die Mitte der Welt“ damals bereits gedreht?

LH: Wann haben wir uns denn gesehen? Ende 2015?

Foto: Netflix

HP: Ja.

LH: Dann muss das nach dem Dreh gewesen sein. Das war auch eine ganz besondere Erfahrung, weil die Rolle so weit weg von meiner Physis war. Ich habe mir mit dem Regisseur eine ganz neue Körperlichkeit aufgebaut.

HP: Wie muss ich mir das vorstellen?

LH: Wir haben uns gesagt, dass wir den Jungen nicht klischeehaft schwul darstellen wollen, weil uns das einfach zu platt gewesen wäre. Aber die Figur hat eine sehr feminine Seite, weswegen ich mir für die Rolle eine Körperlichkeit erarbeitet habe, die weitaus zerbrechlicher ist als die, die ich jetzt als Louis habe.

HP: Wie macht man das?

LH: Ich weiß es nicht. Wir haben lange geprobt, also ungefähr drei Wochen, und in der Zeit hat es sich allmählich entwickelt. Es ging darum, meiner Figur etwas Ungelenkes zu geben, weil sie ja nicht so genau weiß, wo sie mit sich hin soll. Gleichzeitig war es aber auch wichtig, eine gewisse Leichtigkeit zu bewahren. Um die Rolle zu spielen, war die Körperlichkeit sehr wichtig. Und nachdem ich mich in den sechs Wochen des Drehs mit dieser neuen Körperlichkeit angefreundet hatte, habe ich sie hinterher fast ein wenig vermisst, haha.

HP: Passiert Ihnen das öfter, dass Sie Ihre Rollen nach dem Dreh mit nach Hause nehmen?

LH: Ja, oft. Ungewollt oft. Vergangenen Sommer habe ich mit Liv Lisa Fries den Film „Prélude“ gedreht. Darin geht es um einen Klavierstudenten, der unter dem Druck so leidet, dass er die Kontrolle über sein Leben verliert und Realitätsverschie- bungen bekommt. Also die Rolle hat mich noch lange begleitet, und ich hatte Schwierigkeiten, sie und die Probleme, die sie mit sich bringt, endgültig abzulegen. Aber ich finde das auch normal. Wenn man sich die ganze Zeit damit beschäftigt, wie sich jemand fühlt, was er denkt und macht, dann kann man doch eigentlich gar nicht anders, als all das mit nach Hause zu nehmen.

H:P Isabelle Huppert sagt von sich, dass sie nie etwas vom Dreh mit nach Hause nimmt.

LH: Offenbar habe ich eine andere Arbeitsweise als Isabelle Huppert. Aber für mich ist das der Weg: wie ich im Spiel näher an die Wahrheit komme, auch wenn es an mir zehrt.

HP: Haben Sie Strategien, wie Sie die Rollen hinterher wieder schneller loswerden?

LH: Na ja, das klingt jetzt vielleicht blöd, aber ich mag es auch, wenn sie mir nach- hängen. Ich finde es gut, wenn eine Rolle mich weiterhin beschäftigt. Bei „Prélude“ ging es dann leider etwas zu sehr ins Extrem, weshalb ich versucht habe, die Rolle schneller loszuwerden. Da hilft dann einfach Ablenkung.

HP: Sie spielen jetzt auch in dem neuen Jennifer-Lawrence-Film „Red Sparrow“ mit. Ist das eine kleine Rolle?

LH: Nein, das ist eine sehr kleine Rolle.

HP: Wie klein ist sehr klein?

LH: Eine Dialogszene und zwei Szenen ohne Dialog, also, falls die noch drin sind.

HP: Ein Dialog mit Jennifer Lawrence?

LH: Ja, genau. Für mich war das einfach aufregend, weil ich die Person, die den Film gecastet hat, bei der vergangenen Berlinale kennengelernt habe und daraus sofort etwas entstanden ist. Das war für mich einfach eine Chance, mal bei einem Hollywoodfilm mitzuspielen, das hatte ich vorher ja noch nie gemacht. Und dann noch mit einem Weltstar. Dass die Rolle dann ziemlich klein ist, war mir dabei eigentlich egal.

Foto: Netflix

HP: Bekommen Sie durch „Dark“ inzwischen mehr internationale Angebote?

LH: Auf jeden Fall habe ich inzwischen eine internationale Agentin, weswegen ich die letzten Tage auch in London war, um ein paar Caster kennenzulernen. Und es hilft natürlich, wenn man sagen kann, dass es diese Serie auf Netflix gibt. Bislang war aber „Unter dem Sand“ noch ein wichtigerer Türöffner für mich. Weil der Film ja als DVD in der Box für die Mitglieder der Oscar-Academy lag, haben ihn einfach viele Leute gesehen.

HP: Wenn man international drehen will, muss auch das Englisch stimmen. Wie ist das bei Ihnen?

LH: Als ich neulich in London im Taxi saß, hat mich der Fahrer gefragt, wie lang ich denn schon in London leben würde. Es ist also noch nicht perfekt, aber es ist auf einem guten Weg. Mit 15 habe ich auch mal ein halbes Jahr in Australien gelebt und da gelernt, relativ gut Smalltalk führen zu können und locker mit der Sprache umzugehen. Jetzt muss es an die Akzentarbeit gehen, um den Akzent zu verlieren.

HP: Um sich dann, wenn man ihn verloren hat, wieder andere Akzente raufzuschaffen, so wie es die all die britischen Schauspieler tun, die sich alle amerikanischen Dialekte antrainieren.

LH: So wie Tom Hardy in „The Revenant“. Eigentlich erstaunlich, dass so viele Engländer Amerikaner spielen.

HP: Martin Freeman, also der Hobbit sagt, das läge daran, dass die englischen Schauspieler alle vom Theater kämen und deshalb eine bessere Ausbildung hätten. Wie sieht es eigentlich mit Ihrer Ausbildung aus?

LH: Ich habe keine Ausbildung, ausgenommen meiner normalen schulischen Ausbildung.

HP: Sehr gut!

LH: Ich hab mir alles autodidaktisch angeeignet und gelernt.

HP: Es fing bei Ihnen schon recht früh an.

LH: Ja, vor elf Jahren, also mit neun, stand ich das erste Mal vor der Kamera und war beim WDR ein Kindermoderator für Freizeitaktivitäten. Nachdem ich das zwei Jahre lang gemacht hatte, kam bei mir der Wunsch auf, spielen zu wollen, weshalb ich meine Eltern mit elf dazu gezwungen habe, mich bei einer Schauspielagentur anzumelden.

HP: Die waren also nicht von Ihrer Idee überzeugt?

LH: Sie waren relativ skeptisch. Ich meine, sie haben mich unglaublich gut unterstützt in der Zeit, in der ich während der Schule nebenher gespielt habe. Aber sie haben auch sehr gut auf mich aufgepasst, wofür ich sehr dankbar bin. Es ist nämlich sehr einfach, den Boden unter den Füßen zu verlieren, wenn man nicht mehr zur Schule geht und nur noch arbeitet und einem die ganze Jugend genommen wird. Aber ich habe das Gefühl, dass mir das nicht passiert ist. Ich habe halt immer meine Ferien geopfert, aber das war für mich okay.

HP: War das für Sie Spaß oder eher Arbeit?

LH: Es war Arbeit, die mir großen Spaß bereitet hat. Ich habe schon ziemlich früh gemerkt, dass die Schauspielerei eine Sache ist, in der ich aufgehe. Und dann mit 16, als „Freistatt“ kam, hat sich der konkrete Berufswunsch entwickelt. Mit dem Bayerischen Filmpreis gab es dann die Bestätigung, dass das nicht so blöd ist, was ich da versuche. Das gab mir das Selbstvertrauen, dass es so weitergehen kann.

Fotos: JOSÉ CUEVAS, Styling: RACHAEL RODGERS

HP: Es läuft ja auch ganz gut.

LH: Ja, es läuft ganz gut.

HP: Demnächst gibt es mit Ihnen einen Film von Ralph Fiennes.

LH: Ja, „The White Crow“, das ist seine dritte Regiearbeit. Das ist zwar auch eine kleinere Rolle, aber dafür eine schöne und wichtige. Das ist ein Film über Rudolf Nurejew, den Popstar des Balletts, und seinen Weg in den Westen. Und ich spiele darin seinen ersten männlichen Liebhaber, der ihn auch sehr in dem Gedanken unterstützt hat, in den Westen zu gehen und seinen Traum von einem anderen Leben wahr werden zu lassen. Das war auch eine sehr intensive Arbeit, würde ich sagen. Das hat sehr gut mit Ralph Fiennes funktioniert. Er ist sehr „kind“.

HP: Er ist was?

LH: Er ist „kind“– ich weiß gar nicht, ob es für das Wort eine richtige deutsche Entsprechung gibt. Er ist sehr aufrichtig und extrem warmherzig und schenkt einem seine ganze Aufmerksamkeit. Das hat mich anfangs fast ein bisschen überrumpelt, als ich mit ihm telefoniert und über die Rolle gequatscht habe. Ich fand es einfach großartig, dass er auch bei einer kleineren Rolle versucht, das Beste herauszuholen.

HP: Spielen Sie in dem Film aber keinen Tänzer?

LH: Doch, doch, ich spiele einen Tänzer.

HP: Mussten Sie tanzen?

LH: Nein, tanzen musste ich nicht, aber ich habe trotzdem Ballettunterricht genommen. Für die Haltung und die gesamte Attitüde eines Tänzers. Die Haltung ist wichtig, man kann als Tänzer ja nicht so durch den Raum schlurfen, haha.

HP: Werden Sie manchmal auch zum Fan-boy, wenn Sie international arbeiten?

LH: Ja, als ich bei „Red Sparrow“ am Set in einem Warteraum war, saß plötzlich eine blonde Frau neben mir, und ich gucke so nach rechts und gucke noch einmal nach rechts und realisiere, dass da Jennifer Lawrence neben mir sitzt. Da wurde ich dann schon ein bisschen hibbelig. Aber das hat sich auch schnell wieder gelegt, weil man denkt: „Okay, jetzt warten wir hier eben beide, bis wir aufgerufen werden.“ Und dann dreht man halt die Szene, also ganz normal. Und als wir uns dann vorgestellt wurden, war das auch gar nicht schlimm.

HP: Stimmt es, dass Sie sich zu jedem Drehbuch, dass Sie lesen, einen Begleitsong aussuchen? Können Sie sich noch an die jeweiligen Songs erinnern?

“Mir ist Musik extrem wichtig. Eines meiner Hobbys ist, am Computer zu sitzen und Musik zu finden.”
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LH: Ja, klar! Bei „Dark“ war es „Sister Rust“ von Damon Albarn, das ist der Abschlusssong von dem Film „Lucy“. Der Song hat für mich gut gepasst, weil ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, wie dunkel „Dark“ wirklich werden wird, haha. Bei „Prélude“ war es „Leise flehen meine Lieder“ von Franz Schubert. Bei „Unter dem Sand“ war es lustigerweise „I See Fire“ von Ed Sheeran, obwohl ich jetzt eigentlich kein Ed-Sheeran-Fan bin, aber, keine Ahnung, irgendwie hat der Song einfach gepasst, weil er so episch ist. Bei „Mitte der Welt“ hatte ich den Song „Ich komm jetzt heim“ von Tonbandgerät, aber bei den Proben hat Jakob (Jakob M. Erwa, der Regisseur) seine Playlist offenbart, die er beim Schreiben immer gehört hat.

HP: Und bei „The White Crow“?

LH: Bei dem Film hatte ich einen Song von Nick Drake, und zwar „Time Has Told Me“.

HP: Weil die Songs ein recht breites Spektrum abdecken, nehme ich an, dass Musik Ihnen ziemlich wichtig ist.

LH: Mir ist Musik extrem wichtig. Eines meiner Hobbys ist, am Computer zu sitzen und Musik zu finden, mich bei YouTube oder iTunes von Empfehlungen leiten zu lassen, sodass ich von hier nach dort verlinkt werde. Das erfüllt mich wirklich mit einer großen Freude und Euphorie, wenn ich neue Musik entdecke. Und ich kaufe mir die Musik auch und streame sie nicht über Spotify oder Apple Music. Denn wenn man bei denen irgendwann das Abo kündigt, dann ist auch die ganze Musik weg.

HP: Gibt es eigentlich von der Regenmäntel produzierenden Industrie irgendwelche Reaktionen auf den gelben Regenmantel in „Dark“?

LH: Haha, nicht von der Industrie, aber ich bekomme sehr viele Nachrichten mit der Frage, wo man den kaufen kann.

HP: Das würde mich auch interessieren.

LH: Leider handelt es sich um eine Spezialanfertigung der Kostümbildnerin, weil wir die herkömmlichen Friesennerze nicht verwenden konnten. Die haben zu viele Geräusche gemacht und haben auch zu sehr gespiegelt. Und dann hat sie eine Regenjacke aus einem relativ dünnen Material entworfen, und innen war die Jacke gefüttert, damit es sich nicht so sehr nach Plastik anfühlt. Und von der Kapuze gab es acht bis zehn Entwürfe, bis wir endlich die richtige hatten. Die Kapuze ist ja ein essenzieller Teil dieser Rolle. Sie muss richtig sitzen, muss die richtige Größe haben, wenn ich sie nicht auf dem Kopf habe. Wichtig war auch, wie weit man sie über den Schädel ziehen kann, das Gesicht muss ja immer noch zu sehen sein.

HP: Sie haben also während des Drehs die perfekte Regenjacke entwickelt. Dieser Prototyp muss doch eigentlich in Serie gehen. Das ist doch ein großartiges Merchandiseprodukt. Das würden bestimmt viele Leute kaufen.

LH: Ja, das stimmt. Aber ich werde sie nicht tragen können.

HP: Dafür dürfen Sie die zweite Staffel drehen.

LH: Ja, aber was gelbe Regenjacken angeht, habe ich mir mein Leben verbaut.



Credits:
Fotos: JOSÉ CUEVAS, Styling: RACHAEL RODGERS
Haare: SILVIO HAUKE, Make-up: JENNIFER GALLE
Foto-Assistenz: SAMUEL FITZGIBBON, Styling-Assistenz: JOSHUA BOWMAN

02.03.2018 | Kategorien Interviews, Magazin, Serie | Tags , , , , ,